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ca. 5.800 Km
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Einmal Santiago hin und zurück
Der
Camino de Santiago übt nach wie vor eine große Anziehungskraft auf uns
aus. Im Año Santo Compostelano 2004 haben wir eine Pilgerfahrt im wahrsten
Sinne des Wortes geplant und durchgeführt. Pilger oder Tourist, das war
gelegentlich eine Anfrage an uns selbst. In einem Faltblatt, herausgegeben
zum Heiligen Jahr 2004, heißt es: „Das Pilgersein, die Pilgerschaft
verlangt eine religiös-christliche Motivation“ und weiter im Text: „Das
Wichtigste an der Pilgerfahrt ist ohne Zweifel, dass man sie im Geist des
Glaubens unternimmt … und dazu kann man sich jedes Verkehrsmittels
bedienen. Die Kirche öffnet speziell im Año Santo (Heiliges Jahr) jedem
ihre Pforten und lädt alle dazu ein, den Geist des Pilgerns aufzunehmen
und in sich wirken zu lassen.“. Tröstliche Worte für uns, die Autopilger.
Die Vorbereitung lief an wie in Fußpilgerjahren. Die
Rucksackpackliste wurde zum Kofferpacken hervorgeholt. Die Tagesetappen
festzulegen erforderte genauestes Kartenstudium, was die Vorfreude
steigerte und die spätere Durchführung der Autopilgerreise erleichterte.
Eingeplant wurden auch die etwas abseits der Hauptwege gelegene
Heiligtümer, Andachtsstätten und Klöster, ohne dabei unser Hauptziel aus
den Augen zu verlieren. Einmal Santiago hin und zurück, in maximal 30
Tagen, das wollten und haben wir erfahren.
Noch mal zurück zum Thema Kartenstudien. Nach jeder beendeten Pilgerung
haben wir unsere Tagesetappen mittels farbiger
Stecknadeln auf einer Europakarte im Maßstab 1:2.000.000 markiert.
Perlenkettenähnlich reihen sich die Stecknadelköpfe auf der Landkarte
aneinander. Von der Haustür in Niederkassel bis nach Santiago de
Compostela und nach Rom. In diesem Jahr, in dem wir weiße Stecknadeln
verwendeten, wirkt unser Pilgerweg eher wie ein Schneegestöber.
Am
Dienstag, 7. September 2004 sind wir losgerollt. So an die 5.800 km
lagen vor uns. Ultreia, endlich waren wir unterwegs. Auf dem Weg in
Richtung Spanien wollten wir in vier französischen Pilgerorten Wiedersehen
feiern, was uns ohne fremdeln gelungen ist. (Ein detaillierter Routenplan
ist am Ende des Textes angefügt.) Die „Herbergssuche“ gestaltete sich
mancherorts schwieriger als in Fußpilgerjahren. Als Autopilger hatten wir
uns mit vorgeschriebenen Fahrtrichtungen, Einbahnstraßensystemen und
Halteverboten abzumühen und gelegentlich schien die erspähte Herberge
unerreichbar. Zudem mussten wir nicht nur für uns ein Quartier finden,
sondern auch fürs Auto, was in Conques zum Beispiel nur außerhalb des
Ortes möglich ist. Die Sorgen um unsere Pferdestärken erinnerten uns an
die Begegnung mit einem Reiterpilger. „Am Zielort angekommen“,
so seine Rede, „wird erst das Pferd versorgt, dann der Reiter.“
Am 6. Tag unserer Reise überquerten wir die Landesgrenze zwischen Frankreich
und Spanien. Auf dem Weg zum Somport-Pass waren wir wiedersehensmäßig
unterwegs. So entdeckten wir sogar die Stelle, an der im Jahr 2002 ein
Wanderzeicheichen fehlte und wir aus diesem Grund die letzten Meter zum
Pyrenäenübergang auf der Landstraße zurücklegten. Geärgert haben wir uns
damals über gedankenlose Souvenirjäger die, unserer Vermutung nach, das
Wanderzeichen als Trophäe einsteckten. Jetzt freuten wir uns über den von
fleißigen Wegwarten erneuerten Wegweiser.
Pilgerbegegnungen hatten wir in diesem Jahr zahlreiche. Schon in Lourdes
sahen wir viele
Pilger. Zu unserer großen Freude hielten wir unseren ersten Plausch mit
Jakobspilgern am Puerto de Somport mit Blick in das Land unseres
Pilgerpatrons. Bei der Talfahrt bedauerten wir recht oft, dass wir
Autopilger so schnell durchs Land sausten.
Noch satt von den grandiosen Bergweltbildern der
Pyrenäen erwartete uns kurz drauf schon wieder eine Passstraße. Dieses
schmale Sträßchen führte uns zum Puerto de Oroel und in die Sierra de San
Juan de la Peña. Für uns Neuland mit erneutem Weitblick. Vom so genannten
Balcón del Pirineo blickten wir zusammen
mit zahlreichen Einheimischen zurück auf die Pyrenäen.
 Weiter,
hin zum Felsenkloster San Juan de la Peña. Leider trafen wir am Kloster
pünktlich zur Mittagspause ein. Wir ergaben uns in das vertraute
Pilgerschicksal, vor verschlossenen Türen zu stehen. Nach einer Fotopause,
bei der wir natürlich genau das Bild knipsten welches den meisten
Jakobspilgern aus Bildbänden vertraut ist, fuhren wir weiter. Eine
schmale, kurvenreiche Piste führte zu Tal. In Santa Cruz de la Serós
übernachteten wir. Über uns wussten wir das Kloster des hl. Johannes vom
Felsen und dabei haben wir es bewenden lassen. Für diesen einen Tag hatten
wir kein Verlangen mehr nach atemberaubenden Weit- und Tiefblicken, wobei
letztere nicht ohne das Gefühl von möglicher Gefahr zu haben sind.
Außerdem kann inmitten des kleinen Dörfchens Santa Cruz de la Serós auch
mittelalterliche Baukunst bewundert werden. Hoch oben, über behauenem und
unbehauenem Gestein, kreisen Bartgeier, Steinadler und Krähen.
Der nächste Etappentag führte ganztägig durch ehemals
von uns erwandertes Land. Wir nutzten die Fahrstraßen ganz nahe der Via
Tolosana und dem Camino Frances. Die geballte Erinnerung an mehr
als zehn Fußpilgertage blitzte während der Fahrt in uns auf. Die Zeit
reichte nicht, uns alle Erinnerungsfetzen gegenseitig mitzuteilen. Je
näher wir dem Zusammenschluss der beiden Pilgerwege kamen umso mehr Unvertrautes
geriet uns in den Blick. Rund um Pamplona und parallel zum Camino Frances
war das Land auf Grund von Straßenbauarbeiten zerwühlt. Sich an
Großbaustellen vorbei zu bewegen, dieses Schicksal teilten wir mit sehr,
sehr vielen Fußpilgern. Umso erstaunter waren wir, in Santa Maria de
Eunate nur ein Fußpilgerpaar anzutreffen. Eine segensreiche Ruhe umfing
uns.
Weiter, wir fuhren durch die Provinzen Navarra, Logroño und Rioja. Am
Allerliebsten hätten wir zumindest in unseren einstigen Übernachtungsorten
einen kleinen Rundgang gemacht, aber wir hatten uns schweren Herzens schon
bei der Vorplanung dagegen entschieden. Erst am Zielort dieser Etappe, in
Nájera, da wollten wir einen ausgiebigen
Wiederentdeckungsrundgang machen. Zum Rundgang kam es, allerdings entwickelte sich das
Wiederentdecken anders als erwartet. Die erste Überraschung bot sich uns, als wir unten am Fluss die frisch
angestrichene
Pilgerunterkunft entdeckten. 1994 war dieses barackenähnliche Gebäude
schon einmal als Ausweichquartier hergerichtet worden. Damals wurde die
Pilgerunterkunft des Klosters Santa Maria la Real renoviert. Als wir im
Heiligen Jahr 1999 erneut in Nájera waren, gingen wir gleich zielstrebig
am Flussufer entlang, doch die Pilger wurden im Kloster erwartet. Diesmal,
im Año Santo Compostelano 2004, war das Kloster gänzlich wegen
Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten geschlossen und die Pilger
schliefen wieder unten am Fluss. Ohne Bustouristen und Buspilger wirkte
Nájera tagsüber recht trostlos und verlassen. Erst am Abend, so ab 19:00
Uhr, war die Promenade am Fluss
voller Leben. Niños verschiedenen Alters, Frauen, Männer, Alte und Junge,
alle Nájeraner schienen sich am Fluss versammelt zu haben und
wir gesellten uns hinzu.
