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   ca. 5.800 Km

Einmal Santiago hin und zurück

Der Camino de Santiago übt nach wie vor eine große Anziehungskraft auf uns aus. Im Año Santo Compostelano 2004 haben wir eine Pilgerfahrt im wahrsten Sinne des Wortes geplant und durchgeführt. Pilger oder Tourist, das war gelegentlich eine Anfrage an uns selbst. In einem Faltblatt, herausgegeben zum Heiligen Jahr 2004, heißt es: „Das Pilgersein, die Pilgerschaft verlangt eine religiös-christliche Motivation“ und weiter im Text: „Das Wichtigste an der Pilgerfahrt ist ohne Zweifel, dass man sie im Geist des Glaubens unternimmt … und dazu kann man sich jedes Verkehrsmittels bedienen. Die Kirche öffnet speziell im Año Santo (Heiliges Jahr) jedem ihre Pforten und lädt alle dazu ein, den Geist des Pilgerns aufzunehmen und in sich wirken zu lassen.“. Tröstliche Worte für uns, die Autopilger.

Die Vorbereitung lief an wie in Fußpilgerjahren. Die Rucksackpackliste wurde zum Kofferpacken hervorgeholt. Die Tagesetappen festzulegen erforderte genauestes Kartenstudium, was die Vorfreude steigerte und die spätere Durchführung der Autopilgerreise erleichterte. Eingeplant wurden auch die etwas abseits der Hauptwege gelegene Heiligtümer, Andachtsstätten und Klöster, ohne dabei unser Hauptziel aus den Augen zu verlieren. Einmal Santiago hin und zurück, in maximal 30 Tagen, das wollten und haben wir erfahren.

Noch mal zurück zum Thema Kartenstudien. Nach jeder beendeten Pilgerung haben wir unsere Tagesetappen mittels farbiger Stecknadeln auf einer Europakarte im Maßstab 1:2.000.000 markiert. Perlenkettenähnlich reihen sich die Stecknadelköpfe auf der Landkarte aneinander. Von der Haustür in Niederkassel bis nach Santiago de Compostela und nach Rom. In diesem Jahr, in dem wir weiße Stecknadeln verwendeten, wirkt unser Pilgerweg eher wie ein Schneegestöber.

Am Dienstag, 7. September 2004  sind wir losgerollt. So an die 5.800 km lagen vor uns. Ultreia, endlich waren wir unterwegs. Auf dem Weg in Richtung Spanien wollten wir in vier französischen Pilgerorten Wiedersehen feiern, was uns ohne fremdeln gelungen ist. (Ein detaillierter Routenplan ist am Ende des Textes angefügt.) Die „Herbergssuche“ gestaltete sich mancherorts schwieriger als in Fußpilgerjahren. Als Autopilger hatten wir uns mit vorgeschriebenen Fahrtrichtungen, Einbahnstraßensystemen und Halteverboten abzumühen und gelegentlich schien die erspähte Herberge unerreichbar. Zudem mussten wir nicht nur für uns ein Quartier finden, sondern auch fürs Auto, was in Conques zum Beispiel nur außerhalb des Ortes möglich ist. Die Sorgen um unsere Pferdestärken erinnerten uns an die Begegnung mit einem Reiterpilger. „Am Zielort angekommen“, so seine Rede, „wird erst das Pferd versorgt, dann der Reiter.“

Am 6. Tag unserer Reise überquerten wir die Landesgrenze zwischen Frankreich und Spanien. Auf dem Weg zum Somport-Pass waren wir wiedersehensmäßig unterwegs. So entdeckten wir sogar die Stelle, an der im Jahr 2002 ein Wanderzeicheichen fehlte und wir aus diesem Grund die letzten Meter zum Pyrenäenübergang auf der Landstraße zurücklegten. Geärgert haben wir uns damals über gedankenlose Souvenirjäger die, unserer Vermutung nach, das Wanderzeichen als Trophäe einsteckten. Jetzt freuten wir uns über den von fleißigen Wegwarten erneuerten Wegweiser.

Pilgerbegegnungen hatten wir in diesem Jahr zahlreiche. Schon in Lourdes sahen wir viele Pilger. Zu unserer großen Freude hielten wir unseren ersten Plausch mit Jakobspilgern am Puerto de Somport mit Blick in das Land unseres Pilgerpatrons. Bei der Talfahrt bedauerten wir recht oft, dass wir Autopilger so schnell durchs Land sausten.

Noch satt von den grandiosen Bergweltbildern der Pyrenäen erwartete uns kurz drauf schon wieder eine Passstraße. Dieses schmale Sträßchen führte uns zum Puerto de Oroel und in die Sierra de San Juan de la Peña. Für uns Neuland mit erneutem Weitblick. Vom so genannten Balcón del Pirineo blickten wir zusammen mit zahlreichen Einheimischen zurück auf die Pyrenäen.

Weiter, hin zum Felsenkloster San Juan de la Peña. Leider trafen wir am Kloster pünktlich zur Mittagspause ein. Wir ergaben uns in das vertraute Pilgerschicksal, vor verschlossenen Türen zu stehen. Nach einer Fotopause, bei der wir natürlich genau das Bild knipsten welches den meisten Jakobspilgern aus Bildbänden vertraut ist, fuhren wir weiter. Eine schmale, kurvenreiche Piste führte zu Tal. In Santa Cruz de la Serós übernachteten wir. Über uns wussten wir das Kloster des hl. Johannes vom Felsen und dabei haben wir es bewenden lassen. Für diesen einen Tag hatten wir kein Verlangen mehr nach atemberaubenden Weit- und Tiefblicken, wobei letztere nicht ohne das Gefühl von möglicher Gefahr zu haben sind. Außerdem kann inmitten des kleinen Dörfchens Santa Cruz de la Serós auch mittelalterliche Baukunst bewundert werden. Hoch oben, über behauenem und unbehauenem Gestein, kreisen Bartgeier, Steinadler und Krähen.

Der nächste Etappentag führte ganztägig durch ehemals von uns erwandertes Land. Wir nutzten die Fahrstraßen ganz nahe der Via Tolosana und dem Camino Frances. Die geballte Erinnerung an mehr als zehn Fußpilgertage blitzte während der Fahrt in uns auf. Die Zeit reichte nicht, uns alle Erinnerungsfetzen gegenseitig mitzuteilen. Je näher wir dem Zusammenschluss der beiden Pilgerwege kamen umso mehr Unvertrautes geriet uns in den Blick. Rund um Pamplona und parallel zum Camino Frances war das Land auf Grund von Straßenbauarbeiten zerwühlt. Sich an Großbaustellen vorbei zu bewegen, dieses Schicksal teilten wir mit sehr, sehr vielen Fußpilgern. Umso erstaunter waren wir, in Santa Maria de Eunate nur ein Fußpilgerpaar anzutreffen. Eine segensreiche Ruhe umfing uns.

Weiter, wir fuhren durch die Provinzen Navarra, Logroño und Rioja. Am Allerliebsten hätten wir zumindest in unseren einstigen Übernachtungsorten einen kleinen Rundgang gemacht, aber wir hatten uns schweren Herzens schon bei der Vorplanung dagegen entschieden. Erst am Zielort dieser Etappe, in Nájera, da wollten wir einen ausgiebigen Wiederentdeckungsrundgang machen. Zum Rundgang kam es, allerdings entwickelte sich das Wiederentdecken anders als erwartet. Die erste Überraschung bot sich uns, als wir unten am Fluss die frisch angestrichene Pilgerunterkunft entdeckten. 1994 war dieses barackenähnliche Gebäude schon einmal als Ausweichquartier hergerichtet worden. Damals wurde die Pilgerunterkunft des Klosters Santa Maria la Real renoviert. Als wir im Heiligen Jahr 1999 erneut in Nájera waren, gingen wir gleich zielstrebig am Flussufer entlang, doch die Pilger wurden im Kloster erwartet. Diesmal, im Año Santo Compostelano 2004, war das Kloster gänzlich wegen Renovierungs- und Restaurierungsarbeiten geschlossen und die Pilger schliefen wieder unten am Fluss. Ohne Bustouristen und Buspilger wirkte Nájera tagsüber recht trostlos und verlassen. Erst am Abend, so ab 19:00 Uhr, war die Promenade am Fluss voller Leben. Niños verschiedenen Alters, Frauen, Männer, Alte und Junge, alle Nájeraner schienen sich am Fluss versammelt zu haben und wir gesellten uns hinzu.

