Der Jakobusweg von Köln über Trier, Toul, Clairvaux nach Vézelay
entnommen aus der Zeitschrift "Die Kalebasse Nr. 30, 31, 33, 35 und 37"

 

Etappenpilgern 2001, 2002, 2003 und 2004
 

Von Köln über Trier, Toul, Clairvaux nach Vezelay
 

Von Prof. Dr. Horst Degen

 

     Die Römer waren wohl die Ersten, die eine Straße von Trier aus durch die Eifel nach Köln anlegten. Sie war Teil der großen Nord-Süd‑Verbindung vom Rheinland in Richtung Provence (Frankreich). Auffällig bei den Römerstraßen ist ihr schnurgerader Verlauf. Heutzutage folgen die ebenfalls geradlinigen Bundesstraßen oft diesen alten Trassen.
     Schon kurz nach Gründung der Sankt‑Jakobusbruderschaft Düsseldorf konzipierte der Geschäftsführer des Vereins, Heinrich Wipper, einen »vereinseigenen« Pilgerweg von Düsseldorf nach Santiago de Compostela, der über Köln und Trier nach Frankreich verläuft. Dabei gab die alte Römerstraße die Richtung vor. Ihr genau zu folgen, war .jedoch nicht ratsam. Die Römerstraße ist nämlich ‑ zumindest von Köln bis Bitburg ‑ nicht mehr so einfach im Gelände zu entdecken und wird in ihrem südlichen 'feil gänzlich von der heutigen Bundesstraße Nr. 51 eingenommen. So lag es nahe, den Wanderweg Nr. 5 des Eifelvereins, an dem die bedeutenden Abteien von Prüm und Echternach liegen, als Basis eines Jakobsweges durch die Eifel zu nehmen.
     Im Jahre 1982 lud Heinrich Wipper zu einer ersten Pilgerwanderung auf diesem Weg ein ‑ allerdings erst ab Bad Münstereifel. Zu den Teilnehmern gehörte damals auch bereits Prof. Dr. Gerd Gellißen, der heutige Vorsitzende der Sankt-Jakobusbruderschaft Düsseldorf. In den Jahren darauf machten sich mehrere Pilgergruppen unter der Leitung unserer Mitglieder Georg Pigulla, Werner Neubach u. a. daran, diesen Spuren zu folgen. Der erste moderne Pilger, der allein und in einem Zug den Weg von Köln nach Santiago absolvierte und diesen Weg benutzte, war im ,Jahre 1985) unser Kölner Mitglied Herbert Simon. Im vereinsoffiziellen Itinerar Köln‑Santiago, das in der Kalebasse Nr. 17 (1995) veröffentlicht wurde, sind die zehn Tagesetappen von Köln nach Trier erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt worden.
     Im Rahmen des Projektes »Pilgerwege im Rheinland«, das der Landschaftsverband Rheinland zusammen mit der Deutschen St. Jakobus  Gesellschaft Aachen betreibt, ist diese Streckenführung durch die Eifel übernommen worden. Ebenfalls im Rahmen dieses Projektes führt die Sankt-Jakobusbruderschaft Düsseldorf ihre Aktion »Etappenpilgern 2001 « durch, bei der diese zehn Etappen nicht hintereinan­der, sondern verteilt über fünf Monate erwandert werden sollen. Die Aktion hat bei Mitgliedern und Freunden großes Echo hervorgerufen. Bis zu den Sommerferien sind fünf Tagesetappen absolviert und nach den Sommerferien stehen drei Wochenendetappen auf dem Pro­gramm. Im Folgenden möchte ich über meine Eindrücke bei den ersten vier Etappen berichten.

Von Köln nach Brühl

     Am Samstag, dem 31. März 2001, begann unser Projekt »Etappenpil­gern 2001 «, mit dem die Strecke von Köln nach Trier an ausgewähl­ten Samstagen und Wochenenden bis Ende September erwandert wer­den soll. Treffpunkt und Start war um elf Uhr unter dem großen Gewändestandbild des Apostels Jakobus am Petersportal des Kölner Domes ‑dem rechten der drei Portale. Leider sind die fünf großen Apostelfiguren aus den Jahren 1375 bis 1380 so schlecht erhalten gewesen, dass sie schon vor längerer Zeit durch Kopien aus Steinguss ersetzt werden mussten. Aber auch an diesen Kopien hat schon wieder der Zahn der Zeit genagt ‑ neben Autoabgasen sind wohl auch Tauben die Übeltäter. Auch an diesem Morgen saß eine Taube ausgerechnet auf der Bibel unseres Heiligen (übrigens der fünfte von links, mit Bibel in der rechten und Muschel in der linken Hand). Bereits eine halbe Stunde vor dem festgesetzten Termin fanden sich die ersten Teilnehmer erwartungsvoll ein. Manche waren direkt mit der Bahn angereist, andere hatten zuvor ihr Auto am Zielort Brühl abgestellt und benutzten von dort den Zug bis zum Kölner Hauptbahnhof. Die Wanderlustigen kamen von überall her: aus Bonn, aus Ratingen, aus Velbert, aus Weilerswist, aus Jüchen, aus dem Düsseldorfer und dem Oberbergischen Raum und natürlich aus Köln selbst. Es waren nicht nur Mitglieder unserer Bruderschaft, sondern auch andere am Projekt Interessierte, die über Pressenotizen und Mund-zu‑Mund‑Propaganda von der Aktion gehört hatten, sowie Mitglieder der Matthias‑Bruderschaft und der Deutschen St. Jakobus‑Gesellschaft. Manche berichteten, dass sie planen, in diesem Jahr selbst auf französischen oder spanischen Jakobswegen unterwegs zu sein. Sie betrachteten die heutige Veranstaltung als Einstimmung darauf. Auch Partner(innen) von Mitgliedern waren überredet worden, es einmal mit dem Pilgern zu versuchen: »Vierzehn Kilometer sind doch nicht so viel!« ‑ »Aber wenn man so etwas noch nie gemacht hat!« Sogar »Mammut‑Wanderer« aus Velbert, die sich sonst einmal im Jahr zu einer mindestens 50 Kilometer langen Power‑Tages‑Tour treffen, waren mit am Start. Hoffentlich lassen sich die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und Erwartungen unter einen (Pilger‑)Hut bringen!
     Der Andrang war jedenfalls unerwartet groß. Die Ausrichter hatten mit etwa 40 Teilnehmern gerechnet. Bis zum Beginn der Veranstaltung fanden sich aber mehr als einhundert Personen ein ‑ welch ein Zuspruch! Nur einer fehlte und wurde um so sehnsüchtiger erwartet: der Mann, der die Pilgerpässe aus der Druckerei mitbringen wollte. Der Vorstand der Jakobusbruderschaft hatte nämlich kurzfristig beschlossen, für diese erste Teilstrecke des »Kölner Weges« spezielle Pilgerpässe anfertigen zu lassen, die genau Platz für die Stempel der Etappenorte der 214 Kilometer langen Strecke von Köln nach Trier bieten. Aber auch die Nervosität der Veranstalter angesichts der fehlenden Pilgerpässe half im Augenblick nicht weiter; um Punkt elf Uhr musste der Terminplan eingehalten werden, denn die Gruppe wurde in der Sakramentskapelle des Kölner Doms zum Pilgersegen erwartet. Noch unter dem Jakobus am Petersportal gab es eine kurze Begrüßung durch den Schatzmeister der Jakobusbruderschaft und dann betraten wir den Dom. Die Sakramentskapelle erwies sich mit ihren etwa achtzig Plätzen als fast zu klein für unsere Gruppe. Einige mussten stehen.
     Durch die Ansprache des Domdiakons Witte wurde manchem Teilnehmer erst so recht deutlich, dass wir mit der kurzen Strecke des heutigen Tages von nur 14 Kilometern, die uns von Köln nach Brühl führen soll, eigentlich am Beginn einer mehr als 2000 Kilometer langen Pilgerfahrt bis zum »Ende der Welt« in Nord‑West‑Spanien standen. Nach dem gemeinsam gesungenen Lied »Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land«, bei dem es in der fünften Strophe viel versprechend heißt: »Sein wandernd Volk will leiten der Herr in dieser Zeit; er hält am Ziel der Zeiten dort ihm sein Haus bereit«, ging die Gruppe in den Chor des Domes vor den Dreikönigsschrein, der zwischen 1181 und 1230 zur Aufnahme der Gebeine der Heiligen Drei Könige geschaffen worden ist, und erhielt dort den eigentlichen Pilgersegen ‑ ein denkwürdiger Augenblick. Dann ein kurzer Blick noch auf das alte Jakobusfenster in der ehemaligen Jakobuskapelle (der zweiten Chorkapelle auf der Nordseite, heute Maternuskapelle genannt), das auch die Pilger früher beim Umgang im Chor vor Augen hatten, und dann ging es los ‑ zunächst durch das samstägliche Einkaufsgewühl auf der Hohen Straße in Richtung Süden zur romanischen Kirche » St. Maria im Kapitol«. Die Passanten schauten verwundert auf manche in unserer eindrucksvoll großen Gruppe, die Muscheln um den Hals oder an der Jacke trugen. Unser Kölner Mitglied Herbert Simon hatte gar einen Pilgerhut mit Muschel, eine Pilgertasche mit Muschel und einen schön geschnitzten Pilgerstab dabei. Nun wird doch wohl jeder erkennen können, dass eine Gruppe von Jakobspilgern hier unterwegs ist. Im Mittelalter hätte jedermann Bescheid gewusst.
     Gleichzeitig mit dem Aufbruch der Gruppe traf schließlich doch noch Hubert Röser, der sehnlichst erwartete Mann mit unseren Pilgerpässen, ein ‑ frisch aus der Druckerei und aus dem Kölner Verkehrsstau. Der Einfachheit halber ging ich mit ihm in die Sakristei und wir beide ließen zusammen die Pässe für alle Teilnehmer durch den Domdiakon Witte mit dem Dienstsiegel stempeln. Das Siegel des Kölner Domes wird der Größe des Bauwerks gerecht und könnte mit mehr als 4 cm Durchmesser das imposanteste der gesamten Teilstrecke bleiben.
     Der Besuch in »St. Maria im Kapitol« galt nicht nur den einzigartigen romanischen Türen, sondern diesmal natürlich vor allem den erhaltenen alten Glasfenstern mit zwei sehenswerten Jakobusdarstellungen. Der Kirchenführer meinte es gut mit uns und erklärte uns auch noch umfassend die Bedeutung der drei Konchen und die Krypta, die bekanntlich nach derjenigen des Kaiserdoms zu Speyer die zweitgrößte romanische Krypta in Deutschland ist. Der Weg nach Süden aus der Stadt heraus führte über den Waidmarkt. Hier wohnten und arbeiteten im Mittelalter die Blaufärber und Waidhändler. Das Gewerbe florierte und im 14. Jahrhundert schlossen sich die Waidhändler zu einer Zunft zusammen, die sie ‑ wegen der Nähe zur Jakobuskirche ‑ St. Jakobs‑Bruderschaft nannten. Tatsächlich stand dort am Waidmarkt bis zum Beginn des 19. Jahrhundert neben der noch erhaltenen romanischen Kirche St. Georg die Kölner Jakobuskirche. Sie war 1071 vollendet worden und damit eine der frühesten Spuren der Jakobusverehrung in dieser Region. Heute ist alles verschwunden, was mit Jakobus zu tun hatte. Nicht einmal die »Jakobstraße« in der Nähe bezieht ihren Namen vom »wahren« Jakob, sondern vom bekannten Kölner Fabrikanten Johann Jakob Langen (1794‑1869), der die Zuckerfabrik Pfeiffer & Langen hier in der Südstadt besaß. Allein ein modernes Jakobusfenster in St. Georg erinnert noch an die große Jakobustradition dieses Ortes. Es ist ein Werk des Niederländer Glasmalers Jan Thorn Prikker, der Ende der 1920‑er Jahre an der Kölner Kunstgewerbeschule lehrte, und befindet sich westlich der langen Vorhalle von St. Georg. Diese Vorhalle, durch die man heute St. Georg betritt, entstand 1551 / 52 als Verbindungsgang zwischen St. Georg und der benachbarten Pfarrkirche St. Jakob.
     Auf unserem Weg stadtauswärts wurde noch ein letzter Halt eingelegt, um die spätbarocke Elendskirche, die dem heiligen Papst Gregor dem Großen geweiht ist, von innen zu besichtigen. Sie war ehemals Friedhofskapelle für die »Elenden«, die Fremden (besonders Pilger), die Armen, die Heimatlosen, die Hingerichteten und die missliebigen Protestanten in reichsstädtischer Zeit. Jakob von Groote gründete 1678 eine Familienstiftung zur Abhaltung von Gottesdiensten in der Kapelle St. Michael. So konnte die Kapelle erweitert werden und erhielt den zusätzlichen Patron St. Gregor. Der Neubau im späten 18. Jahrhundert ist eine Stiftung von Franz Jakob von Groote, damals Bürgermeister von Köln, und seines Bruders Eberhard Anton, Kanonikus an St. Gereon und St. Maria im Kapitol. Die Kirche ist heute noch im Besitz der von Grooteschen Familienstiftung. Über dem Westportal verweist eine reliefierte Allegorie auf den Tod, der ‑ mit Tiara gekrönt ‑ auf einem offenen Sarg triumphiert. Da die Kirche normalerweise verschlossen ist, ergab sich aufgrund dieses Pilgerprojektes die seltene Gelegenheit, die schöne Jakobusfigur auf' dem linken Seitenaltar anzuschauen. Von der seit 1963 benachbarten Niederlassung der Schönstatt‑Schwestern aus wird das Gotteshaus heute betreut. Die Familie von Groote hatte noch einmal etwas näher mit dem Apostel Jakobus zu tun, denn ein Everhard von Groote war 1860 Herausgeber der bekannten Reisebeschreibung »Die Pilgerfahrt des Ritters Arnold von Harff« vom Ende des 15. Jahrhunderts, die be­kanntlich auch nach Santiago de Compostela führte.
     Hinter dem Severinstor führte uns die Merowingerstraße schon bald aus den Häuserzeilen heraus und in den Grüngürtel von Köln. Leider hatten sich einige Teilnehmer an der Elendskirche so in ein Gespräch mit der freundlichen Schwester verwickeln lassen, dass sie den Aufbruch und damit den Anschluss verpassten. Aber dank der modernen Technik mobiler Telefone konnten sie einige Zeit später wieder zur Gruppe zurückgeführt werden. An der Markusstraße ‑ so hatte man uns gesagt ‑bestünde die letzte »städtische« Möglichkeit, in einem nahe gelegenen Restaurant die Toiletten aufzusuchen. Wir wollten davon eigentlich auch Gebrauch machen, aber angesichts unserer Hundertschaft trauten wir uns schließlich doch nicht, das elegante Speiserestaurant zu stürmen. Jedoch gab es in der Nähe die Eisdiele »van der Put«, die wohl unter Kölnern als Geheimtipp wegen ihres guten Speiseeises gilt. Also kam ein Teil unserer Gruppe erleichtert und mit einem Eishörnchen auf der Hand zurück. Viele der Wartenden hatten inzwischen ihre Brotzeit aus dem Rucksack geholt. Dabei sorgten die »Muschelbrötchen«, die Monika Meyer‑Degen bei einer Velberter Shell‑Tankstelle besorgt hatte, für besondere Aufmerksamkeit.
     Schließlich hatten wir die Vorstädte von Köln endgültig hinter uns gelassen und gingen über Feldwege in Richtung Süden. »Jakobus sei Dank« war der Regen der vergangenen Tage heute einem fast wolkenlosen Himmel gewichen. Die großflächigen Pfützen auf den Feldwegen ließen uns unser Glück vollends bewusst werden, dass wir den ganzen heutigen Tag mit dem Wetter haben sollten. Der lange Zug der Pilger wechselte beim Wandern wie Zugvögel die Formationen, so dass sich immer neue Gesprächsgruppen bilden konnten. Die Zeit verging auf diese Weise wie im Fluge.
     Gegen 16.30 Uhr erreichten wir an der S‑Bahn‑Station Brühl-Vochem die Stadtgrenze unseres Etappenziels. Einige Mitpilger mussten sich bereits hier verabschieden, weil sie abends noch andere Termine hatten. Der größere Teil zog jedoch weiter bis zum Marktplatz im Zentrum Brühls. Hier fand an diesem Wochenende ein Frühlingsmarkt mit zahlreichen gastronomischen Angeboten statt. Nach der langen Wanderung wollten sich die meisten aber lieber sitzend bei einem Kölsch oder einer Apfelschorle im Brauhaus »Brühler Hof« erholen. Dazu blieb noch etwa eine Stunde Zeit, denn kurz nach 18 Uhr erwartete uns an der Kirche St. Margareten unser langjähriges Mitglied Prof. Dr. Günter Übers, um uns die Sehenswürdigkeiten der Kirche zu erläutern. Er verwies u. a. auf einen ehemals in der Kirche vorhandenen Jakobusbruderschaftsaltar, der sich heute in der nahe gelegenen Gemeinde Kierdorf befindet. Brühl als Etappenziel kam also nicht von ungefähr, denn auch hier hatte die Jakobustradition eine große Vergangenheit.
     Vom Küster in St. Margareten gab es abschließend noch den begehrten zweiten Pilgerstempel in unsere Pässe. Man verabschiedete sich gegen 19 Uhr mit einem herzlichen Dank an den Wanderführer der heutigen Strecke, Wilhelm Lensing, dem zweiten Vorsitzenden der Jakobusbruderschaft. Er hatte sämtliche Kontakte zu den Stellen geknüpft, die sich heute um unsere Pilgergruppe kümmerten. Alle Teilnehmer waren sehr zufrieden mit dem Verlauf des Tages und vereinbarten allerseits das Mitmachen bei der zweiten Etappe am 5. Mai. Manche fragte sich jetzt schon, ob ihnen die dann zu erwandernden 22 Kilometer von Brühl nach Euskirchen schwerer fallen würden? Und ob das Wetter wieder mitspielen wird? ‑ Jakobus wird hoffentlich wieder alles richten! Ultreya!

Von Brühl nach Euskirchen

     Nach mehreren Tagen mit Regenschauern und Gewittern hatte Jakobus tatsächlich ein Einsehen mit uns Etappenpilgern und sorgte am Samstag, dem 5. Mai 2001, für trockenes Wetter. Nach den sommerlichen Temperaturen von 20 bis 25 Grad der vergangenen Woche war es merklich kühler geworden. Doch zum Wandern waren Temperaturen um 14 Grad eher angenehm. Ungefähr 70 Pilger versammelten sich um elf Uhr am Bahnhof Brühl. Manche hatten vorher schon ihren Wagen ans Ziel in Euskirchen gefahren und waren mit dem Zug zurück nach Brühl gekommen. Viele bekannte Gesichter von der ersten Etappe, aber auch einige Neu‑Einsteiger waren dabei. Nach kurzer Begrüßung durch den Vorstand, brach man auf in Richtung Schloss Augustusburg und Schlosskirche. Das Residenz‑ und Jagdschloss mit dem herrlichen Treppenhaus von Balthasar Neumann und der schöne Landschaftsgarten von Peter Josef Lenne lädt zum Verweilen ein, aber unsere Gruppe hatte heute noch 22 Kilometer vor sich, so dass leider keine Zeit für eine Besichtigung blieb. An der Schlosskirche durften wir aber nicht einfach vorbeilaufen.
     Die Schlosskirche war Ende des 15. Jahrhunderts als Klosterkirche »St. Maria von den Engeln« der Franziskaner erbaut worden. Der Name war in Anlehnung an die Basilika von Assisi gewählt worden und ist heute die Bezeichnung der in der Schlosskirche angesiedelten katholischen Pfarrgemeinde. Der Erzbischof und Kurfürst von Köln Clemens August (1701‑1761) ließ die Kirche ab 1735 im Zusammenhang mit dem Bau von Schloss Augustusburg zur Hofkirche umbauen. Als Verbindungstrakt zwischen Schloss und Kirche ließ er die Orangerie bauen. Die lange, schmale Verbindung endet genau hinter dem Chor der Schlosskirche in einem kleinen Oratorium. Beim barocken Umbau der Klosterkirche wurde der Hochaltar von Balthasar Neumann entworfen und von Johann Wolfgang van der Auvera dekoriert. Mit dem lichtdurchfluteten Konzept eines durchbrochenen Altaraufbaus bis unter das Gewölbe ist ein spannungsreicher Gegensatz zur kargen Architektur des Innenraumes gelungen. Auffällig ist ein drehbarer runder Spiegel in vergoldetem Rahmen. Wurde er aufgeklappt, so konnten die Gemeindemitglieder in der Schlosskirche ihren betenden Kurfürsten auf der Empore des kleinen angebauten Oratoriums sehen. Es muss wie eine übernatürliche Erscheinung inmitten des Hochaltares ausgesehen haben. Der überirdische Rang des Kurfürsten hätte nicht deutlicher sichtbar gemacht werden können. Ob dieses Schauspiel jemals so stattgefunden hat, bleibt allerdings ungeklärt.
     Nun gab es vom Küster der Schlosskirche noch für die Neu‑Einsteiger den Stempel von Brühl in den Pilgerpass, den sich die Teilnehmer an der ersten Etappe bereits in St. Margareten geholt hatten. Dann wurde es ernst mit dem Wandern. Wir brachen vom Marktplatz nach Süden in Richtung Sportplatz auf, wo wir auf das schwarze Dreieck des Eifelverein‑Wanderwegs trafen, das uns den ganzen Tag begleiten sollte. Die erste und einzige »Bergprüfung« des heutigen Tages bestand aus dem Anstieg zum Gabjeiturm, dem Brühler Wasserturm. Nun ging es entlang des Pingsdorfer Sees und des Villenhofer Maars durch ein Waldgebiet des Naturparks Kottenforst-Ville. Anfang Mai hatten die Buchen ihr erstes zartes Grün angesetzt und es war eine Wonne, durch diese frühlingshafte Landschaft zu wandern.
     Nach dreieinhalb Stunden wurde eine erste kurze Rast am Swister Türmchen eingelegt, dem Rest der ehemaligen Kirche eines verschwundenen Weilers oberhalb des Swistbaches am Rande der Zülpicher Börde. Der Weiler an der Swist ‑ Weilerswist ‑ hat sich schon vor langer Zeit von ehedem 150 auf nunmehr 110 Meter Meereshöhe zwischen den Zusammenfluss von Swist und Erft verlagert. Bei der Burg Kühlseggen erreichten wir die Erft und wanderten bis Euskirchen an ihr entlang ‑ abgesehen von einem kleinen Abstecher nach Groß Vernich. Dort erwartete uns kurz nach 15 Uhr Pfarrer Burkhard Hoffmann, um uns seine Pfarrkirche Hl. Kreuz zu zeigen und uns den Pilgersegen zu erteilen. Das besondere Kunstwerk in der Kirche ist ein spätromanisches Holzkruzifix aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein großartiges Reliquienkreuz von enormen Ausmaßen, das Godefridus Schwingler, der letzte Abt des im Jahre 804 aufgehobenen Benediktiner‑Klosters in Köln-Deutz, im 19. Jahrhundert mit nach Groß Vernich gebracht hat.
     Eine Gruppe um Frau Elfriede Gummersbach und Frau Knappstein-Schmitz, die vor einigen Jahren eine Fahrt nach Santiago de Compostela unternommen hatte, ließ es sich nicht nehmen, unsere Pilgergruppe mit Kaffee und Kuchen im Pfarrsaal zu empfangen. Angesichts der kühlen Außentemperatur tat es allen zur Halbzeit der Wanderung gut, sich bei heißen Getränken und Gebäck ein halbes Stündchen auszuruhen. Auch die Dienstsiegel von Hl. Kreuz und St. Mauritius in Weilerswist lagen für unsere Pilgerpässe bereit und wurden gerne benutzt. Es sieht jetzt schon so aus, als ob die zwölf vorgesehenen Stempelfelder nicht ausreichen werden, wenn bei jeder Tagesetappe gleich mehrere Stempel hinzukommen.
     Als Wanderführer mahnte ich schon bald wieder zum Aufbruch. Gestärkt konnten einige die Kilometerzahl pro Stunde noch etwas erhöhen und die Gruppe war bald weit auseinander gezogen, zumal nun bei manchen älteren Wanderern die Knie und die Füße schmerzten. Wer in der Ville noch bei fast jedem Veilchen und Maiglöckchen stehen geblieben war, wer am Swister Türmchen noch den großen Bestand an Lungenkraut bewundert hatte, der hatte hier entlang der Erft kaum noch einen Blick für den roten Hartriegel, der jetzt im Frühjahr so schöne weiße Dolden aufwies.
     Kurz nach sechs Uhr erreichten wir über unterschiedliche Einstiege unseren Zielort Euskirchen, trafen aber bald an der Martinskirche alle wieder zusammen. Euskirchen war einst ein von den Herzogen von Jülich stark befestigter mittelalterlicher Ort gewesen, wurde aber im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. Nur um die Martinskirche herum blieb ein Stück der alten Stadtmauer erhalten. Die ältesten Reste der Martinskirche sind das mächtige Untergeschoss des Westturms und das Mittelschiff, das ursprünglich ein Kreuzgratgewölbe besaß. Die steile Raumform entstand am Ende des 12. Jahrhunderts, denn der spätromanischen dreischiffigen Basilika könnte eine schmalere, einschiffige Kirche vorausgegangen sein. Um 1300 vergrößerten die Bürger den Chor. Im 15. Jahrhundert baute man die Seitenschiffe in spätgotischen Formen neu auf. Auch die Gewölbe stammen aus dieser Zeit. Von der Ausstattung ist vor allem der Antwerpener Schnitzaltar (um 1520) zu erwähnen, der jedoch seine Flügel, die ursprüngliche Predella und das Gesprenge verloren hat. Das Gehäuse wurde 1863 erneuert. In den Unterbau des Hochaltares sind alte Figuren des Jakobus und Johannes eingefügt worden. Da Jakobus zur Heiligen Sippe gehört, die im Mittelfeld dargestellt ist, kommt »unser« Heiliger gleich zweimal im Hochaltar vor. Auch bei den acht kleinen, ehemals vielfarbigen Skulpturen an den Diensten des Obergadens ist Jakobus d. Ä. dabei ‑ auch wenn man ihn an dem abgebrochenen Pilgerstab kaum noch identifizieren kann. Offenbar hat der hl. Jakobus in der Martinskirche eine gewisse Bedeutung gehabt, denn in einer Urkunde aus dem Jahre 1680 sind acht Nebenaltäre erwähnt, darunter auch ein Jakobusaltar.
     Zum Abschluss warfen alle noch einen kurzen Blick auf das schöne romanische Taufbecken aus Namurer Blaustein in der Taufkapelle. Es stammt aus dem 12. Jahrhundert und weist fremdartig aussehende Masken und Monstren auf. Die Gruppe löste sich dann auf, nicht ohne sich für die nächste Etappe am 19. Mai wieder zu verabreden. Achtzehn Teilnehmer aus der Gruppe machten von dem Angebot Gebrauch, sich anschließend im Hotel Europa zu einem deftigen Pilgermahl zusammen zu setzen. Bei Lammfilet, Spargel oder »SchniPoSa« waren die Strapazen des Weges schnell vergessen. Zu bemerken ist vielleicht noch, dass ‑ anders als in Brühl ‑ dazu kein Kölsch mehr getrunken wurde, sondern bereits Bitburger Pils. Eifel, wir kommen!

Von Euskirchen nach Bad Münstereifel

     Wie viele Teilnehmer mochten sich wohl für die dritte Etappe von Euskirchen nach Bad Münstereifel interessieren? »Kommt heute vielleicht nur noch der harte Kern?«, fragten sich die Initiatoren des Etappenpilgerns. »Oder haben die Presseankündigungen in den lokalen Zeitungen möglicherweise neue Interessenten angelockt?« Nun, es kamen am Samstag, dem 19. Mai 2001, wohl beide Aspekte zusammen: Tatsächlich gab es aufgrund der beiden ersten Etappen schon viele bekannte Gesichter und mit einem freudigen Lächeln erkannten sich diese Pilger wieder. Aber auch einige Debütanten konnte Prof. Dr. Gerd Gellißen, der Wanderführer dieser Etappe, beim Start um 11 Uhr am Bahnhof Euskirchen begrüßen. Die meisten hatten ‑ der Empfehlung des Handzettels folgend ‑ ihr Auto zuvor zum Ziel gebracht und waren mit der Bahn zurück nach Euskirchen gereist. Dabei hatte einer unserer zwei »Pilgerhunde«, die auf dieser Etappe wieder mit dabei waren, im Zug den Fahrkartenkontrolleur so energisch angebellt, dass dieser auf jede weitere Überprüfung der Tickets unserer Pilgergruppe verzichtete. Das war gut so, denn einige hatten im Kampf mit den Tücken des Fahrkartenautomaten versehentlich eine zu billige Zonentaste gedrückt ‑ was sich nach dem Einwerfen der Münzen wohl nicht mehr korrigieren ließ. Das für den Kontrolleur bereit gehaltene Geld zum Nachlösen konnte so für eine Kerzenspende beim Kirchenbesuch in Bad Münstereifel verwendet werden.
     Gegen 11.15 Uhr setzten sich die etwa 70 Teilnehmer durch den Hinterausgang des Euskirchener Bahnhofs in Bewegung. Die Auto­fahrer staunten nicht schlecht über die lange Menschenschlange, die sich bemühte, dem Straßengewirr des Gewerbegebietes möglichst rasch zu entkommen und die offene Landschaft zu erreichen. Manche Autos hielten geduldig solange an, um der Gruppe eine Chance zu geben, gemeinsam die Bundesstraße zu überqueren. Schon bald war die Pilgergruppe weit auseinander gezogen ‑ die geübten Lang­streckenwanderer eilten vorne weg und die vom durchaus flotten Pil­gertempo überraschten Neulinge waren um Anschluss bemüht. So zog man durch die Bördenlandschaft, die hier der scherzhaften Bezeich­nung »Rübenlandschaft« alle Ehre machte, und später im Schatten hoher Pappeln über grüne Feldwege die Erft entlang.
     Ein kurzer Blick auf den als Pilger gekleideten hl. Rochus in der Martinskirche des großen Dorfes Stotzheim machte Mut, um den ersten Anstieg ins Vorgebirge der Eifel in Angriff zu nehmen. Wie auf einer Insel mitten in einem Waldsee liegen hier verwunschen roman­tisch die stattlichen Ruinen der Hardtburg (d. h. »Burg im Walde«), einer typisch rheinischen Wasserburg, die Mitte des 14. .Jahrhunderts vom Kölner Erzbischof Walram von Jülich im Rahmen der territorialen Kriege des hohen Mittelalters zur mächtigen Festungsanlage ausgebaut wurde. Überhaupt findet man in dieser Gegend viele befestigte Burgen, da hier die Gebiete von Kurköln und Jülich recht verwinkelt aufeinander trafen. Anders aber als viele Burgen in der Ebene wurde sie nicht im 16. oder 17. Jahrhundert zu einer Wohnburg umgebaut, sondern vermittelt heute noch das Bild einer mittelalterlichen Wehrburg. Die kurze Rast an der Hardtburg nutzte der eine, um sein Verpflegungspaket anzubrechen, und der andere, um die Aurora‑Falter auf den Blüten des Wiesen‑Schaumkrauts zu beobachten. Weiter führte uns der Weg an der keltischen Fliehburg »Alte Burg« vorbei. An manchen Stellen waren die doppelten Ringwälle aus der Zeit um 100 v. Chr. noch gut zu erkennen. Von hier oben hatte man eine schöne Aussicht über das Erfttal mit dem Weiler Kreuzweingarten. Dieser Ort am Rande der Eifel besitzt einige hübsche Fachwerkhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die uralte Pfarrkirche Zum Heiligen Kreuz wurde hoch über dem Dorf auf einer angeschütteten Bergnase erbaut, so dass die Stützmauern regelmäßig kontrolliert und ausgebessert werden müssen. Pfarrer Prüm empfing uns in der Kirche mit einer kleinen Führung. Das bunte Stilgemisch der Innenausstattung in barockisierenden Formen erklärte er mit dem Hinweis auf die »gute Stube« einer Wohnung, in der man auch ständig etwas Neues anschafft und deshalb manche Dinge verstellen oder anderswo unterbringen muss, wenn man sich nicht davon trennen will.
     Zum 1100‑jährigen Bestehen des Ortes Kreuzweingarten (früher: Weingarten) im Jahre 1993 wurde eine Festschrift veröffentlicht, für die Friederike Kuhl einen Artikel über die alten Kirchenbücher der Gemeinde aus dem 18. Jahrhundert geschrieben hat. Darin erfahren wir, dass wir nicht die ersten Jakobspilger sind, die diesen Weg über Kreuzweingarten nehmen: »1723 am 28. Mai verschied im Herrn ein Jakobiter (»lacobita quidem«, also ein Jakobspilger ‑ oder etwa ein Anhänger der Syrisch‑Orthodoxen Kirche?) mit Namen Joseph N., der aus der Gegend bei Wien in Österreich stammte, wie sein Gefährte angab, und auf dem Rückweg von Compostela war. Er wurde vom Schlagfluß getroffen, erhielt wegen Versagens der Sprache die Absolution unter besonderer Bedingung und wurde mit der Letzten Ölung versehen. Die Beweisstücke seiner Pilgerschaft (Muschel oder Urkunde?) werden mit dem Pilgerstab in der Truhe des Schöffen in Billig aufbewahrt.« Man fragt sich, was diesen Pilger auf dem Rückweg nach Wien hierher gebracht hat? Wollte er vielleicht noch das Heilige Köln besuchen? Die meist knappen Eintragungen der Kirchenbücher werfen häufig mehr Fragen auf als sie beantworten.
     Am Ortsausgang von Kreuzweingarten bewunderten wir die gut erhaltene Rinne und das steinerne Gewölbe der fast 100 Kilometer langen römischen Wasserleitung aus der Eifel nach Köln, die im z. Jahrhundert gebaut wurde. Noch einen Kilometer durch den Wald und unsere schon länger ersehnte Mittagsrast war endlich gekommen ‑ Nomen est Omen: Rast im Haus Maria Rast. Etwas mehr als die Hälfte der heutigen 16 Kilometer (eigentlich waren nur 14 km geplant, aber der lohnende Umweg über Kreuzweingarten und Maria Rast führte zu dieser Verlängerung) waren zurückgelegt. Die Sonne hatte sich inzwischen ihren Weg durch die Wolken gebahnt, so dass die Pause im beschaulichen Garten der katholischen Bildungsstätte Maria Rast, die seit 1947 hier von den Schönstätter Marienschwestern als ihr Zentrum in der Erzdiözese Köln betrieben wird, genussvoll ausgedehnt wurde. Tatsächlich befanden wir uns hier bei den Schönstatt‑Schwestern in der ersten Pilgerherberge auf dem Weg von Köln nach Santiago de Compostela! Denn die Schwestern von Maria Rast haben vor einiger Zeit schon zugesagt, dass sie (telefonisch angekündigte) Jakobspilger zu moderaten Preisen verköstigen und übernachten lassen wollen.
     Ausgeruht und wohl gestärkt machten wir uns an den zweiten Teil der Wanderung. Wir verließen das Waldgebiet und streiften entlang der blühenden Rapsfelder, deren süßer Duft uns noch lange begleitete. Der Weg führte durch Iversheim. An einer Kreuzung im Ort entdeckten wir einen preußischen Meilenstein, der uns deutlich machte, dass bereits vor über 100 Jahren hier eine bedeutende Fernstraße entlang führte. Für eine Besichtigung der berühmten römischen Kalkbrennerei mit ihren sechs Kalköfen und für einen Blick auf die stehende Muttergottes (um 1430) in der Laurentiuskirche blieb heute keine Zeit, denn Joseph Matthias Ohlert, der bekannte Heimatforscher von Bad Münstereifel, erwartete uns um 17 Uhr in der ehemaligen Stiftskirche von Bad Münstereifel, um uns etwas über diese Kirche St. Chrysanthus und Daria sowie über die Spuren der Jakobspilger in Münstereifel zu erzählen. Nachdem wir das hässliche Gewerbegebiet durchquert hatten, zogen wir wie die alten Pilger durch das großartige Werthertor mit seinem fünfgeschossigen Mittelbau in die Stadt ein. Münstereifel ist zu allen Jahreszeiten einen Besuch wert (nicht nur wegen der Konditorei eines blonden Sängers mit Sonnenbrille und tiefer Stimme) und die vielen Touristen am heutigen Samstag bestätigten dies wieder eindrucksvoll. Die Stadtbefestigung ‑ die besterhaltene im gesamten Rheinland ‑ mit mächtigen Stadtmauern, 14 Wehrtürmen und vier Toren ist imposant, so dass die Atmosphäre, die den mittelalterlichen Pilger hier früher empfing, auch von uns noch leicht nachvollzogen werden konnte. In Münstereifel waren die Tuchmacher, die Wollweber und die Rotgerber zu Hause. Eher weniger bodenständig muten heute die römische Glashütte, die Zinngießerei und die Printenbäckerei an, die sich als Touristenmagnet direkt vor einem Stadttor des Kneipp‑Heilbades angesiedelt haben.
     Das »Monasterium in Eiflia« ließ um 830 der Abt Markward der Benediktiner‑Reichsabtei Prüm an einer Stelle des oberen Erfttales bauen, an der das Tal breit genug zur Besiedelung war. Im Jahre 844 wurden die Reliquien des römischen Märtyrerehepaares Chrysanthus und Daria aus Rom hierher übertragen. So entwickelte sich bald eine rege Wallfahrtstätigkeit und städtisches Leben um das Kloster herum. Schon in dieser Zeit bestand hier ein Pilgerhospital, denn viele Pilger aus der Niederrheinischen Bucht kamen nach Münstereifel oder machten hier auf dem Weg nach Prüm Station. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurde aus dem Kloster ein Stift. Die Klosterkirche wurde zu einem eindrucksvollen Münster erweitert, wobei das Westwerk sein größeres Vorbild St. Pantaleon (um 990) in Köln nicht verleugnen kann. Trotz mehrfacher Umbauten ist das bedeutende Westwerk von 1050 noch im Kern erhalten.
     Im 14. Jahrhundert stiftete ein Münstereifeler Bürger das »Spital zum hl. Quirinus«, das bis zur Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts in der heutigen oberen Orchheimer Straße existierte. Erhalten geblieben sind die Hospitalsbücher, in denen u. a. auch von durchreisenden oder erkrankten Jakobsbrüdern die Rede ist. In der Stiftskirche befand sich auch ein Altar, der dem hl. Jakobus geweiht war und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgebrochen worden ist. An dem Pfeiler über dem ehemaligen Altar entdeckte man bei Renovierungsarbeiten eine Jakobusdarstellung als Epitaph eines Stiftsherrn. Auch existierte im 15. Jahrhundert eine Jakobusbruderschaft in Münstereifel.
     Es ist unzweifelhaft, dass wir hier auf unserem Etappenpilgerweg an einer außerordentlich wichtigen Station für die mittelalterlichen Jakobspilger angelangt sind. Noch eindrucksvoller als in Brühl sind hier die beurkundeten Spuren früherer Jakobspilger. Unser Kirchenführer Joseph Matthias Ohlert selbst hatte bereits im Jahrbuch des Eifelvereins 1986 und im Jahrbuch 1999 des Kreises Euskirchen über Einzelheiten der Hospitalsrechungen von Jakobsbrüdern berichtet. Die früheste Eintragung eines Jakobsbruders, der das Quirinushospital von Münstereifel in Anspruch nahm, stammt aus den Jahren 1608/ 1609: »Item den z. Marty eines Jakobs Broders kind im hospital mit den pocen krank gelegen: 6a« (d. h. 6 Alben = 6 Silbergroschen). Eine besonders interessante Eintragung stammt aus den Jahren 1610/ 1611, als drei Männern am 22. April gegen Vorlage einer Bestätigung der beabsichtigten Jakobswallfahrt durch den Heimatpfarrer Almosen gegeben wurde und denselben drei Männern am 20. September auf dem Rückweg von Compostela ‑ wiederum gegen Vorzeigen einer versiegelten Bescheinigung, dass sie tatsächlich in Santiago de Compostela gewesen waren ‑nochmals Almosen erteilt wurde. Fünf Monate hatten die drei Männer also für die Strecke von Münstereifel bis Compostela und zurück nach Münstereifel benötigt. Da steht uns ja noch einiges bevor! Aber in diesem Jahr wollen wir uns mit dem Teilziel Trier zufrieden geben. Wir durften übrigens überhaupt froh sein, dass man uns heute ‑ zu Zeiten der Maul‑ und Klauenseuche ‑ in die Stadt hinein gelassen hatte, denn ‑ so berichtet ein Ratsprotokoll vom 15. November 1670 ‑ zu Zeiten der Pest waren unter Androhung von Strafe keine »fremden Passanten, insbesondere Heiden, Ketzer und andere unbekannte Bettler und Jakobsbrüder« in die Stadt Münstereifel hinein gelassen worden. Wenn nicht die beginnende Vorabendsmesse dazwischen gekommen wäre, hätte uns Joseph Matthias Ohlert noch stundenlang über die Jakobusspuren in Münstereifel erzählen können. Da gibt es z. B. noch die drei Jakobsmuscheln im Familienwappen auf der Grabplatte der Margareta von Metternich. Auch im Giebel des Hängeepitaphs der Stiftsherren Arnold und Gotfried von Metternich findet man das Wappen der Metternichs wieder. Aber unsere Pilgergruppe wurde schon unruhig, denn noch stand das Stempeln der Pilgerpässe aus. Herr Ohlert holte einen Stempel der Pfarrgemeinde und ein Stempelkissen aus der Jackentasche. Leider hatte man ihm nicht das Dienstsiegel, sondern nur einen einfachen Adressstempel mitgegeben. Nach den dekorativen Bilderstempeln vom Kölner Dom, aus Brühl, Groß Vernich und Euskirchen nimmt sich der Münstereifeler Stempel ein wenig schlicht aus. Aber in der Vielfalt unterschiedlicher Stempeltypen liegt natürlich auch der Charme eines Pilgerpasses.
     Es hätte noch viel Sehenswertes in Münstereifel gegeben ‑ das zweigeschossige romanische Wohnhaus aus dem 12. Jahrhundert, das spätgotische Rathaus, die Jesuitenkirche von 1652, die historische Apotheke usw. Doch der Tag neigte sich schon langsam und unsere Pilgerfreunde mahnten zum Aufbruch. Doch einige stärkten sich noch in der »Alten Malzmühle« (als Jakobspilger traut man sich doch nicht »En de Höll« ‑ einem Gasthaus am Orchheimer Tor) und tauschten Erlebnisse vom Tage aus, bevor die Heimreise angetreten wurde. Wer nicht mehr mit dem Auto fahren musste, gönnte sich zum Schluß noch einen »Stephinsky Magenbitter«, ein hochprozentiges Lebenselixier, das ein Münstereifeler Apotheker im Jahre 1859 kreiert hat. Ob es nun am Schnaps lag, jedenfalls bekräftigten beim Abschied alle, wie sehr sie sich schon jetzt auf das Wiedersehen bei der nächsten hoffentlich wieder ebenso sonnigen ‑ vierten Etappe am 9. Juni von Bad Münstereifel nach Blankenheim freuen.