Früh sind wir in Nájera aufgebrochen, zu früh. Die
Fahrt nach San Millán de la Cogolla dauerte nämlich nur eine halbe Stunde.
Auch der kurze Aufenthalt in Cañas am Monasterio de Santa Maria la Real
änderte überhaupt nichts daran, dass wir um Stunden zu früh vor Ort waren.
Das Kloster des hl. Aemilianus in der Mönchskutte öffnet sich für Besucher
erst um 10:30 Uhr. Gott sei Dank gibt’s in der Klosteranlage das
Viersternehotel „Hostería del Monasterio de San Millán“. Dort frühstückten
wir in geschichtsträchtigen Räumen und stimmten uns auf den Klostertag
ein.
San Millán de Suso, das obere Kloster, wurde von
einem unbekannten Baumeister im schönsten mozarabischen Stil erbaut (9.
Jh.). In der Arkadenvorhalle stehen Sarkophage von sieben Infanten. Ein
hufeisenförmiges Portal führt in den zweischiffigen Kirchenraum. An der
Nordwand der Kirche sind drei Höhlen, vormals Wohnstätten von Einsiedlern,
zu sehen. Eine davon enthält das Grab des San Millán, dessen Gebeine sich
heute im Reliquienschrein im unteren Kloster befinden.
Im oberen Kloster nahmen wir an einer spanischsprachigen Führung teil. Damit die alte Klosteranlage keinen Schaden nimmt, werden
in San Millán de Suso generell nur 25 Personen zu den einzelnen Führungen
zugelassen. Unsere Gruppe bestand, wegen der frühen Stunde, aus vier
Personen. Im unteren Kloster gibt es keine Reglementierung im Zusammenhang
mit der Größe der Besuchergruppen und
trotzdem kamen wir in den Genuss einer noch kleineren Gruppe. Pater
Alfonso Labarta, Augustinerpater und deutschsprachiger Fremdenführer, führte
uns Zwei mit großer Begeisterung durch das Kloster.
San Millán de Yuso wurde im Jahre 1054 gegründet.
Während der Säkularisation wurden die Benediktiner vertrieben (1835) und
das Kloster ausgeraubt. 1878 übernahmen Augustinermönche die Abtei. Eine
der größten Kostbarkeiten des Klosters sind die Elfenbeinschnitzereien am
Schrein des Heiligen Millán. Wie uns Pater Alfonso mitteilte, wurden nur
ein Teil der geraubten Elfenbeinschnitzereien an das Kloster
zurückgegeben. Die anderen sind weltweit in Museen aufgetaucht (Florenz, Leningrad,
New York und Berlin). Insgesamt gäbe es noch viel von der
fünfzigminütigen, spannenden Führung zu berichten. Von den drei
Kreuzgängen zum Beispiel oder von der Statue der Santa Gertrudis, die das
Jesuskind im Herzen trägt oder vom Relief des als Matamoros dargestellten
San Millán. Wir sahen wertvolle Tafelbilder und standen vor alten
Wandschränken, deren
Belüftungssystem Pater Alfonso genauestens erklärte. Bei
den Büchern im Inneren der Schränke handelt es sich, seiner
Aussage nach, um die größte Handschriftensammlung gregorianischer Gesänge.
Auf einsamen, schmalen, kurvenreichen, felsenumrandeten Straßen durchquerten
wir als Nächstes die Sierra de la Demanda. Diese Fahrt durch Täler, Schluchten und
über den Barbadillo-Paß (1.120 m) war mindestens so spannend wie die Führung im
Kloster San Millán de Yuso. Was wird uns hinter der nächsten Kurve erwarteten, das war
oftmals die
Frage, ein grandioser Ausblick auf schroffe Felsen, Steinschlagspuren, ein
Schlagloch, fehlende Leitplanken am Wildwasser oder eine mitten auf der
Straße wiederkäuende Kuh? Alle Hindernisse, die Kuh eingeschlossen, haben
wir umkurvt und erreichten wohlbehalten das Kloster Santo Domingo de
Silos.
Das
Kloster Santo Domingo de Silos war schon im Mittelalter eine bedeutende
Station am
Camino de Santiago. Heute leben immer noch Benediktinermönche im Kloster, die den
gregorianischen Gesang besonders pflegen. Ein aktives Kloster also. Nur ein Teil der
Klosteranlage, nämlich der untere des zweigeschossigen Kreuzganges kann besichtigt werden. Doppel- und
Vierfachsäulen, eine davon sogar gedreht, tragen die Rundbögen. Auf den
Kapitellen sind biblische Szenen dargestellt, aber auch Fabelwesen, Tiere
oder Flechtwerk. Die Reliefs an den Eckpfeilern sind besonders
betrachtenswert. Für Pilger mit „Muschelblick“ ist hier das Emmausrelief
besonders interessant. Zwei Jünger und Christus als Pilger mitsamt
muschelbesetzter Umhängetasche sind
abgebildet. Den "Vierklöstertag" beendeten wir in Covarrubias, einem
kleinen Städtchen, welches sein mittelalterliches Stadtbild erhalten
konnte.
Richtung Burgos
fuhren wir an gelben Stoppelfeldern und ockerfarbenem, schon
aufgebrochenem Land vorüber. Steineichen setzten grüne Tupfen in die
Herbstfarben. Die Straße wellte wie eine Berg- und Talbahn auf dem
Kirmesplatz. An der Promenade des Rio Arlanzón in Burgos
stellten wir den Wagen ab um dann durch den Arco de Santa Maria die
Altstadt zu betreten. Staunend wie eh und jäh standen wir bald vor der
Westfassade der Kathedrale. Beim Anblick der fein durchbrochenen Türme lag
es für uns nahe, an den Kölner Dom daheim zu
denken. Nach einer kurzen Rast auf der Pilgerbank, neben dem bronzenen
Pilger mit Stab und Kalebasse, betraten wir die Kathedrale. Dort, in der
Capilla de Santa Tecla, wurde gerade eine Messe gefeiert. Oben am Altar
beteten und sangen Mitglieder des Domkapitels. Unten in den Bankreihen
wuselten eine große Zahl professioneller Bettlerinnen und Bettler. Später
erkannten wir die Frauen und Männer wieder. Sie hockten auf ihren
Stammplätzen im Stadtgebiet und jammerten ihren Bettelgesang. Für uns war
die Messe in der Santa Thekla Kapelle schlichtweg der Höhepunkt unseres
Aufenthaltes in Burgos. In den Jahren zuvor war es uns nämlich keinmal
gelungen die Kapelle meiner Namenspatronin zu betreten. Die Capilla Santa
Tecla ist in
prächtigem Spätbarock gehalten.
In den Stunden danach absolvierten wir das übliche
Programm eines Burgosbesuchers: Eintrittskarten lösen, Kunstwerke
betrachten, Schokolade schlürfen (löffeln) und zwischendurch den
Parkscheinautomaten mit Münzen füttern. Der Blick in den Vierungsturm der
Kathedrale hat uns besonders fasziniert. Er ist ein außergewöhnliches
Kunstwerk und König Philipp II. sagte von diesem Werk: „Es scheint eher
von Engeln geschaffen zu sein, als von Menschen“.
Natürlich haben wir in der Kathedrale von Burgos auch
nach jakobäischen Spuren Ausschau gehalten. Schon in der Thekla-Kapelle
entdeckten wir Santiago als Matamoros hoch oben in der Altarwand. Thekla
selbst wird als junge Frau dargestellt, die unversehrt dem Scheiterhaufen
entkommt. In der Santiago Kapelle ist unser Pilgerpatron abermals als
Maurentöter abgebildet. Selbstverständlich gingen wir auch ein Stück auf
dem Jakobsweg durch Burgos. Wie die Pilger sind wir Richtung Westen
gezogen und haben dabei alte Erinnerungen aufgefrischt. Nieselregen setze
ein und es drängte uns fort. Wir verließen Burgos im Norden der Stadt.