Früh sind wir in Nájera aufgebrochen, zu früh. Die Fahrt nach San Millán de la Cogolla dauerte nämlich nur eine halbe Stunde. Auch der kurze Aufenthalt in Cañas am Monasterio de Santa Maria la Real änderte überhaupt nichts daran, dass wir um Stunden zu früh vor Ort waren. Das Kloster des hl. Aemilianus in der Mönchskutte öffnet sich für Besucher erst um 10:30 Uhr. Gott sei Dank gibt’s in der Klosteranlage das Viersternehotel „Hostería del Monasterio de San Millán“. Dort frühstückten wir in geschichtsträchtigen Räumen und stimmten uns auf den Klostertag ein.

San Millán de Suso, das obere Kloster, wurde von einem unbekannten Baumeister im schönsten mozarabischen Stil erbaut (9. Jh.). In der Arkadenvorhalle stehen Sarkophage von sieben Infanten. Ein hufeisenförmiges Portal führt in den zweischiffigen Kirchenraum. An der Nordwand der Kirche sind drei Höhlen, vormals Wohnstätten von Einsiedlern, zu sehen. Eine davon enthält das Grab des San Millán, dessen Gebeine sich heute im Reliquienschrein im unteren Kloster befinden.

Im oberen Kloster nahmen wir an einer spanischsprachigen Führung teil. Damit die alte Klosteranlage keinen Schaden nimmt, werden in San Millán de Suso generell nur 25 Personen zu den einzelnen Führungen zugelassen. Unsere Gruppe bestand, wegen der frühen Stunde, aus vier Personen. Im unteren Kloster gibt es keine Reglementierung im Zusammenhang mit der Größe der Besuchergruppen und trotzdem kamen wir in den Genuss einer noch kleineren Gruppe. Pater Alfonso Labarta, Augustinerpater und deutschsprachiger Fremdenführer, führte uns Zwei mit großer Begeisterung durch das Kloster.

San Millán de Yuso wurde im Jahre 1054 gegründet. Während der Säkularisation wurden die Benediktiner vertrieben (1835) und das Kloster ausgeraubt. 1878 übernahmen Augustinermönche die Abtei. Eine der größten Kostbarkeiten des Klosters sind die Elfenbeinschnitzereien am Schrein des Heiligen Millán. Wie uns Pater Alfonso mitteilte, wurden nur ein Teil der geraubten Elfenbeinschnitzereien an das Kloster zurückgegeben. Die anderen sind weltweit in Museen aufgetaucht (Florenz, Leningrad, New York und Berlin). Insgesamt gäbe es noch viel von der fünfzigminütigen, spannenden Führung zu berichten. Von den drei Kreuzgängen zum Beispiel oder von der Statue der Santa Gertrudis, die das Jesuskind im Herzen trägt oder vom Relief des als Matamoros dargestellten San Millán. Wir sahen wertvolle Tafelbilder und standen vor alten Wandschränken, deren Belüftungssystem Pater Alfonso genauestens erklärte. Bei den Büchern im Inneren der Schränke handelt es sich, seiner Aussage nach, um die größte Handschriftensammlung gregorianischer Gesänge.

Auf einsamen, schmalen, kurvenreichen, felsenumrandeten Straßen durchquerten wir als Nächstes die Sierra de la Demanda. Diese Fahrt durch Täler, Schluchten und über den Barbadillo-Paß (1.120 m) war mindestens so spannend wie die Führung im Kloster San Millán de Yuso. Was wird uns hinter der nächsten Kurve erwarteten, das war oftmals die Frage, ein grandioser Ausblick auf schroffe Felsen, Steinschlagspuren, ein Schlagloch,  fehlende Leitplanken am Wildwasser oder eine mitten auf der Straße wiederkäuende Kuh? Alle Hindernisse, die Kuh eingeschlossen, haben wir umkurvt und erreichten wohlbehalten das Kloster Santo Domingo de Silos.

Das Kloster Santo Domingo de Silos war schon im Mittelalter eine bedeutende Station am Camino de Santiago. Heute leben immer noch Benediktinermönche im Kloster, die den gregorianischen Gesang besonders pflegen. Ein aktives Kloster also. Nur ein Teil der Klosteranlage, nämlich der untere des zweigeschossigen Kreuzganges kann besichtigt werden. Doppel- und Vierfachsäulen, eine davon sogar gedreht, tragen die Rundbögen. Auf den Kapitellen sind biblische Szenen dargestellt, aber auch Fabelwesen, Tiere oder Flechtwerk. Die Reliefs an den Eckpfeilern sind besonders betrachtenswert. Für Pilger mit „Muschelblick“ ist hier das Emmausrelief besonders interessant. Zwei Jünger und Christus als Pilger mitsamt muschelbesetzter Umhängetasche sind abgebildet. Den "Vierklöstertag" beendeten wir in Covarrubias, einem kleinen Städtchen, welches sein mittelalterliches Stadtbild erhalten konnte.

Richtung Burgos fuhren wir an gelben Stoppelfeldern und ockerfarbenem, schon aufgebrochenem Land vorüber. Steineichen setzten grüne Tupfen in die Herbstfarben. Die Straße wellte wie eine Berg- und Talbahn auf dem Kirmesplatz. An der Promenade des Rio Arlanzón in Burgos stellten wir den Wagen ab um dann durch den Arco de Santa Maria die Altstadt zu betreten. Staunend wie eh und jäh standen wir bald vor der Westfassade der Kathedrale. Beim Anblick der fein durchbrochenen Türme lag es für uns nahe, an den Kölner Dom daheim zu denken. Nach einer kurzen Rast auf der Pilgerbank, neben dem bronzenen Pilger mit Stab und Kalebasse, betraten wir die Kathedrale. Dort, in der Capilla de Santa Tecla, wurde gerade eine Messe gefeiert. Oben am Altar beteten und sangen Mitglieder des Domkapitels. Unten in den Bankreihen wuselten eine große Zahl professioneller Bettlerinnen und Bettler. Später erkannten wir die Frauen und Männer wieder. Sie hockten auf ihren Stammplätzen im Stadtgebiet und jammerten ihren Bettelgesang. Für uns war die Messe in der Santa Thekla Kapelle schlichtweg der Höhepunkt unseres Aufenthaltes in Burgos. In den Jahren zuvor war es uns nämlich keinmal gelungen die Kapelle meiner Namenspatronin zu betreten. Die Capilla Santa Tecla ist in prächtigem Spätbarock gehalten.

In den Stunden danach absolvierten wir das übliche Programm eines Burgosbesuchers:  Eintrittskarten lösen, Kunstwerke betrachten, Schokolade schlürfen (löffeln) und  zwischendurch den Parkscheinautomaten mit Münzen füttern. Der Blick in den Vierungsturm der Kathedrale hat uns besonders fasziniert. Er ist ein außergewöhnliches Kunstwerk und König Philipp II. sagte von diesem Werk: „Es scheint eher von Engeln geschaffen zu sein, als von Menschen“.

Natürlich haben wir in der Kathedrale von Burgos auch nach jakobäischen Spuren Ausschau gehalten. Schon in der Thekla-Kapelle entdeckten wir Santiago als Matamoros hoch oben in der Altarwand. Thekla selbst wird als junge Frau dargestellt, die unversehrt dem Scheiterhaufen entkommt. In der Santiago Kapelle ist unser Pilgerpatron abermals als Maurentöter abgebildet. Selbstverständlich gingen wir auch ein Stück auf dem Jakobsweg durch Burgos. Wie die Pilger sind wir Richtung Westen gezogen und haben dabei alte Erinnerungen aufgefrischt. Nieselregen setze ein und es drängte uns fort. Wir verließen Burgos im Norden der Stadt.