Von Bad Münstereifel nach Blankenheim

     Treffpunkt war am Samstag, dem 9. Juni, vor der Pfarrkirche St. Chrysanthus und Daria in Bad Münstereifel. Herr Joseph M. Ohlert, der uns beim letzten Mal so kundig durch die ehemalige Stiftskirche geführt hatte, war um 11 Uhr auch wieder dort und erwartete uns. Offenbar hatte unsere Nörgelei über den einfachen Adressstempel für unseren Pilgerpass bewirkt, dass er uns heute morgen dankenswerterweise noch die Möglichkeit verschaffte, im benachbarten Pfarramt ein schönes rotes Pfarrsiegel mit den beiden Kirchenpatronen zu erhalten. So ausgestattet machten wir uns mit fast 60 Teilnehmern auf die 18 Kilometer lange Strecke nach Blankenheim. Herr Jürgen Küppers, der sich in Münstereifel sehr gut auskennt, leitete die Gruppe beim Start und führte uns nicht sofort auf den Regionalwanderweg, den sog. Jugendherbergs‑Verbindungsweg, der die Jugendherbergen von Münstereifel, Blankenheim und Hellenthal untereinander verbindet und Münstereifel in Richtung Westen verlässt, sondern schickte uns über eine hölzerne Treppe auf den Umgang der Stadtmauer. Im Gänsemarsch schritten wir hoch über dem Ort und genossen den Überblick. Schließlich passierten wir den Wallgraben, durchquerten den Kurgarten, stiegen aus dem Erf'ttal heraus, umrundeten halb das »llähnchen« ‑ einen über 400 Meter hohen Hügel ‑ und stießen schließlich von Norden her wieder auf das JH des Eifelvereins. Wir hatten vor dem Hähnchen bereits Abschied genommen von der Euskirchener Börde. An klaren Tagen hat man von hier den letzten Blick auf die Türme des Kölner Domes, bevor man auf' die Hochebene der Eifel gelangt. Wir hatten wieder unglaubliches Glück mit dem Wetter: Zwischen einigen regnerischen Tagen schien heute tatsächlich die Sonne bei angenehmer Wandertemperatur. Die Luft war jedoch etwas dunstig, so dass der Blick nicht bis Köln reichte. Aber der Kontakt nach Köln sollte über Handy hergestellt werden. Frau Peters vom »Domradio« hatte ihren Anruf angekündigt, um mit dem Schatzmeister der Bruderschaft, Horst Degen, ein Live‑Interview auf UKW 89,75 zu schalten. Doch hier mitten im Wald außerhalb von Ortschaften war die Handy‑Verbindung so schlecht, dass es nur zu einem sehr kurzen Wortwechsel auf Sendung reichte.
     So zog unsere Gruppe durch dunklen Fichtenwald, bis wir schließlich nach Roderath gelangten. Hier hatte unser heutiger Wanderführer Heinrich Wipper in der Gaststätte »Zum Jägerstützpunkt« vereinbart, dass wir eine Rast einlegen durften, die Toiletten benutzen und unser Picknick verzehren konnten. Lediglich die Getränke wurden bei der Gaststätte gekauft. Wir schleppten nicht nur sämtliche 'fische und Stühle von drinnen nach draußen und eröffneten hinterm Haus einen großen Biergarten, sondern dabei auch allen Schmutz von den Sohlen unserer Wanderstiefel in die Wirtsstube. Die Wirtin ertrug unsere Invasion mit Fassung. Sie holte schließlich sogar noch ihren Franzbranntwein und rieb eigenhändig die schmerzenden Waden eines Mitpilgers ein, um ihn für die weitere Strecke wieder fit zu machen. So konnten wir nur rundherum zufrieden sein mit unserem Mittagsquartier und machten uns erst spät wieder auf den Weg. Noch nicht einmal die Hälfte war bisher geschafft. Also wurde das Tempo verschärft, denn am Ziel in Blankenheim erwartete uns Pfarrer Stoffels pünktlich um 17 Uhr.
     Angesichts der erhöhten Geschwindigkeit verpassten es manche Pilger, unterwegs einen Blick auf die wunderschönen Wildblumen am Wegesrand zu werfen: Wiesenknopf, Lichtnelke und Esparsette. Sogar eine Teufelskralle schielte blauäugig nach den Jakobspilgern. Die Zielgerade vor Blankenheim wird von der ehemaligen Römerstraße gebildet ‑ die Jakobspilger des Mittelalters waren also gewiss nicht die Ersten, die sich hier quer durch die Eifel geschlagen haben. So erreichten wir die alte Grafenburg oberhalb von Blankenheim, in der sich heute die Jugendherberge befindet. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurde in dieser Residenz glanzvoll Hof gehalten. Von den französischen Revolutionstruppen vertrieben, kehrte die gräfliche Familie nie wieder zurück. Die Einrichtung wurde verkauft, die Burg zerstört. Blankenheim fiel in einen Dornröschenschlaf. So blieben manche Straßenzüge mit mittelalterlichem Gepräge und Reste einer doppelten Ummauerung erhalten. In der um 1500 entstandenen einschiffigen Pfarrkiche St. Mariä Himmelfahrt empfing uns Pfarrer Stoffels und erklärte uns die kunsthistorisch interessanten Ausstattungsstücke, vor allem die drei zusammengehörigen spätgotischen Schnitzaltäre. Uns interessierte natürlich mehr noch unser Jakobus, der zusammen mit den übrigen Aposteln als große polychrome Figur aus Tuffstein von oben auf uns Pilger hinunter schaute.
     Danach zog unser Mitglied Ursula Nink ihre Flöte aus dem Rucksack und spielte die Melodie des alten deutschen Jakobsliedes »Wer das elent bawen wel«, des französischen Jakobsliedes »Quand nous partimes« und des im 12. Jahrhundert in Santiago de Compostela niedergeschriebenen Hymnus »Dum pater familias«. Mit dem Vorspielen gab sich aber Frau Nink nicht zufrieden und stimmte das Kölner Jakobslied an. Davon sang die Pilgerschar die ersten fünf Strophen, gedacht auch als Ständchen für den Mitpilger Lothar True, der vor ein paar Tagen 70 Jahre alt geworden war. Zum Wandertag passte besonders die fünfte Strophe des Liedes:

Durch die Eifel geht's nach Trier,
den heil'gen Rock verwahrt man hier im Dom aus alten Zeiten.
Pilger zieh'n nach St. Mattheis> du kannst sie hier begleiten.

     Mit unüberhörbarer Stimme sang dabei Pastor Stoffels mit, denn er kam gerade von einer Matthiaswallfahrt zurück. Zum Schluss drückte der Pastor jedem eigenhändig den Stempel in den Pass, der umfangmäßig wohl der kleinste der gesamten Strecke bleiben wird. Aber die Größe eines Stempels macht es ja nicht alleine aus. Als die Teilnehmer das Gotteshaus verließen, hatten sie das Gefühl, dass die Blankenheimer Kirche durch den Besuch so vieler Jakobspilger, den freundlichen Empfang des Pastors und das Erklingen der Jakobslieder zwar nicht zu einer Jakobskirche, aber doch zu einer Kirche am Jakobsweg geworden war.
     Wenn man im Erholungsort Blankenheim ist, darf man es nicht versäumen, die Ahrquelle zu besuchen. Sie quillt unter dem Kellergewölbe eines Fachwerkhauses als kleiner Bach hervor und beginnt hier ihre Reise, bis sie nach 89 Kilometern bei Sinzig in den Rhein mündet. Die Organisatoren hatten sich tagsüber kritische Gedanken gemacht um den Rücktransport. Am Wochenende ist es in Blankenheim mit der öffentlichen Verkehrsanbindung nicht so gut bestellt. Aber es fanden sich genügend Autos, die bereits am Morgen an den Zielort gebracht worden waren, so dass alle wieder zurück fanden. Pilger sind es offenbar gewohnt, sich selbst zu organisieren, um alleine alle logistischen Probleme zu meistern. So hatte ein Mitpilger morgens seinen Wagen zum Ziel gebracht und war von dort mit dem mitgeführten Fahrrad zum Start geradelt, um nun seinen Drahtesel auf dem Rückweg mit dem Auto dort wieder einzusammeln. Mehr als zwei Dutzend müde Teilnehmer nahmen sich noch Zeit und Muße, um gemeinsam im Biergarten des »Kölner Hofes« ein Bitburger Pils zu bestellen und auf das Gelingen der vierten Etappe anzustoßen. Am 30. Juni geht es weiter mit der fünften Etappe nach Kronenburg.

Von Blankenheim nach Kronenburg

     Die fünfte Etappe war die letzte Einzeletappe und auch die letzte in Nordrhein‑Westfalen. Sie führte über 20 Kilometer auf dem Jugendherbergs‑Verbindungsweg (JH) von Blankenheim über Waldorf nach Kronenburg. Kurz vor der Jugendherberge Baasem‑Kronenburg verließen wir den gekennzeichneten JH‑Weg, um die Pfarrkirche von Baasem in unsere Strecke einzubeziehen. Nachdem wir bei den vier zurückliegenden stets das Glück hatten, dass es an den Tagen um den Wandertag herum regnete, aber nie am entscheidenden Samstag, war es bei dieser Etappe leider genau umgekehrt. Doch zunächst schien noch die Sonne aus leicht bewölktem Himmel, als wir uns um 11 Uhr an der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt in Blankenheim trafen. Genau 60 Jakobspilger hatten sich eingefunden. Wanderführer Horst Degen begrüßte die Teilnehmer und erläuterte den vorgesehenen Tagesablauf. Vor dem Start warfen alle noch einen schnellen Blick auf »unseren« Heiligen unter den Apostelfiguren in der Pfarrkirche. Dann ging es los. Vorbei an der Ahrquelle und dem Kreismuseum führte der Weg zum Blankenheimer Weiher mit seinen zahlreichen Erholungsanlagen. Aber zum Erholen war es für uns noch zu früh. Wir stießen bald auf das Wanderzeichen JH, das uns heute den ganzen Tag begleiten sollte. Durch Wiesen und Felder führte uns das JH an einem modernen Matthiaskreuz vorbei. Es war von Teilnehmern einer Matthiaswallfahrt aus Kommern zum Grab des Apostels Matthias in Trier erst im Jahre 1980 errichtet worden. Die Abtei St. Matthias liegt vor den Toren Triers und besitzt das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen. Es verwundert nicht, dass im Mittelalter viele Jakobspilger auf ihrem Weg Trier besuchten. Die Matthiasverehrung mit ihren alljährlichen Wallfahrten nach Trier ist am Niederrhein und in der Eifel heute noch sehr lebendig. Wir wanderten weiter auf dem Weg unserer »Wallfahrtskollegen« und gelangten an einer Schutzhütte zum sog. »Russenkreuz«. Mit russischen Soldaten, die möglicherweise im Krieg hier zu Tode kamen, hat das Kreuz jedoch nichts zu tun. »Russen« hängt hier mit einem alten Ausdruck für »Rauschen« zusammen. Aber man weiß letztlich nicht, warum das Kreuz so heißt. Es erinnert an die tragischen Liebe eines jungen Mädchens, das hier den Tod fand. Das vorzeitliche Hügelgrab der Kelten, auf dem das Russenkreuz zwischen zwei alten Kastanienbäumen steht, weist auf die älteste Besiedlung in dieser Gegend hin. Bereits 6000 v. Chr. sollen Steinzeitmenschen im Eichholz bei Waldorf gelebt haben. Überliefert sind auch Sagen, wie z. B. die vom »Teufelsmenschen«, der sich um 3000 v. Chr. in dieser Gegend herumgetrieben haben soll. Da sollte man meinen, dass den Bauern in der Gegend um Blankenheim die Jakobspilger von heute wohl lieber sind. Das war aber wohl nicht immer so: »Jacobs bruder« war im 18. Jahrhundert zu einer Bezeichnung für Herumstreicher und Vagabunden heruntergekommen. Vor solcher kriminellen Energie mussten sich die Bauern schon hüten, vor allem, wenn die Galgenvögel getarnt im Gewand von Jakobspilgern unterwegs waren. Anlässlich einer sog. »General lands visitation« am 5. Mai 1738, einer Art zweitägigen Patrouille von Soldaten, bei der man bemüht war, im Waldgebiet zwischen Blankenheim, Roderath und Rohr möglichst viele der Vagabunden und sonstigen verdächtigen Personen festzunehmen, ist von einem Verhör des »von allmosen lebenden Jacobs bruder« Henricus Hoffmann in Blankenheim die Rede. Mitte Mai 1738 wurde Hoffmann des Landes verwiesen. Falls er das Blankenheimer Gebiet trotzdem noch einmal betreten würde, sollte er mit Ruten gezüchtigt und »mit einem brandtmahl bezeichnet« werden. Auch im Jahre 1742 wurden im Blankenheimer und Jünkerather Gebiet Soldaten ausgeschickt, um »die etwa darinnen befindlichen Zigeuner, Verdächtige, und ohne pass versehene personen« festzunehmen. Auch diesmal war ein »Jakobsbruder« dabei, nämlich Hans Peter Spinne. Er und seine ebenfalls festgenommenen und verhörten Verwandten hatten Pässe dabei, die »allen Anscheins nach wegen gehaltener andacht zu Cöllen, Rom und Compostell« ausgestellt worden waren. Woher man das alles weiß? Udo Bürger hat 1997 in Aachen ein Buch mit dem Titel »Henker, Schinder und Ganoven  - Unbekannte Kriminalfälle aus der Eifel des 18. Jahrhunderts« herausgebracht, in dem man sich über derartige Razzien in der Eifel informieren kann.
    Ab Schlemmershof bis zum Cafe Maus verläuft unser JH‑Wanderweg parallel zum Wacholderweg (Markierung W). Der Begriff Wacholder stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet »immergrüner Baum«. Zusammen mit der Eibe (wovon sich möglicherweise das Wort »Eifel« herleitet) gehört der Wacholder zu den ältesten Gehölzen in der Eifel. Der Wacholder wird über 100 Jahre alt und bis zu 10 Meter hoch. Seine Beeren sind im ersten .Jahr grün und im zweiten Jahr blau und genießbar. Die Geschichte des Wacholders ist in der Eifel eng verbunden mit der Entwicklung des Ödlandes aufgrund übermäßigen Abholzens des Waldbestandes. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren beinahe 45 Prozent der Fläche in der mittleren Eifel Ödland. Durch stärkeres Aufkommen von Land ­und Forstwirtschaft sind die Wacholderflächen inzwischen wieder so stark zurückgegangen, dass Schutzgebiete für die Restbestände eingerichtete werden mussten. So wurde im Jahre 1976 das Lampertsbachtal vollständig zum Wacholderschutzgebiet erklärt. Im Frühling blühen hier Küchenschellen und im Mai und Juni seltene Orchideen. Jetzt, d. h. Ende Juni, wird man von der Pracht nicht mehr viel sehen können. Aber wir mussten in Ahrmühle sowieso nach Westen abbiegen, so dass wir das Lampertsbachtal leider nicht berührten.
    In Nonnenbach, dem nächsten Dorf hinter dein Schlemmershof, erwartete uns die kleine Kapelle St. Brigida aus dem Jahre 1851. Der Einzelwanderer freut sich über den kleinen Brunnen und die Sitzgruppe in der Nähe. Für unsere Gruppe von 60 Personen war eine Ruhebank zu wenig, doch wir hatten ja auch nach knapp vier Kilometern Tagesstrecke noch keine Pause verdient. Aber als das bekannte Ausflugslokal » Cafe Maus« zur Einkehr lockte, wurden wir schwach. Bevor noch der Wanderführer auf die Disziplin von Jakobspilgern bei der Einhaltung von Wanderzeiten und Wanderplänen hinweisen konnte, waren einige bereits in die Toiletten, auf die Terrasse oder in den gemütlichen Schankraum verschwunden. Erst in Waldorf ‑ also knapp bei der Hälfte der Tagesetappe ‑ war die eigentliche Mittagsrast vor gesehen, und zwar in Charly's Hütte, einer »urigen Eifelkneipe«. Es gibt dort einen kleinen Garten mit gemütlichen Gartenmöbeln, der aber nur etwa 25 bis 30 Personen Platz bietet. Die übrigen Wanderer lagerten sich auf der benachbarten Wiese oder verzogen sich missmutig ‑ angesichts des schönen Wetters ‑ ins Innere des Lokals. Die Mienen derjenigen, die sich notgedrungen in die Gaststube setzen mussten, hellten sich schlagartig auf, als der Himmel sich plötzlich öffnete und ein gewaltiger Regenguss niederging. ,letzt saßen die Lacher innen und die Gesichter der Gruppe im Garten verdunkelten bzw. verwässerten sich. Aber ein richtiger Pilger lässt sich von einem kräftigen Gewitterregen nicht beeindrucken, zumal wenn es ihn nicht auf freier Flur erwischt, sondern in einem Gartenlokal.
    Charly alias Karl Becker kannte Jakobspilger bereits, denn dann und wann waren schon einmal Einzelwanderer auf dem Weg Richtung Compostela bei ihm eingekehrt, aber so viele auf einmal wie heute hatte er noch nicht gesehen. Wir hatten ihm eine »Etappenpilgern«‑Jakobsmuschel am Bändel mitgebracht, die sofort über die Bierzapfanlage gehängt wurde und künftige Jakobspilger darauf aufmerksam machen wird, dass sie hier bei »Charly« willkommen sind. Apropos Jakobusspuren, leider findet man sie auf' dieser Etappe recht selten. In Blankenheim gibt es an der noch jungen Ahr einen Campingplatz namens »Jakobsmühle«. Ob diese Mühle etwas mit unserem Pilgerpatron zu tun gehabt hat? Es ist unwahrscheinlich, womöglich hieß der Müller so, dem die Mühle einmal gehört hat.
     Die Pfarrkirche St. Dionysius in Waldorf, dem Ort unserer Mittagsrast, ist eine schlicht barock eingerichtete Eifeler Dorfkirche. Interessant sind die beiden hölzernen Statuen des hl. Bartholomäus, der seine eigene Haut über dem Arm trägt (Hat man dies nicht neulich noch in der Ausstellung »Körperwelten« gesehen?), und des hl. Dionysius, der seinen eigenen Kopf in den Händen hält. Waldorf ist ein Ort am sog. Brotpfad, der früher Almdorf, Waldorf, Ripsdorf und Hüngersdorf mit Blankenheim verbunden hat. Die Bauern mussten nämlich regelmäßig nach Blankenheim, um Steuern, Abgaben, Pacht oder Gerichtskosten zu bezahlen, da blieb selten genug Geld übrig, um in Blankenheim noch das nötige Brot einzukaufen und mit nach Hause zu bringen. Nach der Mittagsrast in Waldorf führt uns der Jose-Schramm‑Weg, der hier parallel zurr III‑Weg verläuft, unter lautem Donnergrellen und Blitze zucken durch Feld und Wald. Alles in allem hatten wir noch sehr viel Glück mit dem Wetter. Den stärksten Regenguss hatten wir ja bei der Mittagsrast gemütlich ausgesessen. Anderswo musste es noch weitaus heftiger geregnet haben. Die Wandergruppe war auch heute wieder meist lang auseinander gezogen. Die schnellsten Marschierer immer vorne an der Spitze, die gemächlicheren, die auch einmal einen Blick für die Kuckucksblumen und das Jakobskreuzkraut (Senécio jacobaea) am Wegrand übrig hatten, folgten mit großem Abstand. Insgesamt war das mittlere Wandertempo aber doch recht hoch. Wir hatten zu Beginn Treffpunkte als Haltestellen ausgemacht, wo sich die Gruppe wieder zusammenfinden konnte. Der nächste Treff war am »Vierherrenstein« bei 574 m über NN. Dies ist ein 500 ,Jahre alter Grenzstein aus Basalt mit den Wappen und Anfangsbuchstaben der Herrschaften Jünkerath, Kronenburg und Schmidtheim (die von Blankenheim fehlen). Nach einer Grenzbeschreibung (»Weistum«) aus dem Jahre 1500 begann und endete die alljährliche Begehung der Gemarkungsgrenzen durch die sieben Schöffen von Dahlem hier an diesem Stein.
    Weiter führte der JH‑Weg südlich an Dahlem vorbei, über die Bundesstraße 51 hinweg zum kleinen Dorf Baasem. Hier steht eine der schönsten zweischiffigen spätgotischen Kirchen der Eifel, die katholische Pfarrkirche St. Mariä Geburt . In manchen Führern wird sie ‑ wie die Kirche von Kronenburg ‑ ebenfalls als »Einstützenkirche« bezeichnet. Dies ist jedoch nicht korrekt. Von der romanischen Vorgängerkirche aus dem 12. Jahrhundert legte man um 1500 die Südwand nieder und errichtete stattdessen vier Pfeiler, so dass man den Kirchenbau um ein gleich großes zweites Kirchenschiff erweitern konnte. Der romanische Westturm wurde in die Gesamtanlage mit einbezogen und 1559 um die Obergeschosse erhöht. Ende des 19. Jahrhunderts kam noch ein kleinerer Nordchor hinzu, der auf den ersten Blick wie ein heiliges Grab wirkt, aber als Sakristei genutzt wird. Besonders schön ist das Netz‑ und Sterngewölbe mit herrlichen figürlichen Schlusssteinen, darunter der hl. Eligius, der Patron der Schmiede, und der hl. Quirinus. Es handelt sich wohl um das reichste spätgotische Gewölbe der Eifel ‑ aus jedem Pfeiler entspringen 16 Rip­pen. Im Jahre 1983 beschloss der Kirchenvorstand, Prof. Hubert Schaffmeister aus Iversheim den Auftrag zu erteilen, neue Farbfens­ter für das Langhaus zu entwerfen. Das Fenster ganz hinten am Turm ist Abraham gewidmet. Da man wegen der hölzernen Empore zunächst nur den unteren Teil des Fensters sieht und dort Schuhe, Stab und Tasche erkennt, denkt der Jakobspilger unwillkürlich an seinen Patron, aber die Objekte stehen hier als Zeichen des Aufbruchs in unserer gottesfernen Zeit und sollen an Abraham, den Vater des Glaubens, erinnern. Von kunstgeschichtlicher Bedeutung ist auch der Marienaltar im Nordchor in Formen der Spätrenaissance. Bemerkenswert sind die figürlichen Reliefs: Jesus als Knabe im Tempel, die Flucht nach Ägypten und die Szene des erschreckten Elternpaares auf der Suche nach dem Kind.
    Höhepunkt jeder Reise in die mittlere Eifel ist ein Besuch des abseits gelegenen kleinen Burgdorfes Kronenburg, dem »Juwel des oberen Kylltales« auf einem zungenartigen Bergvorsprung in 660 Metern Höhe über der Kyll. Dieser exponierten strategischen Lage verdankt der Ort seine Entstehung. Lediglich an der Nordseite waren mit Burggraben und Schildmauer Befestigungen vorzunehmen. Hier in der Nähe der Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Maas grenzten früher die großen Territorien der mittelalterlichen Feudalstaaten aneinander: Kurtrier und Luxemburg im Süden bzw. Südwesten sowie Kurköln und das Herzogtum Jülich im Norden. Die Besitzverhältnisse wechselten oft im Laufe der Geschichte. Erstmals urkundlich genannt wurde Kronenburg im Jahre 1227. Damals gehörte Kronenburg zum Herrschaftsbereich der Herren von Dollendorf. 1327 spaltete sich eine Seitenlinie ab, die sich fortan »von Kronenburg« nannte. Die Herren von Kronenburg regierten von ihrer Burg aus über die Orte in der Umgebung. Um die Burg herum entstand eine kleine Siedlung: Häuser der Ritter und Burgmänner, Bauern und Handwerker sowie der klerikale Bereich. Wenn man durch die winkeligen Gassen wandert, fühlt man sich ins Mittelalter zurückversetzt, denn der abseits der großen Straßen gelegene Ort hat sein historisches Aussehen bewahrt ‑ so wie vielleicht nur noch Reifferscheid in der Eifel.
    Wir betraten ‑ unter Glockengeläut, wie schon bei der letzten Wanderstrecke in Blankenheim ‑ den Ort Kronenburg durch das Nordtor aus dem 14. Jahrhundert, dem ursprünglich einzigen Zugang an der schmalsten Stelle des Bergsporns. Die Rückseiten der Häuser des Burgberings, die hier die geschlossene Straßenfront bilden, grenzen direkt an die meterdicke Ringmauer des 15. Jahrhunderts. Hier wohnten unter dem Schutz der Burg die Bauern und Handwerker, die den Wachdienst des Tores mit zu übernehmen hatten. Unter den hübschen Steinhäusern mit Fachwerkaufsätzen verdient das Haus Pallandt (Nr. 22) aus denn Jahre 1704 wegen der schönen Wappen an der Fassade Erwähnung. Einige Meter weiter steht man vor einem zweiten Stadttor, das erst 1625 in das Erdgeschoss eines Fachwerkhauses hinein gebrochen worden ist, um den Weg ins Tal zu verkürzen. Von der unteren Siedlung gelangt man dann durch das Mitteltor in die obere Siedlung. Dieser feudale Bereich des Orts war den Burgleuten vorbehalten. Dort befindet sich auch die katholische Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Die Ende des 15. Jahrhunderts vom Johanniterorden erbaute spätgotische zweigeschossige Halle ist eine Art Palastkapelle mit querschiffartig ausgebauter Herrschaftsloge. Ein einziger Pfeiler in der Mitte des Raumes trägt die vier ausgemalten Sterngewölbe ‑weshalb diese originäre gotische Bauform auch als »Einstützenkirche« bezeichnet wird. Ursprünglich hatte wohl Kardinal Nikolaus von Kues dieses Bauschema, das man wohl bei der Jakobinerkirche (1260) in Toulouse zum ersten Mal verwendete, an der Franziskanerkirche in Salzburg kennen gelernt und mit in seine Heimatstadt an die Mosel gebracht. 1451 gab er den Auftrag zum Bau der Hospitalkirche in Kues. Von dort aus verbreitetet sich dieser Bautyp im ganzen Eifelraum: 37 Einstützenkirchen sind nachgewiesen, von denen 17 heute noch erhalten sind. Die Kronenburger Pfarrkirche ist dem Original am ähnlichsten. Die Gewölberippen streben aus der einen Mittelsäule nach oben. Die Schlusssteine der Gewölbe weisen Heilige, Wappen und symbolische Darstellungen auf. Der Altar, der auf der Vorderseite ein Relief mit einem kleinen Maßwerkfenster und einem Pfau aufweist, der den auferstandenen Christus versinnbildlicht, stammt aus der Entstehungszeit der Kirche. Auffallend sind die Fresken der klugen und der törichten Jungfrauen am Triumphbogen. Auf einem Wandbild mit dem hl. Georg als Drachentöter erkennt man im Hintergrund die älteste Ansicht von Kronenburg. Vor der Kirche befindet sich ein kleiner Friedhof mit einem Kreuz aus dem 17. Jahrhundert. Von hier führt eine steile Mauertreppe in eine Stube über der Sakristei, in der früher die Ratsversammlungen abgehalten wurden. Auch der über dem Chor aufragende massive Kirchturm war in den Mauerring einbezogen und diente gleichzeitig als Wehrturm.
    Geht man die Dorfstraße weiter, gelangt man in die ehemalige Vorburg. Dort befindet sich das staatliche Amtshaus aus dem Jahre 1766 für den gräflichen Verwalter der Umgebung. Im Jahre 1414 war die Linie der Kronenburger mit Ritter Peter ausgestorben, da er trotz dreier Ehen keinen männlichen Erben hinterließ. Danach verwalteten Amtsmänner der vielfach wechselnden Eigentümer den Ort. Schließlich übergab im Jahre 1555 Kaiser Karl V. als Herzog von Luxemburg seinem Sohn Philipp II. von Spanien die Niederlande. Somit bildete Kronenburg eine spanische Enklave mitten in der Eifel, weshalb es im Volksmund damals die Bezeichnung »Spanisches Ländchen« erhielt. Von der eigentlichen Burg Kronenburg aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind heute nur noch die Ruinen des Bergfrieds und zweier Flankentürme erhalten, aber der schöne Blick ins Kylltal und auf den Kronenburger See lohnt den Weg hinauf und lockt den Besucher zu weiteren Wanderungen auf den umliegenden Eifelhöhen. Eine gewisse Bedeutung hatte Kronenburg, das heute als Künstlerstädtchen ausschließlich vom Tourismus lebt, zur Zeit der Eifeler Eisenindustrie mit den beiden Hütten in Hammerhütte und Kronenburgerhütte. Man fertigte u. a. Ofenplatten mit religiösen Motiven, aber die abgeschiedene Lage erschwerte den Absatz. Den hl. Eligius, den Patron der Schmiede, sowie Hammer und Zange als Symbol der Hüttenwerke finden sich noch unter den Schlusssteinen der Pfarrkirche.
    Ein Teil unserer Gruppe nahm am Vorabendgottesdienst in der Pfarrkirche teil, während die übrigen einen kleinen Rundgang durch das Dorf unternahmen oder im Galerie‑Cafe »Zehntscheune« einkehrten. Jedenfalls zum Ende des Gottesdienstes fanden sich alle wieder an der Kirche beim Küster ein, um sich den Pfarrstempel für den Pilgerpass abzuholen. Dann verabschiedete man sich und verabredete sich für das Wanderwochenende im August mit den Strecken von Kronenbrug nach Prüm und von dort nach Waxweiler.

Von Kronenburg nach Prüm

    Diesmal war alles anders. Man traf sich nicht nur für eine Tageswanderung, sondern man blieb ein ganzes Wochenende beisammen zumindest diejenigen, die es zeitlich und finanziell einrichten konnten. Immerhin wollten die beiden Übernachtungen im Hotel »Tannenhof« oder im Hotel »Haus am Kurpark« teuer erkauft werden. Preiswerter waren natürlich Privatzimmer, die es (einschließlich Frühstück) in Prüm schon für 25,‑ DM gibt oder die Jugendherberge, die aber in Prüm z. Zt. geschlossen ist und erst ab 2003 in modernisierter Form wieder zur Verfügung stehen wird. Prüm war also unser Standquartier für dieses Pilgerwochenende. Wer es realisieren konnte, reiste schon am Freitag, dem 24. August, an. Nach dem Abendessen trafen sich etwa 30 Pilger im Hotel »Tannenhof«, um zur Einstimmung auf das kommende Wochenende den Video‑Film über die ersten fünf Etappen von Köln bis zum aktuellen Startpunkt Kronenburg anzuschauen und Einzelheiten für die beiden folgenden Etappentage zu besprechen. Die Vorführung fand auf Großbildleinwand und als Open‑Air-Kino auf der Terrasse des Hotels statt ‑ professionell! Die Stimmung war gut, und die Vorfreude auf die beiden folgenden Tage war entsprechend groß. Schließlich mussten ‑ mit Hinweis auf das zeitige Frühstück am nächsten Morgen ‑ die letzten Pilger kurz vor Mitternacht von der Bar vertrieben werden.
    Der Wetterbericht für das Wochenende hatte Fortbestand der hochsommerlichen Wetterlage mit Temperaturen über 30° C vorhergesagt. Also war eigentlich eher Liegestuhl als Wanderetappe zu empfehlen. Nun befanden wir uns in der mittleren Eifel zwischen 500 und 700 m über dem Meer, so dass man mit etwas niedrigeren Werten rechnen durfte. Unsere gute Stimmung wurde von der Wettervorhersage jedenfalls nicht negativ beeinflusst. lm Gegenteil, wir freuten uns, dass die Prognose sonniges Wetter versprach und Regenjacken oder Regenschirme zu Hause bleiben konnten.
    Am nächsten Morgen fuhren wir mit möglichst wenig Autos zum Start der Wanderung nach Kronenburg. Um 9.45 Uhr war Treffpunkt am Nordtor des Ortes. Zur allgemeinen Überraschung und Freude erwarteten uns dort bereits weitere 20 Teilnehmer, die an diesem Morgen erst angereist waren. Die Temperaturen waren in der Frühe noch erträglich. Strahlend blauer Himmel lockte uns auf den Weg. Pünktlich brachen wir auf. Das Wanderzeichen des Eifelvereins war für den heutigen Tag ein schwarzes Dreieck (alle Nord‑Süd‑Wege des Eifelvereins sind so markiert), das den Willibrordusweg kennzeichnet, der von Reifferscheid über Prüm nach Echternach führt. Die Teilstrecke von Kronenburg nach Prüm ist 24,5 km lang und sehr abwechslungsreich. Wir verließen Kronenburg, indem wir hinab ins Tal der Kyll stiegen. Aufgrund der früheren Erfahrung, dass schon bald nach dem Start aufgrund unterschiedlicher Wandergeschwindigkeit die Gruppe auseinandergezogen wird, hatten wir einen frühzeitigen Haltepunkt auf der Kylltalbrücke beim hl. Nepomuk vereinbart. Dann folgte der erste langgezogene Anstieg auf den 640 m hohen Steinert. Unterweg genossen wir den Blick zurück auf den 27 ha großen Kronenburger See, der in den 70er Jahren als Regenrückhaltebecken und Freizeitgewässer für Segler, Surfer, Angler und Schwimmer gebaut worden war.
    Nach dem Abstieg passierten wir das kleine Dörfchen Ormont. Hier sollte es eigentlich keinen Lebensmittelladen, kein Kiosk und auch kein Gasthaus mehr geben. Zu unserer Freude war aber gegenüber der Margarethenkirche die Gaststätte »Bei Lomme« gerade wieder eröffnet worden, so dass wir den noch nicht ganz fertiggestellten Biergarten schon testen konnten. Einige lagerten auch auf den Eingangsstufen zur Gaststätte oder auf dem Rasen um die Kirche herum. An so einem heißen Tag kann man sich nicht nur auf eine Mittagspause beschränken, sondern muss den Wandertag häufiger für die Aufnahme von Flüssigkeit unterbrechen.
    Schon vor Ormont (535 m) waren wir auf den Matthias‑Wanderweg gestoßen, der nun mit unserem Willibrordus‑Weg zusammen auf die Schneifel (695 m) hinauf stieg. Die Bezeichnung Schneifel kombiniert die Worte »Schnee« und »Eifel«, denn tatsächlich fällt hier im Winter viel häufiger Schnee als sonst irgendwo in der mittleren Eifel. Der Weg verlief lange Zeit parallel zur Autostraße, aber da er auf einer eigenen Trasse durch den Wald geführt war, fiel uns dies nicht unangenehm auf. Die Wälder bestehen überwiegend aus Nadelgehölz, vor allem Fichten, unter denen in dieser Jahreszeit viele Pilze gedeihen. Die ersten Röhrlinge konnten schon gepflückt werden. Im Zweiten Weltkrieg kam es hier im unmittelbaren Grenzgebiet zu Belgien zu erbitterten Kämpfen. Während der sog. Ardennenoffensive im Dezember 1944 wurden die Wälder der Schneifel weitgehend zerschossen und verbrannt. Außer einigen Bunkerresten (und die Anlagen der Prüm Air Station) erinnert nicht mehr viel an diese schreckliche Zeit. Die Wälder sind wieder aufgeforstet worden. Wanderer im Sommer und Skilangläufer im Winter nutzen die zahlreichen Forstwege.
    Hinter dem Forsthaus Schneifel war etwa die Hälfte der heutigen Wegstrecke geschafft und wir legten eine ausgedehnte Rast ein. Vorgesehen war dafür der zweite Wanderparkplatz hinter dem Forsthaus. Aber offenbar war er vom Wanderweg aus nicht so leicht als solcher zu erkennen, so dass die Spitzengruppe an ihm vorbei eilte und am dritten Parkplatz eine Rast einlegte. Die hintere Gruppe wunderte sich, rastete aber dennoch am vorgesehenen Platz, lagerte unter den Bäumen, stärkte sich, ruhte aus und sah kleinen weißen Wölkchen zu, die am Himmel entstanden und sich schnell wieder auflösten. Mittels Handykontakt koordinierte man zwischen den Gruppen den Aufbruchszeitpunkt.
    Bald trafen wir auf die Wegmarkierung »weiße Welle«, die den internationalen Maas‑Rhein‑Wanderweg von Montherme in Frankreich bis nach Andernach am Rhein kennzeichnet. Dieser Markierung, die mit unserem schwarzen Dreieck noch vor Erreichung des »Schwarzen Manns« (mit 700 m höchster Bergrücken und Skigebiet der Westeifel) nach Süden abbog, folgten wir über Gondenbrett in Richtung Prüm.
    Als wir Gondenbrett passierten, war angesichts der Wärme der Durst schon wieder so groß, dass wir nach einer Tränke Ausschau hielten. Tatsächlich lag das Gasthaus »Schneifel« am Weg. Es hatte geschlossen. Aber Pilger finden sich nun einmal mit unangenehmen Gegebenheiten nicht ohne weiteres ab, sondern suchen nach einer passenden Lösung. Und die war heute einfach: Wie auch immer wurde der Wirt aus seinem samstäglichen Schlummer gerissen und eilte mit Familienunterstützung zum Zapfhahn. Sicherlich kamen ihm fast 50 unerwartete durstige Gäste auch nicht so sehr ungelegen.
    Nächster Haltepunkt war der Explosionskrater nördlich von Prüm. Hier oben auf dem Kalvarienberg stand von 1696 bis zum 15. Juli 1949 eine Kapelle. Die französische Besatzung hatte 1945 die Verwaltung des Terrains von den Amerikanern übernommen und ließ am Kalvarienberg zwei Stollen, die aus der Westwallzeit um 1938 stammten, mit Bomben, Minen, Granaten und anderem Sprengstoff verfüllen. Aus ungeklärter Ursache geriet im Juli 1949 einer der beiden Stollen in Brand. Dies führte zu einer gewaltigen Explosion und Katastrophe: 250.000 Kubikmeter Schuttmassen flogen durch die Luft, töteten zwölf Menschen, zerstörten 76 Häuser völlig und beschädigten mehr als 100 weitere Häuser. 200 Familien wurden obdachlos. Prüm wurde abermals zu 30 Prozent zerstört, nachdem die Kriegszerstörungen ‑ das Prümer Land war im Jahre 1944 Hauptaufmarschgebiet für die Ardennenoffensive gewesen ‑ bereits 80 Prozent der Stadt umfasst hatten. Ein Sprengtrichter von durchschnittlich 26 m Tiefe und großer Ausdehnung war entstanden und die Kreuzkapelle zerstört. Allein eine Grablegung Jesu aus der Krypta und Teile eines spätgotischen Passionsaltares konnten später aus dein Schutt geborgen werden und sind heute in der Basilika zu sehen.
    Als wir den Rand des Kraters erreichten, erwartete uns dort Heinrich Zeimentz, der regionale Wanderwegewart des Eifelvereins. Zu unserer großen Überraschung hatte er einen Kasten Mineralwasser mitgebracht. Das war genau das, was durstige Pilger an diesem heißen Tag brauchen konnten. Eindrucksvoll berichtete er uns als Augenzeuge von den Ereignissen am Explosionstag. Er informierte uns aber auch darüber, dass er extra für unsere Gruppe den Pfad auf die »Rommersheimer Hell« wanderbarer frei geschlagen hatte. Der Trierische Volksfreund hatte in seiner aktuellen Wochenendausgabe unter dem Titel »Jakobspilger auf dem Holzweg« über das dort lagernde und den Wanderweg blockierende Langholz berichtet.
    Als wir den Kalvarienberg hinab gingen, kamen wir an der neuen Kapelle »Unserer lieben Frau« vorbei, die im Jahre 1984 auf halber Höhe des Kalvarienbergs errichtet worden war und in Form und Aussehen der durch die Katastrophe zerstörten Kreuzkapelle ähnlich ist. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf den Ortskern von Prüm mit den beiden Türmen der ehemaligen Abteikirche. Wir gingen weiter hinab ins Tal und kamen schließlich durch die Spitalstraße zur Ortsmitte. Die Spitalstraße erhielt ihren Namen durch das Hospital St. Nikolaus, das hier bereits im Jahre 1187 urkundlich erwähnt ist. Hier konnten Kranke, Arme und Pilger versorgt werden. Das Hospital wurde beim großen Stadtbrand im Jahre 1768 zerstört. Es ist wahrscheinlich, dass hier die Jakobspilger entlang zogen, denn am Ende der Spitalstraße befand sich früher die Eingangspforte »St. Matthias«, durch die man direkt in den Stiftsbering, die sog. »Stiftsfreiheit«, gelangte mit Kirche, Kirchhof, Schule, Stiftshospital sowie Häusern und Gärten der Stiftsherren.
    Es war mittlerweile 17.30 Uhr. Da die Vorabendmesse erst um 19 Uhr war, holten wir zunächst die in Kronenburg verbliebenen Autos zurück. Nach dem Gottesdienst stempelte uns die Küsterin Frau Kiefer die Pilgerpässe. Es waren so viele, dass sie vom Stempeln bestimmt einen Muskelkater davon getragen hat. Dann setzten wir uns in das alte Chorgestühl zu einer kurzen Kirchenführung durch Dechant Robert Lürtzener. Er hatte sich Anfang der 90er Jahre große Verdienste bei der Initiative zur Sanierung der Basilika erworben.
    Nach dem Abendessen traf man sich gegen 22 Uhr wieder im Hotel Tannenhof, um über die mögliche Fortsetzung des Etappenpilgers im Jahre 2002 von Trier in Richtung Metz erste Überlegungen anzustellen. Was zuvor keiner erwarten konnte, das Interesse an einer Fortsetzung war so groß, dass die Bruderschaft sich nun um ein solches Projekt kümmern wird.
    Noch ein paar Anmerkungen zu Prüm: Prüm liegt auf halbem Weg zwischen Köln und Trier und ist eine Kleinstadt mit etwa 6000 Einwohnern, die ‑ ähnlich wie Bad Münstereifel ‑ für den Jakobsweg durch die Eifel von größter Bedeutung war. Macht man dies z. B. an der Zahl der Pflichtprozessionen fest, welche die Ortschaften im westlichen Teil des ehemaligen Erzbistums Trier alljährlich zu unternehmen hatten, dann folgte Prüm direkt hinter Echternach. Prüm ist eine Stadt mit langer und bewegter Geschichte, der man sich als Neuankömmling am besten mit Hilfe des Historienbrunnens »Prümer Stadtgeschichte« am Teichplatz nähert. Der Kunstschmiedemeister Hans Apel hat den Brunnen im Jahre 1991 geschaffen. Bei den dargestellten Szenen ist die Zeit von 800 bis 2000 in sechs jeweils 200 Jahre umfassende Perioden unterteilt, und in diesen sechs Bildleisten werden jeweils die bedeutendsten Ereignisse der Stadtgeschichte wiedergegeben. Die Geschichte der einstigen »Hauptstadt« eines kleinen Klosterstaates ist sowohl von Glanz als auch von Elend geprägt gewesen. Am 23. Juni 721 hatte die fränkische Adlige Bertrada aus Mürlenbach in der Vulkaneifel (Ahnfrau des karolingischen Hauses und Tochter der hl. Irmina von Oeren, der Gründerin von Echternach) und ihr Sohn Charibert ein Kloster im Tal der Prüm mit Mönchen ans dem Kloster des hl. Willibrord in Echternach gestiftet. Es war die erste Gründung im rheinischen Raum ‑ die Gründungen des 7. Jahrhunderts hatten vor allem im heutigen Belgien gelegen. Im Jahre 752 erneuerte König Pippin, angeheirater Enkel von Bertrada, das Kloster mit Mönchen aus der Abtei St. Faron in Meaux an der Marne, die nach den Regeln des hl. Benedikt lebten. Pippin konnte erreichen, dass Papst Zacharias (741‑752) dem wieder gegründeten Kloster wichtige Reliquien schenkte, nämlich u. a. Teile der Sandalen Christi (Sie befinden sich heute in einem Reliquienschrein im Chorraum links ‑ gegenüber dem von Kaiser Wilhelm von Preußen im Jahre 1874 gestifteten Prunksarkophag mit den Gebeinen Kaiser Lothar I.). In den Folgejahren wuchs das Kloster und wurde bald ‑ aus welchen Gründen auch immer ‑ zum Lieblingskloster der Karolinger. In Anwesenheit von Karl dem Großen und Papst Leo III. ist die Klosterkirche im Jahre 799 am Standort der heutigen Basilika eingeweiht worden. Angesichts der wertvollen Sandalen‑Reliquien erhielten Abtei und Kirche den Beinamen »Sankt Salvator« (Allerheiligster Erlöser). Nach ihrer Zerstörung 882 und 892 durch die Normannen baute Abt Regino sie in den Folgejahren wieder auf. In diesem Zusammenhang ließ Abt Regino im Jahre 893 ein Güterverzeichnis anlegen, das berühmte »Prümer Urbar«. Es ist eine der ältesten Rechtssammlungen Deutschlands. Das Kloster Prüm entwickelte sich unglaublich schnell und war zu jener Zeit bald eine der reichsten und mächtigsten Abteien des Reiches. Aufgrund ihres Reichtums wurde das Gotteshaus als »Goldene Kirche« bezeichnet. Seine Besitztümer reichten von der Normandie bis zur Rhöne und von Holland bis zum Münsterland. Zeitweilig zählte das Kloster bis zu 180 Mönche. Seit 1222 wurde das sog. »Goldene Buch« benutzt, um die Güter und Rechte neu aufzuzeichnen: 119 Güter in Mitteleuropa gehörten zu Prüm, fast alle Grafengeschlechter waren Lehensmänner der im Kloster lebenden Benediktiner. In einer ausgezeichneten Schreibstube entstanden kostbare Handschriften und Buchmalereien, die heute über ganz Europa verstreut sind. Im Jahre 1220 war das Prümer Land unter Kaiser Friedrich II. selbstständiges Fürstentum (mit eigener Stimme auf den Reichstagen) geworden, also ein unabhängiger kleiner Klosterstaat. Soviel Macht und Reichtum weckte Neid. Sogleich begannen die Auseinandersetzungen um die Selbstständigkeit mit dem Kurfürstentum Trier. Bis 1576 konnte Prüm seine Eigenständigkeit gegenüber Trier ‑ dem es an Macht und Ansehen bis dahin durchaus überlegen gewesen war ‑ behaupten, dann zwang Trier die Abtei Prüm mit Waffengewalt in die Knie. Das Fürstentum Prüm wurde dem Kurstaat Trier einverleibt. Der Kurfürst und Erzbischof von Trier wurde Verwalter ‑ und damit auch Bauherr der Abtei Prüm.
    Aber erst im 18. Jahrhundert kümmerte sich Trier um den Wiederaufbau der zerstörten Abtei. Dabei fehlte es wohl damals in Trier und in der Eifel an künstlerischem Bewusstsein. Rückblickend beurteilen nämlich heutige Kunsthistoriker das Bauwerk in seiner Ausführung als »von provinzieller Mittelmäßigkeit« (Walter Pippke). Die Baumeister der Kirche, Honorius Ravensteyn, Johann Georg Judas und Paul Kurz, hatten allesamt noch nichts vom Glanz des süddeutschen Barock gehört, als sie den 1730 geweihten Kirchenneubau konzipierten. Erst als 1749 Baltasar Neumann vom Kurfürsten Franz Georg von Schönborn in Trier den Auftrag erhielt, zusammen mit seinem Schüler Johannes Seiz das Abteigebäude neben der neuen Kirche von Prüm zu entwerfen, hielt der Barock Einzug in Prüm. Auch der Innenraum der Kirche spiegelt die anachronistische Gesamtkonzeption wieder: eine gotisierende dreischiffige Basilika, die noch völlig dem mittelalterlichen Raumschema unterworfen ist. Andere Kunsthistoriker formulierten es positiver und interpretierten das Innere als »ein bemerkenswertes Zeugnis für die Pflege gotischer Traditionen in den Trierer Landen« (Hans Caspary). Obwohl von der legendären goldenen Pracht der Ausstattung des Vorgängerbaus in der heutigen Pfarrkirche St. Salvator nichts mehr zu sehen ist, warfen wir mit unserer Gruppe doch einen Blick auf das Chorgestühl von 1731 mit Darstellungen aus der Geschichte des Benediktinerordens, auf die Sandsteinkanzel von 1590 mit Reliefbildern nach biblischen Themen und auf die Reste (sechs Kreuzwegstationen) eines spätgotischen Passionsretabels, der heute in der Drei‑Ärzte‑Kapelle unter dem Nordturm steht. Dort befinden sich auch die Reliquien der Heiligen Drei Ärzte, die seit dem 8. Jahrhundert in Prüm verehrt werden. Der Legende nach handelt es sich bei den hl. drei Ärzten Marius, Audifax und Abakuk um Pilger aus Persien, die um 268 die Märtyrergräber in Rom besuchten und dort selbst als Blutzeugen ums Leben kamen. Die Heiligen waren jedoch keine Ärzte, wurden aber schon früh so bezeichnet, weil an ihren Gräbern manche Gläubige von Krankheiten geheilt worden waren.
    Nach der Aufhebung der Abtei durch Napoleon im Jahre 1802 wurde die Basilika Stadtpfarrkirche und die Klostergebäude Staatseigentum. Heute dienen die Abteigebäude als Gymnasium.