Am
Folgetag starteten wir mit Blick auf das Panorama der Cordillera
Cantábrica. Wolkenverhangen waren die hohen Berge, doch die Sonne gewann
bald an Kraft und die Picos de Europa boten sich fast unverhüllt unserem
Blick dar. Ins Gebirge haben sich auch in alten Zeiten schon die Fußpilger
gewagt. Angezogen wurden sie, damals wie heute, von zwei großen
Wallfahrtsstätten. Das Monasterio de Santo Toribio de Liébana mit der
größten bekannten Kreuzreliquie war/ist Ziel der Pilger, und die Santa Cueva in Covadonga mit
dem Bildnis der Santísima Virgen de Covadonga. An
beiden Wallfahrtsstätten lohnt es sich, früh vor Ort zu sein. Es reisen
sehr viele Spanierinnen und Spanier als Buspilger an.
Unser
erstes Ziel in den Bergen war das Monasterio de Santo Toribio de Liébana.
Hier wirkte im 8. Jh. der Mönch Beatus von Liébana. Er schrieb eines der
meistgelesenen Bücher des Mittelalters, den Apokalypsenkommentar. Eine
Reproduktion des Buches kann im Kloster besichtigt werden. Das
Kreuzreliquiar wird in einem kleinen Kapellenanbau neben der
dreischiffigen Abteikirche aufbewahrt. Die Reliquie ist in ein
vergoldetes Silberkreuz eingelassen. Toribius († 460), nach dem das
Kloster benannt ist, hatte den Kreuzsplitter von einer Pilgerfahrt nach
Jerusalem mitgebracht. Im Jahre 1512 erkannte der Pabst Julio II. dem
Kloster das Privileg zu, ein „Heiliges Jahr“ auszurufen. Das nächste
„Heilige Jahr“ wird im Monasterio de Santo Toribio im Jahre 2006 gefeiert.
Vom
Kloster aus folgten wir der N 621, die in
Fuente Dé am Fuß der Picos in 1.070 m Höhe endet. Mittels einer
Seilbahn gelangten wir zum 1.926 m hohen Mirador del Cable und waren
blitzschnell inmitten der faszinierenden Bergwelt der Picos. Wir suchten
ein ruhiges Plätzchen. Die Felsen waren von der Sonne durchwärmt.
Die
Könige der Picos, alle so um die 2.600 m
hoch, hatten wir voll Freude im
Blick. Bevor der Zustrom der Tagestouristen zu groß wurde, gondelten wir
talwärts um uns nach eine Bleibe für die Nacht umzuschauen. In Valle de
Camaleño, mit Blick auf die Picos, quartierten wir uns ein.
Beim Aufbruch am nächsten Tag färbte die Sonne soeben
die Spitzen der Zweitausender. In Potes bogen wir Richtung Norden ab und
fuhren, so schien es, auf einen Gebirgsstock ohne Durchlass zu. Im letzten
Moment tat sich ein Spalt auf und die Straße schlängelte sich mit dem Rio
Deva durch romantisch enge Schluchten. In Lebaña unterbrachen wir unsere
Schluchtenfahrt kurz um die kleine mozarabische Kirche Nuestra Señora de
Lebaña zu betrachten. Die
Fahrt durchs Desfiladero de la Hermida faszinierte uns sehr.
Covadonga
erreichten wir frühmorgens. Jede Menge Parkplätze waren noch frei und die
Santa Cueva
(Heilige Grotte) fast leer, was sich innerhalb der nächsten
Stunde drastisch änderte. Die Grotte mit dem Bildnis der Santísima Virgen
de Covadonga ist Spaniens Nationalheiligtum. Hier wurde, der Überlieferung
nach, vor mehr als tausenddreihundert Jahren das christliche Spanien
geboren. In den Picos de Europa hielten sich damals eine Anzahl
christlicher Ritter vor den Mauren versteckt. Pelayo, ein Fürst
westgotischer Abstammung, führte diese Gruppe an. Um 722 kam es zur
Schlacht von Covadonga, bei der die christlichen Ritter einen
beeindruckenden Sieg über die Mauren erkämpften und so die Reconquista
ihren Anfang nahm. Die Legende schreibt diesen Sieg der Heiligen Jungfrau
und Gottesmutter zu.
Sie hatte Pelayo das eichene Kreuz gegeben, welches
er in der Schlacht bei sich trug. Das Cruz de la Victoria ließ Alfonso
III. später in Gold fassen und mit Juwelen besetzen. Heute befindet sich
das Kreuz in der Cámera Santa der Kathedrale von Oviedo.
Von
Covadonga aus führt eine steile, schmale, kaum gesicherte Straße hinauf in
den großen Parque Nacional de la Montaña. Dieses Sträßchen zu
befahren war wohl das größte Abenteuer unserer Autopilgerreise. In einer
Autokolonne fuhren wir hinauf. Sollten wir nochmals in diese Ecke der Welt
kommen, würden wir mit dem ersten Sonnenlicht hinauf in den Nationalpark
fahren und danach an den Feierlichkeiten in der Grotte teilnehmen. Wir
hatten nicht damit gerechnet, dass an einem Endsommerwerktag so viele
Autofahrer unterwegs sein würden. Es war aber so und wir steckten mitten
im Massenauftrieb. Auftrieb, das Wort ist stimmig. Die Bergstraße wurde nämlich nicht nur von Touristen, sondern auch von
Rindviehern genutzt.
 Am
Ende des Sträßchens, unter grauweißen Kalkgipfeln, liegen die beiden
Bergseen Lago de Enol und Lago de la Ernica. Ersterer soll der Legende
nach aus einer Träne der heiligen Jungfrau entstanden sein. Interessant
aus jakobäischer Sicht: Am 25. Juli treffen sich hier oben bei der Romería
cerca del Cielo (Wallfahrt nahe dem Himmel) die Hirten des Landes.
Von
den stark frequentierten Parkplätzen führen Wanderwege hin zu den höchsten
Gipfeln der Picos de Europa. Wir nutzten für eine kleine Weile dies
Wanderwegenetz und genossen den eindrucksvollen Panoramablick. Bei der
Talfahrt wurden nur unsere Bremsen überstrapaziert (18 % Gefälle), die
Nerven weniger. Jetzt hatten wir den Berg rechts und konnten beinahe
sorglos das grandiose Naturerlebnis auf uns wirken lassen.
 Bei der
Bergfahrt gelang uns dies weniger, denn rechts fiel der Berg steil ab und
die Straße war nur in den engsten Kurven durch Basaltsteine gesichert.
Zudem waren wir nicht davon überzeugt, dass die uns umgebenden AutolenkerInnen besonders erfahrene
BergfahrerInnen
waren. Ca. 12 km lang (= 24 km↑↓)
war diese Abenteuerfahrt. Also noch mal der Hinweis: Früh aufstehen lohnt!
Den erlebnisreichen Tag beendeten wir in Cangas de
Onís. In diesem kleinen Städtchen erheben sich, unserer Beobachtung nach,
Busreisenden nur zum Zweck des Souvenirkaufs von ihren Sitzen. Die
komfortablen Reisebusse halten direkt vor den weitoffenen Türen
entsprechender Läden. Nur wenige der Businsassen widerstehen der
Verlockung, landestypischen Firlefanz zu kaufen. Diejenigen, die
ausscheren, werden mit Blicke auf historische und prähistorische Bauwerke
belohnt.
Da ist zum
Einen die hoch aufragende Puente Romanico.
Die romanische Brücke über den Rio Sella wurde im 12. Jh. als Ersatzbau
für eine baufällig gewordene römische Fußgängerbrücke errichtet. Unter dem
spitzigen Brückenbogen hängt das Siegeskreuz Pelayos. Im Mittelalter
wurden über diese Brücke wertvolle Erze transportiert. Heute rollt der
Straßenverkehr über eine flache Ersatzbrücke und die alte Brücke kann nur
noch von Fußgängern erklommen werden. Ein untrainierter Fußgänger kommt
beim Gang über das holperige Brückenpflaster tatsächlich ins Schnaufen.