Am Folgetag starteten wir mit Blick auf das Panorama der Cordillera Cantábrica. Wolkenverhangen waren die hohen Berge, doch die Sonne gewann bald an Kraft und die Picos de Europa boten sich fast unverhüllt unserem Blick dar. Ins Gebirge haben sich auch in alten Zeiten schon die Fußpilger gewagt. Angezogen wurden sie, damals wie heute, von zwei großen Wallfahrtsstätten. Das Monasterio de Santo Toribio de Liébana mit der größten bekannten Kreuzreliquie war/ist Ziel der Pilger, und die Santa Cueva in Covadonga mit dem Bildnis der Santísima Virgen de Covadonga. An beiden Wallfahrtsstätten lohnt es sich, früh vor Ort zu sein. Es reisen sehr viele Spanierinnen und Spanier als Buspilger an.

Unser erstes Ziel in den Bergen war das Monasterio de Santo Toribio de Liébana. Hier wirkte im 8. Jh. der Mönch Beatus von Liébana. Er schrieb eines der meistgelesenen Bücher des Mittelalters, den Apokalypsenkommentar. Eine Reproduktion des Buches kann im Kloster besichtigt werden. Das Kreuzreliquiar wird in einem kleinen Kapellenanbau neben der dreischiffigen Abteikirche aufbewahrt.  Die Reliquie ist in ein vergoldetes Silberkreuz eingelassen. Toribius († 460), nach dem das Kloster benannt ist, hatte den Kreuzsplitter von einer Pilgerfahrt nach Jerusalem mitgebracht.  Im Jahre 1512 erkannte der Pabst Julio II. dem Kloster das Privileg zu, ein „Heiliges Jahr“ auszurufen. Das nächste „Heilige Jahr“ wird im Monasterio de Santo Toribio im Jahre 2006 gefeiert.

Vom Kloster aus folgten wir der N 621, die in Fuente Dé am Fuß der Picos in 1.070 m Höhe endet. Mittels einer Seilbahn gelangten wir zum 1.926 m hohen Mirador del Cable und waren blitzschnell inmitten der faszinierenden Bergwelt der Picos. Wir suchten ein ruhiges Plätzchen. Die Felsen waren von der Sonne durchwärmt.
Die Könige der Picos, alle so um die 2.600 m hoch, hatten wir voll Freude im Blick. Bevor der Zustrom der Tagestouristen zu groß wurde, gondelten wir talwärts um uns nach eine Bleibe für die Nacht umzuschauen. In Valle de Camaleño, mit Blick auf die Picos, quartierten wir uns ein.
 
Beim Aufbruch am nächsten Tag färbte die Sonne soeben die Spitzen der Zweitausender. In Potes bogen wir Richtung Norden ab und fuhren, so schien es, auf einen Gebirgsstock ohne Durchlass zu. Im letzten Moment tat sich ein Spalt auf und die Straße schlängelte sich mit dem Rio Deva durch romantisch enge Schluchten. In Lebaña unterbrachen wir unsere Schluchtenfahrt kurz um die kleine mozarabische Kirche Nuestra Señora de Lebaña zu betrachten. Die Fahrt durchs Desfiladero de la Hermida faszinierte uns sehr.

Covadonga erreichten wir frühmorgens. Jede Menge Parkplätze waren noch frei und die Santa Cueva (Heilige Grotte) fast leer, was sich innerhalb der nächsten Stunde drastisch änderte. Die Grotte mit dem Bildnis der Santísima Virgen de Covadonga ist Spaniens Nationalheiligtum. Hier wurde, der Überlieferung nach, vor mehr als tausenddreihundert Jahren das christliche Spanien geboren. In den Picos de Europa hielten sich damals eine Anzahl christlicher Ritter vor den Mauren versteckt. Pelayo, ein Fürst westgotischer Abstammung, führte diese Gruppe an. Um 722 kam es zur Schlacht von Covadonga, bei der die christlichen Ritter einen  beeindruckenden Sieg über die Mauren erkämpften und so die Reconquista ihren Anfang nahm. Die Legende schreibt diesen Sieg der Heiligen Jungfrau und Gottesmutter zu.
Sie hatte Pelayo das eichene Kreuz gegeben, welches er in der Schlacht bei sich trug. Das Cruz de la Victoria ließ Alfonso III. später in Gold fassen und mit Juwelen besetzen. Heute befindet sich das Kreuz in der Cámera Santa der Kathedrale von Oviedo. 

Von Covadonga aus führt eine steile, schmale, kaum gesicherte Straße hinauf in den großen Parque Nacional de la Montaña. Dieses Sträßchen zu befahren war wohl das größte Abenteuer unserer Autopilgerreise. In einer Autokolonne fuhren wir hinauf. Sollten wir nochmals in diese Ecke der Welt kommen, würden wir mit dem ersten Sonnenlicht hinauf in den Nationalpark fahren und danach an den Feierlichkeiten in der Grotte teilnehmen. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass an einem Endsommerwerktag so viele Autofahrer unterwegs sein würden. Es war aber so und wir steckten mitten im Massenauftrieb. Auftrieb, das Wort ist stimmig. Die Bergstraße wurde nämlich nicht nur von Touristen, sondern auch von Rindviehern genutzt.

Am Ende des Sträßchens, unter grauweißen Kalkgipfeln, liegen die beiden Bergseen Lago de Enol und Lago de la Ernica. Ersterer soll der Legende nach aus einer Träne der heiligen Jungfrau entstanden sein. Interessant aus jakobäischer Sicht: Am 25. Juli treffen sich hier oben bei der Romería cerca del Cielo (Wallfahrt nahe dem Himmel) die Hirten des Landes.

Von den stark frequentierten Parkplätzen führen Wanderwege hin zu den höchsten Gipfeln der Picos de Europa. Wir nutzten für eine kleine Weile dies Wanderwegenetz und genossen den eindrucksvollen Panoramablick. Bei der Talfahrt wurden nur unsere Bremsen überstrapaziert (18 % Gefälle), die Nerven weniger. Jetzt hatten wir den Berg rechts und konnten beinahe sorglos das grandiose Naturerlebnis auf uns wirken lassen.
Bei der Bergfahrt gelang uns dies weniger, denn rechts fiel der Berg steil ab und die Straße war nur in den engsten Kurven durch Basaltsteine gesichert. Zudem waren wir nicht davon überzeugt, dass die uns umgebenden AutolenkerInnen besonders erfahrene BergfahrerInnen waren. Ca. 12 km lang (= 24 km↑↓) war diese Abenteuerfahrt. Also noch mal der Hinweis: Früh aufstehen lohnt!

Den erlebnisreichen Tag beendeten wir in Cangas de Onís. In diesem kleinen Städtchen erheben sich, unserer Beobachtung nach, Busreisenden nur zum Zweck des Souvenirkaufs von ihren Sitzen. Die komfortablen Reisebusse halten direkt vor den weitoffenen Türen entsprechender Läden. Nur wenige der Businsassen widerstehen der Verlockung, landestypischen Firlefanz zu kaufen. Diejenigen, die ausscheren, werden mit Blicke auf historische und prähistorische Bauwerke belohnt.

Da ist zum Einen die hoch aufragende Puente Romanico. Die romanische Brücke über den  Rio Sella wurde im 12. Jh. als Ersatzbau für eine baufällig gewordene römische Fußgängerbrücke errichtet. Unter dem spitzigen Brückenbogen hängt das Siegeskreuz Pelayos. Im Mittelalter wurden über diese Brücke wertvolle Erze transportiert. Heute rollt der Straßenverkehr über eine flache Ersatzbrücke und die alte Brücke kann nur noch von Fußgängern erklommen werden. Ein untrainierter Fußgänger kommt beim Gang über das holperige Brückenpflaster tatsächlich ins Schnaufen.