Von Prüm nach Waxweiler

    Der Willibrordusweg, dem wir schon seit Kronenburg folgten, läuft von Prüm aus bis Meyersruh mit dem Karolingerweg zusammen, wendet sich nach der Trennung dann nach Schönecken, dann entlang des Nimstals und ab Nimsreuland über die Höhen in südwestlicher Richtung nach Waxweiler. 25,5 km Wanderstrecke standen am Sonntag, dem 26. August 2001, auf dem Tagesprogramm. Das schien nicht zuviel zu sein, aber anders als bei sämtlichen vorhergehenden Etappen, waren wir diesmal am Vortag ebenfalls schon 24,5 km unterwegs gewesen. Ich glaube schon, dass manche Teilnehmer beim Start um 9 Uhr in Prüm bemerkten, dass die Beine etwas schwerer waren als sonst. Aber die Schönheiten der Eifel und das hochsommerliche Wetter machten uns bald wieder munter.
    Wir trafen uns um 9 Uhr vor dem Tannenhof bzw. um 9.15 Uhr vor der Kirche. Hier erwartete uns nicht nur die Küsterin Kiefer, die gestern die Pässe gestempelt hatte und heute tatsächlich über einen Muskelkater in der rechten Hand lachend klagte, sondern auch Monika Rolef, Stadt‑ und Kirchenführerin in Prüm. Sie erzählte uns von Spuren der Jakobusverehrung in Prüm, von denen man heutzutage in der Kirche nichts mehr entdecken kann. Zu dem Zeitpunkt, als Kaiser Lothar I., der Enkel Karls des Großen, im Jahre 855 seine Krone niederlegte und als Mönch in die Abtei Prüm eintrat (sechs Tage später, am 29.9. 855, verstarb er dort), brachte er eine größere Menge Reliquien in das Kloster, das er als seine Grabstätte ausersehen hatte. Darunter sind tatsächlich auch Teile von den Gebeinen des hl. Jakobus für Prüm verbürgt. Auf Befehl Heinrichs II. wurde 1031 ein Reliquienverzeichnis aufgestellt, als er auf seinem Umritt durch das Reich die Abtei Prüm besuchte. Dabei wird auch St. Jakobus aufgezählt, dessen Reliquienpartikel Abt Markwardt aus Rom mitgebracht hatte, wo sie sich gemäß verschiedener Quellen noch im 6. Jahrhundert befanden. Noch im Jahre 1685 ist ein Jakobusaltar in Prüm nachgewiesen, der als »Altar der Kaufleute« bezeichnet wurde. Dieser Umstand lässt an die Jakobusbruderschaft an der Kölner Jakobuskirche denken, deren Entstehung ebenfalls durchaus kommerziellen Hintergrund hatte. Offenbar war die Verquickung von wirtschaftlichen und religiösen Interessen bereits in der damaligen Zeit gang und gäbe. So gab es in Prüm früher auch einen »Jakobimarkt«, der am Patronatstag des hl. Jakobus, am 25. Juli stattfand. Viele Händler und Bauern kamen an diesem Tag nach Prüm. Den Jakobimarkt gibt es heute nicht mehr. Was tatsächlich heute noch an die Jakobustradition erinnert, ist im Kirchturm die Glocke »Nr. 5« ‑ die sog. Jakobsglocke.
    Eine halbe Stunde später als geplant, wanderten wir schließlich los. Dadurch erreichte uns noch eine Pilgerin, die sich verspätet hatte und den Linienbusfahrer auf Höhe unserer Gruppe zum Halten bringen konnte. Steil ging es durch den Wald bergauf zur »Rommersheimer Hell«. Am Parkplatz bemerkten wir dankbar die Aufräumungsarbeiten von Wanderwegewart Zeimentz. Es erleichterte uns das Wandern sehr.
    Hinter Rommersheim führte unser Weg durch das Naturschutzgebiet der sog. Schönecker Schweiz. Der Name erklärt sich aus den dramatischen kleinen Schluchten der umliegenden Bachtäler. Bei »Meyersruh« grüßte uns ein Kreuz der Pilgerkollegen von der Matthias‑Bruderschaft Erkelenz. Entlang des Schalkenbachtals war ein Botanischer Lehrpfad eingerichtet, so dass wir alle naturkundlich weitergebildet nach insgesamt 11 km Schönecken erreichten. Schon im Mittelalter hatte man offenbar die Vorzüge von Schönecken erkannt und nannte es »Bella Costa«. Entlang der engen Hauptgasse des Ortes gab es viele Spuren der Vergangenheit zu entdecken. Immerhin wurde der Ort bereits im Jahre 993 in einem Zinsbuch der Abtei Prüm erwähnt. Hoch über dem Ort Schönecken im Nimstal erhebt sich die Ruine der Burg Schönecken, die im 13. Jahrhundert von den Grafen von Vianden errichtet wurde. Sie waren Vögte der Abtei Prüm, zu der das Land um Schönecken gehörte. Im Jahre 1384 gelangte die Burg in Trierer Besitz. Dies geschah im Rahmen der gegen die Abtei Prüm gerichtete Erwerbspolitik des Erzbischofs von Trier, dessen Amtsleute die Burg Schönecken bis 1794 bewohnten. Als das Dorf Schönecken im Jahre 1802 abbrannte, wurde die Burg ebenfalls zerstört. Unterhalb der Burg hatten sich nämlich schon früh Handwerker wie z. B. Töpfer und Handweber niedergelassen. Aus dieser Ansiedlung entstand ‑ ähnlich wie in Kronenburg ‑ der Ort Schönecken, der heute ‑ ebenfalls mit Kronenburg vergleichbar ‑ ein idyllisches Dorf mit vielen restaurierten oder restaurierungswürdigen historischen Gebäuden ist. Die Burg wurde ‑ auch das ähnelt Kronenburg ‑ dem Erdboden gleich gemacht, indem ihre Steine für den Wiederaufbau des Ortes frei gegeben und auch benutzt wurden. Nur drei aus der Burgmauer hervorspringende Schalentürme und die Ringmauer selbst sind noch erhalten. Auf dem Schutt des Burgplateaus haben sich einheimische Orchideen angesiedelt, die im Mai und Juni die Hobby‑Botaniker anlocken. Voraussetzung für die Orchideenvielfalt ist das Kalk‑ und Dolomitgestein, das wiederum aufgrund seiner 375 Millionen Jahre alten Versteinerungen viele Hobby‑Geologen anzieht.
    Für die Jakobspilger gab es aber eine ganz andere Überraschung. Die »Kappelle in dem Tal an dem Berge« aus dein Jahre 1484 steht auf halber Höhe zwischen Ort und Burg Schönecken. Obwohl oft als Burgkapelle Schönecken bezeichnet, handelte es sich dabei nicht um die eigentliche Schöneckener Burgkapelle ‑ die war viel kleiner und ehemals oben auf der Burg. Dieses Gotteshaus, ursprünglich zu Ehren der hl. Jungfrau Maria und des hl. Martin geweiht, war für die Burgmannen und Handwerker des Ortes gebaut worden. Auf dem kleinen Plateau südlich der Kapelle, die heute als Filialkirche St. Antonius geführt wird, bestand wohl früher ein Friedhof. Bei Stabilisierungsarbeiten an den abschließenden Stützmauern des Plateaus ist man auf Gebeine gestoßen. Die Kapelle besitzt außen an der Südwand eines Sakristeianbaus von 1756 einen in die Außenwand eingelassenen steinernen Altaraufsatz. Eine Familie Brandt hat im Jahre 1622 » diesen Altar reformieren lassen« ‑ darauf weist jedenfalls eine Textplatte im unteren Teil des Altaraufsatzes hin. Offenbar ist der Altaraufsatz viel älteren Datums. Diese Platte wird von drei großen Engeln gehalten. Hinter dem mittleren Engel ist der verzierte Rundbogen eines Portals angedeutet. Auf bzw. neben dem Rundbogen stehen drei Figuren, die ähnlich groß sind wie die drei Engel, jedoch noch besser erhalten: Links erkennt man einen Bischof, in der Mitte erhöht den Erzengel Michael mit der Seelenwaage und rechts Jakobus mit Pilgerhut und Muschel. Was für eine unerwartete Begegnung! Dies war tatsächlich ein »Pilger‑Jakobus«! Und was für ein schöner! In Brusthöhe sind auf dem Umhang noch zwei Muscheln zu erkennen. In der rechten Hand trägt er einen Pilgerstab, in der linken ein Buch mit Einband. Die nackten Füße weisen ihn als Apostel aus. Aufgrund der vielen Attribute bestand überhaupt kein Zweifel: das war unser Pilgerpatron. Hier oben in der Ruhe des abgelegenen Gotteshauses auf dem grasbestandenen, kleinen Vorplatz hätten wir ihn nicht erwartet. Wie mag er wohl hierher gekommen sein? Warum fanden wir ausgerechnet hier unseren Pilger‑Jakobus? In den Kunstführern über die Eifel ist er jedenfalls nicht namentlich erwähnt. Wir fühlten uns als seine Entdecker. Telefonate mit Mitgliedern des örtlichen Heimatvereins führten auch nicht recht weiter. Für uns hat sich aber wieder ein Stückchen mehr bestätigt: Wir müssen auf dem rechten Weg durch die Eifel sein!
    Das Cafe Gitzen in Schönecken (Hinter Isabellen 10) hat zwar schöne Plätze draußen auf einer Terrasse vor dem Haus, doch heute lockte uns mehr der kühle Gesellschaftsraum im Inneren der Gaststätte. Der Wirt und seine drei zusätzlichen Hilfskräfte gerieten angesichts der zahlreichen großen Apfelschorle und Radlerbestellungen schnell ins Schwitzen. In der zugehörigen Bäckerei konnte man belegte Brote und riesige leckere Kuchenstücke erwerben. Die Kuchenstücke waren so groß, dass beim Aufbruch noch einige Nachzügler beim Kuchenessen waren. Sie ließen sich Zeit und wollten später der Gruppe mit schnellerem Schritt folgen. Dies erwies sich kurze Zeit später als glückliche Fügung. Sie konnten nämlich einem Mitwanderer, der mit Kreislaufproblemen zurückgeblieben war, helfen. Jakobus sei Dank, verlief dieser Zwischenfall glimpflich. Aber wir haben daraus etwas Wichtiges gelernt: Man sollte niemanden allein am Ende der Gruppe gehen lassen ‑ auch wenn er es gern möchte und beteuert, er werde langsam nachkommen und die Gruppe bei der nächsten Rast wieder einholen. Man sollte vor dem Aufbruch allgemein fragen, ob jemand in der Gruppe gesundheitliche Einschränkungen hat, die man bei einem Notfall kennen sollte.
    Die Gruppe wanderte weiter über Nimsreuland, wo eine nette Bäuerin fleißig unsere Wasserflaschen auffüllte, und Lascheid in Richtung Waxweiler (340 m NN). Besonders zu schaffen machte uns der Aufstieg in praller Sonne über einen Asphaltweg. Es nagt an der Motivation zum Wandern, wenn man in der brütenden Hitze am Ende der Gruppe geht und die Spitze der Gruppe einen Kilometer weiter am Horizont immer noch auf derselben Teerstraße dahinziehen sieht. Hier ist der Willibrord‑Wanderweg wirklich nicht so ideal geführt. Irgendwann war aber auch diese Strecke zu Ende und wir durften wieder in den Wald zurück. Am »Alten Grenzstein« von 1610 vorbei, der die Grenze zwischen der Herrschaft Neuerburg und dem Erzbistum Trier kennzeichnete, gelangten wir zur Mariensäule auf dem 494 Meter hohen Eichelsberg oberhalb von Waxweiler. Von diesem Berg, einer uralten Kultstätte, hatte man einen herrlichen Rundblick. Im Tal unten begannen die Kirchenglocken zu läuten und lockten uns den steilen Pfad bergab. Dechant Colling war auf unsere Ankunft per Handy vorbereitet worden und ließ nun das Festgeläut der Pfarrkirche erklingen.
    Der Ort mit seinen heute etwa 1300 Einwohnern ist wohl um 700 bereits Kirchort gewesen. Die erste urkundliche Erwähnung einer Kirche in Waxweiler findet man im »Goldenen Buch« der Abtei Prüm um das Jahr 943. Der Sage nach kam der hl. Willibrord (657‑739) auf einer Missionsreise nach Waxweiler und predigte dort. Einige Einwohner führten aber derweil in der Nähe heidnische Tänze auf und weigerten sich, dem Missionar, der sie deshalb auch ermahnte, zuzuhören. Da rief der hl. Willibrord schließlich voller Zorn: »So springet und tanzet denn ohne Unterlass, wenn ihr von den Werken des Teufels nicht lassen wollt.« Und tatsächlich konnten die Tänzer nun nicht mehr aufhören zu tanzen. Erst als sie Besserung gelobten, befreite sie der hl. Willibrord von dem Tanzzwang, legte ihnen aber als Buße auf, nach Echternach zu ziehen und dort »mit heiliger Andacht« zu springen und zu tanzen. Seit dieser Zeit findet alljährlich am Pfingstmontag eine große Bußprozession von Waxweiler nach Echternach statt. Dort beginnen die Feierlichkeiten dann erst am Pfingstdienstag, nachdem die Waxweiler Prozession eingetroffen ist. Eine Springergruppe von Waxweiler Bürger eröffnet stets die »Tanzende Prozession« von Echternach. Eine Steintafel an der Außenmauer der Pfarrkirche in Waxweiler erinnert an diese Legende: »Hier mahnte vergeblich St. Willibrord die Frevler, die tanzten am heiligen Ort. Zur Strafe ward ihnen der Tanz zur Plag bis sie tanzten zur Buß nach Echternach!« Alle Historiker, die sich mit der Geschichte der Echternacher Springprozession ‑ die Gangart der »Springenheiligen«, einen Schritt nach links, einen nach rechts und schließlich einen vorwärts, reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück ‑ befasst haben, sind sich einig, dass der Ursprung der Prozession in Waxweiler liegt. Die Prozession hatte vermutlich einen medizinischen Grund. Es handelte sich wohl um eine Bitt‑ oder Dankprozession gegen eine im Spätmittelalter am Rhein und an der Mosel grassierende Tierseuche, die auch Menschen befiel. Sie wird als Johanniskrankheit oder »Veitstanz« bezeichnet und war mit epilepsieähnlichen Zuckungen verbunden ‑ vielleicht ein Vorläufer der heute so gefürchteten Seuche BSE oder Scrapie bzw. der Creutzfeld‑Jakob‑Krankheit? Man versuchte jedenfalls der Krankheit nach dem Motto zu begegnen: »similia similibus curantur« (Gleiches heilt man mit Gleichartigen), denn tatsächlich litten im Echternacher Gebiet damals Tausende an dieser Form der geistigen Umnachtung. Die Springprozession als Buß‑ oder Heilstanz sollte Abhilfe schaffen.
    Die dem hl. Johannes dem Täufer geweihte Pfarrkirche ist erstmals 1232 erwähnt worden. Im 18. Jahrhundert wurde der kurtrierische Hofarchitekt Johannes Seiz mit dem Neubau der Kirche beauftragt. In den Jahren 1922 / 23 vergrößerte man die Kirche so, dass der alte Bau als Querschiff stehen blieb, während Kirchenschiff und Chor neu errichtet wurden. Der Hauptaltar ist ein hölzerner Säulenaltar von 1771 mit einem großen Relief der Himmelfahrt Mariens im Mittelfeld. Links davon steht eine Skulptur Johannes des Täufers und rechts ein Jakobus als Pilger ‑ also auch hier wieder Jakobus an hervorgehobener Position, gleichrangig mit dem Namenspatron der Kirche! Die beiden Nebenaltäre besitzen gleichartigen Aufbau. Auf dem Willibrordaltar links stehen die Figuren der hl. Katharina und der hl. Barbara, auf dem Marienaltar rechts die Figuren des hl. Rochus und des hl. Eligius. Zum Kirchengerät gehört u. a. eine vergoldete Kupfermonstranz aus dem Jahre 1614, auf der Darstellungen des hl. Jakobus und der hl. Barbara neben einer Marienstatue mit Jesuskind zu sehen sind.
    Nach einer kurzen ‑ am Ende einer derart strapaziösen Etappe wussten wir diese Rücksichtnahme zu schätzen ‑ und sehr ergreifenden Ansprache erteilte uns Dechant Colling den Segen mit dieser Kupfermonstranz. Anschließend gab es in der Sakristei noch die begehrten Pilgerstempel ‑ mit beiden Pfarrsiegeln, d. h. zwei Stück für jeden! Inzwischen war per Handy ‑ dies ist für solche Zwecke eine wahrlich tolle Erfindung ‑ der gemietete Bus herangeholt worden, der uns direkt von der Kirche abholte und auf schnellstem Weg zurück nach Prüm brachte. Wir hatten es tatsächlich geschafft. Der erste große Test des Wochenend‑Etappenpilgerns war trotz der enormen Hitzebelastung positiv verlaufen. In 14 Tagen steht bereits die zweite Wochenend‑Wanderprüfung an ‑hoffentlich nicht wieder unter solch mediterranen Wetterbedingungen!

Von Waxweiler nach Oberweis

    Alles im Leben mittelt sich aus ‑ sagen die Statistiker ‑, auch die Erwartungen, die man an das Wetter haben darf. Nachdem das vergangene Wander‑Wochenende von so extrem hohen Temperaturen bei herrlichem Wetter geprägt war, sprach am Vortag dieses Wochenendes der Wetterbericht von »lange andauernden, ergiebigen Regenfällen bei stark böigem Wind aus Nord‑West«. Uns rutschte das Herz in die Wanderhose und wir packten Schuhe, Strümpfe, Hosen, Pullover und Ölzeug in doppelter Ausführung in den Koffer. Nicht mutlos, aber ohne jegliche Hoffnung auf angenehmes Wanderwetter machten wir uns am Freitag, dem 7. September, auf in Richtung Oberweis. Dort sollte unser »Hauptlager« für dieses Wochenende aufgeschlagen werden. Da das dortige Landhaus Wirtz nicht genug Platz für unsere Gruppe von mehr als 40 Personen hatte, wichen einige auf den »Hütterscheider Hof« in Hütterscheid (sehr empfehlenswert!) bzw. Gasthäuser in Biersdorf am See und Baustert aus. Nach dem Abendbrot trafen sich aber alle noch einmal im Saal des Landhaus Wirtz, um den Video‑Film über das vergangene Wander‑Wochenende anzuschauen.
    Nach den nötigen Vorbesprechungen, ein paar Sangesübungen mit Jakobusliedern und einigen »Batralzem« (hausgemachter Kräuterschnaps) ging es noch vor Mitternacht zu Bett. Einige Mitpilger hatten aber offenbar die Wirtin an der Theke doch noch länger mit Bitburger‑Zapfen beschäftigen können, denn gegen 1.30 Uhr erklang aus einem der Hotelzimmer ein fröhlich‑lautes »Freude, schöner Götterfunken ...« ‑ dabei wollten wir doch heute ausschließlich Jakobuslieder einüben!
    Von Kronenburg bis Trier bewegten wir uns mit unserer Pilgergruppe auf dem Eifel‑Wanderweg mit dem Wanderzeichen »Schwarzer Pfeil Nr. 5«. Schon in der Wanderkarte des Naturpark Südeifel, die vom Vermessungsamt Rheinland‑Pfalz in Zusammenarbeit mit dem Verein Naturpark Südeifel e. V. Anfang der 90er Jahre herausgegeben worden ist, wird diese so markierte Strecke als »zugleich Pilgerweg von Düsseldorf zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren in Santiago de Compostela« bezeichnet ‑ hier macht sich die langjährige Vorarbeit unserer Bruderschaft bezüglich der Streckenführung des Jakobsweges von Köln nach Trier bemerkbar.
    Die Etappe von Waxweiler nach Oberweis beträgt 26 Kilometer. Um 9 Uhr traf man sich in Oberweis, um mit möglichst wenigen Autos gemeinsam nach Waxweiler zu fahren. Am frühen Morgen hatte es noch geregnet, aber bald nach dem Frühstück war der Himmel aufgelockert. Alle waren verunsichert. Glaubte man nun den amtlichen Wetterfröschen oder verließ man sich eher auf die eigene aktuelle Einschätzung der Situation. Die meisten Teilnehmer trauten dem blauen Himmel noch nicht und packten umfangreiche Regenschutzkleidung in den Rucksack. Gegen 9.30 Uhr trafen wir an der Kirche St. Johannes der Täufer in Waxweiler ein. Dechant Colling begrüßte uns in seiner Kirche und erteilte uns den Pilgersegen. Als wir aus der Kirche heraustraten, fing es doch wieder an zu regnen. Alle kramten ihre Regensachen aus dem Rucksack, aber schon bald hörte es wieder auf. Und tatsächlich sollte dies der letzte Regen für diesen Wandertag gewesen sein. Wir konnten im Nachhinein unser Glück kaum fassen. Nach den miserablen Aussichten des Wetterberichts musste unser Pilgerpatron dem hl. Petrus, der ja bekanntlich für das Wetter zuständig ist, irgendetwas Attraktives versprochen haben (womöglich eine Flasche »Batralzem«), damit dieser das Wetter für unsere heutige Wanderung so ideal eingerichtet hatte.
    Hinter Waxweiler tritt der Wanderweg in den Naturpark Südeifel ein. Im Jahre 1958 gegründet, ist dieser Park der drittälteste unter den insgesamt mehr als 60 bestehenden Naturparks in Deutschland. Er erstreckt sich mit 725 Quadratkilometer Größe beiderseits der Flüsse Our und der unteren Sauer und ist somit international angelegt (Luxemburg und Deutschland). Die ausgewiesenen Wanderwege im Naturpark addieren sich zu einer Länge von mehr als 1200 Kilometern. Hier findet man Pflanzen und Tiere, die sonst in Deutschland nur selten zu finden sind. Innerhalb des Naturparks sind mehrere Gebiete zu Naturschutzgebieten erklärt worden, um die Erhaltung der Landschaft, der Flora und Fauna noch besser zu gewährleisten. Standen bei den zurückliegenden Etappen häufig kulturelle Sehenswürdigkeiten im Mittelpunkt, so interessierten wir uns heute vor allem für die herbe Schönheit der Eifellandschaft mit ihren zerklüfteten Felsgebilden, eingeschnittenen Waldtälern, Berghöhen mit endlosen Fernsichten und malerischen Dörfern.
    Wir wanderten über diese Höhen entlang des Flusses Prüm und ließen die Dörfer Niederpierscheid, Mauel und Merkeshausen hinter uns. An einem traditionsreichen Bauernhof in Urmauel stand der Bauer vor seiner Tür, als wir vorüberzogen. Die wallfahrtserprobten Matthiaspilger in unserer Gruppe beeilten sich anzumerken, dass es oft üblich sei, den Pilgern auf dem Weg ein Schnäpschen anzubieten. Der Bauer ging tatsächlich auf diese vorlaute Anfrage ein und führte einige von uns in die Milchkammer, um ihnen seinen »Zwitscherkasten« vorzuführen. Der Kasten enthielt zwei Schnapsgläser und eine Flasche Korn. Diese Vorführung wollte keiner der Umstehenden verpassen. Solche überraschenden und amüsanten Kontakte konnte man sich nicht entgehen lassen. Sie zogen unsere Wandergruppe aber auch weit auseinander. Fast hätten wir uns daher zwischen Mauel und Merkeshausen verloren. Ein kleinerer Teil der Gruppe verpasste bei intensiven Pilgergesprächen das Markierungszeichen und bog in Richtung Philippsweiler ab. Aufgrund energischen Einschreitens des Wanderführers konnten diese Pilger aber nach kurzer Zeit wieder auf den rechten Weg zurück geführt werden. Auf der Brücke bei Merkeshausen musste daher erst einmal mittels »Abzähl‑Appell« geklärt werden, dass keiner fehlte. In Echtershausen kehrten wir zur Mittagsrast beim Gasthaus »Kranz« ein. Inzwischen war die Sonne herausgekommen, so dass wir uns im Biergarten niederlassen konnten. Während sich einige nützlich machten und Tische und Stühle abwischten, labten sich andere bereits am leckeren Fallobst im Garten. Der Weg führte uns nach der Pause direkt über den Berg zum Bitburger Stausee, d. h. zunächst nicht weiter entlang der Prüm. So kamen wir nicht an Schloss Hamm vorbei, einem wieder aufgebauten, schon im 11. Jahrhundert erwähnten Anwesen, sondern sahen es nur in der Ferne liegen. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort »hamus«, d. h. Haken ab. Dies bezieht sich auf die Prüm, die hier in einer langgezogenen Schleife den Burgberg umfließt. Die spätmittelalterliche Wehranlage Hamm ist die größte der noch privat (Gräfin von Westerholt) bewohnten Eifelburgen. Bald erreichten wir den Bitburger Stausee. Eigentlich handelt es sich um die hier zu einem See aufgestaute Prüm, der somit »Prümer See« heißen müsste, denn Bitburg ist noch weit entfernt. Der See war eine hübsche Abwechslung auf unserer Wanderung. Er umfasst eine Fläche von 35 Hektar, besitzt zwei Millionen Kubikmeter Stauvermögen und ist so ein Eldorado für Wassersportler. Einige Mitwanderer hatten am diesem Wochenende hier am Bitburger Stausee in den idyllischen Hotels bei Biersdorf Quartier bezogen. Aber zunächst mussten alle weiter über Wissmannsdorf und Brecht bis zum Etappenziel Oberweis. Pünktlich um 18 Uhr kamen wir an der Kirche St. Remigius in Oberweis an. Wir sangen das Coesfelder Jakobuslied »Jakobus, treuer Freund des Herrn«. Es klang schon ganz ordentlich, denn wir hatten ja am Vorabend mit allen zusammen noch etwas geübt. Die Küsterin hielt schließlich für uns in der Sakristei den Pilgerstempel bereit. Dann mussten noch die Autos aus Waxweiler zurück geholt werden, bevor wir uns dem vorzüglichen Abendessen im Landhaus Wirtz widmen konnten. Der heutige Abend war deutlich früher zu Ende als gestern, denn alle waren müde von der anstrengenden Tageswanderung.

Von Oberweis nach Echternach

    23 Kilometer Wegstrecke beträgt die Etappe von Oberweis nach Echternach, die am Sonntag, dem 9. September 2001, als zweiter Teil der Wochenendwanderung zurückzulegen war. Landschaftlich gehört diese Strecke sicherlich zu den schönsten des gesamten Etappenpilgerns von Köln nach Trier. Daher hatten wir angesichts der niederschmetternden Prognose schon befürchtet, dass das Wetter den Schönheiten der Etappe nicht gerecht werden könnte. Aber am Sonntagmorgen schien zunächst die Sonne und so starteten wir die neunte Etappe nach dem Frühstück in großer Vorfreude. Aber das Wetter gestaltete sich heute ‑ anders als am Vortag ‑ leider nicht besser als die Vorhersage: viele Wolken, wenig Sonne und einige Regenschauern wechselten sich miteinander ab. Schon bald nach dem Start führte uns eine kurze Unachtsamkeit bei der Wegmarkierung auch noch vom rechten Wege ab, so dass wir ein paar nicht geplante Umwege machen mussten, um auf den Willibrordus‑Pfad zurück zu finden. Die gute Laune unserer Gruppe konnte dadurch aber in keiner Weise beeinträchtigt werden. Nur der Wanderführer bekam seinen Teil ab, weil er für den Umweg verantwortlich gemacht wurde: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Aber so schlimm war es auch nicht. Jakobspilger sind großherzig. An der Schutzhütte am Wolsfelderberg wurde eine Rast eingelegt. Die Ersten suchten die trockenen Plätze in der Hütte, den später Eintreffenden blieb nur der feuchte Trimm‑Dich‑Balken auf dem Spielplatz. Es regnete heute zwischendurch immer einmal wieder. Auf einem Höhenrücken zwischen den Flüssen Prüm und Nims ging es dann lange Zeit nach Süden. Der Wanderweg schien durch einen schier endlosen Wald geführt zu sein. Wir kamen an einem eindrucksvollen Hubertuskreuz von 1691 und einem Matthiaskreuz aus dem Jahre 1998 vorbei. Hinter dem seit 1964 bestehenden Feriendorf Prümerburg mit seinen verstreut liegenden Bungalows trafen wir auf die spärlichen Reste eben dieser Prümerburg, die von Matfrid, einem Gefolgsmann Karls des Großen hier oben, 180 m über dem Talboden der Prüm, errichtet worden sein soll. Die Burg hieß zur Stauferzeit »Prüm zur Lay« (Lay = Felsen). Heute sind nur noch Reste des fünfseitigen Bergfrieds und eine Giebelwand des spätgotischen Palas anzutreffen. Die Aussicht von hier oben ist grandios. Unten im Tal der Prüm erkennt man in der Ferne die weltberühmten Holsthumer Hopfenfelder, die exklusiv für die Bitburger Brauerei angelegt wurden. Bei der Burg führte unser Weg am sog. Graulkreuz vorbei, das den hl. Georg beim Bezwingen des Drachens darstellt. An diesem Kreuz sind Sage und Historie so eng miteinander verbunden, dass man sie kaum noch auseinander halten kann. Nach der Inschrift am Kreuz hat der ehrsame Georgius Thomas mit seiner Hausfrau und seinen Kindern dieses Kreuz zur Ehre Gottes im Jahre 1748 errichten lassen. Unten im Sockel erkennt man eine wohl noch ältere Inschrift, die den Wanderer (»viator«) auffordert, den Gekreuzigten anzubeten. Der Name »Graulkreuz«, der sich vom Wort »Graulen«, d. h. Fürchten herleitet, verweist auf einen Turm, der an diesem Ort früher gestanden hat. In diesem Turm wurden besonders qualvolle Torturen an den Gefangenen vorgenommen. Der Sage nach sollen die Raubritter der Prümerburg einen Edlen aus der Nachbarschaft hier über längere Zeit gefangen gehalten haben. Dem Sohn des Gefangenen gelang es schließlich, seinen Vater mit einer List zu befreien. Dieser zerstörte danach den Graulturm und ließ stattdessen dieses Georgskreuz errichten. Seither hilft es allen Passanten, das »Graulen« zu überwinden. Wir fürchteten tatsächlich ein wenig den Weg hinunter ins Prümtal, denn einige Teilnehmer merkten nach der gestrigen Wanderung über 26 km bei Abstiegen ihre Knie deutlicher als ihnen lieb war.
    Die Überquerung der Prüm zwischen den Orten Prümzurlay und Irrel ist mit Hilfe einer gedeckten Holzbrücke genau oberhalb der Prümer Wasserfälle möglich. Sie sind ein Anziehungspunkt für Touristen. Nun darf man die Bezeichnung »Wasserfälle« nicht zu wörtlich nehmen, es sind eher »Wasserschnellen«. Die Entstehung dieses Naturschauspiels ist geologisch einfach zu erklären. Erdgeschichtlich gehört das Gebiet des Ferschweiler Plateaus zum unteren Lias. Der Sandstein aus Ablagerungen des Liasrneeres aus der Zeit vor 180 Millionen Jahren ist porös, so dass Regenwasser durchsickern konnte und sich in die unter dem Lias liegenden Kalk‑ und Keuperschichten hineinfraß. Dadurch stürzten große Steinbrocken in die Prüm und bildeten so die heutigen Wasserschnellen, die ein Dorado für Kanufahrer sind. Hinter der Brücke führte unser Weg nun steil bergan auf das eben erwähnte Plateau mit der bizarren Felsenwelt der Teufelsschlucht ‑ eine Herausforderung für Jakobspilger in moralischer wie landschaftlicher Hinsicht. Das Ferschweiler Plateau ist eine 30 Quadratkilometer große Hochebene, die durch ihre steilen Felsränder einer natürlichen Festung ähnelt. Sie liegt zwischen den tief eingeschnittenen Flusstälern der Prüm im Osten und der Sauer im Westen. Bis zu 40 Meter hoch ragen die Felstürme der Teufelsschlucht auf. Der Wanderweg führte durch ein Nadelöhr aus Felsen und über schmale Steintreppen zwischen Felswänden. Einige Felsformationen erinnern an Tiere, Menschenköpfe oder Fantasiegebilde. Viele steinerne Zeugen weisen darauf hin, dass dieses Gebiet seit mindestens 5000 Jahren besiedelt ist. Die Menschen lebten verstreut in ihren Hütten, geschlossene Ortschaften gab es noch nicht. Am östlichen Rand, wo wir das Plateau betraten, ist es urwaldartig verwachsen mit seltenen Schluchtwaldpflanzen, Orchideen und Farnarten ‑ eine Fundgrube für Biologen. Das Naturwunder Teufelsschlucht ist die wildeste begehbare Felsenschlucht im Deutsch‑Luxemburgischen Naturpark. Ein Naturlehrpfad erläuterte uns die Gesteinsformationen und die vorkommenden Pflanzen. Ein Besucherzentrum informierte uns über alle biologischen, geologischen und archäologischen Besonderheiten der Gegend. Es gab hier auch einen kleinen Kiosk, der die durstigen und hungrigen Wanderer mit Kaffee und Pflaumenkuchen versorgte. Obwohl wir unsere Ankunft mit 40 Personen telefonisch angekündigt hatten, gab es an der Essensausgabe eine lange Schlange, da offenbar noch andere Wandergruppen zur selben Zeit eingetroffen waren wie wir. Unsere eiligsten Wanderer hatten ihren Kuchen schon lange aufgegessen, als die letzten (Fußkranken) noch in der Schlange standen. Unruhe kam auf und wir beschlossen, dass die schnelleren Teilnehmer schon einmal auf dem beschwerlicheren Willibrordweg weiter wandern sollten, während die langsameren Wanderer vom Besucherzentrum aus den kürzeren und einfacheren Weg quer über das Plateau nehmen würden. Diese demokratische Entscheidung des Wanderführers überraschte die mitwandernden Matthiaspilger, denn bei deren Pilgertouren herrscht stets strenge Disziplin, so dass eine vorübergehende Teilung der Gruppe undenkbar wäre. Aber an der Liboriuskapelle am Ernzerberg trafen wir uns wie abgemacht alle wieder ‑ Jakobus sei Dank ‑ und konnten so gemeinsam in Echternach einziehen. Die Liboriuskapelle wurde im Jahre 1950 wieder aufgebaut, an dieser Stelle stand aber bereits in alter Zeit eine Kapelle. Anlass zu ihrer Errichtung soll möglicherweise die Überführung der Gebeine des hl. Liborius von Le Mans in Frankreich nach Paderborn im Jahre 836 gewesen sein. In unmittelbarer Nähe der Liboriuskapelle befindet sich seit dem 18. Jahrhundert eine Einsiedlerklause, die so in das Felsmassiv eingemeißelt ist, dass man sie nur über Treppen, die aus dem Stein herausgehauen wurden, erreichen kann. Hier wohnten Generationen von Eremiten, die als Hüter der Liboriuskapelle tätig waren.
    Wir trafen auf den Wanderweg Nr. 6, der von Aachen kommend bis Echternacherbrück führt. Wir stiegen mit ihm zusammen den Berg hinunter und erreichten bei Echternacherbrück den Grenzfluss Sauer und damit luxemburgisches Gebiet. Bis zur Französischen Revolution reichte das Herzogtum Luxemburg übrigens viel weiter nach Osten, bis zur Kyll und zur Salm und sogar noch darüber hinaus. Seit 1815 bilden nun Sauer und Our die Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland. In Sprache, Sitten und Gebräuchen gibt es aber auch heute noch viele gemeinsame Charakteristika bei den Bewohnern diesseits und jenseits der Grenze. Wir betraten Luxemburg nur für ein paar hundert Meter, nämlich just, über die ‑ nach Kriegszerstörungen wieder aufgebaute ‑ alte Sauer‑Brücke bis zur Abtei Echternach, eine der ältesten Christianisierungs‑ und Kulturstätten Europas. Der Aufschwung der ältesten Stadt Luxemburgs am alten Sauerübergang begann aber schon lange vor der bedeutenden Klostergründung, nämlich bereits zu spätrömischer und fränkischer Zeit. Ausgrabungen unter dem Hügel, auf dem heute die alte Pfarrkirche St. Peter und Paul steht, bestätigten die Existenz eines römischen Straßenkastells.
    Das wichtigste historische Datum für Echternach ist das Jahr 698, als Irmina ‑ Äbtissin in Ören bei Trier ‑ dem angelsächsischen Benediktinermönch und Utrechter Missionsbischof Willibrord ihren Besitzanteil an der Villa Echternach schenkte. Damals gab es auf dem Hügel der heutigen Kirche St. Peter und Paul bereits eine Kirche und ein Klösterchen für Wandermönche. Zur Schenkung gehörten noch zahlreiche Ländereien und bald kam durch Erblassungen weiterer Grundbesitz hinzu. So konnte im Jahre 704 Willibrord die erste merowingische Kirche an der Stelle des späteren Abteikomplexes erbauen, in der er nach seinem Tod in einem Bodengrab beigesetzt wurde. Die Wallfahrt zum Grab des hl. Willibrord setzte durch entsprechende Aufbauarbeit und Kultpropaganda der ersten Äbte in Echternach schon bald nach Willibrords Tod am 7. November 739 ein. Aber auch seine Persönlichkeit, seine Ausstrahlung und die enorme Verehrung durch das Volk hatten schon bald nach seinem Tod bewirkt, dass die Bevölkerung in Scharen zu seinem Grab pilgerte. Einen langwierigen Prozess der Heiligsprechung, wie man ihn heute kennt, gab es damals noch nicht. So wurde früh die Grundlage geschaffen, dass im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte Jahr für Jahr große Mengen von Pilgern ‑ darunter auch Könige, Fürsten und Prälaten ‑ sich nach Echternach aufmachten. Uns interessierte natürlich auch, ob es in Echternach Spuren der Jakobusverehrung gibt. Willibrord hatte, als er im Jahre 690 in Rom zum Bischof geweiht worden war, als Geschenk von Papst Sergius I. Reliquien aller zwölf Apostel mit zurück nach Echternach gebracht. Tatsächlich handelte es sich nicht um körperliche Überreste, sondern um Berührungsreliquien. So wurden auch nur Partikeln vom Kleid des hl. Jakobus erwähnt, die sich in dem 1031 konsekrierten Hochaltar der Basilika befinden sollten. Aber auch in der Krypta der Pfarrkirche St. Peter und Paul sollen sich im Altar Reliquien der Apostel Johannes und Jakobus d. Ä. befunden haben. Auf einer ikonografischen Darstellung im Echternacher Abteimuseum sieht man den hl. Willibrord, wie er Speisen an verschiedene Personen verteilt, darunter auch an einen Jakobuspilger im Pilgerhabitus.
    Berühmt wurde das Echternacher Wallfahrtswesen aufgrund der sog. »Springprozession« ‑ einer originellen Form der Prozessionsgestaltung: In Fünfer­- oder Sechserreihen sind die »Springheiligen« (wie sie früher genannt wurden) untereinander verbunden, denn sie halten sich gegenseitig an den Zipfeln von weißen Tüchern fest, und tanzen bzw. springen den überlieferten Dreischritt‑Tanz zu stets derselben schwerfälligen Polka‑Melodie. Alljährlich am Dienstag nach Pfingsten findet in Echternach diese einzigartige Springprozession statt.
    In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts wurde eine karolingische, doppelchörige Basilika mit Krypta errichtet. Die sterblichen Überreste Willibrords wurden nun in einem monumentalen Prunkgrab im Chor bestattet. Von diesem Bau war nach einer Brandkatastrophe im Jahre 1016 nur noch die Krypta erhalten. Auf ihren Grundmauern entstand 1031 die frühromanische Kirche, die in etwa bereits die Größe der heutigen Kirche besaß. Charakteristisch für das Innere war der »Stützenwechsel«, d. h. die abwechselnde Verwendung von Pfeilern und Säulen im Langhaus, wobei die Pfeiler durch übergreifende Blendbögen miteinander verbunden sind (sog. Echternacher System). Diese romanische Anlage, die Mitte des 13. Jahrhunderts um die zwei mächtigen Westtürme und gotische Gewölbe und Fenster ergänzt wurde, ist in ihren Ausmaßen heute noch zu erkennen. Die große Blütezeit der Benediktinerabtei lag zwischen dem Ende des 10. und dem Ende des 13. Jahrhunderts. Das schon unter Karl dem Großen bekannt gewordene Skriptorium nahm im 11. Jahrhundert seine Arbeit wieder auf. Es entstanden bedeutende Handschriften, wie z. B. der »Codex Aureus Epternacensis«, ein mit goldener Tinte geschriebenes und ebenso reich ausgestattetes Goldenes Evangelienbuch (heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg), der Codex Caesareus (heute in Uppsala) oder das Echternacher Perikopenbuch Heinrichs III. (heute in der Staatsbibliothek Bremen).
    Aber nicht nur im Mittelalter war die Echternacher Abtei mächtig und reich. Noch im 18. Jahrhundert wurden die alten Klostergebäude niedergerissen und stattdessen prunkvolle Barockneubauten errichtet, die sich durchaus mit fürstbischöflichen Residenzen in Deutschland messen lassen konnten. In diesen weiträumigen, einen großen Hof umschließenden Gebäuden ist heute ein Gymnasium untergebracht. Im barocken Gartenpavillon am Sauerufer hat ein Heimatmuseum seinen Sitz gefunden. Während der französischen Revolution wurde die Abtei aufgelöst und der gesamte Klosterbesitz versteigert. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die schweren Zerstörungen, die während der Ardennenoffensive der Kirche am 26. Dezember 1944 zugefügt wurden, als die Westtürme gesprengt wurden, konnten erst Anfang der 50er Jahre wieder behoben werden. Seit 1952 präsentiert sich die ehemalige Abteikirche wieder vorbildlich rekonstruiert in ihrer romanischen Gestalt mit ihren charakteristischen Turmpaaren im Westen und im Osten.
    Vor dem Gottesdienst um 18.30 Uhr in der Sankt‑Willibrord‑Basilika holten wir uns in der Sakristei bei Dechant Théophile Walin den Stempel für unsere Pilgerpässe. Wir gingen dann noch in die Krypta zum Grabmal des hl. Willibrord und zum Willibrordusbrunnen. Um 19.30 Uhr erwartete uns ein Bus auf dem Parkplatz bei der Basilika, um uns zu unserem Ausgangspunkt Oberweis zurückzubringen. Ein anstrengendes Wochenende mit überraschend gutem Wanderwetter ging zu Ende. Man verabschiedete sich herzlich und verabredete sich für die letzte Etappe am 22. September 2001.