Zum
Anderen ist es lohnenswert, die äußerlich unscheinbar wirkende Ermita de
la Santa Cruz zu besichtigen. Sie wurde von Christen über einem römischen
Tempel errichtet, welcher wiederum über einem prähistorischen Grabhügel
erbaut worden war. Wer hier vor vielen tausend Jahren beigesetzt wurde
weiß niemand. Oval ist die Graböffnung und von oben kann auf mächtige
Steinplatten geschaut werden. Ritzzeichnungen von Fruchtbarkeitssymbolen
weisen die Platten auf und es ist anzunehmen, dass an diesem Ort schon die
Kelten kultische Feiern abhielten.
Der
nächste Tag bescherte uns wiederum Fahrten durch einsame Bergtäler. Wir
durchquerten das Kantabrische Gebirge in südlicher Richtung. Das Tal des
Rio Sella hatten wir uns dafür ausgewählt. Es ist von zerklüfteten Felsen
umgeben, wunderschön. Mit dem Fluss stiegen wir hinauf zum Puerto el
Ponton (2.180 m). Mehrmals querten wir den Rio Sella, ein zu dieser
Jahreszeit zahmes Wildwasser. Im oberen Teil der Schlucht schlängelt sich
der Fluss, somit auch die Straße, in immer engeren Kurven. Und dann waren
wir oben, in Augenhöhe mit den spitzigen Bergriesen. Wir stellten unseren
Wagen neben den eines Nationalparkwächters und nutzen unsere Sinne. Der
Parkwächter verstärkte seinen Gesichtssinn mittels Fernglas und sah
höchstwahrscheinlich das Wild, dessen Rufe wir hörten. Diese Begegnung war
die einzige im Tal des Rio Sella.
Auf der anderen Seite des Passes öffnet sich das Tal
und wir schauten auf bewaldete Berghänge. Esel, Pferde und Kühe grasten
traulich nebeneinander und immer noch „gehörte“ die Straße uns. Am Embalse
(Stausee) de Riaño kämpfte die Sonne gegen Nebelschwaden. Wir legten eine
Kaffeepause ein. Danach hing nur noch eine Nebelfahne über dem von
kahlen Gipfeln umgebenen Stausee. Im Sonnenlicht kutschierten wir weiter
durch den Nationalpark.
Die
Landschaft ringsum veränderte sich zusehends. Erst weitete sich das Tal
und wir schauten auf bewaldete Hügel. Alsdann wurde das Land ebener und
rechts und links der Straße waren Lehmhügel zu sehen und in den
Ortschaften tauchten die mit Storchennestern gekrönten Glockentürme auf.
Wir waren im Land der bewässerten Äcker angekommen. Unser Tagesziel war
Leon, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Vorher jedoch wollten wir
noch dem Juwel der mozarabischen Kunst Leons, San Miguel de Escalada,
einen Besuch abstatten.
Wie
zur Zeit seiner Gründung liegt die Klosteranlage in ruhiger
Abgeschiedenheit. Das mozarabische Denkmal wird von der Regionalregierung
aufmerksam gepflegt. Da wir den Ort an einem Samstag besuchten, erlebten
wir ihn möglicherweise ähnlich wie die Einsiedler im 7. Jahrhundert. Sie
errichteten an diesem Platz eine Kultstätte zu Ehren des Erzengels
Michael. Diese Einsiedelei verfiel bald, aber der Ort ist seither dem
Erzengel geweiht. Die heute zu besichtigenden Kirche wurde 913 geweiht und
gibt uns Besuchern einen kleinen Einblick in das Leben und Wirken jener
Menschen, die hier vormals lebten.
Den
frühen Samstagmorgen in Weltabgeschiedenheit tauschten wir gegen einen
lebensfrohen Samstagmittag. Wenn wir so zurückdenken an unsere Aufenthalte
in Leon, scheinst waren wir immer samstags dort. Jedes Mal erlebten wir
die großen und kleinen Kirchen der Stadt offen, lichtdurchflutet und
voller Orgel-, Geigen- und Trompetenklang. Dies freudvolle Erleben hatten
wir jungen Hochzeitern zu verdanken. In solchen Momenten lässt es sich gut
einstimmen in das Morgengebet eines westafrikanischen Beters: „Herr, ich
werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel. Ein neuer Tag, der glitzert
und knistert, knallt und jubiliert von deiner Liebe. Jeden Tag machst du.
Halleluja, Herr!“
Die Kathedrale in Leon ist zu einer Zeit entstanden, als die
mittelalterlichen Baumeister es gelernt hatten, Wände mit riesengroßen
Fensterflächen zu versehen. Diese Fenster wurden mit farbigem Glas
ausgefüllt, die heute noch zum großen Teil erhalten sind. So können wir in
der Kathedrale von Leon ein Wunder gotischer Glaskunst bestaunen.
Die
verschiedenen Baukomplexe von San Isidoro zeigen uns die große
Kunstfertigkeit romanischer Architekten, Bildhauer und Maler. Die Kirche
des „San Isidoro de Leon“ kann durch die Puerta del Cordero (Lamm)
betreten werden. In der Kirche wird das Allerheiligste Sakrament des
Altares ununterbrochen angebetet. Besucher werden gebeten, dies zu
respektieren. Die übrigen Gebäudeteile können nur mit einem Führer
betreten werden. Der Besuch ist empfehlenswert. Das Panteón de los Reyes
ist wegen der Farbenpracht und Qualität der romanischen Ausmalung einmalig
in Spanien. In der Schatzkammer wird der Schrein für die Reliquien des
heiligen Isidor gemeinsam mit anderen Kostbarkeiten aufbewahrt.
Das riesige Pilgerhospital San Marcos liegt am
Pilgerweg und kommt so jedem Jakobspilger in den Blick. Den linken Teil
des Komplexes nimmt heute das Fünfsternehotel „Parador de San Marcos“ ein
und rechts ist die mit steinernen Jakobsmuscheln über und über verzierte
Kirche zu sehen. Der Pilgerweg führt weiter über die Brücke, die den Río
Bernesga überspannt. Wir selbst setzten unseren Stadtrundgang auf der
Uferpromenade des Flusses fort.
Die
nächsten zwei Tagesetappen verlebten wir ganz im Banne des Camino. Unsere
Erinnerungen mischten sich mit neuen Eindrücken. Nur einmal verstummten
wir vor Enttäuschung. Am Cruz de Ferro geschah dies, in 1.500 Metern Höhe.
Alte Überlieferungen, Mythen und Bräuche werden an diesem Ort inzwischen
zertrampelt und zugemüllt. Niemand scheint mehr einen Stein,
möglicherweise von daheim mitgebracht, symbolisch für alles Schwere in
seinem Leben abzulegen. Nichts erinnert hier oben noch an den Satz aus
Sieger Köders Buch „Mein Camino“: „Unser Glaube ist aufgehoben im Glauben
derer, die vor uns hier ihre Steine niedergelegt und aufgehoben haben.“
Stattdessen wirkt dieses weltbekannte Denkmal wie eine Schutthalde.
„Der
Weg führt auf der Landstraße weiter“, so nachzulesen im Everest
Pilgerführer, Drucklegung: 1990. Heute finden Fußpilger in den Montes de León
Wanderwege vor. So konnten wir Autopilger unbeschwert und ohne schlechtes
Gewissen den ehemaligen Maultierpfad über den Rabanalpaß nutzen. In der
Ferne sahen wir schon die Berge von Cebreiro, in denen wir übernachten
wollten. Vorher unterbrachen wir unsere Berg- und Talfahrt in Villafranca
del Bierzo um die Iglesia de Santiago zu besuchen. Diese kleine Kirche mit
der Puerta del Perdón (Pforte der Vergebung) diente den Pilgern, die zu
schwach waren den Weg über die Berge in Richtung Santiago fortzusetzen,
als Ersatzziel. Hier konnten sie die Absolution erhalten, die ihnen sonst
erst in Santiago zugestanden hätte.