Zum Anderen ist es lohnenswert, die äußerlich unscheinbar wirkende Ermita de la Santa Cruz zu besichtigen. Sie wurde von Christen über einem römischen Tempel errichtet, welcher wiederum über einem prähistorischen Grabhügel erbaut worden war. Wer hier vor vielen tausend Jahren beigesetzt wurde weiß niemand. Oval ist die Graböffnung und von oben kann auf mächtige Steinplatten geschaut werden. Ritzzeichnungen von Fruchtbarkeitssymbolen weisen die Platten auf und es ist anzunehmen, dass an diesem Ort schon die Kelten kultische Feiern abhielten.

Der nächste Tag bescherte uns wiederum Fahrten durch einsame Bergtäler. Wir durchquerten das Kantabrische Gebirge in südlicher Richtung. Das Tal des Rio Sella hatten wir uns dafür ausgewählt. Es ist von zerklüfteten Felsen umgeben, wunderschön. Mit dem Fluss stiegen wir hinauf zum Puerto el Ponton  (2.180 m). Mehrmals querten wir den Rio Sella, ein zu dieser Jahreszeit zahmes Wildwasser. Im oberen Teil der Schlucht schlängelt sich der Fluss, somit auch die Straße, in immer engeren Kurven. Und dann waren wir oben, in Augenhöhe mit den spitzigen Bergriesen. Wir stellten unseren Wagen neben den eines Nationalparkwächters und nutzen unsere Sinne. Der Parkwächter verstärkte seinen Gesichtssinn mittels Fernglas und sah höchstwahrscheinlich das Wild, dessen Rufe wir hörten. Diese Begegnung war die einzige im Tal des Rio Sella.

Auf der anderen Seite des Passes öffnet sich das Tal und wir schauten auf bewaldete Berghänge. Esel, Pferde und Kühe grasten traulich nebeneinander und immer noch „gehörte“ die Straße uns. Am Embalse (Stausee) de Riaño kämpfte die Sonne gegen Nebelschwaden. Wir legten eine Kaffeepause ein. Danach hing nur noch eine Nebelfahne über dem von kahlen Gipfeln umgebenen Stausee. Im Sonnenlicht kutschierten wir weiter durch den Nationalpark.

Die Landschaft ringsum veränderte sich zusehends. Erst weitete sich das Tal und wir schauten auf bewaldete Hügel. Alsdann wurde das Land ebener und rechts und links der Straße waren Lehmhügel zu sehen und in den Ortschaften tauchten die mit Storchennestern gekrönten Glockentürme auf. Wir waren im Land der bewässerten Äcker angekommen. Unser Tagesziel war Leon, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Vorher jedoch wollten wir noch dem Juwel der mozarabischen Kunst Leons, San Miguel de Escalada, einen Besuch abstatten.

Wie zur Zeit seiner Gründung liegt die Klosteranlage in ruhiger Abgeschiedenheit. Das mozarabische Denkmal wird von der Regionalregierung aufmerksam gepflegt. Da wir den Ort an einem Samstag besuchten, erlebten wir ihn möglicherweise ähnlich wie die Einsiedler im 7. Jahrhundert. Sie errichteten an diesem Platz eine Kultstätte zu Ehren des Erzengels Michael. Diese Einsiedelei verfiel bald, aber der Ort ist seither dem Erzengel geweiht. Die heute zu besichtigenden Kirche wurde 913 geweiht und gibt uns Besuchern einen kleinen Einblick in das Leben und Wirken jener Menschen, die hier vormals lebten.

Den frühen Samstagmorgen in Weltabgeschiedenheit tauschten wir gegen einen lebensfrohen Samstagmittag. Wenn wir so zurückdenken an unsere Aufenthalte in Leon, scheinst waren wir immer samstags dort. Jedes Mal erlebten wir die großen und kleinen Kirchen der Stadt offen, lichtdurchflutet und voller Orgel-, Geigen- und Trompetenklang. Dies freudvolle Erleben hatten wir jungen Hochzeitern zu verdanken. In solchen Momenten lässt es sich gut einstimmen in das Morgengebet eines westafrikanischen Beters:  „Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel. Ein neuer Tag, der glitzert und knistert, knallt und jubiliert von deiner Liebe. Jeden Tag machst du. Halleluja, Herr!“

Die Kathedrale in Leon ist zu einer Zeit entstanden, als die mittelalterlichen Baumeister es gelernt hatten, Wände mit riesengroßen Fensterflächen zu versehen. Diese Fenster wurden mit farbigem Glas ausgefüllt, die heute noch zum großen Teil erhalten sind. So können wir in der Kathedrale von Leon ein Wunder gotischer Glaskunst bestaunen.

Die verschiedenen Baukomplexe von San Isidoro zeigen uns die große Kunstfertigkeit romanischer Architekten, Bildhauer und Maler. Die Kirche des „San Isidoro de Leon“ kann durch die Puerta del Cordero (Lamm) betreten werden. In der Kirche wird das Allerheiligste Sakrament des Altares ununterbrochen angebetet. Besucher werden gebeten, dies zu respektieren. Die übrigen Gebäudeteile können nur mit einem Führer betreten werden. Der Besuch ist empfehlenswert. Das Panteón de los Reyes ist wegen der Farbenpracht und Qualität der romanischen Ausmalung einmalig in Spanien. In der Schatzkammer wird der Schrein für die Reliquien des heiligen Isidor gemeinsam mit anderen Kostbarkeiten aufbewahrt.

Das riesige Pilgerhospital San Marcos liegt am Pilgerweg und kommt so jedem Jakobspilger in den Blick. Den linken Teil des Komplexes nimmt heute das Fünfsternehotel „Parador de San Marcos“ ein und rechts ist die mit steinernen Jakobsmuscheln über und über verzierte Kirche zu sehen. Der Pilgerweg führt weiter über die Brücke, die den Río Bernesga überspannt. Wir selbst setzten unseren Stadtrundgang auf der Uferpromenade des Flusses fort.

Die nächsten zwei Tagesetappen verlebten wir ganz im Banne des Camino. Unsere Erinnerungen mischten sich mit neuen Eindrücken. Nur einmal verstummten wir vor Enttäuschung. Am Cruz de Ferro geschah dies, in 1.500 Metern Höhe. Alte Überlieferungen, Mythen und Bräuche werden an diesem Ort inzwischen zertrampelt und zugemüllt. Niemand scheint mehr einen Stein, möglicherweise von daheim mitgebracht, symbolisch für alles Schwere in seinem Leben abzulegen. Nichts erinnert hier oben noch an den Satz aus Sieger Köders Buch „Mein Camino“: „Unser Glaube ist aufgehoben im Glauben derer, die vor uns hier ihre Steine niedergelegt und aufgehoben haben.“ Stattdessen wirkt dieses weltbekannte Denkmal wie eine Schutthalde.

„Der Weg führt auf der Landstraße weiter“, so nachzulesen im Everest Pilgerführer, Drucklegung: 1990. Heute finden Fußpilger in den Montes de León Wanderwege vor. So konnten wir Autopilger unbeschwert und ohne schlechtes Gewissen den ehemaligen Maultierpfad über den Rabanalpaß nutzen. In der Ferne sahen wir schon die Berge von Cebreiro, in denen wir übernachten wollten. Vorher unterbrachen wir unsere Berg- und Talfahrt in Villafranca del Bierzo um die Iglesia de Santiago zu besuchen. Diese kleine Kirche mit der Puerta del Perdón (Pforte der Vergebung) diente den Pilgern, die zu schwach waren den Weg über die Berge in Richtung Santiago fortzusetzen, als Ersatzziel. Hier konnten sie die Absolution erhalten, die ihnen sonst erst in Santiago zugestanden hätte.