Von Echternach nach Trier

    Nun sollte es also zu Ende gehen, was uns das ganze Jahr über seit März in Atem gehalten hatte: das Etappenpilgern. Irgendwie war es während der letzten Monate eine lieb gewonnene Gewohnheit geworden, sich alle paar Wochenenden zu Wandertagen zu treffen und dabei »unsere Gruppe« wieder zu sehen. Zwar hatten nur wenige Personen an sämtlichen Etappen teilgenommen ‑ man konnte diese, Zahl wohl an einer Hand abzählen ‑, aber mit Unterbrechungen waren die meisten Mitwanderer immer wieder mit am Start gewesen. Manche hatten zwischenzeitlich die verpassten Etappen privat nachgeholt, d. h. sie waren alleine die Strecken abgewandert. Jedenfalls war das Interesse an einer Fortsetzung des Pilgerweges im nächsten Jahr in unserer Gruppe unerwartet groß. Das hatte sich bereits an dem Wochenende in Prüm herausgestellt, nachdem wir eine Liste mit den Adressen derjenigen zusammengetragen hatten, die sich für eine Fortsetzung der Pilgerwanderung im Jahre 2002 interessierten. Diese Fortsetzung wird dann gewiss nicht mehr in Form eines Etappenpilgerns durchgeführt werden können. Dazu liegen Trier, Metz und Langres zu weit von den Heimatorten der meisten Teilnehmer aus dem Ruhrgebiet, dem Rheinland, dem Niederrhein und dem Bergischen Land entfernt. Aber vielleicht kommt es zu einer »Wanderwoche« im Frühjahr oder Herbst 2002. Am Sonntagmittag sollten wir die ersten Planungen zu diesem Thema vorgestellt bekommen.
    Am Freitag, dem 21. September 2001, trafen sich fast 50 Etappenpilger im Trierer St.‑,losefsstift nahe der Porta Nigra, dem Nordtor der ehemaligen römischen Stadtbefestigung und heutigen Wahrzeichen Triers. Eine Hauptaufgabe der »Schwestern vom hl. Josef« war seit 100 Jahren die Betreuung berufstätiger Trierer Frauen, die arbeitsrechtlich und gesellschaftlich schutzlos waren. Heute ist das Josefsstift ein Altenheim für Frauen und zugleich Diözesan‑Exerzitienhaus. Hier waren die Etappenpilger einfach und stadtnah untergebracht. Nach dem Abendessen (freitägliche Käsebrote) wurden beim schon beinahe traditionellen »Freitags‑Videofilm« die Eindrücke der beiden vergangenen Etappen nacherlebt. Es gab aber auch eine Überraschung: Frau Schmitz und Frau Hascher hatten für das gemütliche Beisammensein mehrere »Santiago‑Torten« gebacken, die zwischen den organisatorischen Themen und dem Singen von Jakobusliedern (darunter die Weltpremiere von »Jakobus, Deinen Sternenweg«) eine leckere, wenn auch kalorienreiche Unterbrechung boten.
    Am Samstagmorgen stand nach dem Frühstück um 9 Uhr ein Reisebus bereit, der uns direkt nach Echternach zum Start unserer letzten Etappe brachte. Dort erwartete uns bereits der Pilger Hubert Hiegemann, der von unserem Projekt gehört hatte und gerade von Köln aus auf dem Jakobsweg unterwegs war. Er schloss sich für dieses Wochenende unserer Gruppe an. Um die heutige Etappe, die ursprünglich mehr als 30 km betragen sollte, etwas zu kürzen, benutzten wir nicht den Hauptwanderweg Nr. 5 in Richtung Trier, sondern kombinierten einige lokale Rundwanderwege miteinander, so dass die Strecke nur etwa 25 km betrug. Eduard Pelzer, regionaler Wanderführer des Eifelvereins, war uns bei der Auswahl der Strecke sehr behilflich gewesen. Leider verpassten wir durch den so geänderten Weg eine St. Jakobuskirche, nämlich die von Wintersdorf. Sie gehörte früher zum Trierer St. Irminenkloster und besitzt noch ihren alten romanischen Chorturm. Über die bewaldeten Hügel des Sauertales wanderten wir auf luxemburgischer Seite mit dem »Sentier de la Petite Suisse« bis Rosport am Ostrand der kleinen Luxemburger Schweiz im Deutsch‑Luxemburgischen Naturpark. Rosport liegt direkt am Ufer des Stausees der Untersauer. Hier befindet sich auch die einzige natürliche Mineralquelle Luxemburgs, aus deren Wasser der »Rosporter Sprudel« hergestellt wird. Über die Sauerbrücke mit der ehemaligen Zollstelle ging es nach Ralingen auf die deutsche Seite der Sauer. Ralingen war im Jahre 1236 ebenfalls dem St. Irminenkloster in Trier unterstellt worden. Die Kirche von St. lrminen sollten wir ja am Sonntag bei unserem Abschlussgottesdienst noch kennen lernen. Wir verließen nun das idyllische Sauertal, indem wir durch den Röderbüsch hinauf auf die Ebene wanderten. Wir kombinierten verschiedene regionale Rundwanderwege von Ralingen und Trierweiler, um über Kersch, Sirzenich und Pallien nach Trier zu gelangen. Von kulturhistorischem Interesse war unterwegs vor allem Kersch. »Carescara« hieß es damals, als die Römer diese Gutshofanlage gründeten. Die Karolinger schenkten sie der Abtei Echternach. So ist es jedenfalls in einer Urkunde von König Zwentibold bezeugt. Später gelangte auch diese Anlage in den Besitz des St. Irminenklosters in Trier. Die kleine Filialkirche St. Antonius an der Zufahrt zum »Merteshof« stammt aus dem 12. Jahrhundert. Leider war sie verschlossen. Aber irgendwie passte dies zu der Art, wie sich der ganze Gutshof uns gegenüber vorstellte.
    Der Weg führte uns bei Neuhaus über geteerte Landstraßen, aber wir hatten ja schon die Schönheiten der Luxemburgischen Schweiz genossen. Am Wegrand stand ein Echternacher Wallfahrtskreuz vom Ende des 19. Jahrhunderts mit der Inschrift: »Eine glücklich Pilgerfahrt verleihe uns der Herr unseres Heils.« So kurz vor dem Ende des Etappenpilgerns durften wir wirklich erleichtert darüber sein, dass wir alle Etappen ohne nachwirkende Probleme hinter uns gebracht hatten. Danach mussten wir ein langgestrecktes Gewerbegebiet durchqueren, so dass wir uns freuten, beim Hotel‑Restaurant »Salvatore« eine Pause mit Kaffee und Käsekuchen einlegen zu können. Erst hinter Sirzenich gelangten wir wieder in ein Waldgebiet, und zwar den sog. Trierer Hospitienwald. Das ausgedehnte Gebiet gehört zu den »Vereinigten Hospitien«, die durch Schenkungen und Erblassungen im Laufe der Jahrhunderte in den Besitz großer Ländereien kamen. Die Produkte der zu den »Vereinigten Hospitien« gehörigen Weinberge sollten wir ja am Samstagabend noch ausgiebig kennen lernen. Zusammen mit dem Wasser des Sirzenicher Baches wanderten wir langsam bergab der Mosel entgegen und erreichten schließlich ihre Ufer nachmittags gegen 18 Uhr. Gern hätten wir noch den Trierer Vorort Biewer mit in die Wanderung einbezogen. Immerhin gibt es dort eine Jakobuskirche und einen Jakobusbrunnen. Doch der Umweg wäre zu groß gewesen ‑ trotz aller Bemühungen um Abkürzungswege.
    Wieder im St. Josefsstift, machten wir uns frisch, aßen zu Abend und gingen anschließend gemeinsam zur Weinprobe in den wohl ältesten Weinkeller Deutschlands. Er liegt in den Resten der römischen Getreidespeicher (Horrea). Um 330 wurden zwei große Hallen in der Nähe des Moselhafens als Speicher für Getreide und andere Vorräte errichtet. Sie waren 70 m lang und 20 m breit. Der ganze Stadtteil wurde von der Bevölkerung landläufig nach diesen römischen Horrea als »Oeren« benannt. In diesem Bereich wurde ‑ wahrscheinlich durch König Dagobert I. ‑ das ehemalige Benediktinerinnenkloster St. Irminen als königliches Eigenkloster zu Beginn des 7. Jahrhunderts gegründet und »S. Maria ad horrea« genannt (volkstümlich: Oerenkloster). Der gebräuchliche Name »St. lrminen« geht auf die hl. Irmina zurück, der Witwe des fränkischen Hausmeiers Chugobert. Die hl. Irmina, eine Ururgroßmutter Karls des Großen, wurde hier um 700 Äbtissin. Sie stattete das Kloster mit Landbesitz und Weinbergen reich aus. Auch dem hl. Willibrord ließ sie aus ihrem elterlichen Erb­teil in Echternach bedeutende Ländereien für seine dortige Niederlas­sung zukommen und wurde so Mitbegründerin der Abtei Echternach. Die zahlreichen Einrichtungen der verschiedenen Trierer Klöster zur Kranken‑, Siechen‑, Armen‑ und Altenpflege wurden im Jahre 1804 per Dekret Kaiser Napoleons zusammengefasst zu den sog. »Vereinig­ten Hospitien« auf dem Gebiet von St. Irminen. Hungernde speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Gefangene besuchen, Kranke pflegen und Tote begraben lauten die Paten der Barmherzigkeit, die sich die »Vereinigten Hospitien« mit Altenwohnheimen, Wohnheim für an Multipler Sklerose Erkrankter, Waisenhaus, Mutter‑Kind‑Haus, Frauenhaus und Geriatrischer Rehabilitationsklinik auf ihre Fahne geschrieben haben. Finanziert werden die Hospitien u. a. von den Weingütern des ehemaligen Klosters. Da auch das ehemalige Jakobushospital in den »Vereinigten Hospitien« aufgegangen ist, findet man den hl. Jakobus als Pilger auf vielen Etiketten des Weinkellers. So fühlten wir uns im Römerkeller, in den ehemaligen Horreas, sofort heimisch. Fünf verschiedene Weine ‑ sortiert vom trockenen »Jacobus« bis zum edelsüßen »Kanzemer Altenberg« ‑ gab es zum Probieren. Nach den Anstrengungen des Tages war das keine leichte Aufgabe ‑ aber Etappenpilger stellen sich bekanntlich jeder Herausforderung. Ein Höhepunkt des Abends war, dass Herr Joachim Arns, der Leiter des Weingutes der »Vereinigten Hospitien« seinen Dienststempel mitgebracht hatte, um uns ein veritables Jakobus‑Logo als letzten Etappenstempel in unseren Pilgerpass zu drücken. Ein weiterer Höhepunkt war die Ehrung der »regelmäßigsten« Etappenpilger. Zwar hatten wir in Köln mit über 100 Pilgern begonnen, zwar waren wir nun mit rund 50 Pilgern in Trier angelangt, aber bei sämtlichen Etappen mit dabei waren nur fünf Pilger das Ehepaar Kirchberg aus Mechernich, Frau Metzmacher aus Weilerswist und das Ehepaar Degen aus Velbert, das natürlich aufgrund seiner Wanderführertätigkeiten bei sieben der zehn Etappen nur außer Konkurrenz an dieser Ehrung teilnehmen durfte. Erwähnt werden muss, dass manche Teilnehmer auf eigene Faust die verpassten Etappen nach‑ oder vorgewandert waren, so dass es durchaus noch weitere Teilnehmer gab, die sämtliche 214 km von Köln nach Trier in diesem Sommer hinter sich gebracht hatten. Aber eine echte »Etappenpilger‑Muschel 2001« gab es als Präsent natürlich nur für die fünf »Authentischen«.
    Am nächsten Tag stand bei herrlichem Wetter leider ‑ oder angesichts der Weinprobe vom Vortag glücklicherweise ‑ keine weitere Tageswanderung mehr auf dem Programm, sondern die Erkundung unseres Etappenzieles Trier. Zunächst zog es uns zurück zu den »Vereinigten Hospitien«, und zwar in die Kirche St. Irminen. Von der romanischen Klosterkirche des 11. Jahrhunderts ist noch der Turm erhalten. Die barocke Kirche von Jean Antoine hat man nach den Kriegszerstörungen wieder hergestellt. Prälat Erich Aretz erwartete uns um 9.30 Uhr hier zum Abschlussgottesdienst. Anschließend gingen wir gemeinsam zur Galerie Kaschenbach am »Jakobsspitälchen«. Hier erläuterte uns der Inhaber Paul Kaschenbach, wie er aus der ehemaligen Jakobuskapelle des benachbarten Jakobushospitals seine Galerie hatte bauen lassen. Nähere Einzelheiten über dieses Gebäude und seine Geschichte kann man in der Kalebasse Nr. 27 (S. 37‑40) nachlesen. Anlässlich der Jahrestagung unserer Bruderschaft im Jahre 1999 war Herr Kaschenbach schon einmal so freundlich, einer Gruppe von Jakobusfreunden die Jakobuskapelle zu zeigen.
   Das Mittagessen nahmen wir im Kolpinghaus ein. Es war gut und preiswert. Herr Karl‑Josef Endres von den »Arche Noah Reisen« in Trier stieß zu unserer Gruppe hinzu und nutzte die Gelegenheit, mit uns über den Plan einer Fortsetzung des Pilgerweges über Trier hinaus zu sprechen. Angedacht wurde eine einwöchige Pilgertour voll Trier bis Autreville voraussichtlich im September 2002. Knapp 50 Interessierte hatten sich schon einmal in eine Liste eingetragen. Nun wird Herr Endres erst einmal planen. Nach dem Mittagessen führte uns Frau Maria Müller kenntnisreich durch das Zentrum von Trier. Angesichts der Fülle von Sehenswürdigkeiten, mussten wir uns auf eine kleine Auswahl beschränken: Kaiserthermen, Palastaula. Liebfrauenkirche und Marktplatz. Natürlich stand auch dabei wiederum unser Pilgerpatron im Mittelpunkt, so z. B. bei der Geschichte der »Steipe«, des Hauses der Trierer Bürgerschaft am Marktplatz. Die Jakobusbruderschaft, damals die größte und reichste Bruderschaft in der Stadt, hatte Mitte des 15. Jahrhunderts das »Haus auf Stützen« (trierisch: »auf Steipen«) errichten lassen ‑ sozusagen als Gegenpol der Trierer Bürgerschaft zur immer stärker werdenden Macht des Bischofs. Hier kamen die Schöffen und Ratsherren abends zusammen und empfingen die Gäste der Stadt. Hier tagte auch regelmäßig das Marktgericht. Nach der Zerstörung im Krieg wurde die Steipe 1970 im alten Zustand wieder hergestellt.
    Am späten Nachmittag war das Programm des Etappenpilgerns 2001 endgültig abgearbeitet. Noch ein letzter Kaffee in einem der Straßencafes am Marktplatz, dann fuhren die meisten Teilnehmer heimwärts, da sie am Montag wieder arbeiten mussten. Einige, nutzen die Gelegenheit und blieben noch ein paar Urlaubstage lang in Trier. Langeweile kam dabei sicherlich nicht auf, denn Trier hat an Sehenswürdigkeiten noch so viel mehr zu bieten. Ein herzliches » Ultreya!« zum Abschied verband sich mit der Zuversicht, dass es im nächsten Jahr von Trier aus wieder ein gemeinsames Jakobspilgern geben wird. Die Erinnerung an einen herrlichen Sommer mit unvergesslichen gemeinsamen Etappenpilger‑Erlebnissen wird von dem mit Stempeln prall gefüllten Pilgerausweis wach gehalten.

Fortsetzung Pilgerwanderung 2002 von Trier nach Toul

   In der Kalebasse Nr. 31 kann man nachlesen, dass bereits im September 2001 am Ziel des Etappenpilgerns in Trier eine Fortsetzung für das Jahr 2002 angedacht worden war. Leider kam der damals entwickelte Vorschlag, dies mit »Arche Noah Reisen« aus Trier zu planen, bis Mitte Januar 2002 nicht voran. Um das Projekt 2002 nicht scheitern zu lassen - immerhin hatten sich knapp 50 Teilnehmer des Etappenpilgerns von Köln nach Trier in die Liste Interessierter eingetragen -, übernahmen meine Frau und ich die Vorbereitung der Tour. Vordringlich musste die Frage der Übernachtungsmöglichkeiten geklärt werden. Wir trennten uns schnell von der Idee, in den kleinen Orten an der Strecke von Trier nach Metz jeden Abend Unterkünfte für 30 und mehr Personen zu finden. Die Planung würde nur mit zwei »Stützpunkten« funktionieren können, von denen aus ein Autobus die Gruppe morgens an den Start der Tagesetappe bringen und abends am Ziel wieder abholen müsste. Aber so etwas konnte man wohl nicht als traditionelles Pilgern bezeichnen. Ein neuer Ausdruck wurde gesucht: Die scherzhafte Bezeichnung »Luxus-Pilgern« machte bald die Runde. Aber die Lösung mit den zwei Stützpunkten brachte nicht nur organisatorisch, sondern auch an Bequemlichkeit manche Vorteile. Die Gruppe brauchte nicht alles Gepäck mit sich zu tragen, Ersatzkleidung und -schuhe waren im Stützpunkt bequem verfügbar, das tägliche Ein- und Aus-Checken entfiel, Fußkranke konnten bei Bedarf problemlos einen Tag aussetzen usw. Auch finanziell ließ sich dieses Konzept durchaus realisieren. Bei der Suche nach geeigneten Stütz­punkten fiel unsere Wahl auf das Begegnungszentrum »Schengener Schlass« im luxemburgischen Schengen, ein vor wenigen Jahren renoviertes Haus der Kongregation der Hospitalschwestern der hl. Elisabeth, und auf die »Ermitage Saint Jean« in Moulins-lès-Metz, das ehemalige »Château de Grignan«, das sich heute im Eigentum der Diözese Metz befindet. Von Schengen aus konnten die ersten vier Etappen von Trier bis Metz und von Moulins-lès-Metz aus die weiteren drei Etappen von Metz bis Toul bewältigt werden. Als preiswertes Bus-Unternehmen kristallisierte sich die Firma »Autocars Zenners« aus Witrange in Luxemburg heraus (Tel. 00352/2366240).
   Aus den an einer Fortsetzung interessierten Teilnehmern des Etappenpilgerns 2001 wurden im Frühjahr 2002 die Personen ermittelt, die bei der Pilgerwanderung Trier - Toul 2002 dabei sein konnten. Bedingt durch die Bettenkapazitäten der Standorte musste die Zahl der Teilnehmer auf 32 begrenzt werden, so dass einige Absagen nötig wurden. Im Nachhinein erwies sich die Gruppengröße jedoch in verschiedener Hinsicht als ideal.
   Am Freitag, dem 6. September 2002, reisten die Teilnehmer am Nachmittag an. Von Düsseldorf aus waren etwas mehr als 250 Kilometer Fahrstrecke mit dem PKW zurück zu legen. Dies war in rund drei Stunden geschafft. Gegen 18 Uhr trafen die meisten Teilnehmer in Schengen ein. Einige kamen auch mit der Bahn. Viele kannten sich noch vom vergangenen Jahr. Die Begrüßung war entsprechend herzlich. Aber man ahnte noch nicht, was in der kommenden Woche alles vor einem liegen würde. Manche der Teilnehmer waren geübte Jakobspilger, andere unternahmen erstmals solch eine einwöchige Wanderung auf dem Jakobsweg. Eine angespannte Vorfreude war bei allen zu spüren.
   Vorn Bahnhof in Perl aus sieht man das Schloss von Schengen auf der anderen Seite der Moselbrücke bereits liegen. Im Rahmen des Projektes »EDEN - Gärten ohne Grenzen« wurden im Jahre 2002 der Barockgarten mit seinem besonderen »Buchsparterre« und der Kräutergarten der Schlossanlage wiederhergestellt. Im 13. Jahrhundert war an diesem Platz eine Wasserburg errichtet worden. Aus dieser Zeit steht heute noch der elegante mittelalterliche Turm. An die Stelle der übrigen Bauten trat im 19. Jahrhundert ein Schloss. Der efeuumrankte trutzige Rundturm hatte bereits Victor Hugo als Bildvorlage gedient. Eine Zeichnung Hugos aus dem Jahre 1871 ist heute noch auf dem Etikett der Weinflaschen des Schengener Weingutes Domaine Thill Frères zu bewundern. Das Haupthaus des Schlosses mit seiner repräsentativen Treppe war in den vergangenen Jahren völlig renoviert worden. Das galt auch für die Zimmer im Schloss und im Haus St. Markus, so dass unsere Unterkunft qualitativ mit jedem guten Hotel konkurrieren konnte. Übrigens wird auch Einzelreisenden Quartier gegeben, wenn der Gruppen-Belegungsplan es erlaubt (Tel. 00352/236638.1). Um das Ein-Checken kümmerte sich Schwester Franziska, die uns überhaupt während unseres Aufenthaltes bei allen kleinen und großen Problemen hilfreich zur Seite stand. Abendbrot stand um 18.30 Uhr bereit. Üblicherweise kann man hier abends nur belegte Brote und Salat bestellen, weil die Tagungs- und Exerzitiengruppen die warme Mahlzeit mittags einnehmen. Heute gab es für uns ausnahmsweise ein erweitertes Willkommens-Essen: Tomatensuppe, Nudel-Fisch-Salat, leckeres Oliven-Speck-Brot sowie Wurst und Käse. Nach dem Essen bestand Gelegenheit, sich den Schlosspark und den Ort Schengen anzusehen. Wir befanden uns also mit unserem Quartier im Großherzogtum Luxemburg, einem der kleinsten Länder der Welt. Die Ostgrenze zur Bundesrepublik Deutschland bildet die Mosel - die Südgrenze Richtung Frankreich bestimmt das ehemalige Schwerindustriegebiet. Man hatte uns im letzten Jahr beim Etappenpilgern bereits vorgewarnt mit den Worten, »wenn ihr die Eifel durchquert habt, liegt erst einmal der schönste Teil des Jakobsweges hinter euch«. Dass diese Einschätzung falsch war, sollte uns die kommende Woche nachhaltig beweisen.
   Sehengen ist ein nur 300 Einwohner zählendes Winzerdorf in Luxemburg, das am 14. Juni 1985 plötzlich zum Geburtsort und Inbegriff des modernen Europas wurde, als auf dem Ausflugsdampfer »Princesse Marie-Astrid« am Moselanleger das Abkommen über den schrittweisen Abbau der Kontrollen an den gemeinsamen europäischen Grenzen unterzeichnet wurde. Dass ein Moselschiff am Anleger von Schengen hierfür herhalten musste, war kein Zufall: Zwischen Schengen und Wasserbillig ist die Mosel nämlich seit 1816 ein sog. »Kondominium«, d. h., sie untersteht der gemeinsamen Verwaltung beider Anliegerstaaten. Man befand sich also mit dem Schiff bereits auf bilateralem europäischen Gebiet. Für die Menschen im Schengener (Dreiländer)-Eck brachte der Wegfall der Grenzen keine neuen Besonderheiten, denn nicht nur der gemeinsame Dialekt verband die Luxemburger, die Franzosen und die Deutschen hier schon seit Jahrhunderten. Ein Denkmal am Moselufer, am »Place de l'Accord«, erinnert an den Vertragsabschluss.
   Um 20 Uhr traf sich die Gruppe im Gesellschafts-Keller des St.­ Markus-Hauses, um einen Diavortrag über die anstehende Pilgerwanderung anzusehen mit Bildern, die meine Frau und ich während der Vorbereitungsphase in der Osterzeit aufgenommen hatten. Auf diese Weise konnten wichtige Informationen vermittelt und die Vorfreude auf die bevorstehende Wanderwoche noch gesteigert werden. Es wurde vereinbart, (zumindest für die Zeit der Pilgerwanderung) von der unpersönlichen Anrede »Sie« auf das »Du« zu wechseln - was ja für Mitglieder einer »Bruderschaft« auch adäquat ist. Entsprechende Namensschildchen waren schon vorbereitet. Auch die neuen Pilgerpässe »Trier - Langres« lagen aus. Jeder Teilnehmer konnte sich darüber hinaus aus einer bunten Kollektion eine Pilgermuschel mit der Aufschrift »Pilgerwanderung Trier - Toul 2002« als Erkennungszeichen während der Wanderwoche aussuchen. Manche bevorzugten die kleineren, manche die größeren, einige suchten sich sogar eine Unterseite der Muschel aus. Tatsächlich wurden alle Pilgermuscheln auch regelmäßig getragen - wohl verbunden mit ein wenig Stolz, sich als Jakobspilger erkennbar zu machen. Manche Teilnehmer unserer Gruppe wurden unterwegs von Passanten auf diese Muscheln angesprochen. Letzte Hinweise auf den Verlauf der Woche und vor allem des kommenden Tages beschlossen den Abend.

Von Trier über Fisch bis Mannebach - 22 km

   Die Kirchenglocken weckten uns um 7 Uhr. Das würde nun jeden Tag so sein - deshalb konnte der Wecker im Koffer bleiben. Für 8 Uhr war das Frühstück angesetzt worden. Danach standen die Lunch-Pakete bereit: jeweils zwei Brötchen, eine Orange, eine Banane und ein kleiner Kuchen. Um 9 Uhr erwartete uns der Autobus an der Bushaltestelle um die Ecke. Der südamerikanische Fahrer hatte offenbar eine Begabung als Reiseführer und erklärte uns während der kurzen Fahrt u. a. die vielen Tankstellen in den Orten entlang der »Letzebuerger Wäistroos«. Nur die Igeler Säule, die vielleicht größte Sehenswürdigkeit unterwegs, erwähnte er mit keinem Wort. Gegen 10 Uhr trafen wir bei der St. Matthias-Basilika in Trier ein. Pilgerpfarrer Bruder Hubert wartete bereits auf uns, um uns den Pilgersegen und die Pilgerstempel für unsere Pilgerpässe zu geben. Mit dem Lied »Großer Gott wir loben Dich« zogen wir aus der Kirche aus. Auf dein großen Freihof vor der Kirche steht am Brunnen ein Tatzenkreuz, das dem Marktkreuz im Zentrum Triers nachempfunden ist. Eine Inschrift gibt die Entfernung zu den beiden nächsten Apostelgräbern an: »Zum Grab des Apostelfürsten Petrus in Rom 980 km, zum Grab des hl. Jakobus in Santiago de Compostela 1395 km.« Beide Entfernungsangaben treffen für Pilger nicht zu, es sei denn, sie könnten mit dem Flugzeug zum Pilgerziel fliegen. Wir ließen uns deshalb von der Inschrift auf dem Sockel des Kreuzes nicht irritieren, denn uns war bewusst, dass ab hier noch weit mehr als 2000 Kilometer bis zum Grab des Apostels Jakobus vor uns liegen. Übrigens hatten wir im Vorjahr am Marktkreuz von Trier das Etappenpilgern ausklingen lassen. Es machte also doppelt Sinn, hier am Kreuz von St. Matthias die Pilgerwanderung 2002 zu beginnen, denn in St. Matthias vor den Toren der alten Stadt Trier befinden sich die Reliquien des Apostelkollegen unseres Pilgerpatrons. Der Überlieferung nach soll die hl. Helena um 300 die Gebeine mit nach Trier gebracht haben. Vor dem Normannensturm waren sie dann vergraben worden. Als die alte Abteikirche von 978 zu Beginn des 12. Jahrhunderts abgebrochen worden war, um dem Neubau der heutigen Basilika zu weichen, wurden die Reliquien wieder entdeckt. Seit 1127 gibt es somit in Trier die Verehrung des Apostels Matthias. Es existieren rund 80 Sankt-Matthias-Bruderschaften (vor allem am linken Niederrhein), die seit 500 Jahren alljährlich zahlreiche Wallfahrten nach Trier organisieren. Im letzten Jahr waren wir während des Etappenpilgerns am Weg durch die Eifel einigen Andachtskreuzen von Matthiasbruderschaften begegnet.
   Um 10.30 Uhr brach unsere Gruppe schließlich auf. Nach einer Stunde Wanderung moselaufwärts entlang des geteerten Radweges gelangten wir zur Saarmündung bei Konz. Leider sieht man vom Moselweg aus die Kirche des ehemaligen Karthäuserklosters St. Bruno nicht. Früher war das in die dortige Außenmauer eingelassene »Flehende Kreuz« eine Station für Jakobspilger auf der alten Landstraße Richtung Metz gewesen. Wir überquerten die Saar bei Konz. An der Brücke stand eine erste Informationstafel zum Jakobsweg. Wir wanderten weiter Richtung Tawern, vorbei an alten Korbweidenkulturen (zum Anbinden von Weinstöcken) und vorbei an der St. Margaretenkapelle auf einer kleinen Anhöhe am neuen Friedhof.
   Der Jakobsweg ist von Trier über den Saargau bis Perl seit 1999 markiert mit der stilisierten gelben Muschel auf blauem Grund - ein Projekt der Bürgerservice gGmbH Saarburg (Tel. 06581/9295.0), einer gemeinnützigen Einrichtung zur Qualifizierung und Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen. Leider mussten wir feststellen, dass der Weg bis Perl weitgehend über geteerte Wirtschaftswege gelegt worden ist. Die Folge war, dass einige Teilnehmer unserer Gruppe schon nach 11,5 Kilometer bei der Mittagspause in der römischen Tempelanlage auf dem Metzenberg bei Tawern ihre Füße pflegen (lassen) mussten. Georg Oppermann ließ die Operation an seinen »brennenden Füßen« in aller Ruhe Pfeife rauchend über sich ergehen. Vielleicht lag es aber auch am falschen Schuhwerk, denn denjenigen, die anstelle von Bergwanderschuhen Trecking-Sportschuhe trugen, erging es bei dem geteerten Untergrund besser. Möglicherweise spielte aber auch das unterschiedliche Körpergewicht eine Rolle, denn tatsächlich stöhnten die Schwereren in der Gruppe während der gesamten Wanderwoche häufiger über Fußprobleme als die Leichtgewichte. Die Orientierung war mit regionalen Wanderkarten (Topographische Karte »Trier und Trierer Land« 1:25.000, Erholungsgebiet Saartal Obermosel 1:35.000 und Erholungsgebiet Obermosel Perl im Dreiländereck 1:25.000) leicht möglich. Anhand der Jakobsweg-Markierungszeichen allein wäre es schon schwieriger gewesen. Die Zeichen waren entweder in zu großen Abständen angebracht oder möglicherweise auch schon gestohlen worden. Bei den 40 von der Stadt Konz gestifteten Natursteinen, jeweils mit ausgefrästen Vertiefungen zur Aufnahme einer Kachel mit der Wegmarkierung, fehlten auch unterwegs bereits einige Kacheln. Sie mussten augenscheinlich mit Gewalt aus der schützenden Vertiefung herausgebrochen worden sein - Vandalismus von Jugendlichen oder Souvenirjagd von gedankenlosen Jakobspilgern? Jedenfalls werden - als Konsequenz aus diesen Beobachtungen - die Kacheln neuerdings von der Bürgerservice gGmbH auch einzeln verkauft.
   Zurück zur gallo-römischen Tempelanlage im Wald auf dem Metzenberg: Ende der 1980er Jahre war die Anlage ausgegraben und größtenteils rekonstruiert worden. Der von Mauern eingefasste Tempelbezirk diente in erster Linie dem Kult der Hauptgottheit Merkur und ist jederzeit frei zugänglich. Hier zwischen Tempeln, Weihehäusern und Brunnen herrschte eine beschauliche Atmosphäre, die zum Verweilen und Picknicken einlud (Tawern = ad tabernas = zu den Gasthäusern). Aber als nach 50 Minuten Mittagspause die Lunchpakete leer gegessen waren, wurde die Gruppe unruhig und alsbald zum Aufbruch gepfiffen. Diese Pfiffe aus der Schiedsrichterpfeife sollten uns während der gesamten Wanderung begleiten. Sie waren oft sehr hilfreich und ließen weitaus weniger Assoziationen von soldatischem Drill aufkommen als es beim Lesen dieses Textes vielleicht den Eindruck macht.
   Unser Weg führte nun oben auf der Hochebene weiter. In der Ferne grüßten schon die Kühltürme des französischen Kernkraftwerks Cattenom. Wir wanderten auf einer historischen Trasse, der ehemaligen Römerstraße zwischen Konz und Perl. Auch heute noch ist man angesichts ihrer fachkundigen Anlage von dieser technischen Meisterleistung beeindruckt. Immerhin verband die Fernstraße früher Trier mit dem 1800 Kilometer entfernten Rom. Unsere Gruppe begnügte sich heute mit 19 Kilometern und kam gegen 16.30 Uhr bei der ganz allein im Mannebachtal liegenden Kirche St. Jakobus von Littdorf-Rehlingen an. Kurz vorher, in Kümmern, hatte ich nachlässigerweise den richtigen Weg verpasst, was uns nun einen rustikalen Abstieg durch einen Hohlweg bescherte. So umgingen wir den Ort Fisch und Michael Winter (Tel. 06581/4210), der am Fenster seines Hauses in Fisch auf unseren Vorbeimarsch wartete, wunderte sich, als wir ihn per Handy über unsere Ankunft in der Jakobuskapelle informierten. Er stieß dann schnell zu uns und erzählte wortgewandt über die Geschichte der Kirche. Die ehemals fränkischen Siedlungen Littdorf und Rehlingen waren vermutlich im Jahre 1555 zu Zeiten der Pest entvölkert und aufgegeben worden. Übrig geblieben sind allein die Wehrkirche St. Jakobus aus dem 9. Jahrhundert und der Rehlinger Hof in der Nähe. In der heute barockisierten Kirche sind die Grabplatten der Stifter oder Schutzherren Oswald von Bellingen und Ursula von Warsberg erhalten. Über dem Hochaltar steht eine Statue mit Jakobus im Pilgerhabitus. Nicht nur auf der Bronzeplatte vor dem Eingang zur Kirche, sondern auch auf der zweiten Informationstafel an der Strecke hat die Bürgerservice gGmbH Saarburg den Jakobsweg von Köln nach Santiago de Compostela skizziert. In der Kirche erhielten wir einen hübschen Pilgerstempel mit »unserem« Heiligen für unseren Pass. Die Jakobusglocke im Turm durften wir leider nicht betätigen. Sie trägt die Inschrift: »In Gottes Namen lauten ick, Boes Wetter vertreiben ick, Jakob der Groer hischen ick, Anno Domini 1594«. Nach einer Stunde Kirchenbesichtigung verkaufte uns Michael Winter noch das »Jakobströpfchen«, eine Plattflasche Obstler für Jakobspilger, und dann brachen wir auf, um die letzten drei Kilometer im Tal bis zum Mannebacher Brauhaus zurück zu legen. Die Erwartung des kühlen, dort gebrauten Bieres beschleunigte unsere Schritte querfeldein und ließ uns sogar über Bachläufe springen, so dass wir gegen 18 Uhr beim Brauhaus eintrafen. Eigentlich war der gemütliche Braukeller für unsere Gruppe reserviert worden, aber da uns der Tag heute noch viel Sonne und warme Temperaturen bescherte, machten wir uns auf der Terrasse breit und aßen »Mannebacher Grillschinken mit warmem Speckkartoffelsalat und Dicken Bohnen« oder ein »Saftiges Brauhaussteak mit Speckbohnen und Bratkartoffeln«. Um 21 Uhr brachte der Bus die inzwischen gut erholte und recht vergnügte Gruppe wieder zurück ins Quartier. Übrigens gibt es im Mannebacher Brauhaus auch Übernachtungsmöglichkeiten für Pilger in mit antiken Möbeln eingerichteten Doppelzimmern zum Preis von 72-86 €.