Hatten
wir auf dem Weg über den Rabanalpaß fast nur Fuß- und Radpilger
angetroffen, so schienen sich auf dem Weg vom Pedrafita-Paß bis El
Cebreiro alle motorisierten Pilger verabredet zu haben. Voll war’s
überall. Nur in der Iglesia de Santa María, da gab’s Platz und dort
herrschte Ruhe. Das „Milagro Eucarístico del Cebreiro“ (das eucharistische
Wunder von Cebreiro) hat diese kleine vorromanische Kirche mitsamt dem Ort
berühmt gemacht. Eucharistie zu feiern, darauf bereitete sich ein junger
Priester in der Mitte des Sonntages vor und wir feierten freudig mit. Wir
waren eine kleine Festgemeinde, sieben Pilger und ein Hund. Während der Messe lag der Hund ruhig im Mittelgang. Nach dem Schlußsegen
stand er auf und verließ vor uns die Kirche.
Wir zündeten ein Licht an, welches stellvertretend
für uns auf der Höhe von Cebreiro bleiben sollte. Die romanische Figur der
Santa María la Real stand noch auf dem Prozessionstragegestell und hatte
uns während der Heiligen Messe über die Schulter geschaut. Das Namensfest
der Santa María war erst wenige Tage vorüber.
An der Südseite der alten Pilgerkirche befindet sich
eine Hospedería, in der wir gar gern, wie im Año Santo 1999, untergeschlüpft
wären. Das Haus quoll über von Touristen. Wir fanden dort im Año Santo
2004 weder Nahrung noch Unterkunft. Etwas traurig zockelten wir von
dannen.
Am
nächsten Morgen erwachten wir am Pilgerweg zwischen Cebreiro und der Höhe
vom Poio. Im Dämmerlicht zogen draußen Fußpilger vorüber. Aus den Tälern
quoll Nebel. Vor den Fußpilgern lagen noch etliche Tagesetappen. Wir
würden im Verlauf des Tages das Ziel des Camino de Santiago erreichen.
Vorerst aber fuhren wir im gemäßigten Tempo durch Nebelschwaden und
erreichten pünktlich zur Morgenmesse das Kloster Samos. Über die repräsentative Treppenanlage und das Hauptportal
die Klosterkirche zu betreten, das
war für uns eine Premiere. Nach der Messe wurde das Portal zügig
wieder verriegelt, denn Besucher gelangen im Verlauf des Tages nur mittels
einer Führung in die Klosteranlage mit Bauten aus dem 12. bis 19.
Jahrhundert.
Ultreia, weiter, die letzten Kilometern Richtung
Santiago lagen vor uns. Wir sahen große Fuß- und Radpilgergruppen. Eine
Prozession zu Ehren unseres Pilgerpatrons, die an blühendem Heidekraut und
galizischen Hórreos vorbei zog. In Portomarin legten wir noch einen
Zwischenstopp ein. Die Talsperre war fast leer. Oben in der Stadt rüsteten
sich große Pilgergruppen zum Aufbruch.
Weiter, wir fuhren über den Berg der Freude. Hier
erlebten wir die zweite Premiere des Tages. Als Fußpilger sahen wir von
diesem Berg aus keinmal die Türme der Kathedrale. Als Autopilger wurde uns
dieses Erlebnis zuteil. Tja, die alten Pilgerwege sind halt heute Land- und Schnellstraßen, wenn nicht sogar
Autobahnen.
In Santiago angekommen suchten wir flugs einen
Parkplatz um dann zu Fuß weiter zu ziehen. Wir betraten die Altstadt durch
die Puerta del Camino. Unser erstes Eintreffen in Santiago kam uns in den
Sinn, unser Entsetzen darüber, auf den letzten Metern ohne die lieb
gewonnenen gelbe Pfeile auskommen zu müssen. Diesmal mussten wir weder nach
Pfeilen noch nach Straßennamen Ausschau halten. Der Weg war uns vertraut.
Wir waren da. Wir reihten uns nicht in die Warteschlangen am Pórtico de la
Gloria oder an der Heiligen Pforte ein. Wir setzten uns still in eine der
vorderen Bankreihen des Mittelschiffs und dankten für unser Dasein.
Als Nächstes suchten wir eine Unterkunft. Wunsch- und
planmäßig sagten wir unser Sprüchlein an der Rezeption im Monasterio San Martín Pinario auf und bekamen ein „Si“ zu hören. Wir freuten uns riesig.
Drei Tage weilten wir in dem gewaltigen, größtenteils barocken
Gebäudekomplex. Wiederum war es uns gelungen, Quartier ganz nahe der
Kathedrale zu machen. In den Jahren zuvor lautete unsere Anschrift mal Rúa
do Vilar, dann Rúa do Pombal, danach Avenida de Raxoi und diesmal Plaza de
la Immaculada 5 in 15705 Santiago de Compostela.
Am frühen Abend, die Tagespilger und Tagestouristen
hatten sich zu ihren Bussen begeben, machten wir unseren Ankommensgang
in der Kathedrale. Wir durchschritten die Heilige Pforte, stiegen hinauf
zur Nische über dem Hochaltar um die Apostelstatue zu umarmen, beteten am
Reliquienschrein in der Krypta, legten unsere Hand in die Wurzel Jesse am Pórtico de la Gloria und berührten mit unsere Stirn den Santo dos Croques.
Zwei Momente waren bei diesem Wallfahrtsritus, dem
sich fast alle Pilger unterziehen, besonders eindrucksvoll. Als wir zur
Puerta Santa kamen, führten soeben Eltern ihr behindertes Kind zur Heiligen
Pforte. Ganz behutsam gingen die Eltern mit dem im Rollstuhl sitzenden Kind
um. Sie strichen sacht mit der Kinderhand erst links und dann rechts über
die Türpfosten der Puerta del Perdón. Das Gesicht des Kindes leuchtete
auf. So stelle ich mir das Gesicht eines Erlösten vor. Ja und dann
ist es immer wieder beeindruckend, am Mittelpfeiler des Portico die fünf
Vertiefungen zu berühren, die entstanden, weil Millionen Pilger zuvor diese
Stelle berührten.
Für den ersten kompletten Santiagotag hatten wir als
Allererstes eine Pilgermesse eingeplant. Um großem Gedränge zu entgehen
sollte die 10:00 Uhr Messe „unsere“ Pilgermesse sein. Wir fanden uns zeitig
in der Kathedrale ein. Ganz vorn im Mittelschiff waren noch Plätze frei.
Wir konnten dort froh und glücklich, dazu gänzlich ungestört, die heilige
Messe mitfeiern. Die KirchenwächterInnen in dunkler Zivilkleidung machten
nämlich einen guten Job. Sie bremsten jeden aus, der sich als Tourist dem
Altarraum nähern wollte. Dies konsequente Handeln ermöglichte einen ruhigen
und angemessenen Ablauf der Messfeier. Und weil wir uns so gut fühlten,
blieben wir nach dem Schlußsegen einfach zum stillen Gebet auf unserem
Platz.
Das mit dem stillen Gebet war etwas schwierig, denn
von allen Seiten erstürmten geführten Besuchergruppen den Mittelgang, den
die OrdnerInnen durch entfernen der Absperrkordeln freigegeben hatten. Das
Geschubse und Gedränge war unglaublich. Der Geräuschpegel schwoll drastisch
an. Alle kunsthistorisch bewanderten versuchten sich gegenseitig zu
übertönen. Dieser Spuk dauerte nur eine kleine Weile. Die WächterInnen
wurden aktiv und lenkten die Besuchergruppen resolut in geordnete Bahnen.
Ab 11.00 Uhr ließen sie überhaupt keine Besichtigungen mehr zu. Stattdessen
nahmen Beichtväter im Altarraum Platz. Gläubige konnten zu Füßen ihres
Pilgerpatrons die für den vollkommenen Ablass erforderliche Beichte
ablegen.
Dann wurde die Hauptpilgermesse mit einem feierlichen
Einzug eröffnet. Vorneweg stürmte ein Pulk von Pressefotografen durch den
Mittelgang. Im Altarraum rangelte die Meute um die besten Plätze und dann
setzte Blitzlichtgewitter ein. Wir selbst hatten inzwischen auch den Grund
dieser Aufregung entdeckt. Hinter dem Erzbischof von Santiago de
Compostela, zog das spanische Thronfolgerpaar in die Kathedrale ein. Mit
ihnen natürlich eine große Zahl von Priestern, Santiagorittern und
Leibwächtern. Die Reporter wurden vom Sicherheitspersonal aus dem Altarraum
gewiesen und mit dem Verkünden der Anzahl neu in Santiago eingetroffener
Pilger begann der Gottesdienst. So feierten wir an diesem Tag eine zweite
Pilgermesse, noch wohlbewachter und feierlicher als die Erste.