Hatten wir auf dem Weg über den Rabanalpaß fast nur Fuß- und Radpilger angetroffen, so schienen sich auf dem Weg vom Pedrafita-Paß bis El Cebreiro alle motorisierten Pilger verabredet zu haben. Voll war’s überall. Nur in der Iglesia de Santa María, da gab’s Platz und dort herrschte Ruhe. Das „Milagro Eucarístico del Cebreiro“ (das eucharistische Wunder von Cebreiro) hat diese kleine vorromanische Kirche mitsamt dem Ort berühmt gemacht. Eucharistie zu feiern, darauf bereitete sich ein junger Priester in der Mitte des Sonntages vor und wir feierten freudig mit. Wir waren eine kleine Festgemeinde, sieben Pilger und ein Hund. Während der Messe lag der Hund ruhig im Mittelgang. Nach dem Schlußsegen stand er auf und verließ vor uns die Kirche.

Wir zündeten ein Licht an, welches stellvertretend für uns auf der Höhe von Cebreiro bleiben sollte. Die romanische Figur der Santa María la Real stand noch auf dem Prozessionstragegestell und hatte uns während der Heiligen Messe über die Schulter geschaut. Das Namensfest der Santa María war erst wenige Tage vorüber.

An der Südseite der alten Pilgerkirche befindet sich eine Hospedería, in der wir gar gern, wie im Año Santo 1999, untergeschlüpft wären. Das Haus quoll über von Touristen.  Wir fanden dort im Año Santo 2004 weder Nahrung noch Unterkunft. Etwas traurig zockelten wir von dannen.

Am nächsten Morgen erwachten wir am Pilgerweg zwischen Cebreiro und der Höhe vom Poio. Im Dämmerlicht zogen draußen Fußpilger vorüber. Aus den Tälern quoll Nebel. Vor den Fußpilgern lagen noch etliche Tagesetappen. Wir würden im Verlauf des Tages das Ziel des Camino de Santiago erreichen. Vorerst aber fuhren wir im gemäßigten Tempo durch Nebelschwaden und erreichten pünktlich zur Morgenmesse das Kloster Samos. Über die repräsentative Treppenanlage und das Hauptportal die Klosterkirche zu betreten, das war für uns eine Premiere. Nach der Messe wurde das Portal zügig wieder verriegelt, denn Besucher gelangen im Verlauf des Tages nur mittels einer Führung in die Klosteranlage mit Bauten aus dem 12. bis 19. Jahrhundert.

Ultreia, weiter, die letzten Kilometern Richtung Santiago lagen vor uns. Wir sahen große Fuß- und Radpilgergruppen. Eine Prozession zu Ehren unseres Pilgerpatrons, die an blühendem Heidekraut und galizischen Hórreos vorbei zog. In Portomarin legten wir noch einen Zwischenstopp ein. Die Talsperre war fast leer. Oben in der Stadt rüsteten sich große Pilgergruppen zum Aufbruch.

Weiter, wir fuhren über den Berg der Freude. Hier erlebten wir die zweite Premiere des Tages. Als Fußpilger sahen wir von diesem Berg aus keinmal die Türme der Kathedrale. Als Autopilger wurde uns dieses Erlebnis zuteil. Tja, die alten Pilgerwege sind halt heute Land- und Schnellstraßen, wenn nicht sogar Autobahnen.

In Santiago angekommen suchten wir flugs einen Parkplatz um dann zu Fuß weiter zu ziehen. Wir betraten die Altstadt durch die Puerta del Camino. Unser erstes Eintreffen in Santiago kam uns in den Sinn, unser Entsetzen darüber, auf den letzten Metern ohne die lieb gewonnenen gelbe Pfeile auskommen zu müssen. Diesmal mussten wir weder nach Pfeilen noch nach Straßennamen Ausschau halten. Der Weg war uns vertraut. Wir waren da. Wir reihten uns nicht in die Warteschlangen am Pórtico de la Gloria oder an der Heiligen Pforte ein. Wir setzten uns still in eine der vorderen Bankreihen des Mittelschiffs und dankten für unser Dasein.

Als Nächstes suchten wir eine Unterkunft. Wunsch- und planmäßig sagten wir unser Sprüchlein an der Rezeption im Monasterio San Martín Pinario auf und bekamen ein „Si“ zu hören. Wir freuten uns riesig. Drei Tage weilten wir in dem gewaltigen, größtenteils barocken Gebäudekomplex. Wiederum war es uns gelungen, Quartier ganz nahe der Kathedrale zu machen.  In den Jahren zuvor lautete unsere Anschrift mal Rúa  do Vilar, dann Rúa do Pombal, danach Avenida de Raxoi und diesmal Plaza de la Immaculada 5 in 15705 Santiago de Compostela.

Am frühen Abend, die Tagespilger und Tagestouristen hatten sich zu ihren Bussen begeben, machten wir unseren Ankommensgang in der Kathedrale. Wir durchschritten die Heilige Pforte, stiegen hinauf zur Nische über dem Hochaltar um die Apostelstatue zu umarmen, beteten am Reliquienschrein in der Krypta, legten unsere Hand in die Wurzel Jesse am Pórtico de la Gloria und berührten mit unsere Stirn den Santo dos Croques.

Zwei Momente waren bei diesem Wallfahrtsritus, dem sich fast alle Pilger unterziehen, besonders eindrucksvoll. Als wir zur Puerta Santa kamen, führten soeben Eltern ihr behindertes Kind zur Heiligen Pforte. Ganz behutsam gingen die Eltern mit dem im Rollstuhl sitzenden Kind um. Sie strichen sacht mit der Kinderhand erst links und dann rechts über die Türpfosten der  Puerta del Perdón. Das Gesicht des Kindes leuchtete auf. So stelle ich mir das Gesicht eines Erlösten vor. Ja und dann ist es immer wieder beeindruckend, am Mittelpfeiler des Portico die fünf Vertiefungen zu berühren, die entstanden, weil Millionen Pilger zuvor diese Stelle berührten.

Für den ersten kompletten Santiagotag hatten wir als Allererstes eine Pilgermesse eingeplant. Um großem Gedränge zu entgehen sollte die 10:00 Uhr Messe „unsere“ Pilgermesse sein. Wir fanden uns zeitig in der Kathedrale ein. Ganz vorn im Mittelschiff waren noch Plätze frei. Wir konnten dort froh und glücklich, dazu gänzlich ungestört, die heilige Messe mitfeiern. Die KirchenwächterInnen in dunkler Zivilkleidung machten nämlich einen guten Job. Sie bremsten jeden aus, der sich als Tourist dem Altarraum nähern wollte. Dies konsequente Handeln ermöglichte einen ruhigen und angemessenen Ablauf der Messfeier. Und weil wir uns so gut fühlten, blieben wir nach dem Schlußsegen einfach zum stillen Gebet auf unserem Platz.

Das mit dem stillen Gebet war etwas schwierig, denn von allen Seiten erstürmten geführten Besuchergruppen den Mittelgang, den die OrdnerInnen durch entfernen der Absperrkordeln freigegeben hatten. Das Geschubse und Gedränge war unglaublich. Der Geräuschpegel schwoll drastisch an. Alle kunsthistorisch bewanderten versuchten sich gegenseitig zu übertönen. Dieser Spuk dauerte nur eine kleine Weile. Die WächterInnen wurden aktiv und lenkten die Besuchergruppen resolut in geordnete Bahnen. Ab 11.00 Uhr ließen sie überhaupt keine Besichtigungen mehr zu. Stattdessen nahmen Beichtväter im Altarraum Platz. Gläubige konnten zu Füßen ihres Pilgerpatrons die für den vollkommenen Ablass erforderliche Beichte ablegen.
Dann wurde die Hauptpilgermesse mit einem feierlichen Einzug eröffnet. Vorneweg stürmte ein Pulk von Pressefotografen durch den Mittelgang. Im Altarraum rangelte die Meute um die besten Plätze und dann setzte Blitzlichtgewitter ein. Wir selbst hatten inzwischen auch den Grund dieser Aufregung entdeckt. Hinter dem Erzbischof von Santiago de Compostela, zog das spanische Thronfolgerpaar in die Kathedrale ein. Mit ihnen natürlich eine große Zahl von Priestern, Santiagorittern und Leibwächtern. Die Reporter wurden vom Sicherheitspersonal aus dem Altarraum gewiesen und mit dem Verkünden der Anzahl neu in Santiago eingetroffener Pilger begann der Gottesdienst. So feierten wir an diesem Tag eine zweite Pilgermesse, noch wohlbewachter und feierlicher als die Erste.