Von Fisch nach Schengen - 26 km

    Der zweite Tag begann morgens im Moseltal zunächst nebelig und trübe. Unsere Wanderung aber startete um kurz vor 10 Uhr an der Jakobuskirche bei Fisch schon wieder bei strahlender Sonne. Dorthin hatte uns unser Bus in 30-minütiger Fahrt gebracht. Kurz nach dem Abmarsch kam uns auf einem landwirtschaftlichen Weg in einer unübersichtlichen Kurve ein Auto entgegen gerast. Die ersten Wanderer konnten zur Seite springen und - Jakobus sei Dank - das Auto schleuderte nicht. Sonst wäre es möglicherweise für den Rest der Gruppe sehr gefährlich geworden. Die einheimischen Autofahrer erwarten eben auf den einsamen geteerten Feldwegen keine Wanderer - von einer größeren Gruppe verlangt dies ganz besondere Vorsicht. Wir folgten heute dem markierten Jakobsweg auf der Römerstraße über Körrig und Merzkirchen hinaus nur bis kurz hinter die Kreisstraße K117, die hier die Orte Kirf und Beuren verbindet. Am 400 Meter hohen »Ehringer Berg« verließen wir die Muschelmarkierung in südlicher Richtung, überquerten die B407 und gelangten über Faha nach Kesslingen, dem zweiten Ort mit einer Jakobskirche an der Strecke zwischen Trier und Perl. Wir haben nicht recht verstanden, warum die Bürgerservice gGmbH Saarburg den Jakobsweg nicht über Kesslingen geführt hat, denn man erreicht von hier aus über Oberleuken auf direktem Weg die römische Villa Borg - wohin der »Bürgerservice-Jakobsweg« sowieso einen Abstecher vom Ort Borg aus empfiehlt. Wir waren .jedenfalls überzeugt davon, die bessere Variante für den Pilgerweg gefunden zu haben. Die Kapelle St. Jakobus in Kesslingen, die wir gegen 13.30 Uhr nach 13 Kilometern Wegstrecke erreichten, lohnte den Besuch. Im spätgotischen Chor mit Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert steht der barocke Säulenaltar aus Holz mit einem Jakobus im Pilgerhabitus in der Mittelnische. Als Altartisch dient ein römischer Grabstein. Falls die Kapelle verschlossen sein sollte, erhält man im Bauernhaus hinter der Kapelle den Schlüssel. Hermann Schmitz hielt mit uns die Andacht »Zu den hl. fünf Wunden« ab - verbunden mit den Gebeten »Vater unser« und »Gegrüßet seist du, Maria«. Alle beteten gemeinsam. Eine evangelische Teilnehmerin sprach mich später auf ihre Gefühle beim Beten an, nämlich dass es ihr schwer gefallen sei, das gemeinsame »Vater unser« - das für sie sonst in der evangelischen Liturgie einen Höhepunkt des Gottesdienstes darstellt - hier in einer Art »Litanei« fünfmal hintereinander zu wiederholen. Ich muss gestehen, dass ich dies ähnlich empfunden habe. Aber solche Erfahrungen und Erlebnisse sind das Spannende am überkonfessionellen Miteinander auf dem Jakobsweg und Anlass für interessante Gespräche während der langen Wanderungen.
   Im Gasthof »Pauli« in Oberleuken wollten wir eigentlich heute die Getränke zu unserem Lunchpaket einnehmen. »Wir haben stets geöffnet, Sie brauchen nicht noch einmal vorher anrufen«, hatte der Wirt bei der Vortour an Ostern gesagt. Aber jetzt standen wir vor verschlossener Tür. Die Enttäuschung war groß. Aber unsere Mienen hellten sich schnell wieder auf, als wir beim Weiterwandern auf das Feuerwehrfest im Ort stießen. Dort war nämlich heute auch unser Gastwirt tätig! So gab es hier nicht nur Getränke zum Lunchpaket, sondern auch Grillwürstchen und jede Menge hausgebackenen Kuchen. Gesättigt und voller Tatendrang kamen wir kurz nach 15 Uhr bei der Villa Borg an. Nach den ersten Funden einer römischen Siedlung vor fast 100 Jahren, wurde seit 1987 auf dem Gelände von einer Kulturstiftung systematisch gegraben und rekonstruiert. Ähnlich wie in Xanten - aber natürlich wesentlich kleiner - kann man hier das wieder aufgebaute Herrenhaus, das Villenbad und eine Taverne im römischen Stil gegen Eintrittsgeld besuchen. Auf die sehr interessante Multi-Media-Show über das Leben der Römer in der Villa Borg mussten wir aus Zeitgründen verzichten. Der Innenhofgarten und ein Kräutergarten wurden im Rahmen des bereits erwähnten Projektes »EDEN - Gärten ohne Grenzen« im Jahr 2000 angelegt.
   Kurz vor 16 Uhr setzten wir uns wieder in Marsch. Hinter dem Ort Borg galt es eine schnurgerade Landstraße durch abgeerntete Kornfelder zu meistern. Pilger mit Spanienerfahrung fühlten sich an die Wege durch die »Meseta« erinnert. Wir vertrieben uns die Zeit auf der langen Geraden mit dem Singen von Wanderliedern. Dann - nach Überquerung der Brücke über die neue Autobahn von Luxemburg nach Saarbrücken - verließen wir die Hochfläche und stiegen über 200 Höhenmeter hinab ins Tal der Mosel. Es ging vorbei am Pillinger Hof, einem Schlossgut mit Wohnhaus aus dem 18. Jahrhundert. Sehndorf, der nächste Ort am Weg, gehört schon zur Gemeinde Perl. Sehndorf ist ein stilgerecht restauriertes Winzerdorf mit einem schönen alten Waschbrunnen aus dem 19. Jahrhundert in der Ortsmitte. Die gewonnenen Preise im Wettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden« sind daher gewiss gerechtfertigt.
   Gegen 18 Uhr erreichten wir die Ortsmitte von Perl. Das Wappen der Gemeinde Perl zeigt in der linken Hälfte einen roten Schrägbalken mit drei silbernen Pilgermuscheln. Es handelt sich um das Siegelwappen der Herren de Pirla, die bis 1400 Grundherren im Ort waren. Sie stammten wahrscheinlich als jüngere Linie von den Herren von Sierck ab, deren Schwert- und Schildgenossen sie waren. Im frühen Mittelalter wurde das Rittergeschlecht der Herren von Sierck im Dreiländereck sehr einflussreich. Der Ursprung der Familie ist unbekannt. Auch wie die drei Muschelschalen in das Siegel und das Wappen der Herren von Sierck gekommen sind, konnte bisher noch nicht geklärt werden. Natürlich liegt für uns die Interpretation nahe, dass hier auf absolvierte Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela hingewiesen werden sollte. Die rechte Hälfte des Perler Stadtwappens verweist mit zwei gekreuzten Schlüsseln (Attribut des hl. Petrus) auf die frühere Zugehörigkeit zum Domkapitel von Trier. Wir befanden uns hier auf einem Terrain, auf dem schon immer die Interessen der Erzbischöfe von Trier und der Herzöge von Lothringen aufeinander trafen. Im Jahre 1334 verlor der Herzog von Lothringen seine Rechte in Perl. Das Trierer Domkapitel ließ 1733 in Perl das Hofhaus von Nell errichten, ein großes Palais mit Kelterhaus und Park. Der Park von Nell ist ebenfalls im Rahmen des Projektes »EDEN - Gärten ohne Grenzen« im Jahre 2000 wieder hergestellt worden. In der Nähe des Eingangs zum Park befand sich seit alter Zeit ein dem hl. Quirinus geweihter Brunnen. Daneben wurde im 17. Jahrhundert eine kleine Kapelle errichtet, die zu einer Wallfahrtsstätte für Pilger aus der gesamten Region wurde. Heute noch ist der Perler Quirinustag am 1. Mai mit dem Quirinusritt alljährlich ein großer Festtag. Im Jahre 1050 waren die in den römischen Katakomben beigesetzten Gebeine des um 150 hingerichteten Märtyrers Quirinus von Papst Leo IX. seiner Schwester Gepa geschenkt worden, die Äbtissin in Neuss war. Auf der Reise von Rom nach Neuss sollen die Gebeine bei einer Rast am Brunnen von Perl abgesetzt worden sein. Seither wurden Wunderheilungen an diesem Brunnen beobachtet, so dass schon bald eine Wallfahrt einsetzte. Die katholische Pfarrkirche St. Gervasius und St. Protasius in Perl besitzt noch den ursprünglichen romanischen Turm, der aber im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgestaltet worden ist. Der Chor ist spätgotisch, das Schiff wurde 1716 barock verändert. In einer Nische über dem Westportal ist neuerdings ein moderner Jakobus aufgestellt worden, um daran zu erinnern, dass hier der Jakobsweg deutschen Boden verlässt. Wir fragten uns, ob die Pilger wohl früher weiter Richtung Sierck-les-­Bains gezogen waren oder hatten sie - wie wir - bei Perl die Mosel überquert? In Perl hätte früher eine Fähre, bei Apach eine Furt erlaubt, auf die andere Moselseite zu gelangen und weiter nach Contz-lès-Bains zu gehen. Immerhin gab es in Contz-lès-Bains seit dem 15. Jahrhundert ein »Maison des Hospitaliers«, d. h. ein Spital »St. Jean de Jerusalem«. Wir mussten heute auf jeden Fall die Moselbrücke überschreiten, um in unser Quartier zu gelangen. Im »Schengener Schlass« erwartete uns bereits das Abendbrot mit Nudeln und Salaten. Der Abend anschließend wurde noch sehr lang. Eigentlich war laut Programm eine Weinprobe beim Weingut Willy Hartmann in Perl vorgesehen gewesen, denn dort war an diesem Wochenende »Tag des offenen Weingutes«. Aber nach dem langen Tagesmarsch wollte am Abend aus der Gruppe niemand so recht noch einmal über die Moselbrücke und zu Fuß hinauf nach Perl gehen. Manfred Hamm machte den Vorschlag, man könne doch die Weinprobe in den Keller des Schengener Schlosses verlegen nach dem Motto, wenn der Prophet nicht zum Berg geht, muss der Berg eben zum Propheten kommen. Also fuhren meine Frau und ich mit dem Wagen zum Weingut und besorgten mehrere Kartons mit Riesling, Auxerrois, Spätburgunder Rosé und Elbling. Die Elblingrebe findet man heute wohl nur noch an der Obermosel, wohin die Römischen Legionäre sie einmal mitgebracht hatten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war sie in ganz Europa verbreitet gewesen. Wir verkosteten die vier Sorten vom »Aristokraten« Riesling bis zum »Demokraten« Elbling immer und immer wieder, ohne uns so recht für eine entscheiden zu können. Unsere Geschmacksnerven wurden aber auch immer wieder abgelenkt, weil Josef Schäpers seine Gitarre und fotokopierte Liedtexte mitgebracht hatte. Jakobspilger sind ein singfreudiges Völkchen. Die Weinprobe regte zusätzlich die literarische Kreativität der Gruppe an: »Wer recht in Freuden pilgern will«, »Lustig ist das Pilgerleben« und »Das Pilgern ist des Pilgers Lust« waren aktuelle Textvarianten, die spontan gedichtet wurden. Es wurde ein rundum gemütlicher Abend, zu dem auch Gertraud Rauhaus mit einigen kabarettistischen Hinlagen (u. a. über die »Hottentotten-Stotter-Trottel-Mutter« - oder so ähnlich) beitrug. Ein toller Tag, der uns mit unvergesslichen Pilgereindrücken, herrlicher Sonne und leckerem Wein verwöhnt hatte, ging gegen 23 Uhr zu Ende. Aber auch nach dein offiziellen Zapfenstreich wurde in kleinem Kreise noch weiter gefeiert und diskutiert. Die letzten unserer Gruppe haben ihr Bett erst gegen halb 2 Uhr morgens gefunden nach dem Motto: »Mäßig genossen, kann der Moselwein im Schengener Eck auch in größeren Mengen nicht schaden!« Am nächsten Morgen waren jedenfalls sämtliche Weinkartons leer und ein Teilnehmer musste sogar - aus gegebenem Anlass - einen Tag »wanderfrei« nehmen.

Von Schengen nach Veckring - 22 km

   Heute benötigten wir keinen Bustransfer und konnten direkt von Standort Schengen aus starten. Zuvor waren meine Frau und ich mit dem Wagen und allen Pilgerpässen zum Perler Rathaus gefahren, um dort den Stempel mit dem Perler Stadtwappen zu erhalten. Wir sprangen schnell noch in die Apotheke hinein und kaufen sämtliche Vorräte an Fuß-Pflaster auf - vorrangig natürlich von der Firma »Compeed«, denn alle Teilnehmer mit Fußproblemen schwörten inzwischen auf dieses »Wunderprodukt«. Um 9 Uhr brachen wir zur Tageswanderung auf und gingen zunächst am Fuße des Stromberges entlang durch die luxemburgischen Weinberge. Hier am Stromberg brachen übrigens die Römer die Steine für die Porta Nigra in Trier. Unser Blick schweifte hinunter zur Mosel-Staustufe (zwei der 14 Staustufen von Thionville bis Koblenz liegen auf Luxemburger Gebiet), dann hinüber auf die andere Moselseite zum französischen Sierck-lès-Bains und schließlich nach Südwesten, wo »La Moselle« noch ruhig in der Ebene dahin fließt. Die strategische Bedeutung des Dreiländerecks, wo sich das Moseltal erstmals zu einer Art Kastenprofil verengt, hatten schon die Römer erkannt. Sie legten auf dem Felsen beim heutigen Sierck-lès-Bains die erste Festung »Circum Castellum« an. Zu Füßen der Festung, die im Mittelalter erweitert, dann immer wieder zerstört und aufgebaut wurde, bis schließlich im Jahre 1713 endgültig ihre letzte Stunde geschlagen hatte, entstand an den Berg geschmiegt der Ort mit den Häusern der Handwerker, Soldaten und Bediensteten. Der Ort war in Trierer Besitz, die Burg gehörte den Lothringern. Was konnte man bei dieser Konstellation auch anders erwarten als Jahrhunderte langen Zank und Streit.
   In Contz-lès-Bains hat sich von dem »Maison des Hospitaliers« aus dem 15. Jahrhundert nichts anderes erhalten als ein Straßenname: »Venelle des hospitaliers«. Auch Contz-lès-Bains trägt wie Perl und Sierck-lès-Rains die drei Pilgermuscheln im Wappen. Daneben erkennt man ein stilisiertes Johannisrad. Das Original wird im Waschhaus aufbewahrt und alljährlich am 24. Juni zu Ehren des hl. Johannes mit brennendem Stroh umwickelt den Stromberg hinunter rollen gelassen. Am Hauptplatz des kleinen Ortes steht das schöne »Kummerkreuz« zur Erinnerung an die Pestzeiten. Wir ließen uns auch vom Weinmuseum des Ortes nicht aufhalten, denn Weinzeit war ja gestern gewesen und heute war Wanderzeit. Über die Moselbrücke ging es mit dem Wanderzeichen »gelbes Quadrat« des Wanderweges SGTM 6. Diese Markierung begleitete uns heute bis kurz vor das Forsthaus »Des Quatre Seigneurs«. Die neue Wanderkarte Nr. 8 im Maßstab 1:50.000 des »Club Vosgien« war für diese und die nächste Etappe eine große Hilfe (Informationen unter
www.club-vosgien.com). Gegenüber dem bisher von unserer Bruderschaft publizierten Itinerar führt dieser Weg nicht über geteerte Straßen, sondern fast ausschließlich durch Wald und über Wiesen und Felder. Dabei nähert man sich den Kühltürmen des Kernkraftwerks Cattenom auf weniger als zehn Kilometer Luftlinie. Auf dem Gelände der »Ferme de Koenigsberg« machten wir nach gut acht Kilometern kurz vor 12 Uhr Mittagsrast unter freiem Himmel. Der Himmel meinte es - Jakobus sei Dank - heute einigermaßen gut mit uns. Zunächst war es zwar bedeckt gewesen und ein wenig Feuchtigkeit in der Luft, aber im Laufe des Nachmittags kam die Sonne durch. Bei der Mittagsrast wurden auch wieder Fußpflegearbeiten fällig. Hansjörg Kienle hatte es besonders schlimm getroffen. Aber er biss die Zähne zusammen und wanderte weiter mit. Rosemarie Ternes hatte seine Füße fachgerecht versorgt. Wir machten bei einem Bauernhof, der den Namen »Chartreuse« trug, eine kurze Pause. Der Bauer wurde schnell in ein Gespräch verwickelt und es stellte sich heraus, dass seine Schwester zur Zeit unterwegs war auf einem Stück des Jakobsweges in Frankreich. Was gab es doch für Zufälle! Wir schenkten ihm ein kleine Pilgermuschel und wanderten weiter. Der Weg vom Forsthaus bis zur »Ouvrage du Hackenberg« in Veckring, einem der größten Festungswerke an der sog. Maginot-Linie, ist mit einem blauen Kreis markiert und wenig begangen. Es ist wohl zu befürchten, dass dieser Pfad bis zur Festung Hackenberg schon bald wieder zugewachsen sein könnte. Derzeit war der Weg frei gemäht, aber wohl weniger für Wanderer wie wir, sondern damit die Jäger freie Schussbahn auf die Fasane hatten, die hierher durch Maiskörner, die überall im Gras lagen, angelockt werden sollten.
   Benannt wurde die »Maginot-Linie« nach dem französischen Politiker Andre Maginot, unter dessen Amtszeit als Kriegsminister das Heeresgesetz (1928) erlassen und mit dem Bau des Befestigungssystems an der französischen Nord-Ost-Grenze in den Jahren 1929 bis 1936 begonnen wurde. Es bestand aus Festungswerken, Panzerhindernissen und betonierten Stellungen - eingeteilt in 25 »befestigte Abschnitte«. Hackenberg war mit 17 Blöcken eine der größten dieser Festungen. Eine unterirdische Eisenbahn verbindet die Stellungen über 3,5 Kilometer Länge. 1000 Mann Besatzung hätten hier drei Monate lang ohne Fremdversorgung leben können. Wir waren beeindruckt und bedrückt von diesem Wahnsinn, zumal wir an einer der Batterien im Gelände auf eine Gruppe französischer Soldaten trafen, die hier ebenfalls Besichtigungen vornahmen. Erst als wir den Rundgang durch die Stellungen beendet hatten und gegen 16 Uhr nach 19 Kilometern oben auf dem Plateau beim ehemaligen Friedhof an der kleinen Kapelle rasteten, machte uns der wunderschöne Rundblick langsam wieder frei von den kriegerischen Gedanken. Wir sangen gemeinsam das Anti­Kriegs-Lied aus den 60er Jahren »Sag' mir, wo die Blumen sind« und Hermann sprach ein kurzes Gebet.
   Alle waren sich einig, dass auch der Jakobspilger seine Augen nicht vor diesem düsteren Teil unserer jüngsten Geschichte verschließen darf. Nicht nur Eindrücke der schönen Künste in den mittelalterlichen Kapellen am Weg darf der Pilger mit nach Hause bringen, sondern er muss sich bewusst werden, dass er heutzutage das unerhörte Glück hat, 2000 Kilometer quer durch Europa pilgern zu können, ohne in kriegerische oder politische Auseinandersetzungen hinein gezogen zu werden. Der »Camino« war bekanntlich vom Europarat im Jahre 1987 zur ersten Kulturstraße Europas ernannt worden. Alle Mitwanderer hatten solche Überlegungen noch im Kopf, als wir die letzten drei Kilometer der heutigen Tageswanderung hinunter nach Veckring gingen - an einem ausgedienten Panzer vorbei zu dem daneben stehenden Autobus, der uns zurück in unser Quartier bringen sollte. Der Bus stand pünktlich bereit und unsere Gruppe war ebenfalls pünktlich am Treffpunkt.
   Zum Abendessen gingen wir heute »fremd« und zwar in das »Gasthaus zur Maimühle« direkt an der Schengener Moselbrücke auf deutscher Seite. Die Köchinnen im Schengener Schloss konnte uns abends nur Kalte Küche bieten und einmal am Tag braucht ein Jakobspilger doch eine warme Mahlzeit. Anschließend setzten sich einige Mitpilger noch im Keller des Schengener Schlosses und später in Lothar Trues Wohnmobil zusammen und diskutierten »über Gott und die Welt«. Es ging um die Kunst des Bildermalens und um unterschiedliche Glaubensauffassungen katholischer und evangelischer Christen. Die Wellen schlugen hoch. Tatsache ist, dass es kaum eine andere Pilgerschaft gibt, die sich so offen den unterschiedlichen Glaubensrichtungen gegenüber erweist wie das Jakobspilgern. Es kann spirituell anders ablaufen als z. B. eine Matthias-Wallfahrt - dies bestätigten Mitglieder von Matthias-Bruderschaften, die mit uns auf dieser Pilgerwanderung waren. Mit Hermann Schmitz z. B. habe ich oft über religiöse Aspekte unserer Wanderwoche geredet. Wir hatten uns abgesprochen und es beide gemeinsam übernommen, die spirituellen Angebote gegenüber der Gruppe zu machen. Hermann hat dabei den durch seine Mitgliedschaft in einer Matthias-Bruderschaft beeinflussten katholischen Part übernommen; ich habe meine evangelisch basierte Auffassung religiöser Aspekte in diese Pilgerwoche eingebracht. Zusammen hatten wir - so denke ich - einen Kompromiss gefunden, mit dem alle Teilnehmer zurecht kommen konnten. Zumindest bestätigte uns dies die Mehrheit bei einer kritischen Nachlese am Ende dieser Pilgerwoche. Ich möchte mich hier noch einmal bei Hermann für dieses einvernehmliche und ergänzende Miteinander sehr herzlich bedanken.
   Natürlich sollte Jakobspilgern nicht ohne Spiritualität sein, aber religiöse Spiritualität auf dem Weg ist im Grunde ein individuelles Anliegen jedes einzelnen Pilgers. Pilgern ist anders als Wallfahren: Eine Matthias-Wallfahrt ist ein Gemeinschaftserlebnis Gleichgesinnter an einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr, eine Jakobspilgerfahrt ist i. d. R. eine persönliche Unternehmung eines Einzelnen, die ohne Bindung an einen festen Termin aus eigenem Antrieb heraus stattfindet. Der Jakobspilger, der alleine wandert, ist natürlich offen für fremde Eindrücke und neue Kontakte. Aber während des überwiegenden Teiles der Pilgerfahrt wandert er allein und ist auf sich gestellt. In einer größeren Gruppe zu pilgern, ist deshalb für den Jakobsweg ein eher ungewöhnliches Unterfangen. Es kann aber dennoch - bei entsprechender Toleranz aller Teilnehmer - ungemein anregend und belebend sein, gerade bei unterschiedlicher religiöser Prägung. Die Teilnehmer unserer Gruppe haben dies während der Wanderwoche wohl auch so gesehen und erlebt.

Von Veckring nach Charly-Oradour - 21 km

   Nach dem Frühstück sprach es sich herum, dass um 8.30 Uhr Pater Franz von der Gruppe der Exerzitien-Schwestern, die sich mit uns zusammen im »Schengener Schlass« aufhielten, einen Gottesdienst abhalten würde, an dem auch Interessierte von uns teilnehmen könnten. Von dem Angebot machte ein Teil der Gruppe Gebrauch.
   Der Bus brachte uns dann - mit leichter Verspätung - zum Start der heutigen Etappe nach Hombourg-Budange, einem kleinen Ort, der sich uns an einem so trüben Tag wie im Dornröschenschlaf darbot. Das Stück zwischen Veckring und Hombourg-Budange hatten wir ausgelassen. Kedange-sur-Canner wäre eigentlich das Etappenziel auf diesen ausgelassenen fünf Kilometern gewesen. Für Einzelpilger ist Kedange interessant, weil es hier mit dem »Hôtel de la Canner« ein empfehlenswertes kleines Hotel gibt, wie man es hier in den anderen kleinen Etappenorten nicht so leicht finden kann (Tel. 0033/382830025). Anzuraten ist die gute und preiswerte Halbpension. Im Rathaus von Hombourg-Budange gab es vor dem Start für alle den begehrten Pilgerstempel. Man informierte uns darüber, dass sowohl Schloss als auch Kirche in Privatbesitz und deshalb unzugänglich seien. Das ärgerte uns sehr, denn immerhin wird Hombourg-Budange im Dumont-Führer über Lothringen als das »Heidelberg Lothringens« bezeichnet: »Seine malerisch auf einem Hügel gelegene Schlossburg erinnert an die Renaissanceschlösser der Loire. Vor dem Ortseingang erhebt sich an der Abzweigung nach Luttange und Metz ein beachtenswertes neugotisches Hochkreuz. Die breite Ortsdurchfahrt, typisch lothringisch mit ihren zurückliegenden Häuserfronten, gewährt einen hübschen Ausblick auf die von hohen Bäumen umrahmten Schlossgebäude. Die dem hl. Antonius von Padua gewidmete Kapelle gleich links neben der Auffahrt zur Vorburg birgt einen Taufstein von 1566 mit Darstellungen des Gottvaters, von Christi Taufe sowie der Evangelistensymbole. Hervorragend gearbeitet sind die drei Grabmäler derer von Kriechingen: Werke des Bildhauers Hans von Trier (16. Jh.).«
   Frustriert von der Unzugänglichkeit all dieser Schönheiten brachen wir in strömendem Regen auf. Es konnte ja auch nicht jeden Tag die Sonne scheinen. Leider gab es für den heutigen Weg zur geteerten Straße D 118E keine Alternative. Aber bei dem Regenwetter war ein fester Untergrund sogar von Vorteil. Erst hinter dem Weiler Neudelange wurde der Weg wieder attraktiver und das Wetter besser. Bei St. Hubert warfen wir an der Straße einen kurzen Blick auf eine kleine Schnapsbrennerei in einer Garage, hielten uns aber nicht lange auf, sondern gingen - unbeirrt von den Verlockungen des Alkohols - geradeaus weiter Richtung »Chapelle de Rabas« und »Fontaine de Charlemagne«. An dem idyllischen Platz vor der Kapelle machten wir um 12:45 Uhr nach etwa zehn Kilometern Mittagsrast unter freiem Himmel. Die Pause währte so lange, bis es wieder zu regnen begann. Schnell sangen wir Hermann Schmitz, der heute Geburtstag hatte, ein Ständchen. Dann »bewaffneten« sich alle mit Regenumhängen und Schirmen und machten sich an die abenteuerliche Durchquerung des »Bois de Vigy«. Abenteuerlich war es weniger wegen der fehlenden Markierungen bei dem Marsch durch den Wald, sondern vor allem deshalb, weil aufgrund des Regens der lehmartige Boden so rutschig geworden war, dass alle - unabhängig vom Schuhwerk - ihre liebe Not hatten, auf zwei Beinen den Wald und die kleine Schlucht darin zu meistern. Georg Dite traf es am schlimmsten. Er glitt aus, riss eine junge mittelgroße Eiche um und rutschte den ganzen Hang hinunter in die kleine Schlucht. Zum Glück verletzte er sich nicht und auch sonst niemand. Etwas größer geworden durch den Lehm unter den Schuhsohlen und reif für die Badewanne, aber frohen Mutes kamen wir nach insgesamt 14 Kilometern gegen 15.15 Uhr in Vigy an. An einem Wochenende hätte man die gesamte Strecke von Kedange bis Vigy auch mit einer alten Dampflokomotive auf einer ansonsten stillgelegten Trasse zurücklegen können, aber ich denke, von unserer Gruppe hätte im Nachhinein niemand auf die »Abenteuer im Bois de Vigy« verzichten wollen.
   In Vigy gab es nach den Anstrengungen erst einmal 20 Minuten Pause, die von einigen für einen Besuch im Cafe, von anderen für eine Besichtigung des Gotteshauses genutzt wurde - Kirche oder Kneipe lautete die Alternative. Beim Verlassen des Ortes gingen wir entlang eines abgeernteten Feldes, auf dem sehr viele Versteinerungen (Ablagerungen aus Muschelkalk) lagen, so dass jeder (mindestens) ein Exemplar als Souvenir mitnehmen konnte. Manche Sammler stopften sich auch die Taschen voll und trugen später schwer daran. Die Vorräte an Versteinerungen waren aber auch schier unerschöpflich. Vom nächsten Ort Sanry-les-Vigy gab es für den weiteren Weg zwei Alternativen: Zum einen hätte man die letzten drei Kilometer bis Charly-Oradour auf der Landstraße D 67a gehen können, zum anderen gab es einen schönen Wirtschaftsweg geradewegs durch die »Ferme de Paouilly«. Diese zweite Variante führte aber über einen für Fremde gesperrten Privatweg. Nun hatte meine Frau schon Wochen zuvor einen Brief an die Eigentümer des Bauernhofes geschrieben und um »Durchgangsrecht« gebeten. Kurz darauf war überraschend eine positive schriftliche Antwort gekommen und heute stand die ganze Familie Cayotte an der Haustür, um unsere Gruppe vorbeiziehen zu sehen und sie zu fotografieren. Wir sangen den Grundbesitzern zwei Strophen des Coesfelder Jakobusliedes - sozusagen als »Mautgebühr«. Dann war es nicht mehr weit bis zu unserem Bus, der uns verlässlich und pünktlich wie jeden Tag am vereinbarten Platz erwartete. Der Name unseres heutigen Zielortes »Charly-Oradour« hatte tatsächlich etwas mit dem bekannt gewordenen Ort Oradour-sur-Glane bei Limoges zu tun, der am 10. Juni 1944 von deutschen SS-Verbänden als Vergeltung von Partisanentätigkeit eingeäschert worden ist. Alle Einwohner wurden dabei getötet. Unter den Getöteten befanden sich auch zahlreiche Personen, die aus dem lothringischen Charly stammten und nach Oradour zwangsrekrutiert worden waren. Seitdem trägt der Ort Charly den Zusatz »Oradour«. Abends gab es zur Abwechslung ein Menü im China-Restaurant von Schengen. Es war vorzüglich und belastete dennoch unsere zentrale Reisekasse nicht zu sehr.

Besichtigungstag in Metz

   An dieser Stelle müssen wir zugeben, dass wir uns die letzten sieben Kilometer durch das Industriegebiet und die Vorstädte von Metz »geschenkt« haben - auch so etwas erlauben sich sog. »Luxuspilger«. Wir sind also am Mittwoch einfach mit unseren Wagen und unserem Gepäck von Schengen nach Metz-City gefahren - sozusagen als Abstecher während unseres Transfers zu unserem neuen Standort in Moulins-lès-Metz. Nach vier Tagen Pilgerwanderung haben wir uns einen Besichtigungstag in Metz gegönnt. Und diese Entscheidung erwies sich in doppelter Hinsicht als richtig: Erstens waren uns unsere Füße dankbar für die Pause (obwohl von Pause eigentlich nicht die Rede sein konnte, da wir beim Stadtbummel in Metz mindestens die Strecke einer halben normalen Wanderetappe zurückgelegt haben) und zweitens hatte Metz unbedingt einen ganzen Besichtigungstag verdient.
   In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Metz von einem Industriezentrum zu einer Stadt der Kommunikation und der modernen Technologien gewandelt. Zwischen Mosel und Seille gelegen entwickelte sich Metz mit seinen 200.000 Einwohnern aber auch zu einer Gartenstadt, zu einer der grünsten Städte Frankreichs. Schon immer war Metz Kreuzpunkt wichtiger Straßen gewesen, derjenigen von Trier nach Lyon und derjenigen von Reims nach Straßburg. Auch für die deutschen Jakobspilger aus dem Kölner Raum, die sich im Mittelalter auf den Weg gemacht hatten, war Metz selbstverständlich ein wichtiges Etappenziel. Schon als die Römer im Jahre 52 v. Chr. Metz eroberten, war es eine der größten Städte Galliens. In römischer Zeit setzte sich die Prosperität fort. Die Größe des Amphitheaters, in dem 25 000 Zuschauer Platz hatten - es war das größte nördlich der Alpen -, kann als Beleg dafür angesehen werden. In den ersten beiden Jahrhunderten unserer Zeitrechnung erlebte die Handelsstadt Metz eine wirtschaftliche Blüte durch den Export von Keramik, Wein, Salz und Bausteinen. Im Jahre 275 wurde Metz Bistumssitz. Im 4. und 5. Jahrhundert war Metz mit seinen 40.000 Einwohnern neben Trier eines der wichtigsten mitteleuropäischen Zentren der Spätantike. Als der Hunnenkönig Attila im Jahre 451 Metz in Brand setzte, ergab sich ein vorübergehender Rückschlag. Aber bereits im 6. Jahrhundert machten die Merowinger Metz zur Hauptstadt des Königsreichs Austrasien und leiteten den Wiederaufschwung ein. Metz war auch die Wiege der karolingischen Dynastie: der hl. Arnulf, im 7. Jahrhundert Bischof von Metz, war Vorfahre Karls des Großen. Aus dieser familiären Verbundenheit entstanden in Metz Werkstätten für Schreibkunst und Elfenbeinschnitzerei. Mit großem Prunk fand 835 die Wiedereinsetzung von Ludwig dem Frommen als Kaiser und die Krönung Karls des Kahlen als König von Lothringen statt. Im 10. Jahrhundert wurde Lothringen dem »Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen« angeschlossen. Metz stieg zu einem religiös-kulturellen Zentrum auf, dem damals nicht einmal Paris etwas Vergleichbares entgegensetzen konnte. Mit Toul und Verdun gehörte Metz zu den drei Bistümern, auf die der Bischof das oberste Recht ausübte. Seit dem 12. Jahrhundert entwickelten sich unaufhaltsam Macht und Reichtum der Stadt. Dank des Handels, der die lombardischen Bankiers anlockte, erreichte Metz einen Wohlstand, der mit dem der italienischen Republiken zur selben Zeit verglichen werden konnte. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts erhielt Metz den Status einer Freien Reichsstadt und die reichen Bürgerfamilien übernahmen die Herrschaft in der Stadt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde Metz endgültig an das französische Königreich angeschlossen und seit 1726 zu einer der mächtigsten Festungen des Landes ausgebaut. Im 18. und 19. Jahrhundert florierten Handel und frühe Industrie aufgrund Kohle- und Erzgewinnung. Im Jahre 1861 organisierte Metz eine Weltausstellung. Die Niederlage von 1870 stoppte den Aufschwung der Stadt vorübergehend und leitete eine wechselvolle Phase ein, die erst 1944 endete, als Metz endgültig wieder zu Frankreich kam.
   Wir erreichten Metz von Schengen aus nach einer Stunde Autofahrt und parkten (kostenlos) am »Palais du Sports« in der Nähe der Saint-Symphorien-Brücke. Von hier führte unser Weg zu Fuß in die City, und zwar den Kanal entlang und durch Grünanlagen, bis wir bei dem »Moyen Pont« das Wasser verließen und durch die Fußgängerzone zur Kathedrale St. Etienne gelangten. Sie beeindruckt den Besucher nicht mit imposanten Türmen wie andere französische Kathedralen, gehört aber dennoch mit 123 m Länge und über 40 m Höhe zu den größten (und seltsamsten) Kathedralen Frankreichs überhaupt. Vor allem die 6500 qm Fläche an Glasfenstern präsentiert die größte und vielfältigste Sammlung an kirchlicher Glaskunst vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. »Laterne Gottes« wird die Kathedrale deshalb auch häufig genannt. Uns erwartete dort um 10 Uhr eine eineinhalbstündige Führung. Zuvor holten wir uns in der Sakristei den begehrten Pilgerstempel beim Küster, der aus Galicien stammte, und daher viel Verständnis für unsere Wünsche hatte. Erst durch die Erläuterungen des Kirchenführers wurde uns klar, dass wir mit der Kathedrale von Metz eigentlich zwei Kirchen unter einem Dach vor uns hatten. Im 13. Jahrhundert entstand diese Verbindung zweier unterschiedlich orientierter, aber faktisch nebeneinander liegender Kirchen. Die heutige Kapelle Notre Dame ist der ehemalige Chor von Notre-Dame-de-la-Ronde, deren Portal sich an der linken Südseite erhalten hat. Vor der Kathedrale liegt also im Westen quer zu ihrer Achse eine Liebfrauenkirche. Beide Kirche waren zwar baulich zu einer Einheit zusammengefasst, aber bis 1380 durch eine Mauer getrennt. Man betrat früher die Kathedrale durch Pforten unter den "Türmen, während die Liebfrauenkirche zwei eigene Eingänge besaß. Die lange Bauphase der Kathedrale vom 13. bis zum 16. Jahrhundert haben den heutigen harmonischen Gesamteindruck nicht beeinträchtigt, da sich die jeweiligen Baumeister an den ursprünglichen Plan hielten. Die Architektur und die Glasfenster (weniger die Ausstattung) standen deshalb auch im Mittelpunkt unserer Führung. Den glanzvollen Abschluss bildeten die herrlichen Fenster von Marc Chagall im Chorumgang und im linken Querschiff, darunter auch ein ganz in gelben Farben gehaltenes »Paradies« von 1963/64 mit »Eve et le ser­pent«. Seitdem Gertraud Rauhaus uns bei einem geselligen Beisammensein die Geschichte erzählt hat von »Monsieur le Liebe Errgott« mit seinen »Privat-Renetten«, die »Monsieur Adam« und »Madame Eve« aufgegessen haben, kann ich keine Sündenfall-Szene mehr betrachten, ohne erneut über diesen Auftritt schmunzeln zu müssen.
   Natürlich suchten wir auch nach Jakobus-Darstellungen in und an der Kathedrale. Zunächst wurden wir am neuen Hauptportal aus dem Jahre 1903 (nach alten Vorbildern gestaltet) an der Westseite fündig: hier steht »unser« Heiliger (als vierter von rechts) mit der Muschel und dem Schwert seines Martyriums; zu seinen Füßen erkennt man König Herodes. Ebenfalls an der Westfront der Kathedrale befindet sich in der unteren Reihe von Heiligenfiguren unter der großen Fensterrose (11 m Durchmesser!) eine Jakobusdarstellung (Dritter von rechts). Die Krypta beherbergt heute das Diözesanmuseum. Dort entdeckten wir unter den Holzskulpturen des 15. Jahrhunderts einen Heiligen, der zwar wegen seiner verloren gegangenen Arme keinen Pilgerstab mehr halten konnte, dessen Pilgerhut aber durchaus auf eine Jakobusdarstellung schließen ließ.
   Eindeutig ein Jakobus ist dagegen die steinerne Figur aus dem 15. Jahrhundert in den »Museen des Goldenen Hofes« - unweit der Kathedrale. Das Museum von Metz ist kein modernes Ausstellungshaus und besitzt keine großen Säle zur Präsentation der Exponate, sondern es besteht aus einer Anzahl von historischen Gebäuden - wie der ehemaligen Karmeliterkirche, dem berühmten Stadtspeicher von Chevremont aus dem Jahre 1457 und den an Ort und Stelle gefundenen gallo-römischen Thermen -, und man wird auf diesem geschichtsträchtigem Boden geleitet durch kleine Räume, über Treppen und Durchgänge, so dass man sich verlaufen kann. Die Gruppe hatten nach der Kathedralführung eine Stunde Zeit, um das Museum auf eigene Faust zu erkunden. Angesichts der Fülle von interessanten Objekten hätte man für die Besichtigung des Museums mindestens einen halben Tag benötigt. Aber die zeitliche Beschränkung gibt ja manchem auch Anreiz zum Wiederkommen. So beschränkten wir uns auf die Höhepunkte der Sammlung, wie z. B. die geheimnisvoll bemalten gotischen Holzdecken oder die merowingische Chorschranke aus der Kirche Saint-Pierre-aux-Nonnains - eine der schönsten Bildhauerarbeiten des frühen Mittelalters in Frankreich. Einige verpassten in der Eile, sich unter den Pilgerzeichen das Bleikreuz Nr. 8903 anzusehen, dem einzigen Relikt aus der Kirche St. Jacques und dem Hospiz St. Jacques. Es trägt den Namen eines Kanonikus und war ihm mit ins Grab gelegt worden.
   Zur heutigen » Place Saint-Jacques« führte dann auch nach dem Museumsbesuch unser Weg. Der Platz ist heute das geschäftige Zentrum der City mit vielen Straßencafes und Restaurants. Außer dem Namen erinnert nichts mehr an das ehemalige Hôpital Saint-Jacques, in dem die Pilger drei Tage lang Unterkunft und Verpflegung erhalten konnten. Aber auch wir hatten Glück mit unserer Verpflegung, denn heute gab es nicht das übliche Lunchpaket, sondern stattdessen um 13.30 Uhr ein leckeres dreigängiges Menu im »Hôtel de Gournay« (9, Rue du Grand Cerf, Tel. 0033/387751148), das der »Association Mosellane du Troisieme Age« gehört, aber auch für Gruppen Essens­-Reservierungen annimmt. Der ausgezeichnete Tipp stammte von Dr. Bernard Dillinger, der die »Pelerinages Diocesains Metz« (Tel. 0033/387744556) betreut. Nach dem Essen und dem begleitenden Rotwein brachte uns ein Kaffee wieder auf Trab und wir setzten unseren Stadtbummel fort: Ludwigsplatz mit mittelalterlichen Arkaden, St. Martinskirche mit Narthex aus dem 12. Jahrhundert, Kongresszentrum und Konzertsaal »Arsenal«, die achteckige Templerkapelle als einziger Überrest einer Kreuzritter-Komturei und die ehemalige Klosterkirche Saint-Pierre-aux-Nonnains (dem ältesten Gebäude von Metz aus dem 4. Jahrhundert), deren reichverzierte merowingische Chorschranke wir ja schon im Museum bewundert hatten. Jetzt fing es doch noch ein wenig an zu regnen, nachdem wir bisher tagsüber trockenes Wetter für den Stadtbummel hatten. Um 16.15 Uhr waren wir pünktlich am Anleger, um uns eine Stunde lang mit einem Ausflugsboot durch die Kanäle und Wasserstraßen im Südwesten von Metz fahren zu lassen. Zwischenzeitlich hatten wir unterwegs mit Hansjörg Kienle sogar unseren eigenen Kapitän. Alles ging gut und gegen 18 Uhr trafen wir mit unseren Autos bei der »Ermitage Saint­Jean« in Moulins-les-Metz ein (Tel. 0033/387600278). Die Qualität der Zimmer konnte sich mit dem Schengener Schloß nicht messen, doch man muss beim Vergleich natürlich auch die Preisunterschiede zwischen dort und hier berücksichtigen. Außerdem sind Jakobspilger grundsätzlich mit einfachen Unterkünften vertraut. Das Essen in der Ermitage war jedenfalls hervorragend und so blieb unsere gute Laune erhalten. Übrigens nimmt man in der Ermitage auch Einzelpersonen auf, wenn der Gruppenbelegungsplan es zulässt. Zusätzlich zu den Zimmerpreisen von 13-30 € (plus 3,70 € für das Frühstück) wird ein einmaliger Jahresbeitrag (»cotisation«) von 15 Euro erhoben (Handtücher sind mitzubringen). Zu später Stunde wollte ich unbedingt noch einen neukonzipierten Diavortrag über »Jakobus-Pilgerkrönungen«, der demnächst irgendwann beim Geschichtsverein Velbert Premiere haben wird, unter Jakobsbrüdern austesten. Aber der Vortrag war wohl zu lang und die Zuhörer waren zu müde vorn Tag in Metz. Einige waren aufgrund des Sauerstoffmangels im Raum, wegen der Dunkelheit oder wegen des langweiligen Vortrages während der Projektion eingeschlafen und konnten mir deshalb anschließend gar keine Rückmeldung geben, ob ihnen der Diavortrag gefallen hatte. Ich denke aber, der Vortrag wäre auch für ausgeschlafene Zuhörer zu lang gewesen. Ich werde ihn deshalb vor der Premiere in Velbert noch kürzen.