Der Blick von der Freitreppe unseres Domizils auf die
Kathedrale mit ihren Türmen und verschachtelten Dächern erfreute uns
täglich aufs Neue. Nicht nur uns, wie auf dem nebenstehenden Foto zu sehen
ist. In Santiagos Altstadt überall „Guten Tag“ zu sagen, das waren die
ersten größeren Unternehmungen touristischer Art. Ganz ohne Termindruck
gestalteten wir unseren Aufenthalt in Santiago. Je nach Tageszeit nahmen
wir mal auf der Freitreppe nahe der Heiligen Pforte oder auf den
Steinbänken des Praza do Obradoiro ein Sonnenbad. Dabei beobachteten wir
die ankommenden Pilger und Touristen. Manchmal schleckten wir ein Eis in
„unserem Wohnzimmer“, dem Café Derby in der Rúa do Vilar. Gelegentlich
lösten wir auch Eintrittskarten um Räume betreten zu können, die ohne
entsprechendes Billet nicht zugänglich sind.
Eine Eintrittskarte ermöglichte uns ein ganz
besonderes Abenteuer. Zusätzlich zu diesem umfassend guten Erlebnis sind
wir auf dem steinernen Dach der Kathedrale drei jungen, lebhaften Menschen
begegnet. Mit ihnen redeten wir angeregt über Gott und die Welt, im
Besonderen natürlich über die Pilgerei. Bei den jungen Leuten handelte es
sich um eine spanische Studentin, die uns freundlicherweise
Dolmetscherdienste angeboten hatte und um zwei deutsche Studenten, die
ehrenamtlich beim Malteserhilfsdienst im Kathedralbereich Dienst taten.
Mit einer kleinen, geführten Gruppe waren wir auf das
Dach der Kathedrale gelangt. Die Karten für diese Dachführung hatten wir
uns zeitig reservieren lassen, da täglich nur eine begrenzte Besucherzahl
das Dach betreten darf. Das Steindach ist komplett begehbar. Es gibt sogar
abgeflachte Plätze. Insgesamt wirkt das Dach mit seinen barocken Türmchen
recht verspielt. Es können aber auch ältere Gebäudeteile entdeckt werden.
Die Geschichte von der Verbrennung der Pilgerkleider
auf dem abgeflachten Chorhaupt der Kathedrale regte unsere Phantasie an. Es
wurde berichtet, dass die Pilger des Mittelalters angehalten wurden vor
Betreten der Kathedrale ihre verdreckten und verlausten Pilgerumhänge
abzugeben. Meister Mateo hatte dafür extra am Mittelpfeiler des Pórtico de
la Gloria zwei Ungeheuer geschaffen, in deren aufgerissenen Mäuler die
Umhänge gesteckt werden konnten. Die von der langen Pilgerreise unbrauchbar
gewordenen Pelerinen fielen hinunter in die so
genannte Unterkirche und
wurden von Kirchendienern hinauf aufs Dach getragen, wo sie verbrannt
wurden.
Die Ein- und Ausblicke vom Dach sind großartig. Plätze
und Straßen der Altstadt sind einzusehen. Ebenso kann von oben in den
Kreuzgang geschaut werden. Schön ist es, Santiagos Dachlandschaft zu
bewundern, oder den Blick weit in die Ferne schweifen zu lassen und das
alles möglichst bei blauem Himmel und Sonnenschein. Für uns war natürlich
der Blick auf „unsere Haustür“ von besonderem Interesse.
Mit dem dritten Sonnenaufgang in Santiago rückte unser
Abschied näher. Ein letztes Mal im Año Jubilar Compostelano 2004 umrundeten
wir die Kathedrale und beteten am Pórtico de la Gloria mit Blick auf
unseren Pilgerpatron: „Hola Santiago, lass uns wiederkehren!“
Richtung Süden fuhren wir, dem 341 m hohe Monte Santa
Tecla entgegen. Dieser Berg ist der eigentliche Wächter an der Mündung des
Miño, dem Grenzfluss zu Portugal, obwohl der kleine Seehafen zu seinen
Füßen „La Guardia“ (die Wächterin) heißt. Am 23. September wird dort, so
hatten wir gelesen, das Namensfest der Santa Tecla gefeiert und wir wollten
aus gutem Grund dabei sein.
So um die Mittagsstunde erreichten wir den Monte Santa
Tecla und es schien, als würde der ganze Berg in einen Picknickplatz
verwandelt. Die kurvenreiche Bergstraße war nur noch einspurig befahrbar.
Stoßstange an Stoßstange parkten Autos mit geöffneter Heckklappe an und auf
der Bergstraße und wir stellten unser Auto mit in die Reihe. Die
Einheimischen entluden ihre Fahrzeuge und schleppten mit viel Einsatz und
großer Begeisterung alles zum zünftigen Festtagspicknick erforderliche auf
den Berg. Das waren: Sonnensegel, Zeltplanen, Decken, Kissen, Tische,
Stühle und natürlich Kühltaschen und Körbe voller Speisen und Getränke.
Sie schleppten ihre Picknickutensilien auch in die auf
halber Höhe befindliche Ausgrabungsstätte. Bei den Bauarbeiten an der
Bergstraße wurde 1913 dieses Dorf aus der Zeit um 20 v. Chr. entdeckt.
Seit der Entdeckung wurden verschiedene Ausgrabungen vorgenommen.
Schätzungsweise sind inzwischen etwa 50 % des Dorfes ausgegraben. Einige
der keltischen Rundbauten mit kegelförmigem Riedgrasdach wurden
rekonstruiert und erinnern an die Pallozas in Cebreiro.
Pünktlich um 13:00 Uhr fanden sich alle zur
Festtagsprozession ein. Von Trachtengruppen, Fahnenträgern, Gläubigen und
Priestern begleitet wurde die Prozessionsfigur der heiligen Thekla vom Fuß
des Berges hinauf zur Santa Tecla Kapelle getragen. Die Prozession zog
durch ein Spalier von begeisterten Pilgern.
Man glaubt, dass die Verehrung der heiligen Thekla an
dieser Stätte bis in die westgotische Zeit zurückreicht. Seit dem 13.
Jahrhundert pilgern am Montag vor Himmelfahrt und am 23. September, dem Tag
der Heiligen, Gläubige aus Spanien und Portugal zum Monte Santa Tecla.
Diese Tradition ist auf ein Gelübde zurückzuführen. Die Kapelle stammt aus
dem 12. Jahrhundert. 1951 hat der Erzbischof von Tarragona dem Santuario de
Santa Tecla eine Reliquie der Heiligen gestiftet. Diese Reliquie wurde nach
der Prozession allen Pilgerinnen und Pilgern zur Verehrung dargeboten.
In Anschluss an die Reliquienverehrung fand knapp
unterhalb der Kapelle eine Versteigerung statt. Zu unglaublichen Preisen
wurden Feld- und Gartenfrüchte, die in der Prozession mitgeführt worden
waren, versteigert. Für einen Gemüsezwiebelstrang wurden z.B. 30 € gegeben
und die Festtagstorte erbrachte 600 €. Wir vermuten, dass es eine Ehre ist
mitzusteigern. Möglicherweise wird das Geld zur Erhaltung der Anlagen am
Monte Santa Tecla verwendet.
Noch
nie im Leben habe wir das Fest meiner
Namenspatronin in so großer Runde gefeiert. So richtig „rund“ wurde das
Fest als wir das auf der Bergspitze befindliche Hotel entdeckten. Im Hotel
Santa Tecla war ein Zimmer für uns frei und das Festtagsmenu wurde uns auch
angerichtet. So gegen 17:00 Uhr wurden am Berg die Picknickutensilien
eingepackt und pö a pö rollten die Festgäste von dannen. Nur kleinere
Gruppen harrten etwas länger aus, darunter etliche Dudelsackspieler. Die
Melodie der Musikanten begleitet uns beim abendlichen Rundgang am blank
gefegten Theklaberg. Mit Hochachtung vor den Festteilnehmern registrierten
wir, dass sämtliche Picknickabfälle eingesammelt worden waren. Ein
gelungener Tag neigte sich dem Ende zu und wir waren so recht in der Laune
einem Sonnenuntergang beizuwohnen.