Der Blick von der Freitreppe unseres Domizils auf die Kathedrale mit ihren Türmen und verschachtelten Dächern erfreute uns täglich aufs Neue. Nicht nur uns, wie auf dem nebenstehenden Foto zu sehen ist. In Santiagos Altstadt überall „Guten Tag“ zu sagen, das waren die ersten größeren Unternehmungen touristischer Art. Ganz ohne Termindruck gestalteten wir unseren Aufenthalt in Santiago. Je nach Tageszeit nahmen wir mal auf der Freitreppe nahe der Heiligen Pforte oder auf den Steinbänken des Praza do Obradoiro ein Sonnenbad. Dabei beobachteten wir die ankommenden Pilger und Touristen. Manchmal schleckten wir ein Eis in „unserem Wohnzimmer“, dem Café Derby in der Rúa  do Vilar. Gelegentlich lösten wir auch Eintrittskarten um Räume betreten zu können, die ohne entsprechendes Billet nicht zugänglich sind.

Eine Eintrittskarte ermöglichte uns ein ganz besonderes Abenteuer. Zusätzlich zu diesem umfassend guten Erlebnis sind wir auf dem steinernen Dach der Kathedrale drei jungen, lebhaften Menschen begegnet. Mit ihnen redeten wir angeregt über Gott und die Welt, im Besonderen natürlich über die Pilgerei. Bei den jungen Leuten handelte es sich um eine spanische Studentin, die uns freundlicherweise Dolmetscherdienste angeboten hatte und um zwei deutsche Studenten, die ehrenamtlich beim Malteserhilfsdienst im Kathedralbereich Dienst taten.

Mit einer kleinen, geführten Gruppe waren wir auf das Dach der Kathedrale gelangt. Die Karten für diese Dachführung hatten wir uns zeitig reservieren lassen, da täglich nur eine begrenzte Besucherzahl das Dach betreten darf. Das Steindach ist komplett begehbar. Es gibt sogar abgeflachte Plätze. Insgesamt wirkt das Dach mit seinen barocken Türmchen recht verspielt. Es können aber auch ältere Gebäudeteile entdeckt werden.

Die Geschichte von der Verbrennung der Pilgerkleider auf dem abgeflachten Chorhaupt der Kathedrale regte unsere Phantasie an. Es wurde berichtet, dass die Pilger des Mittelalters angehalten wurden vor Betreten der Kathedrale ihre verdreckten und verlausten Pilgerumhänge abzugeben. Meister Mateo hatte dafür extra am Mittelpfeiler des Pórtico de la Gloria zwei Ungeheuer geschaffen, in deren aufgerissenen Mäuler die Umhänge gesteckt werden konnten. Die von der langen Pilgerreise unbrauchbar gewordenen Pelerinen fielen hinunter in die so genannte Unterkirche und wurden von Kirchendienern hinauf aufs Dach getragen, wo sie verbrannt wurden.

Die Ein- und Ausblicke vom Dach sind großartig. Plätze und Straßen der Altstadt sind einzusehen. Ebenso kann von oben in den Kreuzgang geschaut werden. Schön ist es, Santiagos Dachlandschaft zu bewundern, oder den Blick weit in die Ferne schweifen zu lassen und das alles möglichst bei blauem Himmel und Sonnenschein. Für uns war natürlich der Blick auf „unsere Haustür“ von besonderem Interesse.

Mit dem dritten Sonnenaufgang in Santiago rückte unser Abschied näher. Ein letztes Mal im Año Jubilar Compostelano 2004 umrundeten wir die Kathedrale und beteten am Pórtico de la Gloria mit Blick auf unseren Pilgerpatron: „Hola Santiago, lass uns wiederkehren!“

Richtung Süden fuhren wir, dem 341 m hohe Monte Santa Tecla entgegen. Dieser Berg ist der eigentliche Wächter an der Mündung des Miño, dem Grenzfluss zu Portugal, obwohl der kleine Seehafen zu seinen Füßen „La Guardia“ (die Wächterin) heißt. Am 23. September wird dort, so hatten wir gelesen, das Namensfest der Santa Tecla gefeiert und wir wollten aus gutem Grund dabei sein.

So um die Mittagsstunde erreichten wir den Monte Santa Tecla und es schien, als würde der ganze Berg in einen Picknickplatz verwandelt. Die kurvenreiche Bergstraße war nur noch einspurig befahrbar. Stoßstange an Stoßstange parkten Autos mit geöffneter Heckklappe an und auf der Bergstraße und wir stellten unser Auto mit in die Reihe. Die Einheimischen entluden ihre Fahrzeuge und schleppten mit viel Einsatz und großer Begeisterung alles zum zünftigen Festtagspicknick erforderliche auf den Berg. Das waren: Sonnensegel, Zeltplanen, Decken, Kissen, Tische, Stühle und natürlich Kühltaschen und Körbe voller Speisen und Getränke.

Sie schleppten ihre Picknickutensilien auch in die auf halber Höhe befindliche Ausgrabungsstätte. Bei den Bauarbeiten an der Bergstraße wurde 1913 dieses Dorf aus der Zeit  um 20 v. Chr. entdeckt. Seit der Entdeckung wurden verschiedene Ausgrabungen vorgenommen. Schätzungsweise sind inzwischen etwa 50 % des Dorfes ausgegraben. Einige der keltischen Rundbauten mit kegelförmigem Riedgrasdach wurden rekonstruiert und erinnern an die Pallozas in Cebreiro.

Pünktlich um 13:00 Uhr fanden sich alle zur Festtagsprozession ein. Von Trachtengruppen, Fahnenträgern, Gläubigen und Priestern begleitet wurde die Prozessionsfigur der heiligen Thekla vom Fuß des Berges hinauf zur Santa Tecla Kapelle getragen. Die Prozession zog durch ein Spalier von begeisterten Pilgern.

Man glaubt, dass die Verehrung der heiligen Thekla an dieser Stätte bis in die westgotische Zeit zurückreicht. Seit dem 13. Jahrhundert pilgern am Montag vor Himmelfahrt und am 23. September, dem Tag der Heiligen, Gläubige aus Spanien und Portugal zum Monte Santa Tecla. Diese Tradition ist auf ein Gelübde zurückzuführen. Die Kapelle stammt aus dem 12. Jahrhundert. 1951 hat der Erzbischof von Tarragona dem Santuario de Santa Tecla eine Reliquie der Heiligen gestiftet. Diese Reliquie wurde nach der Prozession allen Pilgerinnen und Pilgern zur Verehrung dargeboten.

In Anschluss an die Reliquienverehrung fand knapp unterhalb der Kapelle eine Versteigerung statt. Zu unglaublichen Preisen wurden Feld- und Gartenfrüchte, die in der Prozession mitgeführt worden waren, versteigert. Für einen Gemüsezwiebelstrang wurden z.B. 30 € gegeben und die Festtagstorte erbrachte 600 €. Wir vermuten, dass es eine Ehre ist mitzusteigern. Möglicherweise wird das Geld zur Erhaltung der Anlagen am Monte Santa Tecla verwendet.

Noch nie im Leben habe wir das Fest meiner Namenspatronin in so großer Runde gefeiert. So richtig „rund“ wurde das Fest als wir das auf der Bergspitze befindliche Hotel entdeckten. Im Hotel Santa Tecla war ein Zimmer für uns frei und das Festtagsmenu wurde uns auch angerichtet. So gegen 17:00 Uhr wurden am Berg die Picknickutensilien eingepackt und pö a pö rollten die Festgäste von dannen. Nur kleinere Gruppen harrten etwas länger aus, darunter etliche Dudelsackspieler. Die Melodie der Musikanten begleitet uns beim abendlichen Rundgang am blank gefegten Theklaberg. Mit Hochachtung vor den Festteilnehmern registrierten wir, dass sämtliche Picknickabfälle eingesammelt worden waren. Ein gelungener Tag neigte sich dem Ende zu und wir waren so recht in der Laune einem  Sonnenuntergang beizuwohnen.