Von Moulins-Ies-Metz nach Montauville - 26 km

   Um 8.15 Uhr gab es das karge und somit schnelle französische Frühstück, so dass wir uns schon um 9 Uhr auf den Weg machen konnten. Der zunächst recht bedeckte Himmel klarte im Laufe des Vormittages immer mehr auf. Nach dem kopflastigen Kulturtag am Mittwoch standen heute wieder die Füße im Mittelpunkt. Zunächst mussten wir die Landstraße D 103d bergauf laufen, um kurz vor Jussy auf den GR 5 zu stoßen, dem wir durch die Weinberge folgten. Wir passierten den romantischen Ort Vaux mit den Resten seiner ehemaligen Tore und kamen nach fünf Kilometern gegen 10.15 Uhr in Ars-sur-Moselle wieder an die Mosel. Hier wechselten wir auf den frisch und daher gut gekennzeichneten GR de Pays (rot/gelb), der Nancy mit Metz verbindet. Nun benötigten wir die Wanderkarten für den heutigen Tag eigentlich nicht mehr. Die Serie Bleue Nr. 3313E und Nr. 3314E vom IGN sind zwar jeweils im angenehmen Maßstab 1:25.000, aber es handelt sich um Uralt-Modelle von 1983 und neuere sind nicht auf dem Markt. Wir hatten uns für den praktischen Gebrauch aus dem aktuellen »Topo-guide des sentiers de randonnée - Réf. 541 - De Metz ä Nancy« die wichtigsten Wegführungen in diese alten Wanderkarten übertragen. Hinter Ars-sur-Moselle kamen wir an den noch mit elf Pfeilern und sieben Bögen erhaltenen Aquädukt der Römer aus dem 1. Jahrhundert vorbei. Das Wasser wurde früher bei Gorze gesammelt und über diese auch heute noch eindrucksvolle Anlage auf die andere Moselseite und weiter über insgesamt 24 Kilometer nach Metz geleitet. Ein Vergleich mit der römischen Wasserleitung aus der Eifel nach Köln bot sich geradezu an. Wir schritten auf der flachen Strecke locker aus und legten erst nach 16 Kilometern gegen 13 Uhr an der Schleuse bei Pagny-sur-Moselle unsere Mittagspause ein. Inmitten der gewerblichen Gegend um Pagny bildete das Auwäldchen unterhalb der Schleuse eine kleine Oase der Ruhe. Jeder suchte sich seinen Baum als Rückenlehne und aß seine Verpflegung. Die Lunchpakete waren typisch französisch zusammengestellt mit Baguettebrot und sehr leckerem Camembert. Während der Mittagspause tauchte plötzlich Lothar Trué wieder auf, der mit einigen anderen zunächst die Nachhut gebildet hatte, dann aber unter Umgehung der Hügel zu uns aufgeschlossen war. Er machte sich auch weiterhin allein auf den ebenen Weg und traf uns am Ziel dann wieder. Wir anderen wollten nach knapp einer Stunde Pause eigentlich noch gar nicht weiter gehen - so geruhsam war es hier unter den Bäumen. Aber der Zeiger der Uhr mahnte zum Aufbruch. Doch in Vandières machten wir schon wieder eine kleine Kaffeepause in der »Auberge des Voyageurs« an der Hauptstraße. Einige Teilnehmer kannten dieses Gasthaus schon als preiswertes Hotel (Tel. 0033/383817282) von früheren Touren. Ab Vandières verließ unser Weg die Mosel, und wir legten wieder 200 Höhenmeter bergan zurück. Zwischen Norroy-lès-Pont-à-Mousson und unserem Zielort Montauville verlief der Weg manchmal mitten durch Wald und manchmal am Waldrand entlang mit wunderschönen Ausblicken auf Pont-à-Mousson mit seinen Kirchen. Da wir heute recht schnell unterwegs gewesen waren, trafen wir schon um 17 Uhr am Zielort ein, so dass Zeit blieb, sich in einem Café noch vor der Rückfahrt mit dem Bus zu stärken. Just während des Aufbruchs stieß Gerd Gellißen mit seinem Auto direkt aus Düsseldorf zu uns und fuhr hinter unserem Bus her zurück ins Quartier. Diese perfekte zeitliche Koordination hatte die moderne Technik der Mobiltelefone ermöglicht. Gerd Gellißen ersetzte ab Freitag morgen unseren »Gitarristen« Josef Schäpers, der zum Wochenende wieder zu Hause sein musste. Nach dem Abendessen veranstalteten wir in unserem Aufenthaltsraum wieder einen Lieder- und Erzählabend - schließlich mussten wir noch letztmalig die Gitarrenbegleitung nutzen. Da der Getränkevorrat stets vor Beginn des Beisammenseins beim Essenspersonal eingekauft werden musste, ergab sich jeden Abend erneut die schwierige Frage, wie viele Karaffen Rotwein bzw. Bierdosen man für einen normalen Pilger an einem normalen geselligen Abend zu rechnen hatte, um nicht später auf dem Trockenen zu sitzen. Aber ein geschickter Jakobspilger meistert auch derart schwierige Aufgaben problemlos.

Von Pont-à-Mousson nach Liverdun - 23 km

   Schon wieder begrüßte uns der Tag mit strahlendem Sonnenschein - dem hl. Jakobus sei Dank für dieses wunderbare Wetter während der ganzen Wanderwoche. Vor allem an diesen letzten Tagen der Pilgerwanderung zeigte sich das Wetter als geradezu ideal: blauer Himmel mit vielen kleinen weißen Wolken, 19 bis 22 Grad Celsius, leichter beständiger Ostwind. Unser Bus brachte uns heute direkt nach Pont­à-Mousson, wo wir mit einem Stadtrundgang unser Tagesprogramm begannen. Die Keimzelle der Stadt »Mousson« hatten wir gestern bereits während der Wanderung auf dem 382 m hohen Hügel rechtsseitig der Mosel liegen sehen. Das ehemalige Römerkastell war von den Königen Austrasiens zur Festung ausgebaut worden, bevor die Grafen von Bar an gleicher Stelle im 11. Jahrhundert eine Burg errichteten. Von hier aus wollten sie die alte Römerstraße von Trier nach Lyon, d. h. das Teilstück von Metz nach Toul, kontrollieren. Dieselbe Idee verfolgte aber gleichzeitig auch der Bischof von Verdun von seinem Schloss in Dieulouard aus. Verständlicherweise kam es zu einem heftigen Konkurrenzkampf. Im Jahre 1636 wurden Burg und Schlosskapelle zerstört. Was übrig blieb, bombardierten die Amerikaner im September 1944 so lange, bis von der »Butte de Mousson« nichts mehr übrig war außer ein paar Umfassungsmauern. lm Schutz der Burg hatte sich im 13. Jahrhundert zunächst auf der rechten Moselseite ein Ort um die heutige Martinskirche herum entwickelt. Ihre Doppelturmfassade aus dem 14./15. Jahrhundert beherrscht heute noch das rechte Moselufer. Die Westfassade vermittelte uns schon einen Vorgeschmack auf die Kathedrale von Toul. Das herausragende Kunstwerk im Innern ist ein spätgotisches Heiliges Grab aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts. Ligier Richier hat diese Grablegung mit 13 Figuren am Übergang von Gotik zur Renaissance (man beachte die Kostüme der drei schlafenden Soldaten im Vordergrund) geschaffen. Ganz in der Nähe der Martinskirche befand sich im Jahre 1572 die Wiege der Hochschulen in Lothringen: Im damaligen Jesuitenkolleg war - sozusagen als Maßnahme der Gegenreformation - eine bedeutende Humanistische Fakultät aufgebaut worden, die dann im Jahre 1768 auf Anordnung Ludwig XV. nach Nancy verlegt wurde. Ein weiterer Blickfang auf der Ostseite der Mosel ist die ehemalige Prämonstratenser-Abtei aus dem 18. Jahrhundert. Kirche, Abtei und Kreuzgang beherbergen aber heute ein Biermuseum und haben ihre sakrale Bedeutung völlig verloren. Wir überquerten daher nun die Brücke und fanden uns auf der großen Place Duroc wieder (benannt nach dem Marschall Duroc, der unter Napoldon diente und 1813 in der Schlacht bei Bautzen ums Leben kam), einem riesigen, unsymmetrisch angelegten Freiplatz aus dem 16. Jahrhundert mit Arkadenhäusern ringsherum. Das Haus der Sieben Todsünden ist das auffälligste unter ihnen. Die Karyatiden an der Fassade symbolisieren die Laster der Menschheit. Ein anderes Haus am Platz war für uns heute noch wichtiger, das Rathaus: Hier gab es nämlich den Pilgerstempel für unseren Pass. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnstrecke von Nancy nach Metz baute, entdeckte man bei Pont-à-Mousson Eisenerz im Boden. So entstand hier im Jahre 1856 eine Eisenerzhütte, die vor allem Wasser- und Gasrohre produzierte. Die Deckel für die Straßenkanalisation werden in viele Länder exportiert und tragen das Erkennungszeichen »P.A.M.« für Pont-à-Mousson.
   Gegen 10 Uhr machten wir uns schließlich auf den Weg und gingen über Maidieres zurück auf den GRP von Nancy nach Metz. Wir wanderten auf der Höhe am Waldrand entlang und passierten um 11.15 Uhr nach 7 Kilometern Jesainville. Zwischen Jesainville und Dieulouard, das wir gegen 12.30 Uhr nach 11 Kilometern erreichten, gibt es eine Anzahl von nebeneinander liegenden Erosionstälern (sog. »Vaus«), die unter Naturschutz stehen und von der Höhe hinab ins Tal des Bächleins »Esch« führen. Im Frühsommer findet man hier auf den Magerwiesen gewiss mancherlei Orchideen und Schmetterlinge. Mittagspause hielten wir in Dieulouard. Die Sondergruppe, die den kürzeren Weg über die Landstraße genommen hatte und heute aus drei Wanderern bestand, war schon in Dieulouard eingetroffen. Von der Burg aus dem Jahre 988 bzw. von dem späteren Schloss hatten wir ja im Zusammenhang mit der »Butte de Mousson« schon etwas gehört. Der ursprüngliche Name » Dieu le garde« hatte der Anlage offenbar nicht viel genutzt, denn sie wurde insgesamt siebenmal zerstört. Auch nach dem Wiederaufbau durch den Duc de Bourgogne im Jahre 1475 wurde der Besitz im Dreißigjährigen Krieg wechselweise von Deutschen, Schweden, Franzosen und Lothringern erobert. Auf Anordnung Ludwig XIV. wurde die Burg im Jahre 1660 schließlich abgebaut. Nur die Außenmauern blieben erhalten. Während der französischen Revolution wurden die erhaltenen Ruinen zu Wohnungen umgewandelt. Die Kirche St-Lambert von Dieulouard besitzt eine Krypta, die noch auf ottonische Zeit zurück geht. Dort befindet sich auch eine Madonna aus dem frühen 15. Jahrhundert, die sog. »Vierge­en-Terre«. Mitten im Ort machten wir Mittagspause, denn es gab einen Bäcker bei der Kirche, der auch gekühlte Getränke verkaufte – aber nur bis 13 Uhr, dann machte auch der Bäcker seine Mittagspause.
   Um 13.30 Uhr brachen wir auf und folgten dem GRP noch über Saizerais hinaus bis in den »Bois des Hospices de Nancy«. Ab jetzt war die neue Wanderkarte TOP 25 (3315 ET) vom IGN bis Toul verwendbar. Mitten im Wald trennten wir uns vom GRP und folgten nun dein PR 17+18 über den »Chemin de la Procession« Richtung Liverdun. Kurz vor Liverdun - in der Nähe des Euchariuskreuzes - trafen wir wieder auf den GR 5, der hier Liverdun berührt. Nach 23 Kilometern Tagespensum erreichten wir um 17 Uhr »Liverdun-Haut« - die Oberstadt von Liverdun - und sahen unten im Tal unsere geliebte Mosel wieder. Durch das alte Stadttor aus dem 16. Jahrhundert zogen wir pilgergemäß in den Ort ein. Hier in der Oberstadt war lange Zeit die Ausweichresidenz der Touler Bischöfe. Die Oberstadt ist daher auch der interessantere Stadtteil von Liverdun. Mit Stadttor und Stadtmauer bereits Ende des 12. Jahrhunderts versehen, hoch oben über der Mosel, an einer Stelle, wo der Fluss eine enge Schleife beschreibt, war Liverdun in Verbindung mit einer alten Festung gegründet worden. Der mittelalterlich anmutende Ort ist ein attraktives Etappenziel mit seinen alten Gassen, mit zwei von ehemals 12 Türmen, mit dem Brunnen und den Arkadenhäusern auf der »Place de la Fontaine«. Im alten Pfarrhaus, dem ehemaligen Hôtel de Camilly aus dem Jahre 1717, mit einem monumentalen Renaissanceportal gab es beim Pfarrer den Pilgerstempel. Er war gerade beim Umzug und saß auf gepackten Koffern. Daher hatte er wenig Interesse für eine Pilgergruppe. Schnell wurde der Kirche St­Eucharius aus dem 13. Jahrhundert noch ein Besuch abgestattet. Sie ist im strengen Zisterzienser-Stil erbaut mit schlichten, noch romanischen Knospenkapitellen. Im Jahre 1515 entstand ein Grabmal für den hl. Eucharius, dem im Jahre 362 der Kopf abgeschlagen worden war, den er deshalb auf dem Grabmal auch kopflos in seinen Händen trägt.
   Wir gingen über das Treppengässchen am alten Schloss vorbei hinunter in die Unterstadt und setzten uns vor ein Café, um die Abfahrt unseres Busses abzuwarten. Zurück im Quartier stürmten die ersten eilig unter die Duschen. Da nicht für jeden eine Dusche vorhanden war, gab es immer auf den letzten Metern bei der abendlichen Rückkehr unter Einsatz der letzten Kraftreserven eine Art Wettlauf. Zum Abendbrot saßen dann pünktlich alle frisch und duftig beisammen. Es gab zunächst warmen Ziegenkäse auf kleinen Baguette-Scheiben mit Salat, dann gekochten Fisch mit Kartoffeln und Gemüse sowie als Dessert einen Obstsalat. Anschließend deckten wir uns wie üblich mit Karaffen Rotwein und Bierdosen ein und hockten noch bis spät in die Nacht zusammen. Die allgemeine Lagekritik war Thema des Abends. Es ergaben sich viele Einzelaspekte der Wanderwoche, die aber alle überwiegend positiv eingeschätzt wurden. Insgesamt war die Gruppe mit dem Verlauf der Wanderwoche sehr zufrieden. Eine schnelles Meinungsbild ergab, dass der größte Teil auf eine Fortsetzung der Pilgerwanderung im nächsten Jahr hofft. Voraussichtlich wird die Gruppe nicht über Langres Richtung Le Puy ihren Weg weiter führen (wie beim »Kölner Weg« vorgesehen), sondern wohl eher Richtung Vézelay. Dieses Zwischenziel wäre nach zwei einwöchigen Wanderungen in den Jahren 2003 und 2004 zu erreichen, während die Gruppe für das Zwischenziel Le Puy noch viele Jahre mehr benötigen würde. Meine Frau und ich wurden von der Gruppe als Dank für die Organisation im Jahre 2002 mit einem tollen »Frühstückskorb« beschenkt, in dem alle Spezialitäten Lothringens enthalten waren - Lothringische Mirabellen-Pralinen, Metzer Mirabellenschnaps, Bergamotten-Marzipan aus Nancy usw. Die beiden Organisatoren waren gerührt angesichts des großartigen Geschenkes. Es wurde noch ein langer Abend.

Von Liverdun nach Toul - 22 km

   8.15 Uhr Frühstück, 9 Uhr Transfer nach Liverdun - heute war letzter Wandertag. Manche Teilnehmer waren froh darüber, denn das Thema »Meine Füße und ihre Leiden« stand für einige in den letzten Tagen doch sehr im Mittelpunkt des Interesses. Andererseits markierte die heutige Etappe auch das Ende des gemeinsamen Pilgerwanderns - und das tat allen schon ein wenig weh, denn man hatte sich an das In-den-Tag-hinein-Wandern und Miteinander-Plaudern so gewöhnt. Schade, dass es heute zu Ende gehen würde. Aber es stand uns noch ein unerwarteter Höhepunkt bevor: der Kontakt zu »Les Amis de Samt Jacques de Compostelle - Region Lorraine (6, rue de la Republique, F-54200 Toul)«. Hinter diesem langen Namen verbergen sich herzlich liebe Jakobsfreunde, die uns diesen letzten Wandertag zu einem besonderen Höhepunkt werden ließen. Zur Vorgeschichte: Ich hatte von Dr. Bernard Dillinger die Adresse von der lothringischen Sektion der französischen Jakobusorganisation erhalten und, da der Sitz dieses Vereins sich in Toul befindet, dort angefragt, ob man uns in Toul weiterhelfen könnte mit Pilgerstempel und Stadtbesichtigung. Der Vorsitzende Jacques-André Munier antwortete mir, dass man uns gern helfen wollte, und fragte nach dem Startzeitpunkt für unsere letzten Etappe am Vormittag in Liverdun. So erwarteten uns vor der Kirche in Liverdun ein halbes Dutzend französischer Jakobsfreunde mit »Madeleines« - dem französischen Muschelgebäck, das speziell in Toul hergestellt wird - und wanderten mit uns die Mosel entlang über Villey-St-Etienne bis Toul. Man unterhielt sich auf französisch und deutsch angeregt über alle möglichen Aspekte des Jakobskultes in Deutschland und Frankreich. Brotzeit gab es bei herrlichen Sonnenschein auf halber Strecke beim »Fort du Vieux Canton« im Gemeindewald von Villey-St-Etienne. Um ein großes Gewerbegebiet zu umgehen, wurde kurzfristig mit unseren französischen ortskundigen Freunden eine Variante entlang des Mosel-Seitenkanals ausgekundschaftet: »Le Duesseldorfer Gasse«. Der Weg war eben und wir schritten deshalb schnell aus. Schon vom weiten grüßten die Türme der Kathedrale von Toul. Aber es dauerte noch bis etwa 15 Uhr, ehe wir auf dem Vorplatz der Kathedrale angekommen waren. In Toul erwartete uns Jacques-André Munier und zeigte uns »seine« Kathedrale.
   Toul war im Mittelalter neben Metz und Verdun einer der drei großen Bistumssitze der Region gewesen. Toul lag an einem großen Bogen der Mosel und gleichzeitig am Flüsschen Ingressin. Von hier aus konnte man also einen der wichtigsten Zugänge zum Pariser Becken kontrollieren. Ähnlich wie in Metz übernahmen auch in Toul die selbstbewussten reichen Bürger im ausgehenden Mittelalter die Herrschaft über die Stadt. Unter Karl IV. wurde Toul Freie Reichsstadt. Die Bischöfe waren gezwungen, ihren Sitz in das 20 Kilometer entfernte Liverdun zu verlegen. Der Festungs-Architekt Vauban baute die Verteidigungsanlagen von Toul zu einer Festung aus. Auf dem Stadtplan erkennt man zwischen dem »Canal de la Marne au Rhin« und der Mosel den heute noch fast vollständigen Festungsgürtel. Im Inneren dieses Gürtels haben sich mittelalterliche Bürgerhäuser und auch Reste aus gallo-Römischer Zeit erhalten. Zwar nicht den Mittelpunkt, aber den Höhepunkt der Altstadt bildet die Kathedrale St­Etienne. Der Bau wurde im 13. Jahrhundert begonnen und erst im 16. Jahrhundert beendet. Die Westfassade ist ein architektonisches Meisterwerk des spätgotischen Flamboyant-Stils - entstanden zwischen 1460 und 1496. Auch wenn die Vielzahl von Figuren an der Westfassade während der Revolution verloren gegangen sind und die Beschädigungen in beiden Weltkriegen erheblich waren, so ist der architektonische Eindruck auch ohne Figurenschmuck noch gewaltig. Die beiden oktogonalen Türme besitzen eine Höhe von 65 m. Das Innere schmücken schöne Glasfenster aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Auch das Schiff erscheint wie aus einem Guss, obwohl über mehrere Jahrhunderte daran gearbeitet wurde. Alle Baumeister haben sich an denselben Plan gehalten. Derzeit wurden umfangreiche Restaurierungsarbeiten unternommen. Auch der Kreuzgang benötigt dringend eine Sanierung seiner Dächer. Es ist im 16. Jahrhundert entstanden und einer der größten in Frankreich. Hier erwartete uns die abschließende Überraschung: Unsere französischen Jakobsfreunde hatten für uns einen Umtrunk und einen kleinen Imbiss im Garten des Kreuzganges vorbereitet und luden uns nun ein, mit ihnen zu feiern. Wir ließen uns das nicht zweimal anbieten, denn nach der langen Tageswanderung waren wir alle hungrig und durstig. Es gab natürlich auch den leckeren Vin Gris aus Toul. Ein Pressefotograf machte noch Bilder für die Lokalzeitung. Dankesworte und gute Wünsche wurden ausgetauscht und der letzte Pilgerstempel dieser Wanderung in den Pass gedrückt. Um 17.30 Uhr brachte uns dann unser Bus zurück nach Moulins-lès-Metz.
   Nach dem Abendessen stand noch ein weiterer Höhepunkt des Tages auf dem Programm. Wir fuhren mit unseren Wagen in die Innenstadt von Metz, um gegen 21.30 Uhr an einer Stadtführung »Metz im Lichterkleid« teilzunehmen. Metz ist nicht nur laut Prospekt eine »Ville Lumière«, sondern machte dieser Bezeichnung auch bei dieser Nachtführung alle Ehre. Die Glasfenster der Kathedrale, das Theater an der Place de la Comedie, der neuromanische Temple Neuf, die alten Hôtels in der Innenstadt, die Gassen und - nicht zuletzt - die Place Saint-Jacques vertieften den Eindruck, den wir vor drei Tagen bei dem Kulturtag in Metz bereits gewonnen hatten, und machten uns noch vertrauter mit den Schönheiten des neuen und alten Metz.

Der Abreisetag 2002

   Beim Aus-Checken nach dem Frühstück kullerten schon erste Tränen. Niemand wollte es wahr haben, dass die schöne Pilgerwoche nun zu Ende sein sollte. Die gemeinsame Zeit war zu schön und zu prall gefüllt gewesen mit Eindrücken aller möglichen Art. Doch irgendwann mussten wir aufbrechen - zumindest diejenigen, die noch die Sonntagsmesse um 10 Uhr in der Kathedrale von Metz miterleben wollten. Es war ein wunderschöner Tag - wieder einmal. Die feierliche Messe in der Kathedrale rundete für alle Teilnehmer die Pilgerwanderung ab. Die Blicke der Gottesdienstbesucher verloren sich in den Schönheiten des großen Gotteshauses. Nach dem Gottesdienst folgte dann doch das Unabänderliche, nämlich die endgültige Auflösung der Gruppe. Einige fuhren sofort Richtung Heimat, andere bummelten noch durch das sonntägliche Metz, wieder andere nutzten die Gelegenheit zu einer Fahrt nach Gorze, der 749 gegründeten Benediktinerabtei etwa 20 Kilometer südwestlich von Metz. Bei etwas anderer Streckenführung hätten wir während der Pilgerwanderung auch Gorze berühren können. Dort hätte uns ein im 18. Jahrhundert entstandenes Wegekreuz mit einer Jakobusdarstellung erwartet. Jetzt wurde es uns bewusst: Eigentlich waren wir hinter Metz auf unserer Wanderung kaum noch Spuren des Jakobskultes begegnet. Gorze war einst ein geistliches Zentrum von großer Reichweite gewesen. Über 160 Abteien schlossen sich im 10. und 11. Jahrhundert einer von hier ausgehenden Reformbewegung an. Auch die Musik der Gregorianik wurde hier nachhaltig weiter entwickelt. In den Wirren der Reformation verfiel das Kloster dann mehr und mehr. Heute sind noch die frühere Laienkirche des Klosters, St-Pierre-et-St-Paul vom Beginn des 13. Jahrhunderts mit schöner Portalplastik und der im Jahre 1696 durch Abt Philipp von Löwenstein erbaute Palast mit seinem Figurenschmuck an den Treppen erhalten.
   Unsere Reise kam dann mit der Heimfahrt zu einem (vorläufigen?) Ende und hier schließt auch mein Bericht. Ein Pilgergebet aus Los Arcos in Navarra endet mit den Worten: »... damit wir unter deiner Führung, oh Gott, gesund und wohlbehalten zum Ziel des Weges gelangen und bereichert mit Gnaden und Tugenden glücklich in unse­re Heimat zurückkehren mit andauernder Freude. Durch Christus unseren Herrn. Amen.« - So war es!

Fortsetzung Pilgerwanderung 2003 von Toul nach Clairvaux

   Die Entscheidung, ab Toul nicht dem »Kölner Weg« in Richtung Langres und Le Puy weiter zu folgen, war bereits im Jahre 2002 gefallen. Die Wahl dieser Strecke hätte das Projekt »Etappenpilgern« noch über viele Jahre ausgedehnt. Vezelay als Ziel der somit auf vier Jahre verteilten Pilgerwanderung kann aber im Jahre 2004 erreicht und damit das »Etappenpilgern von Köln bis Vezelay« abgeschlossen werden. Eigentlich war allen Teilnehmern an der letzten Etappe klar, dass sich eine so gelungene Wanderwoche wie im Jahre 2002 von Trier nach Toul in dieser Form nicht wiederholen lässt und man nicht erwarten durfte, derart eindrucksvolle und prall gefüllte Pilgertage im Jahre 2003 wieder mit der Gruppe erleben zu können. Viele Kenner der Region, die sich westlich an Toul anschließt, hielten darüber hinaus eine Durchquerung der Champagne zu Fuß für eher langweilig und vermissten kulturelle Höhepunkte. Sollte die getroffene Entschei­dung, ab Toul den Jakobsweg in Richtung Le Puy zu verlassen und stattdessen nach Westen Richtung Troyes, Auxerre und schließlich Vezelay aufzubrechen, doch keine so glückliche gewesen sein? Jedenfalls stand der Plan fest, mit dieser Gruppe bis Vezelay weiter zu pilgern, denn mehr als 85 Prozent der Teilnehmer hatten sich schon beim Abschied im September 2002 in Metz für die Wanderung 2003 wieder vormerken lassen. Es war schon ein wenig unangenehm, man­chen neuen Interessenten aus den Reihen der Bruderschaft wieder absagen zu müssen. Die Veranstaltung war ausgebucht, bevor sie in der Kalebasse bekannt gemacht wurde. Aber was sollten die Organisatoren machen, die verfügbare Bettenzahl bestimmte die Obergrenze an Teilnehmern und wer im Vorjahr dabei war, erwartete natürlich auch 2003, dass er als Erster gefragt würde, ob er mitkommen wollte.
   Bei der Vorbereitung erwies sich die Strecke durch die südliche Champagne attraktiver als eine Querung der flachen Kornkammer im Norden mit ihren riesigen baumlosen Getreidefeldern. Im Süden waren auf der Karte Bäche und Flüsse, Täler, Wälder und Hochflächen zu erkennen. Erfahrene Pilger, die schon in der Region unterwegs gewesen waren, warnten vor den Folgen der Stürme »Lothar« an Weihnachten 1999 und »kleiner Lothar« im Winter 2002, deren Spuren der Verwüstung in den französischen Wäldern noch lange nicht beseitigt und die alten Wege von den umgestürzten Bäumen nicht wieder frei geräumt worden wären.
   Eine erste Inspektion vor Ort im Januar 2003 durch meine Frau und mich bestätigte diese Befürchtungen. In Frankreich ist es sowieso nicht so einfach, sich anhand von Landkarten einen eigenen Weg durch Flur und Feld zu suchen. Oft genug enden solche Versuche an Privatwegen und Stacheldrahtzäunen. Allein unterwegs, würde man diese Probleme schon meistern, aber für eine Gruppe von 35 Personen darf man Wege mit solchen Hindernissen nicht aussuchen. Man ist deshalb gut beraten, sich von vornherein nach markierten Wegen umzusehen, aber die sind in Frankreich (immer noch) relativ selten. Eher beiläufig waren wir bei den Vorbereitungen der Tour auf eine Broschüre über den » Sentier historique de Jeanne d'Arc« im Departement Haute-Marne aufmerksam geworden, eine markierte Wanderstrecke, die in Haute-Marne der geschichtlich dokumentierten Route der Jungfrau von Orleans auf dem Weg nach Chinon folgte und daher unserer gewünschten Wander-Himmelsrichtung entsprach. Auf diese Weise wäre das Kernstück unserer 165 km umfassenden Pilgerwanderung 2003 über mehr als 100 km als markierte Strecke dokumentiert. Dies gab den Ausschlag für die diesjährige Streckenführung. Telefonische Anfragen, ob der Jeanne-d'Arc-Weg östlich im Departement Meuse bis zu den historischen Jeanne-d'Arc-Stätten Domrémy­la-Pucelle und Vaucouleurs weitergeführt würde bzw. nach Westen im Departement Aube eine Fortsetzung bis Clairvaux erfahren habe, wurden leider negativ beantwortet. Man war eher überrascht über eine solche Frage. Aber in Frankreich herrschen keine anderen Verhältnisse als bei uns, auch dort sind viele kulturellen Aktivitäten nur auf die betreibende Region, d.h. auf ein einzelnes Departement ausgerichtet. Oftmals wissen benachbarte Departements überhaupt nichts von solchen Projekten in der anderen Region und bemühen sich auch nicht um die Entwicklung gemeinsamer Initiativen. Der Jeanne-d'Arc­Weg wäre aber schon aus historischen Gründen eine gemeinsame Aktivität aller betroffener Departements Wert gewesen. Nach einigen Recherchen erfuhren wir dann während der Vorbereitung, dass auch im Departement Meuse eine Art Rundweg für Radfahrer und Wanderer entlang der historisch interessanten Plätze, an denen Jeanne d'Arc sich aufgehalten hat, eingerichtet worden war. So ließ sich mit ein wenig Improvisationstalent schließlich die gesamte Strecke von Toul bis Clairvaux auf attraktiven Wanderwegen planen. Nützlich waren bei Vorbereitung und Durchführung die Karten des Institut Geographique National (IGN) der »Serie Bleue«; das sind Karten im Maßstab 1:25000, die für ganz Frankreich im französischen Buchhandel verfügbar sind (und auch im deutschen Buchhandel bestellt werden können). Dabei sind jedoch vier Aspekte zu beachten: Erstens sind diese Kartenblätter teuer, da sie nur in kleinen Mengen gedruckt werden, zweitens erscheinen selten Neuauflagen, so dass die meisten Karten mehr als zehn Jahre alt sind, drittens ist der Schnitt der Blätter nicht auf die interessanten Wandergebiete ausgerichtet, sondern unterteilt die Karte von Frankreich rein technisch in ein Gitterwerk, und in Folge dessen benötigt man viertens allein für diese Wanderwoche mindestens zehn Karten, die aber teilweise nur wegen einer kurzen Strecke in einer Ecke der Karte erworben werden müssen. Ich verweise hier dennoch auf diese Karten, da sie wegen ihres kleinen Maßstabes trotz ihrer oft weit zurück liegenden Erscheinungsjahre immer noch am besten die geplante Wegstrecke nachvollziehbar machen.
   Ein zweites, ebenso großes Problem war die Suche nach geeigneten Unterkünften an der Strecke. In dieser dünn besiedelten Gegend gab es weder kirchliche Einrichtungen für Gruppen noch große Jugendherbergen oder größere Hotels mit einer Kapazität von mehr als 30 Betten. Nach zahlreichen Telefonaten, Briefen und Besichtigungen ergab sich die Lösung des Problems in Form eines einzigen Standquartiers in der Mitte der diesjährigen Wanderstrecke, und zwar in Joinville, einem kleinen französischen Landstädtchen mit 5000 Einwohnern an der Kreuzung der Straßen von Reims nach Lyon und von Toul nach Troyes. Joinville besitzt alles, was man von einer typischen französischen Kleinstadt erwartet: die schöne Lage am Fluss Marne, einige alte Brücken mit fotogenen Blicken über den »Quai des Peceaux«, ein prachtvolles Schloss mit großem Park (»Chateau du Grand Jardin«) aus der Renaissance-Zeit, die Ruine des ehemaligen »Chateau d'en Haut« auf' dem Hügel über der Stadt, das sog. » Auditoire«, ein Gerichts- und Gefängnisgebäude aus dem 16. Jh., und mitten in der kleinen Altstadt die Pfarrkirche Notre Dame mit der Reliquie des Gürtels des hl. Joseph, die Jean de Joinville - der berühmte Biograph Ludwigs des Heiligen - im Jahre 1252 vom 7. Kreuzzug mitgebracht hatte. Außerdem hatte die Kirche noch eine künstlerisch wertvolle Grablegung aus dem 16. Jh. und eine schöne Jakobsstatue in der Sakristei zu bieten. Zu unserer Überraschung gab es in Joinville ein (nicht mehr erhaltenes) Jakobstor am südwestlichen Ende des Stadtzentrums und eine Vorstadt St. Jakob, ebenfalls im Südwesten des Zentrums. Daran erinnern noch Straßennamen wie »Rue St. Jacques«, »Faubourg de St. Jacques« und »Pré de St. Jacques«. Hing dies auch mit Jean de Joinville (1224 - 1317) zusammen, der eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela absolviert haben soll? Also waren wir hier in den Regionen »Cotes des Bars« und »Plateaux du Barrois« doch nicht so weit abseits von alten Jakobsrouten wie befürchtet! Natürlich war es unter Jakobspilgern früher üblich, interessante lokale Reliquien und Wallfahrtsorte in die Streckenführung einzubeziehen. So war möglicherweise auch Joinville mit der Reliquie des Gürtels des hl. Joseph für Jakobspilger interessant gewesen. Tatsächlich hatten wir bei der Planung der Tour auch mittelalterliche Landkarten entdeckt, auf denen diese Querverbindung von Toul über Joinville nach Auxerre als Variante zu den klassischen Jakobswegen eingezeichnet war. Die Jakobusbruderschaft hat dann auch rechtzeitig für moderne Jakobuspilger einen entsprechenden Pilgerpass der Gesamtstrecke von Toul bis Vézelay drucken lassen, den man in der Geschäftsstelle gegen Einsendung von 2,- Euro bestellen kann. Aber bei der Wanderwoche 2003 standen nicht nur der hl. Jakobus, sondern auch andere Persönlichkeiten, die das Gebiet zwischen Mosel, Maas und Marne geprägt haben, im Mittelpunkt: Jeanne d'Arc, Jean de Joinville, Charles de Gaulle und Bernhard von Clairvaux.
   Wir buchten bereits im Januar als Quartier das »Hotel du Soleil d'Or« in Joinville (telefonische Anfragen unter 00 33/325 9415 66 bei Monsieur Christophe - er spricht gut deutsch!) komplett und pauschal für alle Tage und alle Mahlzeiten. Dies erwies sich als ein Glücksgriff. Im Hotel »Solen d'Or« befindet sich eines der besten Restaurants im gesamten Departement Haute-Marne. Dort waren wir also nicht nur gut untergebracht, sondern wurden auch äußerst exzellent verpflegt. Wir lebten während der gesamten Pilgerwoche tatsächlich wie »Gott in Frankreich« - wenn ein solcher Vergleich einem Jakobspilger gestattet ist. Den Bus, der uns von Deutschland nach Joinville brachte und der uns von dort aus jeden Morgen zum Start unserer Tagesetappen und abends vom Ziel zurück ins Quartier fuhr, hatten wir von Velbert aus mitgebracht. Claus Kluge. Fahrer und Inhaber des Busunternehmens, war ein interessierter und belastbarer Begleiter all unserer Aktivitäten. Man kann wohl sagen, dass er mit seinem Interesse am Projekt und mit seiner Bereitschaft, uns auch tagsüber an markanten Stellen immer wieder mit dem Bus zu erwarten, einen gehörigen Anteil am Gelingen der Wanderwoche hatte.
   Am Freitag, dem 5. September, startete das Pilgerunternehmen um 9 Uhr in Velbert. Der größere Teil der Teilnehmer wurde mit dem Bus gegen 10 Uhr am Hauptbahnhof in Köln eingesammelt. Wir fuhren entlang der uns aus den vergangenen Jahren bekannten Pilgerroute quer durch die Eifel, weiter über Metz und Toul nach Joinville. Im Bus wurden schon einmal Ansteck-Schildchen mit den Vornamen der Teilnehmer verteilt, damit sich auch die »Neuen« schnell orientieren konnten. Nach 500 km Fahrtstrecke trafen wir gegen 17 Uhr am Zielort ein. Monsieur Christophe, unser Hotelier, erwartete uns bereits, um die Bettenverteilung für die 34 Pilger und den Fahrer vorzunehmen. Natürlich sind in solch historischen Gemäuern - das Hotel ist aus einem ehemaligen Kapuzinerkloster hervorgegangen und besitzt noch die alten Kellergewölbe - nicht alle Zimmer identisch geschnitten und ausgestattet, aber zum Glück sind Jakobsbrüder geübt, sich zu arrangieren. Um 18.30 Uhr gab es in der Pfarrkirche den Pilgersegen für unsere Wanderwoche und den ersten Pilgerstempel in den neuen Pilgerpass (aber erst an die vierte Stelle, denn zu Fuß würden wir ja erst am kommenden Dienstag in Joinville Etappe machen). Bei dieser Gelegenheit ergab sich auch die Möglichkeit, die farbige Jakobusskulptur aus Holz (16. Jh.) in der Sakristei zu bewundern. Die Figur besitzt die üblichen Pilgermerkmale: Stab, Kalebasse, Hut, Tasche und Muschel. Nach dem Abendessen sahen wir noch eine »Power-Point-Präsentation« als bebilderte Vorschau auf die Wanderwoche - die multimedialen Techniken der Jakobsbrüder werden immer moderner! Es gab natürlich auch in diesem Jahr wieder eine Pilgermuschel für alle Teilnehmer. Diesmal bestand sie aus Keramik, stammte aus dem Hochschwarzwald und war eine Sonderanfertigung für diese Pilgerwanderung. Zwischen zwei verschiedenen Farben konnte man auswählen: lehm-beige oder kannebäckerländchen-graublau. Die Entscheidung viel umso schwerer, da sämtliche Muscheln handgefertigt waren und sich alle ein wenig unterschieden.

1. Von Toul nach Vaucouleurs (23 km)

   Um 7.30 Uhr wurde das Frühstücksbüffet eröffnet. Es fiel so üppig aus, dass die für das Frühstück angesetzte Zeit kaum ausreichte, um all die leckeren Angebote zu verkosten. Ich gab einen kurzen Überblick über den Tagesablauf und sprach ein Pilgergebet. Pünktlich um 8.30 Uhr fuhr unser Bus vor, und das Unternehmen »Wanderwoche« konnte beginnen. Diese morgendliche Routine wiederholte sich in den folgenden Tagen in leicht abgewandelter Form. Aber etwas ganz Neues wurde schon am ersten Tag eingeführt, nämlich das tägliche »Morgenlob« während der Busfahrt. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich Hermann Schmitz um die geistlichen Dinge des Betens und Singens beim Besuch von Kirchen und Kapellen verdient gemacht. Wenn katholische und evangelische Christen zusammen sind, ist es nicht so leicht, in den sakralen Fragen allen Wünschen gerecht zu werden. Um im Jahre 2003 dies noch mehr im Sinne der Gruppe gestalten zu können, hatten sich Gudrun Ernst und Hermann im Vorfeld der Pilgerwanderung zusammengesetzt und im Geist der Ökumene überlegt, was man der Gruppe anbieten sollte. Da wir den eigenen Bus ständig bei uns hatten und morgens regelmäßig kurze oder längere Transfer-Fahrten erforderlich waren, waren die beiden auf die Idee mit dem »Morgenlob« im Bus gekommen. Am ersten Tag rief dieser neue Programmpunkt noch etwas Überraschung hervor, aber am dritten Tag war es schon lieb gewordene Routine und weitere Teilnehmer boten sich an, bei der Lesung des Morgenlobs aktiv mitzumachen. Hermann hatte eine Auswahl von Texten und Liedern vorbereitet und kopiert. Die Blätter teilte er zu Beginn jeder morgendlichen Busfahrt aus und sammelte sie nachher wieder ein - so brauchte niemand auf die Kopien selbst zu achten. Bei den Bibeltexten hatte man sich zuvor auf das jeweilige Tagesgebet mit den Psalmen geeinigt. Es waren daher auch nicht leicht zugängliche und heutzutage stark interpretationsbedürftige Texte darunter. In unserer Gruppe wurde das Morgenlob bald sehr geschätzt. Die Zeit während der Busfahrt war ideal für eine kurze Lesung und Liedgesang. Mehrmals haben wir es sogar geschafft, mit unserem Morgenlob den Regen, der zu Beginn der Busfahrt fiel, zu vertreiben und die Sonne hervor zu locken.
   Gegen 10 Uhr kamen wir an der Kathedrale in Toul an. Nicht nur für diejenigen, die im vergangenen Jahr nicht mit dabei waren, machten wir noch einmal einen kurzen Rundgang durch Kirche und Kreuzgang. Währenddessen besorgte meine Frau Monika im Standesamt für alle den Pilgerstempel von Toul. Wir brachen um 10.30 Uhr auf und gingen quer durch die Altstadt an St. Gangolf vorbei zur »Porte de France«, einem der historischen Durchlässe in der Stadtbefestigung von Toul. Außerhalb des Mauerringes stießen wir bald auf den Kanal, der von der Marne über die Mosel zum Rhein führt und dem wir 8 km lang in westlicher Richtung bis zum Örtchen Foug folgten. Dort erwartete uns um 12.30 Uhr unser Bus mit dem Mittagspicknick, das die Gruppe breit verstreut auf einem großen Kinderspielplatz einnahm. Der Koch des »Solen d'Or« hatte nicht einfach belegte Brote vorbereitet, sondern für jeden ein Plastik -Tablett mit Melone, Pastete, Salaten und Käse vorgesehen. Dazu gab es französisches Baguette-Brot. Wir waren begeistert.
   Um 13.15 Uhr brachen wir wieder auf (IGN-Karte 3315 0 »Toul« der »Serie Bleue« oder/und 3315 ET »Nancy.Toul« der »TOP 25«). Doch schon bald verließen wir den Kanal an der Stelle, an der er in einem Tunnel verschwindet, unterquerten die N 4 und gingen geradeaus Richtung Südwest - der Lieblingsrichtung aller Jakobspilger. Am Ende eines lang gestreckten, als Viehweide genutzten Tales stießen wir auf gelb-rote Wandermarkierungen, die uns über die bewaldete Hügelkette aus dem Mosel- ins Maastal leiteten (IGN-Karte 3215 E »Commercy« der »Serie Bleue«). Anders als die mit roten Zeichen gut markierten und mit Nummern versehenen großen Wanderwege (»Sentier de Grande Randonnee«) sind diese lokalen Verbindungswege (»Sentier de Pays«) nur spärlich mit gelb-roten Strichen gekennzeichnet. Da wir hinunter ins Tal der »Meuse« wollten, gingen wir links um einen großen Steinbruch herum und immer weiter bergab, bis wir nach Ugny-sur-Meuse gelangten. Hier erwartete uns der Bus. Dieser permanente »Begleitservice« unseres Busses, der hohe Anforderungen an die Kartenlesefähigkeit unseres Fahrers stellte, hatte während der gesamten Wanderwoche enorme Vorteile, wie man sie nur beim »Luxuspilgern« geboten bekommt: Der Proviant und die Bekleidung zum Wechseln reisten ständig mit, und wenn ein Teilnehmer einmal nicht mehr konnte oder wollte hatte er tagsüber mehrfach Gelegenheit, Teilstrecken mit dem Bus zurückzulegen und so das gesamte Tagesprogramm nach seiner individuellen Fitness auszurichten.
   Nach dem Pfad am Kanal und dem Weg durch den »Bois de Germains« ging es hinter Ugny nun im wörtlichen Sinne querfeldein über die abgeernteten Getreidefelder bis Tusey. Noch ein wenig entlang der Straße durch die Vororte von Vaucouleurs, dann hatten wir um 17:25 Uhr unser erstes Etappenziel nach 23 km Strecke erreicht. Vaucouleurs liegt wie ein Amphitheater auf dem linken Ufer der Maas und wird im Westen von einem Hügel überragt, auf dem sich das Schloss des Ortes befand.
   Eigentlich stand nun ein Museumsbesuch an, aber die Kassiererin hatte just um 17:20 Uhr eine »fermeture exceptionelle« durchgeführt - offenbar weil sie bis zur Schließung des Museums um 18 Uhr keine Gäste mehr erwartete. Also ging die Gruppe zunächst zur Stadtkirche und schaute sich die beiden Jeanne-d'Arc-Fenster an. Vor der Kirche führt eine lange Treppe zum Hügel hinauf, auf dem die spärlichen Ruinen des ehemaligen Schlosses stehen. Die wieder aufgebaute Schloßkapelle, in deren noch vom ursprünglichen Bau erhaltenen Krypta Jeanne d'Arc früher gebetet hat, und das Stadttor »Porte de France«, ein Teil der ehemaligen, mehr als 22 Türme und vier Stadttore umfassenden Stadtbefestigung, sind erhalten. Die mächtige Linde oben auf dem Plateau soll angeblich noch aus der Zeit der Jungfrau von Orleans stammen - eine Legende um Jeannes Pferd knüpft sich an diesen Baum. Jeanne d'Arc wurde 1412 im Nachbarort Domremy geboren, einem Dorf im Herzogtum Lothringen, einer Grenzregion zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich. Sie hatte sich Ende 1428 entschlossen, nachdem sie von den Stimmen (hl. Michael, hl. Katherina und hl. Marguerite), die sie fünf Jahre lang im Wald von Bois Chenu gehört hatte, dazu angehalten worden war, nach Vaucouleurs zu Robert de Baudricourt zu gehen. Vaucouleurs war damals eine französische Exklave mitten im englisch besetzten Gebiet der Champagne. Auf dem Schloss von Vaucouleurs herrschte der Hauptmann Baudricourt. Ihn bat Jeanne um Heeresbegleitung für ihren Weg durch Feindesland nach Chinon (»Gott hat mich beauftragt!«). Der Hauptmann gab ihr schließlich sechs Männer und ein Pferd für den elf Nächte und Tage dauernden Ritt nach Chinon zum französischen König Karl, der damals noch Kronprinz war. Ihn sollte Jeanne gemäß dem Auftrag der Stimmen nach Reims zur Königskrönung führen. Bis heute blieb das Andenken an Jeanne mit der kleinen Stadt Vaucouleurs verbunden. Vor dem Rathaus steht ein Reiterstandbild der Jeanne d'Arc aus dem Jahre 1939, das zunächst in Algier stand, aber während der Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens wieder nach Frankreich zurück kam und der Stadt Vaucouleurs übergeben wurde.
   Während wir das Glück der Stunde nutzten, dass die gut restaurierte Krypta der Schlosskapelle zufällig geöffnet war, suchte Monika im Ort erfolgreich nach der Dame mit dem Schlüssel zum Museum. So konnten wir das kleine Museum, das den Darstellungen von Jeanne d'Arc in Kunst, Literatur und Filmen gewidmet ist, noch schnell besichtigen (täglich von 10-12 und 14-18 Uhr geöffnet außer dienstags) und uns dort den nächsten Pilgerstempel holen. Um 18.15 Uhr brachte uns der Bus zurück nach Joinville. Gegen 20 Uhr erwartete uns ein lukullisches kaltes Buffet, u. a. mit hausgebeiztem Fisch, diversen Salaten, Bratenscheiben, französischer Käseplatte und Obst-Tarten zum Dessert. Nach dem Essen gab uns einer der Teilnehmer, Dr. Ferdinand Besselmann, mit einem Kurzreferat einen Überblick über das Leben von Jeanne d'Arc mit Berücksichtigung der religiösen und politischen Folgen ihres Wirkens. Monika und ich hatten uns überlegt, die Abende im Hotel auch dazu zu nutzen, um ein wenig über Land und Leute zu informieren. Deshalb hatten wir einige Teilnehmer im Vorfeld der Tour gebeten, zu bestimmten Themen des jeweiligen Folgetages eine kurze Einführung vorzubereiten.