Fantastisch war es, am nächsten Morgen mit Blick auf
den Rio Miño, den Atlantik und den Monte Santa Tecla wach zu werden. Bei
der Talfahrt entdeckten wir einen gepflegten Wanderweg, der teils über
Stufen und gepflasterte Abschnitte durch Pinienwald führt. Gestern hatten
wir diesen Weg vor lauter parkenden Fahrzeugen nicht wahrgenommen. Viele
Rastplätze mit Bänken und Tischen aus Granit säumen diesen Wander- und
Pilgerweg, der weiter oben im Berg in zwei Kreuzwege mündet. Der ältere
Kreuzweg stammt aus dem 17. Jh. und ist sehr schlicht. Der neue Kreuzweg
entstand in den Jahren zwischen 1923 und 1940. Runde Medaillons schmücken
die Kreuze, die keltischen Kreuzen nachempfunden sind.
Die Fahrt durch den äußersten Westen
Spaniens war wiederum voller Erinnern. Obendrein war dieser Tag weder Hin-
noch Rückreise, sondern ein Tag zwischendrin. Darüber hinaus huschten während
der ersten Stunden des Tages Landschaften und Orte vorüber, die wir im
vergangenen Jahr bei unserer Fußpilgerung auf dem Caminho Portugues kennen
lernen durften. Während der letzen Stunden der Tagesfahrt waren
wir auf der Küstenstraße über Noia und Muros zum Kap Finisterre unterwegs. Diesmal
fuhren wir die großen und kleinen Buchten aus, die wir bei unserer ersten
Pilgerung (1994) ausschritten.
In Finisterre zog es uns wie immer zum kilometerlangen
Sandstrand, an dem wir 1994 viele Jakobsmuschelschalen fanden. Zehn Jahre
später hoben wir dort nur zwei klitzekleine Jakobsmuscheln auf. Zwei
Erklärungen haben wir uns dafür zurechtgelegt. Einmal mag es sein, dass
tatsächlich weniger Jakobsmuscheln angeschwemmt werden. Zum Zweiten könnte
es aber auch daran liegen, dass gegenwärtig der gekennzeichnete Pilgerweg
direkt am Strand verläuft und aus diesem Grund nichts
Jakobsmuschelähnliches auffindbar ist.
Wie fast jeder Besucher, der zum Cabo Fisterra kommt,
verweilten wir traditionsgemäß auf dem steil aus dem Meer ragenden
Granitklotz. Dort wähnten sich die Pilger des Mittelalters am Ende der
Welt. In ihrer Vorstellungswelt gerieten Schiffe, die von hier aus nach
Westen fuhren in Gefahr, an den Rand der Weltscheibe zu gelangen und in den
Malstrom der Unterwelt zu geraten. Wir, die wir im fortgeschrittenen Alter
sind, saßen dort wie gehabt nur tagsüber. Nachtschwärmer sitzen scheinst
lieber im Mondeslicht dort. Feuerstellen zeugen von diesen nächtlichen
Sitzungen.
Gegen die aufgehende Sonne zu fahren, das kündete vom
Beginn unserer Heimreise und war sehr anstrengend für die Augen. Besonders
kritisch wurde es immer dann, wenn wir vom Licht in den Schatten
eintauchten. Kurzfristig sahen wir in diesem Moment nichts, gar nichts.
Irritierend waren auch die vielen Staubpartikel, die sich im Verlauf der
Reise auf der Frontscheibe angesammelt hatten. Durch die verstaubte Scheibe
sahen wir im Gegenlicht nur eine verschleierte Welt. Das war Grund genug,
sich vom Staub der Hinreise zu trennen.
Unsere Rückreise verlief parallel zum Camino del Norte.
Wir wollten ihn ein wenig erkunden und damit fingen wir gleich im ersten
Übernachtungsort an. Beim abendlichen Rundgang durch Ribadeo entdeckten wir
die Pilgerherberge des Ortes. Mit Meer- bzw. Mündungsblick kann der Pilger
hier wohnen. Die Herberge ist behindertengerecht gebaut. Sie verfügt über
einen großen Aufenthaltsraum, eine Küche, einen Schlafraum mit 6 Etagenbetten
und Sanitärräume.
Plattenwege und Stufen führen hinunter zu Badebuchten. Nahebei sind Reste
der ehemaligen Stadtbefestigung und der Burg San Damián zu sehen.
Wir selbst fanden Unterkunft im Zentrum von Ribadeo
und blickten vom Hotelzimmer auf einen gepflegten Park und ein besonders
prächtiges Haus. Das Haus wurde um 1900 von einem so genannten „Indiano“
erbaut. „Indianos“ wurden die in Lateinamerika zu Reichtum gelangten
Heimkehrer genannt. Ähnlich prachtvolle „Indianohäuser“ sind an der
Nordküste Spaniens des Öfteren zu entdecken.
Weiter auf der Küstenstraße. In Luarca
machten wir gegen 10:00 Uhr einen Zwischenstopp. Der Ort wirkte noch
ziemlich verschlafen. Möglicherweise wurde hier ähnlich wie in Ribadeo die Nacht von Samstag auf Sonntag zum Tage gemacht. Unter unserem Hotelfenster
jedenfalls schwatzten Nachtschwärmer noch um 6:00 Uhr in der Frühe.
Jakobspilger hingegen sind bekanntermaßen Frühaufsteher. In Luarca zogen
vier Pilger an uns vorbei. Die gelbe Strahlenmuschel wies ihnen den Weg.
Ultreia, wir stoppten schon nach kurzer Zeit erneut um
in Cudillero einen Besichtigungsrundgang zu unternehmen. Das Fischerdorf
baut sich vor dem Besucher wie eine Theaterkulisse auf. Nach kurzer
Verweildauer verließen wir den inmitten steiler Hänge liegenden Ort und
fuhren weiter. Rechter Hand ragten die Gipfel der Kantabrischen Kordilleren
und die Picos de Europa auf. Linker Hand wechselten sich grüne Wiesen und
Hügel, die bis ans Meer reichen, mit steilen Klippen und versteckten
Felsbuchten ab. In den Buchten gibt’s malerischen Fischerdörfer und Häfen
zu entdecken.
Die Autobahn (A 8) durchschneidet rabiat die Costa
Verde (grüne Küste). Täler und Schluchten sind mit Brücken überspannt,
Berge von Tunnel durchbohrt. Zügig fuhren wir an Avilés, der Stadt des
Eisens und an Gijón, der bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich
bedeutendsten Stadt Asturiens, vorbei. Ein Abstecher nach Oviedo hätte sich
angeboten, aber uns stand der Sinn nicht nach großstädtischem Getriebe.
Zudem kann Oviedo nicht mal eben im Vorbeifahren erkundet werden.
Ribadesella, Seebad und Fischereihafen, erwählten wir
zum Übernachtungsort. Eine gute Wahl. Am Abend nutzten wir die äußerst
gepflegten Promenaden des Ortes. Am Strand tummelten sich noch einzelne
Badegäste. Weit mehr Menschen unternahmen einen Sonntagabendspaziergang.
Viele, uns eingeschlossen, führte der Weg hinauf zur Eremita Guia, die wie
ein Wächter über dem Hafen und der Badebucht thront. Meerseitig blickten
wir auf Brandungswellen, die sich an den hohen Klippen brachen. Landseitig
schauten wir auf den Ort im Mündungsbereich des Rio Sella und die steilen
Gipfel der spanischen Kordilleren. Die letzten Sonnenstrahlen genossen wir in
einem Straßencafe und schlemmten dabei chocolate con churros.