Fantastisch war es, am nächsten Morgen mit Blick auf den Rio Miño, den Atlantik und den Monte Santa Tecla wach zu werden. Bei der Talfahrt entdeckten wir einen gepflegten Wanderweg, der teils über Stufen und gepflasterte Abschnitte durch Pinienwald führt. Gestern hatten wir diesen Weg vor lauter parkenden Fahrzeugen nicht wahrgenommen. Viele Rastplätze mit Bänken und Tischen aus Granit säumen diesen Wander- und Pilgerweg, der weiter oben im Berg in zwei Kreuzwege mündet. Der ältere Kreuzweg stammt aus dem 17. Jh. und ist sehr schlicht. Der neue Kreuzweg entstand in den Jahren zwischen 1923 und 1940. Runde Medaillons schmücken die Kreuze, die keltischen Kreuzen nachempfunden sind.

Die Fahrt durch den äußersten Westen Spaniens war wiederum voller Erinnern. Obendrein war dieser Tag weder Hin-  noch Rückreise, sondern ein Tag zwischendrin. Darüber hinaus huschten während der ersten Stunden des Tages Landschaften und Orte vorüber, die wir im vergangenen Jahr bei unserer Fußpilgerung auf dem Caminho Portugues kennen lernen durften. Während der letzen Stunden der Tagesfahrt waren wir auf der Küstenstraße über Noia und Muros zum Kap Finisterre unterwegs. Diesmal fuhren wir die großen und kleinen Buchten aus, die wir bei unserer ersten Pilgerung (1994) ausschritten.

In Finisterre zog es uns wie immer zum kilometerlangen Sandstrand, an dem wir 1994 viele Jakobsmuschelschalen fanden. Zehn Jahre später hoben wir dort nur zwei klitzekleine Jakobsmuscheln auf. Zwei Erklärungen haben wir uns dafür zurechtgelegt. Einmal mag es sein, dass tatsächlich weniger Jakobsmuscheln angeschwemmt werden. Zum Zweiten könnte es aber auch daran liegen, dass gegenwärtig der gekennzeichnete Pilgerweg direkt am Strand verläuft und aus diesem Grund nichts Jakobsmuschelähnliches auffindbar ist.

Wie fast jeder Besucher, der zum Cabo Fisterra kommt, verweilten wir traditionsgemäß auf dem steil aus dem Meer ragenden Granitklotz. Dort wähnten sich die Pilger des Mittelalters am Ende der Welt. In ihrer Vorstellungswelt gerieten Schiffe, die von hier aus nach Westen fuhren in Gefahr, an den Rand der Weltscheibe zu gelangen und in den Malstrom der Unterwelt zu geraten. Wir, die wir im fortgeschrittenen Alter sind, saßen dort wie gehabt nur tagsüber. Nachtschwärmer sitzen scheinst  lieber im Mondeslicht dort. Feuerstellen zeugen von diesen nächtlichen Sitzungen.

Gegen die aufgehende Sonne zu fahren, das kündete vom Beginn unserer Heimreise und war sehr anstrengend für die Augen. Besonders kritisch wurde es immer dann, wenn wir vom Licht in den Schatten eintauchten. Kurzfristig sahen wir in diesem Moment nichts, gar nichts. Irritierend waren auch die vielen Staubpartikel, die sich im Verlauf der Reise auf der Frontscheibe angesammelt hatten. Durch die verstaubte Scheibe sahen wir im Gegenlicht nur eine verschleierte Welt. Das war Grund genug, sich vom Staub der Hinreise zu trennen.

Unsere Rückreise verlief parallel zum Camino del Norte. Wir wollten ihn ein wenig erkunden und damit fingen wir gleich im ersten Übernachtungsort an. Beim abendlichen Rundgang durch Ribadeo entdeckten wir die Pilgerherberge des Ortes. Mit Meer- bzw. Mündungsblick kann der Pilger hier wohnen. Die Herberge ist behindertengerecht gebaut. Sie verfügt über einen großen Aufenthaltsraum, eine Küche, einen Schlafraum mit 6 Etagenbetten und Sanitärräume. Plattenwege und Stufen führen hinunter zu Badebuchten. Nahebei sind Reste der ehemaligen Stadtbefestigung und der Burg San Damián zu sehen.

Wir selbst fanden Unterkunft im Zentrum von Ribadeo und blickten vom Hotelzimmer auf einen gepflegten Park und ein besonders prächtiges Haus. Das Haus wurde um 1900 von einem so genannten „Indiano“ erbaut. „Indianos“ wurden die in Lateinamerika zu Reichtum gelangten Heimkehrer genannt. Ähnlich prachtvolle „Indianohäuser“ sind an der Nordküste Spaniens des Öfteren zu entdecken.

Weiter auf der Küstenstraße. In Luarca machten wir gegen 10:00 Uhr einen Zwischenstopp. Der Ort wirkte noch ziemlich verschlafen. Möglicherweise wurde hier ähnlich wie in Ribadeo die Nacht von Samstag auf Sonntag zum Tage gemacht. Unter unserem Hotelfenster jedenfalls schwatzten Nachtschwärmer noch um 6:00 Uhr in der Frühe. Jakobspilger hingegen sind bekanntermaßen Frühaufsteher. In Luarca zogen vier Pilger an uns vorbei. Die gelbe Strahlenmuschel wies ihnen den Weg.

Ultreia, wir stoppten schon nach kurzer Zeit erneut um in Cudillero einen Besichtigungsrundgang zu unternehmen. Das Fischerdorf baut sich vor dem Besucher wie eine Theaterkulisse auf. Nach kurzer Verweildauer verließen wir den inmitten steiler Hänge liegenden Ort und fuhren weiter. Rechter Hand ragten die Gipfel der Kantabrischen Kordilleren und die Picos de Europa auf. Linker Hand wechselten sich grüne Wiesen und Hügel, die bis ans Meer reichen, mit steilen Klippen und versteckten Felsbuchten ab. In den Buchten gibt’s malerischen Fischerdörfer und Häfen zu entdecken.

Die Autobahn (A 8) durchschneidet rabiat die Costa Verde (grüne Küste). Täler und Schluchten sind mit Brücken überspannt, Berge von Tunnel durchbohrt. Zügig fuhren wir an Avilés, der Stadt des Eisens und an Gijón, der bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich bedeutendsten Stadt Asturiens, vorbei. Ein Abstecher nach Oviedo hätte sich angeboten, aber uns stand der Sinn nicht nach großstädtischem Getriebe. Zudem kann Oviedo nicht mal eben im Vorbeifahren erkundet werden. 

Ribadesella, Seebad und Fischereihafen, erwählten wir zum Übernachtungsort. Eine gute Wahl. Am Abend nutzten wir die äußerst gepflegten Promenaden des Ortes. Am Strand tummelten sich noch einzelne Badegäste. Weit mehr Menschen unternahmen einen Sonntagabendspaziergang. Viele, uns eingeschlossen, führte der Weg hinauf zur Eremita Guia, die wie ein Wächter über dem Hafen und der Badebucht thront. Meerseitig blickten wir auf Brandungswellen, die sich an den hohen Klippen brachen. Landseitig schauten wir auf den Ort im Mündungsbereich des Rio Sella und die steilen Gipfel der spanischen Kordilleren. Die letzten Sonnenstrahlen genossen wir in einem Straßencafe und schlemmten dabei chocolate con churros.

Am nächsten Morgen hing überm Meer ein dickes Wolkenband. Wir fuhren wieder in die aufgehende Sonne hinein. In San Vincente de la Barquera  wurde uns vor Augen geführt, wie stark die Gezeiten an der Costa Verde sind. Der Ort war, da gerade Ebbe herrschte, von dunkelfeuchtem Land (Watt) umgeben. Wasserumspielt sieht San Vincente sicherlich attraktiver aus. Der Altstadtkern befindet sich hoch über seiner Umgebung und wird von einer Burgruine aus dem 12. Jh. und der romanischen Kirche "Nuestra Señora de los Angeles" gekrönt. Wehrhaft sieht die Kirche aus und sie wird in alten Zeiten auch häufig als Fluchtburg gedient haben.