2. Von Vaucouleurs nach Domremy-Ia-Pucelle (22 km)

   Am Sonntag regnete es während der Busfahrt und dem Morgenlob mit Gudrun Ernst heftig. Erst beim Wanderstart in Vaucouleurs wurde es allmählich trocken. Um 9.40 Uhr brachen wir dort auf und folgten dem roten Markierungszeichen der Jeanne d'Arc, das seit 1995 im Departement Meuse rund 80 km Rundweg zu ihren historischen Plätzen kennzeichnet. Leider sind inzwischen manche der hübschen Plastikschilder für die Wegmarkierung als Souvenir entwendet worden, aber die Orientierung fällt trotzdem leicht mit der Karte 3216 E »Domremy-la-Pucelle« der »Serie Bleue« vom IGN oder der »Pays du Barrois - Meuse sud«-Karte im Maßstab 1:50000 aus der »Plein-Air« ­Reihe vom IGN. Die 1:50000-er-Karte stammt aus dem Jahre 2000 und ist daher nicht nur recht aktuell, sondern der »Circuit Jeanne d'Arc« im Departement Meuse ist darin sogar farbig hervorgehoben. Nachdem wir ab dem Start am Rathaus in Vaucouleurs für die Gruppe bequeme Feldwege südlich der D 960 bis zur Maasbrücke bei Chalaines gefunden hatten, ging es dann Maas aufwärts immer am Fluss entlang bis zur Mittagspause nach 10 km beim Picknickplatz vor dein Schloss von Montbras. Man konnte im Moment leider vom Schloss nicht viel erkennen, da es wegen Renovierungsarbeiten vollständig eingerüstet war, aber wir interessierten uns auch mehr für unser erlesenes Mittagessen. Der Bus erwartete uns in Montbras um 12.15 Uhr mit der Verpflegung. Nach einer Stunde Rast ging es weiter. Frisch gestärkt stiegen wir durch den Wald etwa 120 Höhenmeter bergan bis zum Kreuz von Jean Tanron hoch über dem Maastal (5 km). Gegen 15 Uhr passierten wir Goussaincourt, ein hübsches Straßendorf mit einem verfallenen Schloss und einer Pferdetränke, die das Pferd von Jeanne d'Arc schon benutzt haben soll. Der Bus war auch hier zur Stelle und setzte »Kurz-Wanderer« ab und nahm Ermüdete auf.
   Begleitet von leichtem Regen gingen wir die 3 km bis zur »Chapelle de Bermont« hinauf (341 m). Die Kapelle liegt 2 km nordwestlich von Greux auf einer Waldlichtung. Hierher kam Jeanne d'Arc jeden Samstag von Domremy aus und betete in der Kapelle. An diesem Ort soll sie auch ihr Gelöbnis zur Befreiung Frankreichs abgelegt haben. Derzeit ist die Kapelle immer nur am ersten Samstag im Monat von 16-18 Uhr geöffnet, aber für unsere Gruppe wollte der Führer außer der Reihe kommen. Zunächst bewegte sich in der Nähe der einsamen Kapelle nichts außer dem Regen, der sachte auf unsere Hüte und Schirme tropfte. Schließlich kamen der Führer und seine Frau aber doch noch und wir konnten die Kapelle besichtigen. Bei der Innenrenovierung in den 1990er Jahren hatte man dort eine sensationelle Entdeckung gemacht: Mitten in den Wandmalereien, die den hl. Theobald zeigten, waren zwei kleine (etwa 20 cm große) naive Darstellungen eines jungen Mädchens entdeckt worden, die man schnell als zeitgenössische Bildnisse der Jeanne d'Arc interpretierte - eine spannende Geschichte.
   Nach diesem Aufenthalt. der wegen der Verzögerung länger als geplant gedauert hatte, mussten wir uns beeilen, um noch rechtzeitig ins Museum nach Domremy zu gelangen. Glücklicherweise hatte es wieder aufgehört zu regnen. Manche nahmen ab Greux den Bus, um pünktlich ans 3 km entfernte Ziel zu kommen. Der Rest der Gruppe legte ein beschleunigtes Wandertempo vor. Bis 18.30 Uhr waren Geburtshaus und Taufkirche geöffnet. Ferdinand gab im Garten des Anwesens noch eine kurze Einführung und wir machten eine schnelle Besichtigungsrunde. Zu Beginn der Rückfahrt hielt der Bus noch an der von Domremy 1,5 km entfernten »Basilique le Bois Chenu«, die zwischen 1881 und 1926 an einer der Stellen erbaut worden war, wo Jeanne die Stimmen gehört hatte. Beim Anblick der trutzigen Basilika kommt einem ein architektonischer Anklang an Schloss Burg in den Sinn. In der Krypta ist das Original der Statue der Notre-Dame-de-Bermont zu besichtigen. In der Oberkirche beeindrucken (oder erschlagen) den Besucher die großformatigen Fresken zur Lebensgeschichte von Jeanne d'Arc an den Wänden. Ein Automat erklärte nach dem Einwurf einiger Münzen die Begebenheiten in verschiedenen Sprachen. Im Kiosk gab es noch den Pilgerstempel, und dann fuhren wir zurück ins Hotel. Um 20 Uhr setzen wir uns frisch geduscht ins Restaurant und aßen Entenpastete, gebratene Forelle in Champagner und Mandelkringel mit Vanillesahnecreme - ausgesprochen lecker! Zum Ausklang des Tages sangen wir zu Wolfgang Czernys Gitarrenspiel deutsche und französische Volkslieder. Nicht alle waren schon müde und einige machten sich mit Monsieur Christophe noch auf, um das Nachtleben von Joinville kennen zu lernen.

3. Von Domremy nach Cirfontaines (26 km)

   Die Wettervorhersage war wieder schlecht, aber es klärte sich - nach Edmund Dikows Morgenlob - während der Busfahrt auf. Wir fuhren über Poissons zunächst nach Grand und besichtigten dort das römische Mosaik im kleinen Ortsmuseum. In römischer Zeit war Grand eine relativ bedeutende Stadt gewesen, da sie in der Umgebung eines Wasserheiligtums lag. Dieses war Apollo Grannus geweiht und wurde um seiner heilenden Kräfte willen aufgesucht. Hierher kamen so berühmte Pilger wie die römischen Kaiser Caracalla und Konstantin. Das heilige Becken, das heute unter der Pfarrkirche verborgen ist, wurde von einem weitläufigen Kanalisationssystem gespeist. Die vielen unterschiedlichen Marmorarten, die als Reste römischer Gebäude in Grand gefunden wurden, deuten auf eine prunkvolle Ausschmückung der städtischen Bauten hin. In dem um 80 n. Chr. errichteten Amphitheater konnten 17000 Zuschauer Gladiatorenkämpfen und anderen Schauspielen beiwohnen. Heute dient das Bauwerk nach umfassender Restaurierung im Sommer als Freilichtbühne. Man kann sich kaum vorstellen, dass in der heute dünn besiedelten Gegend einmal so viele Menschen gewohnt haben. Doch zurück zum Museum: Hier befindet sich das mit 224 qm größte je in Frankreich freigelegte römische Mosaik. Es entstand in der ersten Hälfte des 3. Jh. und gehörte zu einer sog. Basilika, einem zugleich als Versammlungsraum, Gericht und Markthalle dienenden öffentlichen Gebäude. Wir gaben uns eine halbe Stunde Besichtigungszeit, da wir um 10.15 Uhr in Domremy unsere Tagesetappe beginnen wollten.
   Mit dem Bus schafften wir die Startzeit gerade noch und machten uns auf einen langen Anstieg über 120 Höhenmeter bis auf die Hochebene von Vouthon-Haut (7 km; 90 Minuten). Der Weg war von Domremy aus als GR 714 und mit der »roten Jeanne« gut markiert. Auf der Hochfläche, wo das Lichtspiel von Sonne und Wolken auf den abgeernteten Feldern uns faszinierte, zog sich unsere Wandergruppe mehr als zwei Kilometer auseinander. »So etwas gäbe es bei den Matthiaspilgern nicht - da hat die Gruppe stets diszipliniert zusammen zu bleiben«, merkte Hermann knurrend an. Aber so sind die Jakobspilger nun einmal, sie lassen sich das Tempo nicht vorschreiben - nicht einmal der erste Vorsitzende unserer Bruderschaft. Doch die Parole, oben auf dem Berg bzw. bei der nächsten Wegkreuzung oder vor dem nächsten Weiler zu warten, bis die Gruppe wieder zusammen war, beachteten alle recht folgsam. Und wenn einmal nicht, dann blieb ja immer noch meine Trillerpfeife, um dringende Kommandos zu erteilen (einmal lang bedeutete: Anhalten!; dreimal kurz bedeutete: Gleich geht es weiter!).
   Wir passierten nun den »Foret Domaniale du Vau« - ein ausgedehntes Waldgebiet, in dem der Sturm »Lothar« vor einigen Jahren offenbar auch sein Unwesen getrieben hatte. An der Straßenquerung auf dem höchsten Punkt (425 m) wollten wir eigentlich unseren Bus zwecks Mittagsrast treffen. Der Busfahrer Claus hatte uns aber offenbar an einer anderen Stelle erwartet und war daraufhin mit seinem mitgeführten Fahrrad ausgeschwärmt, um uns aufzuspüren. Mit der modernen Handytechnik konnte das Problem rasch gemeistert werden, und wir genossen unser leckeres Picknick in der Waldeinsamkeit (12.40 bis 13.20 Uhr). Überhaupt muss man feststellen, dass wir keinem Menschen außerhalb von Orten begegnet sind - eine Wohltat, wenn man daran denkt, wie überlaufen zur gleichen Zeit die Jakobswege in Spanien sind. Beim weiteren Marsch durch das riesige Waldgebiet verließen wir bei »Les Quatre Bornes« (IGN-Karte 3216 O »Gondrecourt-le-Château« der »Serie Bleue«) endgültig unsere Markierung »rote Jeanne« und richteten uns nach den (sturmbedingt) neu aufgestellten Wegweisern, die ab hier »7 km bis Dainville-Berthehville« anzeigten. Die einzige Schwierigkeit bei der Streckenfindung war, auf der Lichtung bei »La Warboche« eine 170-Grad-Wende nach rechts nicht zu verpassen. Leider fehlte ausgerechnet hier ein entsprechender Wegweiser. Aber eine ausgebuffte Kartenleserin wie Monika ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Nach kurzer Orientierung ging es dann in die korrekte Richtung weiter.
   Etwa 1,5 km vor Dainville kamen wir an der einsam zwischen Bäumen gelegenen »Chapelle de Checourt« vorbei - ein einladender Platz für eine Rast (14.45 Uhr). Ursprünglich befand sich an dieser Stelle eine Einsiedelei, später ein Wallfahrtsort, an dem man zur Barmherzigen Muttergottes betete - vor allem, wenn man kranke Kinder hatte. Wir hatten uns schriftlich angemeldet und die Kapelle stand auch offen. Aber wir fanden die Person nicht, die aufgeschlossen haben konnte. Vor dem Altar war jedoch eine Kirchenbank aufgestellt, auf der sich ein Flasche mit Wasser, eine Tüte mit Madeleines (französisches Kleingebäck in Muschelform) und ein Zettel mit der französischen Aufschrift »Willkommensgruß an die Jakobspilger« befanden. Wir waren gerührt von dieser Geste der Gastfreundschaft, sprachen ein Gebet und sangen das Coesfelder Jakobslied. Um 15.15 Uhr setzten wir unseren Weg fort. In Dainville begegnete uns dann die Küsterin in ihrem Auto. Wir bedankten uns herzlich für die kleinen Wegzehrung. Sie war überrascht, dass unsere Gruppe so groß war. Der Pfarrer hatte ihr nur gesagt, dass Jakobspilger vorbei kämen und sie hatte unterstellt, dass es nur ein paar Wanderer seien. Sie entschuldigte sich noch, dass sie nicht mehrere Flaschen Wasser und mehrere Tüten Madeleines bereit gelegte hätte.
   Nach weiteren 7 km Wegstrecke erreichten wir gegen 17.15 Uhr den Ort Chassey-Beaupré. Von hier waren es noch 3 km bis zu unse­rem Tagesziel Cirfontaines. Der kürzeste Weg dahin führt vorbei am »Chateau de Beaupre«, das sich aber in Privatbesitz befindet. Der Weg verläuft entlang des »Etang de Fourneau«, an dessen Ufer Verbotsschilder für Angler stehen. Dies war uns ein hinreichendes Zeichen, dass Fremde hier vorbei kommen mussten und diese Schilder lesen sollten. Also machten wir uns auf den Schleichweg am Schloss vorbei. Wir schärften allen Mitwanderern ein, während der Passage ganz leise zu sein - aber was heißt schon »leise« bei 34 Jakobspilgern! Anscheinend waren die Hunde des Schlossherrn eingeschlafen oder zumindest fest angebunden, und so erreichten wir erleichtert die Departementstraße zwischen Chassey und Cirfontaines, auf deren Asphalt wir die letzten 2 km locker ausschreiten konnten. Um 18.15 Uhr trafen wir am Zielort ein. Hier erwartete uns zwar unser Bus, aber leider nicht der Bürgermeister des Ortes, der uns absprachegemäß den Pilgerstempel geben sollte. Monika fragte sich daher bei den Kindern des Dorfes durch und stöberte den Bürgermeister in seinem Privathaus auf. Er kam mit auf die »Mairie« und stempelte unsere Pässe. Gegen 19.30 Uhr trafen wir wieder im Hotel ein. Dort erwartete Monika und mich ein Reporter der örtlichen Tageszeitung und interviewte uns. Für Joinville war es wohl etwas Besonderes, eine Gruppe von Jakobspilgern eine Woche lang in der Stadt zu haben. Nach dem Abendessen zeigte Monika noch eine Power-Point-Präsentation über die Aufzucht von Edelkrebsen mit roten Füßen (astacus astacus). Der Besuch eines solchen EU-Pilotprojektes für die Nachzucht, aber auch für die gehobene Gastronomie, stand nämlich für Dienstagnachmittag auf unserem Besichtigungsprogramm.

4. Von Cirfontaines nach Joinville (26 km)

   Bei der Abfahrt des Busses um 8.30 Uhr war es wieder stark bewölkt und die Wettervorhersage denkbar schlecht, aber unterwegs klärte sich der Himmel bereits auf. Am Dorfplatz von Cirfontaines steht eine Tafel, die auf den Beginn des »Sentier Historique de Jeanne d'Arc« im Departement Haute-Marne hinweist. Über 107 km führt der bestens markierte Wanderweg (mit einer blauen Jeanne in voller Rüstung zu Pferde und mit einer Fahne in der Hand) quer durch das gesamte Departement bis an seine westliche Grenze hinter Maranville. Es gibt leider keine ausführliche Landkarte zum Weg, aber eine kleine informative Broschüre, die man beim »Comite Departemental du Tourisme et du Thermalisme de Haute-Marne« (40 bis, avenue Foch. F-52000 Chaumont, Tel. 0033/325303900) anfordern kann. Der Abmarsch in Cirfontaines verzögerte sich etwas, weil viele Teilnehmer noch bei einem Imker im Dorf hausgemachten Honig kaufen und im Bus verstauen wollten. Der Weg war abwechslungsreich und führte durch Wald und abgeerntete Felder. Unterwegs scharten sich - wie auch schon an vergangenen Tagen - einige Wanderer um Hermann und ließen sich zusammen mit ihm etwas zurückfallen, um gemeinsam den Rosenkranz zu beten. Eine andere Mitpilgerin hatte schon morgens angekündigt, dass sie sich heute bis zur Mittagspause einmal nicht unterhalten, sondern schweigend ihre Wegstrecke zurücklegen wollte. Ein weiterer Mitpilger konnte nicht so schnell die Hügel hinauf wandern, daher blieb ein anderer Mitpilger bei ihm und trug sogar seinen Rucksack. Auf was ich mit diesen Beispielen aufmerksam machen möchte, ist die Offenheit, die Toleranz, das Miteinander und der harmonische Umgang in der Gruppe. Eine solche Haltung hatte sich wohl in den wenigen Tagen herausgebildet, die wir seit 2001 zusammen waren. Dies machte die Pilgerwanderung 2003 bei aller Anstrengung und notwendiger Disziplin so entspannend und erholsam. Ich selbst fühlte mich während der Woche - trotz aller organisatorischen Verpflichtungen - wie auf einer Oase des Wohlbefindens außerhalb der sonst üblichen Hektik des Alltages.
   Die neuen Wegweiser halfen uns auch heute wieder, die richtige Strecke zu finden (IGN-Karten 3116 E » Poissons« und 3116 0 »Joinville« der »Serie Bleue«). Nach 13 km Wanderung erreichten wir gegen 13 Uhr den Ort Pancey und machten Picknick auf dem Platz vor der Kirche. Die Vorlautesten unserer Gruppe hatten sich schon bald auf den Campingstühlen an einem Haus auf dem Kirchplatz niedergelassen, und nach Absingen eines Pilgerliedes und Überreichen einer Jakobsmuschel wollten die beiden Bewohner des Hauses sogar ihr kärgliches Nudelgericht in 34 Portionen teilen, um uns zu verköstigen. Wir machten den freundlichen Gastgebern aber deutlich, dass wir nur vorübergehend an den Tischen und Stühlen interessiert waren, da der Bus mit unserer Verpflegung jeden Moment eintreffen musste. Nach der Mittagspause betrug die Wanderstrecke noch etwa 10 km bis zur »Moulin aux Ecrevisses«, wo uns der Eigentümer gegen 16 Uhr erwartete. Da die Strecke nicht markiert war und auf freiem Feld plötzlich links ab im Wald verschwand, konnten wir unseren stets vorauseilenden ersten Vorsitzenden bei »l'Homme Mort« einmal geschickt ins Leere laufen lassen, um den Nachzüglern Gelegenheit zu geben, wieder aufzuschließen. Wir waren alle ganz leise, bis der Ausreißer sich irgendwann einmal umdrehte und die Gruppe am Waldrand weit hinter stehen sich sah und lachen hörte. Schleunigst kehrte er um und lief zurück zur Gruppe. Aber das Lehrgeld, das er hier bezahlen musste, hielt nur wenige Kilometer vor, dann setzte er sich gleich wieder an die Spitze und machte das Tempo, als wir durch das »Medinval« zur Autostraße D 60 hinunter gingen.
   Monsieur Geeraert (Tel. 00 33/325 94 13 76) führte uns 90 Minuten lang durch seine Hallen und an seine Teiche. Dort erklärte er uns seine Arbeit. Monika und ich hatten angesichts der vielen Fachausdrücke und der bretonischen Herkunft unseres Gastgebers alle Mühe mit dem Übersetzen. Aber dann stellte sich heraus, dass sich Prof. Dr. Gerd Gellißen bei seiner wissenschaftlichen Arbeit einmal mit solchen Krebsen beschäftigt hatte, und so trug auch er mit interessanten weiteren Informationen zum besseren Verständnis des Themas bei. Gegenüber der Einfahrt zur Krebszucht konnten wir bei der Fortsetzung unserer Wanderung in einem großen Bogen die Hauptstraße vermeiden und die alte Dorfstraße von Thonnance-lès-Joinville benutzen, um zum Marne-Kanal zu gelangen. Die letzten 3 km ging es dann im Wettwandern mit einem Lastkahn entlang des Kanals Richtung Joinville. Wegen der vielen Schleusen hatte das Schiff beim Wettkampf gegen unsere Gruppe keine Chance. Um 18.45 Uhr waren wir zurück im Hotel. Manche nutzten die Zeit bis zum Abendessen zu einem Einkaufsbummel in Joinville. Abends hielt ich einen Vortrag über das Thema »Pilgerfahrten und Kreuzzüge«, der u. a. zwei historische Persönlichkeiten, mit denen wir es während dieser Pilgerwoche zu tun hatten, zusammenführte: Jean de Joinville und Bernhard von Clairvaux. Mehr Vergnügen als der Vortrag brachte aber offenbar das sich daran anschließende Quiz »Wer wird Religionär?« - eine Jakobspilger-Variante der bekannten Fernsehshow mit ähnlichem Titel. Da das Quiz in der Variante Frauen gegen Männer gespielt wurde, schlugen die Wogen so hoch, dass die Veranstaltung wegen der bedrohten Nachtruhe im Hotel kurz vor Mitternacht abgebrochen werden musste.

Stadtbesichtigung Troyes

   Nach den guten Erfahrungen aus dem Vorjahr mit einem Ruhetag in der Mitte der Wanderwoche, wurde dies auch 2003 in die Planung einbezogen. »Ruhetag« ist eigentlich der falsche Ausdruck, denn wir brachen nicht nur pünktlich wie immer um 8.30 Uhr mit Bus in Richtung Troyes auf, sondern der Schrittzähler wies am Ende des Stadtbummels auch ein Tagespensum von fast 10 km aus. Unser vorgesehener Pilgerweg durch die Champagne führte zu Fuß nicht über Troyes, aber eine Durchquerung dieser Landschaft ohne einen Besuch der ehemaligen Hauptstadt der Champagne schien uns auch nicht angemessen. Nach rund 90 km Fahrt kamen wir um 10.30 Uhr am Busbahnhof von Troyes an. Die Stadt ist reich an Kunstdenkmälern, Kirchen, Museen, alten Fachwerkhäusern und Stadtvillen. Sie erinnern an die wirtschaftliche Blütezeit der Stadt, als hier während des Mittelalters die berühm­ten Handelsmessen abgehalten wurden. Heute ist Troyes in ganz Frankreich bekannt als ein Zentrum für »Factory-Outlets«, also für die Direktvermarktung von Textilien »ab Werk«. Die große Ausfallstraße, die nach Süden hin aus Troyes hinaus führt, ist täglich und vor allem am Wochenende ein Paradies für Schnäppchenjäger. Die weiblichen Teilnehmer unserer Gruppe bedauerten natürlich sehr, dass ein Besuch dieser Läden nicht auf unserem Programm stand.
   Im Mittelalter gab es zwei Stadtteile: die aristokratische und kirchliche »Cité« um die Kathedrale herum und das Viertel der Bürger und Händler, wo die erwähnten Messen stattfanden. Beide Stadtteile zusammen genommen sehen von ihrer Kontur her auf dem Stadtplan aus wie ein Champagnerkorken - ob das ein Zufall ist? Wegen des großen Brandes von 1524 sind die meisten Fachwerkhäuser in der Altstadt erst im 16. und 17. Jh. entstanden. Zunächst unternahmen wir mit der Gruppe einen gemeinsamen Rundgang durch »Le Vieux Troyes«. Wir gingen durch die schmalen Altstadtgassen mit ihren hübschen Fachwerkhäusern zur Kirche St. Pantaleon, die im 16. Jh. begonnen und später im Renaissancestil vollendet worden ist. Besonders das reich ausgestaltete Innere überrascht den Besucher. Für uns war vor allem das große Renaissancefenster mit Grisaille-Malereien aus dem Jahre 1540 von Interesse, das eine Matamoros-Darstellung zeigt. Wie ist Jakobus als Maurentöter wohl nach Troyes gekommen? Italienischer Einfluss ist erkennbar bei der Gestaltung von Perspektive und Bewegung in der Szene. Aber nicht nur die vielen Glasfenster, sondern auch der Bestand an rund 60 Statuen, die während der Revolutionszeit aus anderen Kirchen der Stadt hierher gebracht und auf diese Weise gerettet worden sind, ist beeindruckend. Darunter findet man auch die Holzfigur eines schwungvoll choreographierten Jakobus aus der Mitte des 16. Jh. - wohl ein Selbstporträt des italienischen Künstlers Dominique Florentin. Unser Rundweg führte uns anschließend zur ältesten Kirche der Stadt, Sainte-Madeleine, die gegen Ende des 12. Jh. im Stil der frühen Gotik erbaut wurde. Der schönste Schmuck dieser Kirche ist ein Lettner im Flamboyant-Stil vorn Anfang des 16. Jh. - einer der wenigen und einer der schönsten, die in ganz Frankreich noch erhalten sind. Der Chor wird von Renaissance-Fenstern in leuchtenden Farben geschmückt. Darunter fanden wir eines, das das Leben Ludwigs IX., des Heiligen, darstellt (1507), der uns wegen seines Biographen Jean de Joinville während dieser Pilgerwoche näher bekannt geworden ist. Beim Passionsfenster (um 1495) sind in der Gethsemane-Szene am Fuße des Ölberges die Jünger Petrus, Johannes und Jakobus zu erkennen, wobei Jakobus - und dies ist eine seltene Darstellung - als Pilger gekleidet ist. Unter diesem Glasfenster steht eine Steinplastik des hl. Sebastian, der eine Muschelkette um den Hals trägt - was natürlich auch unser Interesse hervorrief.
   Nach dem Besuch einer dritten Kirche, Saint-Jean, spendierte Hermann, der heute Geburtstag hatte, am Ende unseres gemeinsamen Rundganges »ambulant« einen Becher Champagner. Die Flaschen und das Trinkgerät hatte er mit auf den Rundgang genommen. Einen Korkenzieher benötigt dieses Getränk ja glücklicherweise nicht. Anschließend hatte die Gruppe die Zeit bis 16 Uhr zur freien Verfügung. Einige suchten sich ein Plätzchen auf einer Bank in der Altstadt, um ihr Lunch-Paket zu verzehren. Andere besichtigten die Kathedrale mit ihren bedeutenden Glasfenstern, die einen beinahe vollständigen Überblick über die Entwicklung der Glasmalerei vorn 13. bis zum 17. Jh. geben. Christus in der Kelter aus dem Jahre 1625 ist unter der Vielzahl sehenswerter Fenster vielleicht das bekannteste. Wieder andere haben in der gotischen Basilika Saint-Urbain nicht nur die lächelnde Maria mit der Traube, ein Meisterwerk der Bildhauerschule von Troges aus dem Jahre 1520 entdeckt, sondern auch eine weitere Jakobus-Skulptur. Ebenso ist die Apotheke im Alten Spital mit einer einmaligen Sammlung von 320 bemalten Holzschachteln für Heilpflanzen aus dem 16. und 17. Jh. durchaus einen kurzen Besuch wert. Die Zeit in Troyes verging viel zu schnell. Wer in der einzigen großen Stadt, der wir während dieser Pilgerwoche einen Besuch abstatteten, noch Einkäufe machen wollte, der musste sich beeilen.
   Während der Rückfahrt gab es noch eine kleine Überraschung für Jakobsfreunde, nämlich den Besuch der Fachwerkkirche St. Jakobus und St. Philippus (16. Jh.) in Lentilles, einem typischen Dorf des Der an der sog. »Straße der Holzkirchen« (vgl. IGN-Karte Nr.22 »Troyes.­St-Dizier« im Malistab 1:100000 aus der »TOP 100«-Reihe). Über dem Portalvorbau steht auf dem kleinen Giebel eine Statue des hl. Jakobus. Das Der-Gebiet war die Region, die wir für die diesjährige Wanderung nicht ausgewählt hatten. Der Plan, von Toul aus nach Westen am künstlichen See »Lac du Der-Chantecoq« - einem Eldorado für Wasservögel - Richtung Troyes zu ziehen, war verworfen worden, weil diese Strecke möglicherweise landschaftlich nicht so abwechslungsreich gewesen wäre wie die südlichere Route. Bei der Busfahrt durch diese Region bestätigte sich dieser Eindruck: endlose Getreidefelder in einer leicht welligen Landschaft. Um 18.30 Uhr trafen wir wieder in Joinville ein. Nach dem Abendessen stand das Einüben von Pilgerliedern und französischen Trinkliedern auf dem Programm. Aber nach dem Schlemmer-Essen fiel das Singen nicht mehr so leicht, zumal ich wohl auch zu hohe Ansprüche an die musikalischen Möglichkeiten meiner Mitpilger gestellt hatte. Irgendwann im Verlaufe des Abends kündigte mir die Sangesgruppe ihre Mitwirkung auf und ging einfach zu Bett.

5. Von Joinville nach Ambonville (25 km)

   Am Donnerstag setzten wir unsere Pilgerwanderung fort. Manche waren froh gewesen, ihren Füßen einen Ruhetag gönnen zu können, aber alle freuten sich, dass es heute mit dein Wandern weiter ging. Am Morgen stießen unsere vier französischen Freunde Chantal, Nicole, Jean Louis und Michel zu uns, die den meisten Teilnehmern unserer Gruppe noch von der letztjährigen Etappe von Liverdun nach Toul bekannt waren. Damals hatten sie uns auf der Schluss-Etappe begleitet und uns zusammen mit ihren Jakobsfreunden den wunderbaren Empfang in Toul bereitet. Diesmal hatten die Jakobsfreunde aus Toul beim Start unseres Unternehmens keine Zeit gehabt, ließen es sich aber doch nicht nehmen, bei einer Etappe von Joinville aus mitzumachen. Da heute kein Bustransfer nötig war, brachen wir um 8.45 Uhr vom Hotel aus auf. Wir wanderten den Treidelweg entlang des Marne­Kanals Richtung Süden. In Urbain trafen wir wieder auf den Jeanne­d'Arc-Weg, der von Cirfontaines kommend über Poissons verläuft und das schöne Städtchen Joinville unverständlicherweise auslässt.
   Nach 14 km abwechslungsreicher Wanderung durch Wald und Feld trafen wir gegen 12 Uhr in Blécourt ein (IGN-Karte 3117 O » Doulaincourt-Saucourt« der »Serie Bleue«). In dem kleinen Weiler steht eine unverhältnismäßig große gotische Kirche, die uns schon von weitem aufgefallen war. Sie ist im Kluniazenser-Stil erbaut und stammt aus dem 12. und 13. Jh. Die geschnitzte Maria mit dem Kind aus dem 13. Jh. war und ist Ziel zahlreicher Wallfahrer (das Original wurde leider vor nicht allzu langer Zeit gestohlen). Die Wallfahrt nach Blecourt geht zurück auf die Heilung des Königs Dagobert. Papst Leo IX kam 1050 hierher, ebenso Jean de Joinville, bevor er sich 1248 auf den 7. Kreuzzug machte. Der Kirchenführer Jean Paul Bertrand erläuterte uns viele interessante Details bei einem Rundgang durch und um die Kirche. Hermann und Edmund hielten zuvor noch in der Kirche das Morgenlob quasi als »Mittagslob« ab - wir waren noch nicht früher dazu kommen, weil heute keine Busfahrt nötig gewesen war. Der Kirchenführer zeigte uns ein schönes Plätzchen für unsere Mittagsrast, nämlich ein fein restauriertes halbovales Waschhaus am Ortsrand. Unser Bus war inzwischen eingetroffen und brachte die Verpflegung mit. Erst um 13.45 Uhr setzen wir unsere Wanderung fort. Wir gelangten zum Wald von Fays auf demselben Weg, den auch Jeanne d'Arc 1429 bei der zweiten Etappe ihres Weges von Vaucouleurs nach Chinon genommen hatte. Ein herrlicher Blick öffnete sich nach Westen zum Tal des Flusses Blaise und weiter bis zum großen Wald des Der. Das Blaise-Tal ist eines der ältesten Zentren der französischen Eisenindustrie. Bereits 1157 hatten Mönche aus Clairvaux in Wassy eine erste Eisenhütte gegründet. Noch heute lassen Stadtverwaltungen aus aller Welt in dieser Gegend Statuen, Brunnen, Bänke usw. herstellen. Schließlich gelangten wir zu einem versteckt im Wald liegenden Bethaus des hl. Antonius. Dessen Attribute sind das Antoniuskreuz, die Glocke und ein Schwein, das blind und ohne Beine geboren war und dem er das normale Aussehen gegeben hatte. Gegen 16.30 Uhr erreichten wir unser Etappenziel Ambonville (IGN­Karte 3017 E » Doulevant-Le-Château« der »Serie Bleue«).
   Mit dem Bus fuhren wir nach Cirey-sur-Blaise, um uns ab 17.30 Uhr von Mme de Salignac Fenelon eine Stunde lang durch ihr privates Schloss Cirey führen zu lassen. Zwischen 1733 und 1749 wohnte der berühmte Schriftsteller Voltaire hier bei der Marquise du Châtelet, die er »göttliche Emilie« nannte. Sie war zwar (unglücklich) verheiratet, führte aber als Naturwissenschaftlerin mit Voltaire physikalische Experimente durch und kümmerte sich wohl auch sonst intensiv um den Schriftsteller. Aber nicht genug damit, die höchst vorurteilsfreie Émilie betrog Voltaire und Ehemann obendrein mit dem Dichter Saint-Lambert. Als die Marquise du Châtelet 1749 starb, war Voltaire der weitere Aufenthalt in Cirey verleidet und er nahm eine Einladung Friedrich II. nach Sanssouci an. Schon seit 1736 hatte er mit dem Kronprinzen von Preußen, der 1740 den Thron bestieg, im Briefwechsel gestanden. Der Schlossrundgang führte durch Bibliothek, Kapelle, Empfangsräume und Küche - alle Räume waren so einfühlsam dekoriert, dass man den Eindruck hatte, das Leben auf dem Schloss sei noch in vollem Gange. Der Höhepunkt der Besichtigung war aber Voltaires kleines Schlosstheater im Dachgeschoss, das er für Probe-Aufführungen seiner Stücke hatte einrichten lassen. Es war sehr schlicht gehalten und bot Platz für nur etwa 30 Personen. So konnten und durften nur die Bewohner und das Personal des Schlosses den Aufführungen beiwohnen. Um 19.15 waren wir zurück in Joinville und verabschiedeten unsere französischen Freunde. Nach dem Abendessen hieß es noch einmal geistig arbeiten, denn Monika berichtete über Charles de Gaulle und den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der im Frühjahr 2003 gerade seinen 40. Geburtstag gefeiert hatte. So vorbereitet konnten wir uns am folgenden Tag auf den Weg nach Colombey-les-deux-Églises machen, wo de Gaulle seit 1933 das Haus »La Boisserie« bewohnt hatte.

6. Von Ambonville nach Colombey-Ies-deux-Églises (21 km)

   Bei der Busfahrt zum Wanderstart machten wir einen kleinen Umweg über Vignory und besichtigten dort die Kirche St-Étienne, die zwischen 1032 und 1057 erbaut wurdet. Sie ist nach einer zurückhaltenden Restaurierung im 19. Jh. ein großartiges Beispiel romanischer Architektur des 11. Jh. in der Champagne geblieben. Der Innenraum hat seinen ursprünglichen Charakter bewahrt. In den später an das südliche Seitenschiff angefügten Kapellen befinden sich zahlreiche Skulpturen aus dem 14. bis 16. Jh. Das bedeutendste Werk darunter ist ein Altarvorsatz mit einer Marienkrönung. Wir haben natürlich nach Jakobsspuren gesucht und eine Skulptur entdeckt, die in keinem Kirchenführer erwähnt war: ein stark beschädigter Jakobus mit Pilgerstab und Pilgertasche, worauf man noch deutlich ein Jakobsmuschel erkennen kann. Leider ist die vor ihm kniende (`?) Figur nicht mehr zu identifizieren.
   Im Bus gab es anschließend das Morgenlob - viele Mitpilger hätten es wohl vermisst, wenn es nicht jeden Morgen im Bus gebetet worden wäre. Gegen 10.30 Uhr trafen wir in Ambonville ein. Auf dem Bauernhof des Bürgermeisters holten Monika und ich noch schnell die Stempel für unsere Pilgerpässe. Ich brauche kaum noch zu erwähnen, dass dem morgendlichen Regen beim Abmarsch in Ambonville das Wasser ausging. Nach 6 km gab es um 12 Uhr eine kurze Pause in Bouzancourt. Ab hier bis zum Ziel in Clairvaux war auch die »Haute Vallée de l'Aube en Champagne«-Karte im Maßstab 1:50000 aus der »Plein-Air«-Reihe vom IGN recht nützlich, obwohl der Jeanne-d'Arc­Weg nicht ausdrücklich eingezeichnet ist. Das mittägliche Picknick (12.30-13.15 Uhr) fand diesmal auf gefällten Baumstämmen am Waldrand von »Le Champ Guingotte« im Vallée de Vau« statt. Als besondere Überraschung hatte Monika als Nachtisch aus Holland sog. »Leck-Muscheln« besorgt - eine nostalgische Kindheitserinnerung für viele Jakobspilger. Angesichts der aggressiven Farbgestaltung des Lutsch-Inhaltes der Muscheln hofften wir, dass es sich um Biole(c)k-Muscheln handelte.
   Nach der Mittagspause gelangten wir unmerklich in die Region »Côte de Champagne«, das südliche Anbaugebiet des Champagners - weit entfernt von den großen Champagner-Zentren im Norden bei Reims, Epernay und Château-Thierry. Aber das kleine Anbaugebiet braucht sich wahrlich nicht, hinter den großen zu verstecken. Zwischen Buchey und Argentolles querte unser Weg die ersten Weinfelder. Sie waren alle schon abgeerntet; wegen des heißen Sommers hatte die Ernte vier Wochen früher als sonst stattgefunden. Um 15.40 Uhr kamen wir pünktlich in Argentolles beim kleinen Weinmuseum »Cellier Saint-Vincent« zur Champagnerprobe an. Hier haben sich die fünf Charnpagner-Hersteller aus Rizaucour-Buchey zusammengeschlossen und präisentieren im alten Waschhaus ihr Angebot. Heute hatte Monique Daubauton Dienst. Wir kannten ihren Champagner schon, denn Monsieur Christophe vom » Soleil d'Or« hatte uns als Willkommensgruß ein Glas von diesem Champagner - seiner Hausmarke - kredenzt. Es lohnt sich, diese Marke zu kaufen, denn der Champagner ist hervorragend, und das Preis-Leistungs-Verhältnis ist viel attraktiver als in den bekannteren Champagner-Regionen im Norden. Die Besichtigung und vor allem das Verkosten, Kaufen und Verstauen der Champagnerflaschen im Bus dauerten bis 16.50 Uhr, so dass die Fußkranken nun mit dem Bus nach Colombey fahren mussten, denn für die Wandergruppe war jetzt verschärftes Marschtempo angeordnet, um noch rechtzeitig dort einzutreffen. Durch das hohe Tempo trennte sich selbst unter den » Schnellpilgern« bald die Spreu vom Weizen. Aber nicht die üblichen Verdächtigen schafften es jetzt, an die Spitze zu hasten, sondern ganz andere Namen wären zu nennen, wenn es Siegerkränze bei der Ankunft am Bus zu gewinnen gegeben hätte. Schon von weitem wies uns das fast. 45 m hohe Lothringer Kreuz aus rosa Granit den Weg nach Colombey. Diese Kreuzform mit dem doppelten Querbalken war im Zweiten Weltkrieg das Symbol des Freien Frankreich gewesen, des de Gaulleschen Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht und das Vichy-Regime. Der Blick vom Hügel des Kreuzes, der Gedenkstätte de Gaulles, schweift weit über das Land. Colombey liegt im Grenzgebiet von Champagne, Burgund und Lothringen. Am Parkplatz unterhalb des Kreuzes angekommen, fuhren wir zu de Gaulles Wohnhaus »La Boisserie« und hatten dort von 17.30 bis 18 Uhr ausreichend Zeit für die Besichtigung des Hauses und das Abstempeln der Pilgerpässe.
   Zurück in Joinville um 18.50 Uhr nutzten einige die Zeit bis zum Abendessen noch, um auf dem Friedhof die »Chapelle Sainte-Anne« aus dem Jahre 1504 zu besuchen. Sie besitzt schöne Renaissance-Fenster, die man sich entweder durch das Schlüsselloch der Eingangstür oder an einem Samstagnachmittag während einer Führung ansehen kann. Auf dem Friedhof befindet sich auch das Grab der »Seigneurs de Joinville«. Nach dem Abendessen hielt Yvonne Lösch einen Vortrag über Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153), der das Zisterzienserkloster gebaut hatte, das am nächsten Tag Ziel unserer diesjährigen Pilgerwanderung war.