Am nächsten Morgen hing überm Meer ein dickes
Wolkenband. Wir fuhren wieder in die aufgehende Sonne hinein. In San
Vincente de la Barquera wurde uns vor Augen geführt, wie stark die
Gezeiten an der Costa Verde sind. Der Ort war, da gerade Ebbe herrschte,
von dunkelfeuchtem Land (Watt) umgeben. Wasserumspielt sieht San Vincente
sicherlich attraktiver aus. Der Altstadtkern befindet sich hoch über seiner
Umgebung und wird von einer Burgruine aus dem 12. Jh. und der romanischen
Kirche "Nuestra Señora de los Angeles" gekrönt. Wehrhaft sieht die Kirche aus
und sie wird in alten Zeiten auch häufig als Fluchtburg gedient haben.
Santillana del Mar steuerten wir als nächstes an.
Obwohl der in ganze denkmalgeschützte Ort den Zusatz „del Mar“ im Namen
führt, ist weit und breit kein Wasser in Sicht (4 km bis zur Küste). Für
uns zum Glück wird in Santillana del Mar der „Museumgeschlossensmontag“
nicht eingehalten. So konnten wir durch ein „Architekturmuseum“ schlendern.
Wir entdeckten viele malerische Winkel und schmucke Hausfassaden. Insgesamt
hat das Städtchen zahlreiche Paläste (fast 30) aus dem 15. bis 18. Jh. Die
Fassaden dieser Paläste sind wappengeschmückt. In etlichen von ihnen kann
der Tourist schlafen, essen oder einkaufen.
Die Stiftskirche ist das wichtigste Bauwerk von
Santillana del Mar. In ihr werden die Reliquien der hl. Juliana aufbewahrt.
Von „Santa Illana“ leitet sich der Stadtname ab. Im romanischen Kreuzgang
der Stiftskirche können die wundervollen Kapitelle der Doppelsäulen
betrachtet werden. Sie zeigen ornamentale und pflanzliche Formen, sowie
Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Ganz in der Nähe von Santillana
befinden sich die Höhlen von Altamira. Wir fuhren vorbei, da pro Tag nur
eine geringe Besucherzahl eingelassen wird und wir nicht im Besitz von
Eintrittskarten waren.
Zurück an der Küste parkten wir
unseren Wagen an der Strandpromenade in Santoña und mieteten uns in einer
Ferienwohnung ein. Nach so vielen Aufenthalten in Hotelzimmern genossenen
wir den Komfort einer Wohnung in vollen Zügen. Am Nachmittag nahmen wir an
einer Schiffsrundfahrt teil um endlich einmal die Steilküste vom Meer aus
zu sehen. Wie uns bei der Rundfahrt vorgetragen wurde, hat Santoña als
Flottenstützpunkt bei der Eroberung Amerikas eine wesentliche Rolle
gespielt. Heute werden von Santoña aus Ölsardinen in alle Welt exportiert.
Mit
Ziel Hondarribia verließen wir unser Quartier. In Castro Urdiales
unterbrachen wir unsere Fahrt. Über dem Fischerhafen wachen die trutzige
Wehrkirche „Nuestra Señora de la Anunciación“ und eine mittelalterliche
Burg. Wir stiegen über viele Stufen hinauf. Vom Kirchenvorplatz sahen wir
tief unter uns das Meer an steile Klippen schlagen. Angler nutzten die
Einfriedungsmauer der Kirche, um ihre Angelruten anzulehnen. Ein für uns
erstmaliger Anblick. Wo auf der Welt kann vom Kirchenvorplatz aus geangelt
werden? Ob etwas angebissen hat? Wir warteten es nicht ab. Unmittelbar
neben der Kirche befindet sich das Castillo de los Templarios. Unten am
Hafen standen Rentner und tratschten über Vorkommnisse im Fischereihafen.
Bilbao präsentierte sich, von der
Autobahn aus betrachtet, als eine Anhäufung von Hochhäusern. Es herrschte
Gedränge auf der A 8 und den Schellstraßen rund um die Hauptstadt der
Provinz Vizcaya (bask. Bizkaia). Draußen im Golf von Biscaya waren große
Frachtschiffe zu sehen. Im Landesinneren Ölraffinerien und qualmende
Schornsteine. Aufkommender Nebel mischte sich mit den Industrieabgasen und
wir fuhren durch eine übel riechende Dunstglocke, die sich in Strandnähe
wieder lichtete. Die Reise durch das Land unseres Pilgerpatrons näherte
sich dem Ende. Als letzten Übernachtungsort in Spanien, bzw. im Baskenland,
hatten wir Hondarribia ausgewählt, ein reizendes Küstenstädtchen. Auch hier
war die Saison vorbei. In den mittelalterlichen Gassen am Altstadthügel
bewegten sich fast ausschließlich Einheimische. Im Sommer sollen tausende
Gäste durch die Altstadt schlendern um die Häuser mit den farbigen
Holzbalkonen zu bewundern.
Am 29. September 2004 verließen wir
Spanien. Zweiundzwanzig Tage lang war die Sonne unsere ständige
Begleiterin, was im regenreichen Norden Spaniens durchaus erwähnenswert
ist. An der spanisch/französischen Landesgrenze änderte sich dieser
Umstand. Viele unserer Fahrtstunden durch Frankreich wurden von dichtem
Nebel begleitet, der oftmals bis zur Mittagszeit anhielt. Einen
Zickzackkurs hatten wir für die Heimfahrt abgesteckt. Mal nutzten wir
mautpflichtige Autobahnen, mal Schnell- oder Landstraßen. Braune
Hinweistafeln an den französischen Autobahnen künden von Sehenswürdigkeiten
wie: Burgen, Schlösser oder historischen Stadtkernen, weisen aber auch auf
Besonderheiten des jeweiligen Landstriches hin wie: Weinanbau, Viehzucht
oder Holzgewinnung. Wir folgten gelegentlich den Hinweisen. So entdeckten
wir Uzerche, zwischen Brive und Limoges gelegen. Der malerisch schöne Ort
liegt auf einem Hügel in einer Flußschleife. Besonders reizvoll ist die
Schieferdachlandschaft des Örtchens mit einer Vielzahl von runden
Turmdächern.
Gewöhnungsbedürftig war für uns die
Tatsache, dass in Frankreich früher zu Mittag gegessen wird als in Spanien.
Unser liebgewordener Tagesablauf geriet durcheinander. In Spanien suchten
wir in aller Gemütsruhe so zwischen 13:00 Uhr und 14:00 Uhr eine Bleibe.
Mittagessen wurde oftmals bis 16:00 Uhr serviert, so dass wir wohl gestärkt
nach einer kurzen Siesta Ortserkundungsgänge unternehmen konnten. Anders in
Frankreich. Da begann die Mittagspause bereits um 12:00 Uhr. Wir mussten fortan
ein frühes Abendessen, statt ein spätes Mittagessen einnehmen. Folglich
erkundeten wir manche Gasse hungrigen Magens, so auch in Montargis. Kanäle
durchziehen den Ort. Die Brückengeländer sind mit überbordendem
Blumenschmuck versehen. In den Gassen wechseln sich Stein- und
Fachwerkhäuser ab. Viele Altstadthäuser verfügen über eigene Anlegestege,
die aber nur noch aus denkmalschützerischer Sicht erhalten werden.
Schiffbar ist nur noch der die Stadt umgebende Kanal.
Am Vorabend des Erntedankfestes weilten
wir in Nancy. In der Kathedrale werkelten viele Floristen. Anfänglich
dachten wir, die Kathedrale würde aus Anlass des Erntedankfestes
geschmückt. Wie wir jedoch den Plakaten vor und in der Kirche entnehmen
konnten, wurde die Kathedrale zu Ehren des Saint Fleur blumengeschmückt.
Jeder der emsig arbeitenden Floristen setzte seine eigenen Ideen um. Der
Eine liebte klare Formen, der Andere barocke. Manche arbeiteten in Gruppen,
Andere ganz allein. So entstanden Blumengirlanden an Geländern und am
Kanzelaufgang, Blumenteppiche an den Kirchenpfeilern, liegende und stehende
Blumenarrangements auf den Altarstufen und Blumenpyramiden im Mittelschiff.
Letzte Station auf unserer Pilgerreise im
Año Santo Compostelano 2004 war Trier. Dort, am Grab des Apostels Matthias
dankten wir Gott für die erlebnisreiche Pilgerung.
Unser detaillierter Routenplan 2004:

Routenplan-2004.pdf
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Unser
Pilgerfahrt vom 7.September bis 4. Oktober 2004 - Thekla & Aloys |
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