Santillana del Mar steuerten wir als nächstes an. Obwohl der in ganze denkmalgeschützte Ort den Zusatz „del Mar“ im Namen führt, ist weit und breit kein Wasser in Sicht (4 km bis zur Küste). Für uns zum Glück wird in Santillana del Mar der „Museumgeschlossensmontag“ nicht eingehalten. So konnten wir durch ein „Architekturmuseum“ schlendern. Wir entdeckten viele malerische Winkel und schmucke Hausfassaden. Insgesamt hat das Städtchen zahlreiche Paläste (fast 30) aus dem 15. bis 18. Jh. Die Fassaden dieser Paläste sind wappengeschmückt. In etlichen von ihnen kann der Tourist schlafen, essen oder einkaufen.

Die Stiftskirche ist das wichtigste Bauwerk von Santillana del Mar. In ihr werden die Reliquien der hl. Juliana aufbewahrt. Von „Santa Illana“ leitet sich der Stadtname ab. Im romanischen Kreuzgang der Stiftskirche können die wundervollen Kapitelle der Doppelsäulen betrachtet werden. Sie zeigen ornamentale und pflanzliche Formen, sowie Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Ganz in der Nähe von Santillana befinden sich die Höhlen von Altamira. Wir fuhren vorbei, da pro Tag nur eine geringe Besucherzahl eingelassen wird und wir nicht im Besitz von Eintrittskarten waren.
 

Zurück an der Küste parkten wir unseren Wagen an der Strandpromenade in Santoña und mieteten uns in einer Ferienwohnung ein. Nach so vielen Aufenthalten in Hotelzimmern genossenen wir den Komfort einer Wohnung in vollen Zügen. Am Nachmittag nahmen wir an einer Schiffsrundfahrt teil um endlich einmal die Steilküste vom Meer aus zu sehen. Wie uns bei der Rundfahrt vorgetragen wurde, hat Santoña als Flottenstützpunkt bei der Eroberung Amerikas eine wesentliche Rolle gespielt. Heute werden von Santoña aus Ölsardinen in alle Welt exportiert.

Mit Ziel Hondarribia verließen wir unser Quartier. In Castro Urdiales unterbrachen wir unsere Fahrt. Über dem Fischerhafen wachen die trutzige Wehrkirche „Nuestra Señora de la Anunciación“ und eine mittelalterliche Burg. Wir stiegen über viele Stufen hinauf. Vom Kirchenvorplatz sahen wir tief unter uns das Meer an steile Klippen schlagen. Angler nutzten die Einfriedungsmauer der Kirche, um ihre Angelruten anzulehnen. Ein für uns erstmaliger Anblick. Wo auf der Welt kann vom Kirchenvorplatz aus geangelt werden? Ob etwas angebissen hat? Wir warteten es nicht ab. Unmittelbar neben der Kirche befindet sich das Castillo de los Templarios. Unten am Hafen standen Rentner und tratschten über Vorkommnisse im Fischereihafen.

Bilbao präsentierte sich, von der Autobahn aus betrachtet, als eine Anhäufung von Hochhäusern. Es herrschte Gedränge auf der A 8 und den Schellstraßen rund um die Hauptstadt der Provinz Vizcaya (bask. Bizkaia). Draußen im Golf von Biscaya waren große Frachtschiffe zu sehen. Im Landesinneren Ölraffinerien und qualmende Schornsteine. Aufkommender Nebel mischte sich mit den Industrieabgasen und wir fuhren durch eine übel riechende Dunstglocke, die sich in Strandnähe wieder lichtete. Die Reise durch das Land unseres Pilgerpatrons näherte sich dem Ende. Als letzten Übernachtungsort in Spanien, bzw. im Baskenland, hatten wir Hondarribia ausgewählt, ein reizendes Küstenstädtchen. Auch hier war die Saison vorbei. In den mittelalterlichen Gassen am Altstadthügel bewegten sich fast ausschließlich Einheimische. Im Sommer sollen tausende Gäste durch die Altstadt schlendern um die Häuser mit den farbigen Holzbalkonen zu bewundern.

Am 29. September 2004 verließen wir Spanien. Zweiundzwanzig Tage lang war die Sonne unsere ständige Begleiterin, was im regenreichen Norden Spaniens durchaus erwähnenswert ist. An der spanisch/französischen Landesgrenze änderte sich dieser Umstand. Viele unserer Fahrtstunden durch Frankreich wurden von dichtem Nebel begleitet, der oftmals bis zur Mittagszeit anhielt. Einen Zickzackkurs hatten wir für die Heimfahrt abgesteckt. Mal nutzten wir mautpflichtige Autobahnen, mal Schnell- oder Landstraßen. Braune Hinweistafeln an den französischen Autobahnen künden von Sehenswürdigkeiten wie: Burgen, Schlösser oder historischen Stadtkernen, weisen aber auch auf Besonderheiten des jeweiligen Landstriches hin wie: Weinanbau, Viehzucht oder Holzgewinnung. Wir folgten gelegentlich den Hinweisen. So entdeckten wir Uzerche, zwischen Brive und Limoges gelegen. Der malerisch schöne Ort liegt auf einem Hügel in einer Flußschleife. Besonders reizvoll ist die Schieferdachlandschaft des Örtchens mit einer Vielzahl von runden Turmdächern.

Gewöhnungsbedürftig war für uns die Tatsache, dass in Frankreich früher zu Mittag gegessen wird als in Spanien. Unser liebgewordener Tagesablauf geriet durcheinander. In Spanien suchten wir in aller Gemütsruhe so zwischen 13:00 Uhr und 14:00 Uhr eine Bleibe. Mittagessen wurde oftmals bis 16:00 Uhr serviert, so dass wir wohl gestärkt nach einer kurzen Siesta Ortserkundungsgänge unternehmen konnten. Anders in Frankreich. Da begann die Mittagspause bereits um 12:00 Uhr. Wir mussten fortan ein frühes Abendessen, statt ein spätes Mittagessen einnehmen. Folglich erkundeten wir manche Gasse hungrigen Magens, so auch in Montargis. Kanäle durchziehen den Ort. Die Brückengeländer sind mit überbordendem Blumenschmuck versehen. In den Gassen wechseln sich Stein- und Fachwerkhäuser ab. Viele Altstadthäuser verfügen über eigene Anlegestege, die aber nur noch aus denkmalschützerischer Sicht erhalten werden. Schiffbar ist nur noch der die Stadt umgebende Kanal.

Am Vorabend des Erntedankfestes weilten wir in Nancy. In der Kathedrale werkelten viele Floristen. Anfänglich dachten wir, die Kathedrale würde aus Anlass des Erntedankfestes geschmückt. Wie wir jedoch den Plakaten vor und in der Kirche entnehmen konnten, wurde die Kathedrale zu Ehren des Saint Fleur blumengeschmückt. Jeder der emsig arbeitenden Floristen setzte seine eigenen Ideen um. Der Eine liebte klare Formen, der Andere barocke. Manche arbeiteten in Gruppen, Andere ganz allein. So entstanden Blumengirlanden an Geländern und am Kanzelaufgang, Blumenteppiche an den Kirchenpfeilern, liegende und stehende Blumenarrangements auf den Altarstufen und Blumenpyramiden im Mittelschiff.

Letzte Station auf unserer Pilgerreise im Año Santo Compostelano 2004 war Trier. Dort, am Grab des Apostels Matthias dankten wir Gott für die erlebnisreiche Pilgerung.


Unser detaillierter Routenplan 2004:

Routenplan-2004.pdf

Unser Pilgerfahrt vom 7.September bis 4. Oktober 2004  -  Thekla & Aloys

 

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Updated: 20. November 2016  -  13:15 Uhr

 

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