7. Von Colombey-Ies-deux-Églises nach Clairvaux (22 km)

   70 Minuten Anfahrt mit dem Bus erwartete uns heute. Sonniges Wetter hatte der Wetterbericht angekündigt und auch Recht behalten. Gegen 9.30 Uhr besuchten wir in Colombey den Friedhof mit Charles de Gaulles Grab. Hier wurde er 1970 beerdigt. Nach dem Besuch der Pfarrkirche und dem Kauf von Souvenirs in den Kiosken des Ortes brachen wir gegen 10 Uhr zur letzten Etappe auf (IGN-Karten 3018 E »Colombey-les-deux-Églises« und 3018 O »Bar-sur-Aube« der »Serie Bleue«). Etwa 2 km vor Montheries kamen wir an der Ruine einer alten Scheune »Ferme de Morin« vorbei, die früher einmal zur Zisterzienserabtei von Clairvaux gehört hat. Die Scheune war 1206 von der Gräfin Blanche de Champagne gestiftet worden. Der Besitz war gegen Ende des 15. Jh. mit einer Mühle verbunden gewesen, die von Schmieden benutzt wurde. Heute kann man die Mauern des Gebäudes nur noch erahnen. Es gibt im weiten Umfeld noch viele ähnliche Relikte der land­wirtschaftlichen und handwerklichen Aktivitäten des ehemaligen Klosters Clairvaux - z.T. auch besser erhaltene. Wie immer in den vergangenen Tagen war die Jeanne-d'Arc-Route gut gekennzeichnet. Bei der Durchquerung des » Bois de Barmont« zwischen Montheries und Maranville musste man sich ganz auf die Markierung verlassen, denn die benutzten Wege waren in der IGN-Karte von 1994 noch nicht eingezeichnet bzw. nicht ersichtlich. So fern der Zivilisation man sich hier im Wald auch fühlte, Monika erklärte uns, dass im wenige Kilometer entfernten Dorf Vaudremont vor Jahren die Milka-Kuh erfunden worden ist. Werbung begleitet uns auf Schritt und Tritt!
   Erst nach insgesamt 14 km gab es um 13.45 Uhr eine Pause an der Brücke des »l'Aujon« bei Maranville. Dort hatten wir mit dem Wirt der kleinen Gaststätte abgesprochen, dass wir unser Lunchpaket aus dem Bus holen und mit in den Gastraum nehmen durften. Angesichts des herrlichen Sonnenscheines blieben aber die meisten Wanderer draußen und lagerten am Ufer des Flusses. Espresso und Bier kauften wir aber dennoch beim Wirt, denn als brave Pilger hatten wir selbst nur Wasser bei uns. Unser Vorrat an Wasserflaschen im Bus ging auch langsam zur Neige. Zwei halbe Literflaschen pro Tag und pro Person hatten wir kalkuliert und in Deutschland eingekauft. Die Gruppe versorgte sich sehr diszipliniert selbst aus diesem Vorrat. Sogar das Einsammeln der leeren Plastikflaschen in Müllsäcken zwecks Sicherung des Flaschenpfandes funktionierte problemlos - immerhin war der Wert des Pfandes pro Flasche höher als der Wert des Inhalts. Es war insgesamt eine aufwändige Aktion, die manchem Teilnehmer ein Lächeln auf die Lippen brachte, als er zu Beginn der Reise unsere Lagerhaltung im Gepäckraum des Busses sah. Aber unterwegs hätte es für jeden einzelnen Teilnehmer einfach zu viel Zeit und Energie gekostet, wenn er sich jeden Tag selbst um die Getränke hätte kümmern müssen. Es ist enorm wichtig, bei solch anstrengenden Wanderungen für ausreichend Flüssigkeitszufuhr zu sorgen.
   Beim Aufbruch nach der Mittagspause um 15 Uhr wartete noch eine kleine Überraschung auf uns: auf der Hauptstraße von Maranville war Trödelmarkt. Dies hielt die Gruppe natürlich ein wenig auf, denn das Angebot wollte studiert sein. Maranville war bereits zur Römerzeit eine Ftappe auf dem Weg von Langres nach Reims gewesen. Hier im Ort kreuzt unser Jeanne-d'Arc-Weg die »Via Francigena«, den Pilgerweg von Canterbury nach Rom. Hinter Maranville ging es wieder bergan in den Wald hinein und mitten im »Bois de Lon­gchamp« stand eine Hinweistafel, dass hier der »Sentier Historique de Jeanne-d'Arc en Haute-Marne« endete. Also musste dort irgendwo die Departement-Grenze sein - schlossen wir messerscharf. Einen Hinweis, wie es weiter nach Clairvaux gehen könnte, fanden wir nicht. Aber mit Hilfe unserer Karten stellten wir schnell fest, dass der Weg entlang des Bächleins im »Val Lobot« führen musste - und dies erwies sich als richtig. Bald sahen wir von Ferne die 2,7 km lange Mauer, die das rund 30 ha große ehemalige Klostergelände umschließt.
   Um 16.45 Uhr hatten wir die restlichen 7 km zwischen Maranville und Clairvaux hinter uns gebracht und konnten pünktlich - wie geplant - an der letzten Führung um 17 Uhr (in deutscher Sprache) teilnehmen. Man betritt das ehemalige Kloster durch die Südpforte. Links liegt die »Hostellerie des Dames«, das ehemalige Gästehaus für die Ehefrauen der Besucher, die selbst keinen Zugang zum Kloster hatten - nur Männer waren zugelassen. In diesem restaurierten Gebäude sind heute die Kassenhalle und ein kleines Museum untergebracht. Im Jahre 1112 war Bernhard von Fontaines im Alter von 22 Jahren mit 30 Adligen - darunter vier seiner Brüder - in das Kloster von Citeaux eingetreten, das Abt Robert, der englische Mönch Stephan Harding und Prior Alberich vom Kloster Molesme aus im Jahre 1098 gegründet hatten. Diese personelle Aufstockung machte es möglich, in kurzer Zeit drei Tochterklöster zu errichten: 1113 La Ferté, 1114 Pontigny und 1115 Clairvaux. Bernhard wurde dort Abt und blieb es bis zu seinem Tod im Jahre 1153. Während seiner fast 40-jährigen Abtszeit hat Bernhard von Clairvaux aus 166 Tochter- und Enkelklöster gegründet, d.h. fast die Hälfte der bei seinem Tod bestehenden Zisterzienserklöster überhaupt. Bernhard war Prediger, Schriftsteller, Politiker, Ritter (1146 Aufruf zum 2. Kreuzzug) und Moralist, der Clairvaux zur »Hauptstadt des Zisterzienserstaates« machte. 1148 lebten hier rund 700 Mönche und Konversen - mehr als in Cluny je gewohnt hatten. Es gab in dieser Zeit bei den Klöstern eine nie zuvor gekannte Eintrittswelle. Die Jugend im 12. Jh. wollte die Welt durch extremen Verzicht auf alle weltlichen Güter erlösen. In gleicher Weise richtete sich der Kampf gegen die Wissenschaft, die Literatur und die Bildende Kunst. Aber immer wieder drängte das Verlangen, die Welt zu gestalten, die Askese zurück. Die ursprüngliche Schlichtheit ließ sich auf die Dauer nicht durchsetzen. Man muss dazu nur einmal die Überreste von Claivaux II (1135 - 1160 entstanden) mit den prunkvollen Bauten von Clairvaux III (im 18. Jh. entstanden) vergleichen - von der einfachen und ärmlichen Anlage Clairvaux I sind nur noch einige Mauerstücke erhalten.
   Alle noch existierenden Klostergebäude gehören auch heute noch zum staatlichen Gefängnis und sind nicht frei zugänglich. Der französische Staat hatte im Jahre 1808 das Klostergelände gekauft und Clairvaux zum größten Gefängnis des Landes umgebaut. Die Abteikirche (1145 geweiht), die die Wirren der Revolution nahezu unbeschadet überstanden hatte, wurde zwischen 1812 und 1819 abgerissen. Im Laienbrüderhaus (Konversenbau von Clairvaux II) wurden die Gefängniswerkstätten eingerichtet. Seit 1985 kann man diese Räumlichkeiten wieder eingeschränkt besichtigen. Der halb unterirdische Vorratsraum und der riesige Schlafsaal im Obergeschoss beeindrucken durch ihre schlichten Kreuzrippen- bzw. Kreuzgratgewölbe. Noch in recht schlechtem Zustand sind der große Kreuzgang und das Hauptgebäude von Clairvaux III. Die Führung durch das Kloster mit dem benachbarten Gefängnis berührt die Besucher anders als jede andere Klosterbesichtigung. Es war bedrückend. Vieles ist noch nicht fertig restauriert. Wir wunderten uns, dass die Gebäude überhaupt schon zur Besichtigung freigegeben wurden. Überall trifft man noch auf Spuren des Gefängnisalltages, wie z. B. die sog. »Hühnerkäfige«, das sind kleinste Zellen, die nach der Gefängnisreform von 1875 eingerichtet wurden. Auch die Vorbereitung für eine Klosterführung lässt den Besucher aufhorchen: Spätestens 14 Tage vor dem Besuchstermin muss eine Teilnehmerliste mit Namen und Adressen eingereicht werden, die Personalausweise, Rucksäcke, Fotoapparate und Handys sind an der Pforte abzugeben (Anmeldung: Renaissance de l'Abbaye de Clairvaux, F-10310 Clairvaux, Tel. 00 33/325 27 52 55). Um 18.15 Uhr waren wir wieder im Bus und fuhren die recht lange Strecke zurück nach Joinville. Es war leise im Bus, nicht nur, weil alle müde waren, sondern auch, weil der sonderbare Eindruck vom »Gefängnis-Kloster« Clairvaux noch die Gemüter beschäftigte.
   Aber nach dem herrlich leckeren Abendessen (Jakobsmuscheln, Filet Wellington und Apfel im Schlafrock) wurde es dann doch noch ein sehr fröhlicher Abschiedsabend. Zunächst wollten wir zur Wanderwoche einen kritischen Rückblick halten. Da aber bald schon die Ergebnisse einer umlaufenden Umfrage bei allen Teilnehmern ergab, dass sich fast 100 Prozent für die Pilgerwanderung 2004 wieder anmelden wollten, war man der Ansicht, eine Kritik der Wanderwoche sei ja wohl wegen dieses überwältigenden Ergebnisses nicht nötig, und wir sollten doch zum gemütlichen Teil des Abends übergehen. Yvonne übergab im Namen aller Teilnehmer Präsente für die beiden Organisatoren der Tour, die sich riesig über die originellen Geschenke gefreut haben. Monika und ich bedankten uns mit einem kleinen Rückblick zum Erlebten. Lieder wurden gesungen, die Köche mussten aus der Küche kommen und sich von unserer Gruppe feiern lassen, schließlich gab Gertraud noch den »Monsieur Adam« und die »Hottentottentrottelmutter« zum Besten - ein »Muss« bei jeder Wanderwoche. Es wurde eine lange Nacht!

Rückreisetag 2003

   Nach dem Frühstück packten wir die Koffer und beluden den Bus. Dann gingen wir entlang des Kanals quer durch Joinville bis zum »Château du Grand Jardin«. Dort erwartete uns um 9.30 Uhr Mme Weber - eine Geschäftsfreundin von Monsieur Christophe - und führte uns durch Schloss und Garten. Vor allem der Garten lohnt den Besuch: sieben »Parterres á Compartiments« mit eleganter Gartengestaltung im französischen Stil, ein Heil- und Gewürzkräutergärtchen, ein Labyrinth, ein Laubengang, ein englischer Park, künstliche Wasserläufe und ein Obstgarten mit über 70 Baumarten konnten anhand alter Texte und Bilder in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hergerichtet werden (im Sommer täglich von 9-20 Uhr geöffnet). Nach dem Rundgang spendierte Monsieur Christophe noch beim Schloss einen Abschiedstrunk - einen »Cremant de Bourgogne«, der uns schon auf die Fortsetzung unserer Pilgerwanderung im nächsten Jahr durch Burgund einstimmte. Um 11 Uhr setzte sich unser Bus in Bewegung. Die 74 km bis Toul (12.15 Uhr) fuhren wir quer über Land und sahen noch einmal viele Orte und Wälder, die wir auf unserer Wanderung zu Fuß passiert hatten. Um 15.15 Uhr erreichten wir nach weiteren 240 km die deutsch­luxemburgische Grenze. Gegen 18 Uhr waren wir zurück in Köln.

  Am Abreisetag sprach ich - wie jeden Morgen - nach dem Frühstück ein kurzes Tages- oder Pilgergebet. Heute fasste ich meine Eindrücke der Woche in einem »Dankgebet der Pilger« zusammen:

»Herr, Du hast uns diese Pilgerwoche in einer Gemeinschaft von 35 Freunden erleben lassen. Wir haben miteinander gespeist, gewandert, geschwitzt, gelacht, gelernt und gebetet. Herr, Du hast uns beschützt bei unseren Busfahrten und unseren Tagesetappen. So konnten wir stets den rechten Weg finden. Herr, Du hast uns zu einem geistigen und geistlichen Miteinander geführt durch Vorträge, Lesen, Singen und Beten. Wir hoffen, auch dabei den rechten Weg gefunden zu haben - jeder für sich und alle gemeinsam zu Dir Herr, Du hast unser Pilgern mit dem besten Wetter begleitet, das wir uns nur wünschen konnten. Es war eine Freude, jeden Tag durch Deine Natur zu wandern, durch grüne Wälder und braune Felder durch kleine Dörfer und über große Flüsse. Herr Du hast uns erfahren lassen, wie andere Menschen ihren Weg zu Dir gesucht haben: Jeanne dArc, Ludwig der Heilige, Bernhard von Clairvaux - sie alle meinten, das Richtige in Deinem Namen zu tun. Herr ob wir das Richtige getan haben, können wir nicht wissen, aber wir sind seit einigen Jahren auf dem Weg zum Grab Deines Apostels Jakobus, wie viele Millionen vor uns in vergangenen Jahrhunderten. Der Weg und das Ziel verbinden uns. Herr wir danken Dir für Deinen Beistand und Deinen Schutz auf diesem Weg in dieser Woche. Halte auch in Zukunft Deine Hand über uns Jakobspilger. Amen.«

Fortsetzung Pilgerwanderung 2004 von Clairvaux nach Vézelay

Das Etappenpilgern über insgesamt 214 km von Köln nach Trier an acht Wochenenden im Jahr 2001 war der Einstieg gewesen. Den Wunsch vieler Teilnehmer nach einer Fortsetzung des Projekts hatten meine Frau und ich aufgegriffen und in den beiden darauf folgenden Jahren die Pilgerwanderungen von Trier nach Toul (162 km) und von Toul nach Clairvaux (165 km) organisiert (vgl. die Berichte in der Kalebasse Nr. 33 und 35). Den Abschluss bildete im Jahre 2004 die Pilgerwanderung über 189 km von Clairvaux über Auxerre nach Vézelay. Der Weg der teilnehmenden Jakobspilger ist natürlich nach den 730 km - von Köln aus gerechnet - in Vézelay nicht zu Ende; im Gegenteil, hier beginnt eine der großen mittelalterlichen Pilgerstraßen in Richtung Pyrenäen. Im fünften Buch des »Liber Sancti Jacobi« aus dem 12. Jh., dem ersten Reiseführer für Jakobspilger, wird die Strecke von Vézelay über Saint-Léonard und Périgueux bis Ostabat als »dritter Weg« bezeichnet. Vézelay ist also ein wichtiger Sammelpunkt für Jakobspilger. Aber Vézelay war im Mittelalter auch Ziel großer Pilgerströme. Der Legende nach befanden sich hier nämlich die Reliquien der hl. Maria Magdalena.
Bereits im Jahre 2002 war die Entscheidung gefallen, statt den sog. »Kölner Weg« von Toul über Langres nach Le Puy zu gehen, dem nahezu unbekannten - aber historisch belegten - Verbindungsweg von Toul über Clairvaux nach Vezelay zu folgen. In Vézelay sollte die mehrjährige Pilgerwanderung der Gruppe, die übrigens in den Jahren zu mehr als 85 Prozent in ihrer Zusammensetzung unverändert geblieben ist, ihr Ende finden. Das schließt natürlich nicht aus, dass manche Mitpilger in den kommenden Jahren den Weg auf der »Voie Historique de Vézelay« in individueller Planung fortsetzen wollen. Literatur, Strecken- und Unterkunftshinweise sowie markierte Wege gibt es ab Vézelay für diese Route in ausreichendem Maße. Dass meine Frau und ich in den nächsten Jahren nicht mehr die Organisation der Pilgerwanderung für die Gruppe übernehmen wollen, hat zwei Gründe: erstens war der Vorbereitungsaufwand für das Gruppenprojekt Jahr für Jahr sehr groß, so dass wir manche unserer sonstigen Pläne in diesen Jahren nicht realisieren konnten, zweitens sollte ein Jakobspilger auf dem Weg auch einmal allein oder in einer kleinen Gruppe wandern, so wie es seit dem Mittelalter üblich ist. Die Voraussetzungen hierzu sind ab Vézelay sehr gut. Aber soweit war es noch lange nicht, jetzt freuten wir uns erst einmal auf das Wiedersehen mit unserer Gruppe und auf elf Tage des Miteinanders unter Freunden. Dies darf man so formulieren, wenn man die Harmonie kennt, die sich in der Gruppe entwickelt hat.
Am Donnerstag, dem 26. August 2004, bestiegen die 36 Teilnehmer in Velbert, Köln und Bad Münstereifel den Bus, der zuvor mit Koffer, Rucksack, Wanderstock, Laptop, Beamer, Leinwand und 780 Flaschen Mineralwasser beladen worden war. Die 560 km (510 km ab Köln) legten wir mit unserem aus dem Vorjahr bewährten Chauffeur Claus Kluge in 9,5 Stunden einschließlich Pausen zurück. Obwohl unsere Wanderung - anschließend an die Strecke des vergangenen Jahres - in Clairvaux starten sollte, nahmen wir für die beiden ersten Nächte im Hotel »Les Dhuits« (Tel. 03 25 01 5010) in Colombey-les­Deux-Églises Quartier - also rund 20 km nordöstlich des Startpunkts. In Clairvaux und Umgebung hatten wir kein entsprechend großes Hotel gefunden. Der kleine »De-Gaulle-Ort« Colombey macht einen sehr gepflegten und ruhigen Eindruck; also ein idealer Standort für unsere Gruppe. In der Kirche Notre-Dame-en-son-Assomption erhielten die Teilnehmer um 19 Uhr den Pilgersegen. Nach einem köstlichen Abendessen (»la salade gourmande au saumon mariné à l'aneth et croûtons; la cuisse de canard confite ä la choucroute briennoise; les fromages régionaux de Langres et Chaource; la charlotte aux fruits rouges«) gaben meine Frau und ich einen Überblick über die diesjährige Wanderung und eine Vorschau auf die Besonderheiten des nächsten Tages - vor allem zu Leben und Werk des Malers Pierre ­Auguste Renoir, dessen Atelier am folgenden Tag in Essoyes besichtigt werden sollte. Renoir verlebte 25 Jahre lang jeden Sommer in dem Geburtsort seiner Frau Aline Charigot. Die Wanderungen durch den Ort und die umgebende Landschaft waren Quelle der Inspiration für den Maler, der übrigens auch in Essoyes begraben liegt.

1. Von Clairvaux nach Essoyes (26 km)

Als feste Termine am Morgen waren für die gesamte Reise 7:30 Uhr Frühstück und 8:30 Uhr Abfahrt ausgegeben worden. Wir kamen aber heute nicht pünktlich zum Bus, denn kurz vor 8 Uhr traf überraschenderweise Monsieur Christophe Quackelbeen ein, der Hotelier vom »Soleil d'Or« in Joinville. Unser Freund Christophe, bei dem wir im Vorjahr während der gesamten Pilgerwanderung logiert hatten und überaus zufrieden gewesen waren mit Unterkunft und Verpflegung, hatte es sich nicht nehmen lassen, unsere Gruppe hier in Colombey kurz zu begrüßen. Also konnten wir uns 2003 in seinem Hotel doch gar nicht so schlecht benommen haben.
Der Bus brachte die Gruppe in das 20 km entfernte Clairvaux. Unterwegs gab es das bereits aus dem Vorjahr bekannte und bewährte »Morgenlob«; das ist eine kurze »mobile« Andacht während des Transfers mit dem Bus. Hermann Schmitz hatte die Struktur gegenüber dem letzten Jahr ein wenig gekürzt: Im Anschluss an ein Gebet und ein Lied lasen er oder andere Mitpilger einen kurzen Bibeltext und ein paar zugehörige Gedanken vor, dann wurde nochmals gesungen. Sämtliche Texte in dieser Pilgerwoche verband ein roter Faden: Sie setzten sich alle mit Fragen des Trostes und der Wallfahrt auseinander.
Manche der neuen Teilnehmer - selbst diejenigen, die sich sonst als Kenner der Zisterzienserklöster auswiesen - wussten nicht ganz genau, wo Clairvaux lag. Tatsächlich ist Clairvaux in älteren Reisekarten nicht als touristisches Ziel ausgewiesen. Dies liegt daran, dass das Klostergelände von Clairvaux bis vor kurzem nicht besichtigt werden konnte, weil es zu einem großen Staatsgefängnis ausgebaut worden war. Deshalb erübrigte sich bislang eine Aufnahme des - abgesehen vom Kloster - unbedeutenden kleinen Ortes in die Landkarten.
Gegen 9.30 Uhr nahmen wir endlich den Pilgerstab in die Hand und die 26 km des ersten Wandertages unter die Füße (Wanderkarte »Les Spéciales de l'IGN Plein-Air: Haute Vallée de L'Aube en Champagne 1:50 000«). Das Wetter war ideal zum Wandern: Blauer Himmel mit weißen Wölkchen bei 23 Grad Celsius - ein kleines Wunder nach den verregneten letzten Tagen. Ich beschreibe den Weg durch den Wald von Clairvaux etwas ausführlicher, weil hier keine Markierung vorhanden ist - im Gegenteil, es sind an einigen Stellen sogar Hinweise ausgehängt, dass der Wald wegen Jagdaktivitäten nicht betreten werden darf (insbesondere nicht nach dem 1. September). Am 27. August 2004 war jedoch noch alles ruhig, und wir brachen auf. Wir folgten zunächst von der Einfahrt zum Klosterbereich aus der Landstraße in westliche Richtung, bis links auf den Weg zur »Fontaine de Saint-Bernard« hingewiesen wird. Diese geschotterte Forststraße führt zur Quelle. Wir gingen weiter auf dieser Forststraße an der Quelle vorbei. Etwa 800 Meter hinter der Autobahnunterführung wendet sich die Forststraße nach Westen. Hier zweigt links ein Waldweg im spitzen Winkel nach Südwesten ab. Es handelt sich um einen Grenzweg zwischen zwei Departements. Ihm folgten wir. An diesem Weg begegneten wir Grenzsteinen mit der Markierung 99, 100 und 101. An einer T-Kreuzung (Jagen 59) gingen wir nach rechts, dann an der nächsten T-Kreuzung nach links (Jagen 9, 10, 37 und 39) bis zu einer Teerstraße (D44). Hier wendeten wir uns kurz nach links, um nach etwa 50 Metern in den ersten Forstweg rechts abzubiegen. Dort passierten wir zunächst eine Schranke. Mitten im Wald von Clairvaux erwarteten uns zwar nicht die Spessarträuber, aber so weit weg von jeder menschlichen Behausung tat es gut, als Ingrid Leimklef das humorvolle Lied »Im Walde von Toulouse« mit sämtlichen Strophen anstimmte. Nach dieser aufmunternden Unterbrechung schwenkten wir 50 Meter später links in einen Wiesenweg ein, dem wir immer geradeaus bis zu einer weiteren Teerstraße folgten. Hier wendeten wir uns nach rechts und mussten nun längere Zeit auf der wenig befahrenen kleinen Teerstraße bleiben. An der folgenden T-Kreuzung (D 30) stand rechts in einer ehemaligen Kiesgrube versteckt unser Bus mit dem Mittagessen - die Überraschung und die Freude über die Picknick-Pause waren groß. Manche nutzten die Zeit nach dem Essen für ein kurzes Mittagsschläfchen, andere schauten einer vorbei krabbelnden Gottesanbeterin hinterher. Nach der Pause gingen wir zurück zur T-Kreuzung und noch etwa 50 Meter weiter auf der D 30 nach Süden, um beim kleinen weißen Parzellen-Schild mit der Nr. 52 (ca. 10 Meter vor dem Departement ­Schild) rechts in einen schmalen unauffälligen Pfad einzubiegen. Achtung, der Weg ist nicht immer gut gangbar, weil er stark begrünt ist - ein Mitwanderer sprach in diesem Zusammenhang von »Military-Pilgern« und meinte damit den dicht zugewachsenen »Querfeldein«-Pfad. Wir gelangten zu einem Feld, das abgeerntet war, so dass wir geradeaus am Feldrain entlang gehen konnten. Nach 100 Metern wendeten wir uns vor hohen Bäumen nach links, um dem Weg am Waldrand entlang zu folgen. Bei der ersten Möglichkeit bogen wir rechts in einen Waldweg ab und blieben auf diesem Weg, bis wir zu einer Teerstraße (D175) gelangten. Dort hielten wir uns links und bogen nach etwa100 Metern wieder rechts ab in einen Feldweg, der gerade auf einen allein stehenden alten Baum zuführte - der vorher schon von weitem sichtbar war. Diese recht unwegsame Passage kann man umgehen, wenn man über Teerstraßen von der T-Kreuzung D 30 aus nach rechts die D 30 bis zum Weiler Les Fosses geht, dann links die D 175 in Richtung Essoyes. So gelangt man auch zu dem Feldweg, der rechts auf den allein stehenden Baum zuführt. Wir blieben auf diesem Weg, bis wir die Ortschaft Fontette auf dem Hügel erreichten. Geradeaus ging es durch diesen Wein- und Champagnerort, bis wir unmittelbar hinter einer Tankstelle rechts in einen Weg einbogen, der uns durch die Weinfelder schließlich nach Essoyes führte.
Die Winzer hatten es in dieser Region nicht immer leicht. Kaum war die große Krise, die gegen Ende des 19. Jh. durch die Reblaus (phylloxera) verursacht worden war, überwunden, wurde der Wein der Côte des Bar im Departement Aube aus dem Kreis der kontrollierten Herkunftsbezeichnungen ausgeschlossen. Mit Beharrlichkeit und Leidenschaft konnten die Winzer schließlich ihre Rechte zurückgewinnen - allerdings mit einem wichtigen Zugeständnis: Die traditionelle Gamay-Traube musste durch Rebsorten ersetzt werden, die per Gesetz seit 1927 für die Herstellung von Champagner vorgeschrieben waren (Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay).
Das erste Etappenziel war schließlich erreicht. Schon vor dem Ortseingang wies eine Staffelei mit der Reproduktion eines Gemäldes von Pierre-Auguste Renoir darauf hin, dass in diesem Ort Renoir mit seiner Familie lange Jahre gewohnt hatte. In Essoyes befindet sich das Atelierhaus des Malers. Darin ist ein kleines interessantes Museum eingerichtet (geöffnet von Ostern bis Allerheiligen täglich 14 bis 18.30 Uhr). Originalwerke des Malers gibt es zwar keine im Museum, aber die Atmosphäre des Ateliers und der einfache Lebensstil des Künstlers erschließen sich dem Gast. Auch der Friedhof mit der Grabstätte Renoirs am Ende des Ortes lohnt einen Besuch. Der Bus brachte uns in einer Stunde Fahrzeit nach Colombey zurück. Nach dem Abendessen gab es - angesichts der Müdigkeit der meisten Wanderer - nur noch einen kurzen Ausblick auf den kommenden Tag.

2. Von Essoyes nach Les Riceys (24 km)

Wir gaben unseren Standort Colombey auf und fuhren mit dem Bus zum Start der Tagesetappe nach Essoyes. Am Ortsausgang gegenüber des Friedhofs verließen wir Essoyes bei leicht nieseligem Wetter und suchten links von der D 67 an einem Feldweg die gelb-rote Markierung der Grandes Randonees de Pays GRP »Tour des Maquisards« und «Tour du Champagne de la Vallée de l'Ource«, die hier parallel verlaufen und denen wir in den Wald von Val-Sivier hinein folgten (vgl. TOPO-Guide GR 2 » Les Coteaux du Champagne aubois«, Ref. 066). Wir gelangten zur D70 und hielten uns hier rechts. Schon bald verließen wir die Teerstraße wieder, um rechts in den ersten Weg abzubiegen. Wenig später wendeten wir uns nach links und bald an einer T-Kreuzung nochmals nach links, um wieder zur D 70 zurück zu kommen. Bevor man zum Wald von Martines gelangte, sahen wir beim Blick zurück Essoyes noch in der Ferne liegen - vermutlich war dies der Blick, von dem Renoir bei seinem bekannten Gemälde sich inspirieren ließ. Da es regnete, kürzten wir den vorgegebenen Weg etwas ab, indem wir für ca. 700 Meter der D 70 geradeaus weiter nach Südwesten folgten. An einem Straßenwärterhäuschen querte der Wanderweg GR 2 mit rot-gelber Markierung unsere Straße, und wir folgten ihm nach links. Wir verließen bald den GR 2 nach rechts gingen nun auf dem »Sentier des Crêtes« - einem Rundwanderweg durch die Weinberge - ins Tal hinab. Teilweise verläuft dieser Weg parallel zum »Circuit des Cadoles Champenoises de Courteron«; wir schwenkten daher auf diese Markierung über und folgten im großen Bogen dem Hinweis »Circuit des Cadoles - Retour« talwärts bis in den Ort Courteron. Dort trafen wir gegen 12.30 Uhr ein.
Als »Cadoles« bezeichnet man in dieser Gegend übrigens die Hütten im Weinberg zum Schutz für die Arbeiter gegen schlechtes Wetter. Sie sind aus Kalksteinen ohne Mörtel aufeinander geschichtet und besitzen im Dach ein Abzugsloch für den Rauch des wärmenden Feuers. Man schätzt ihr Alter auf 100 bis 200 Jahre. Erhalten haben sich nur diejenigen Cadoles, die heutzutage in den Wäldern liegen. Sie befanden sich ursprünglich mitten in den Weinbergen, blieben aber deswegen erhalten, weil wegen der Erkrankung der Weinstöcke durch die Reblaus die alten Weinberge rund um die heute noch existierenden Cadoles aufgegeben und im Laufe der Zeit vom Wald zurückerobert wurden.
In Courteron wurde zunächst Mittagspause auf dem Platz vor der Kirche gemacht. So gestärkt holten wir den Schlüssel zur Kirche und standen dann mit großem Erstaunen vor einer Jakobusfigur links an einer Säule im Kirchenschiff. Die Holzplastik war wegen eines Holzwurmbefalls vor einigen Jahren mit grauer Schutzfarbe übertüncht worden, so dass man die farbliche Originalfassung nicht mehr erkennen konnte. Jakobus ist im Pilgerhabitus mit Pilgerhut, Pilgermuschel, Pilgerstab und Kalebasse dargestellt. In seiner linken Hand hält er dem Betrachter die aufgeschlagene Bibel entgegen; bei seinem rechten Fuß kniet eine kleine Person, die ihre Hände zum Gebet erhoben hat und zu Jakobus aufschaut - es handelt sich dabei wohl um den Stifter der Plastik. Ein Gegenstück zu der Jakobusstatue steht an der Säule auf der rechten Seite: Es handelt sich um eine Darstellung des Gnadenstuhls. Zu erkennen ist aber nur noch Gottvater; das Kreuz mit Christus und die Taube des Heiligen Geistes sind nicht mehr vorhanden. Fasziniert von der Tatsache, in dieser kleinen Dorfkirche aus dem 16. Jh. einen Jakobus im Pilgerkleid aufgespürt zu haben, verließen wir Courteron bei strömendem Regen, wendeten uns am nordwestlichen Ortsende nach links, überquerten die Seine und gingen rechts durch die Wiesen Richtung Gyé-sur-Seine zur Champagnerprobe. Wenn diese angenehme Unterbrechung der Wanderung nicht vorgesehen gewesen wäre, hätte man ab der Seinebrücke auch geradeaus das Tal nach Südwesten Richtung Les Riceys verlassen können. Aber alle Wanderer nahmen den Umweg über Gyé gern in Kauf. Dort erwartete uns bereits das Ehepaar Josselin (Tel. 03 25 38 2148), das hier einen von 60 Winzerbetrieben im Ort führt. Champagner im »Cuvée« unterschiedlicher Rebsorten stand auf dem Angebotszettel. Wir konnten bei Erläuterungen und einer »Degustation« von etwa 90 Minuten Länge drei Champagnersorten verkosten. Die Beine waren daher wieder locker, so dass wir uns trotz des heftigen Regens, der erst nach dem Erreichen unseres Etappenzieles wieder aufhörte, auf den Weg machten. Am ehemaligen Bahnhof überquerten wir die N 71 und gingen Richtung Süden den Berg hinauf bis zu einer Wegkreuzung (Treffpunkt mit dem direkten Weg von Courteron aus). Hier nahmen wir den Weg, der rechts ins Tal bis zu einer langen Wiese führt. Wir wendeten uns nach links und gingen immer im Tal entlang, bis wir auf die gelb-rote Wegmarkierung stießen. Ihr folgten wir nach rechts und gelangten nach etwa 8 km nach Les Riceys (Ankunft: 18:45 Uhr). Der Plural »Les« Riceys ergibt sich aus dem Umstand, dass der Ort aus drei Ortsteilen (Ricey-Bas, Ricey-Haute ­Rive und Ricey-Haut) besteht. Nicht vergessen werden sollte, dass am Wegrand kurz vor Les Riceys eine alte Jakobuskapelle steht, die aber keinerlei Hinweise auf ihr Patrozinium erkennen ließ. In Ricey-Haut blieb die halbe Gruppe im Hotel »Le Magny« - einem hervorragenden kleinen Landhotel mit Restaurant (12 Zimmer, Tel. 03 25 29 38 39). Da aber nicht genügend Bettenkapazität vorhanden war, hatten wir für den Rest der Gruppe das 20 km südlich gelegene Hotel »Le Santenoy« in Marcenay-le-Lac vorgesehen (Tel. 03 80 8140 08). Wir fuhren mit dem Bus an der ehemaligen Abtei von Molesme vorbei, die 1075 vom hl. Robert erbaut worden war, der im Jahre 1098 ebenso der Gründer von Citeaux war. Das zweite Hotel lag an einem schönen See. So hätte uns bei besserem Wetter ein Bad im sauberen Wasser gewiss gelockt. Aber da wir auch ohne Schwimmen im See von innen und von außen total nass waren, gingen wir stattdessen lieber unter die Dusche und machten uns »frisch gewaschen und gut riechend« für das Abendessen fertig. Nach dem Essen hielt Dr. Hans-Friedrich Heyser einen Vortrag über die geschichtlichen Hintergründe der Kreuzzüge unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung von Vézelay. Einen korrespondierenden Vortrag von Dr. Karl-Ferdinand Beßelmann gab es zeitgleich für die andere Hälfte unserer Gruppe in Les Riceys. Für den kulturellen Ausgleich beider Gruppen war also gesorgt. Aber schlimm war bei der Trennung, dass nur die Gruppe in Les Riceys die Chance hatte, den unnachahmlichen »Rose des Riceys« zu verkosten. Er wurde von den Mönchen aus Clairvaux entwickelt. Sogar Ludwig XIV. ließ ihn sich servieren, nachdem er ihn durch die Maurer aus Riceys, die damals am Schloss von Versailles arbeiteten, kennen gelernt hatte. Der Press- und Gärvorgang muss beim »Rose des Riceys« in ganz bestimmter Weise ablaufen, damit sich der berühmte Geschmack entwickeln kann.

3. Von Les Riceys nach Etourvy (22 km)

Mit dem Bus ging es um 8:30 Uhr von Marcenay-le-Lac zurück nach Les Riceys. Dort erwartete uns der andere Teil der Gruppe am Hotel »Le Magny«. Wir verließen Les Riceys zu Fuß über die D 17 nach Westen. Der GRP »Tour du Champagne et des Cadoles« biegt bald schon links ab. Ihm folgten wir und erreichten nach einiger Zeit den Wein- und Bauernort Bagneux-la-Fosse, der noch (kurz darauf beginnt das Weingebiet der Bourgogne) zum Weingebiet der Champagne gehört. Hier führte die alte Römerstraße von Troyes nach Vertault über den Fluss Sarce. In Bagneux-la-Fosse stießen wir auf den GR 654, der als Jakobsweg von Reims über Vézelay weiter Richtung Ostabat verläuft (vgl. TOPO-Guide GR 654 »Sentier de Saint-Jacques-de­Compostelle«, Ref. 654). Sein Richtungsweiser zeigte uns erstmals auf dieser Tour eine Jakobsmuschel als Zeichen. Wir gingen also ab jetzt auf dem GR 654, zunächst nach links Richtung Bragelogne. Die Markierung erwies sich hier als ziemlich dürftig, so dass der Kauf des TOPO-Guide mit seinen Wanderkarten unbedingt zu empfehlen ist. Zwischen Bragelogne und Villiers-le-Bois machten wir am Waldrand Mittagspause. Diese Pausen am Mittag dauerten in der Regel 45 Minuten und dienten sowohl der Nahrungsaufnahme als auch der Ruhe. Manche Wanderer hielten in dieser Zeit nach dem Essen »ein kleines Nickerchen«. Hinter Villiers-le-Bois kürzten wir den großen Bogen ab, den der GR654 nach Süden macht, indem wir auf der Teerstraße D82 Richtung Etourvy weiter gingen. Die Entscheidung erwies sich als vernünftig, denn die schmale Teerstraße kannte kaum Autoverkehr und bot gleichzeitig einen wunderschönen Rundblick über das Land. Es soll in diesem Bericht verschwiegen werden, dass unsere versierte Kartenleserin sich hier ein kleines »Extra-Bögelchen« erlaubte. Trotzdem erreichten wir wie geplant um 16 Uhr unser Etappenziel. Im Zentrum von Etourvy steht ein stattliches Bürgerhaus aus dem 19. Jh., das in eine Wasser- und Grünanlage eingebettet ist. Dazu gehören auch eine ehemalige Öl- und Getreidemühle und ein großes Waschhaus. In dem gesamten Anwesen mit mehreren Nebengebäuden ist heute ein sog. »Foyer rural« eingerichtet, eine Gruppenunterkunft für max. 31 Personen in 11 Zimmern, die von Einzelpilgern oder kleineren Pilgergruppen angemietet werden kann (Tel. 03 25 70 05 45).
Nach Abschluss der Wanderung fuhren wir mit dem Bus nach Tanlay am »Canal de Bourgogne«. Hier befindet sich eines der schönsten französischen Renaissance-Schlösser. Es wurde um 1550 errichtet und besticht angesichts der vielen zeitgenössischen Einrichtungsgegenstände - darunter manche Erinnerungsstücke an die Religionskriege - durch seine persönliche Atmosphäre. Admiral Coligny, der Herr des Schlosses im 16. Jh., war ein Führer der Hugenotten gewesen. Deren wichtigste Mitglieder trafen sich zu konspirativen Sitzungen im Turmzimmer (Tour de la Ligue) des Schlosses. Aus dieser Zeit stammt auch die allegorische Temperamalerei in der Kuppel dieses Turmzimmers, bei der die Köpfe der maßgeblichen protestantischen und katholischen Führer des 16. Jh. antiken Göttinnen und Göttern in charakterisierender Weise zugeordnet wurden - wie das bei Malern der Schule von Fontainebleau üblich war. Weiterhin konnte man das Esszimmer, den Gesellschaftsraum und das Prunkschlafzimmer im Rahmen der Führung besichtigen. Allerdings ist das Schloss heute in einem bedauernswerten baulichen Zustand. Es würde riesige Geldsummen benötigen, dieses Anwesen von Grund auf zu sanieren. Aber wie sollte der derzeitige private Eigentümer diese Gelder aufbringen? So weckte der Rundgang bei uns auch Mitgefühl. Nach einem kurzen Blick in den Park mit seinem «Grand Canal« fuhren wir weiter zum neuen Standort für die nächsten fünf Tage: Chablis - der klangvolle Name ist für Weinkenner zu einem Synonym für Weißwein aus der Chardonnay-Traube geworden. Der Ort mit seinen etwa 4000 Einwohnern im Departement Yonne ist sehr malerisch und lädt zum Verweilen ein. Die Mönche von Pontigny hatten hier im 12. Jh. einen kleinen Weinberg angelegt, da die Böden bei Pontigny für Weinbau zu feucht waren. Dies war der Beginn einer großen Weinkultur. Heute darf Chablis-Wein auf 6800 ha angebaut werden, d. h. soviel Boden ist von der staatlichen Weinbaubehörde dafür frei gegeben worden. Die besten Weine gedeihen auf Lehm-Kalk-Boden; das ist jene Mischung, die sich nach dem Regen so gerne unter den Wanderstiefeln festsetzt und dafür sorgt, dass der Pilger nicht nur größer, sondern auch schwerer wird. Dazu muss man wissen, dass die Qualität eines großen Weines zu 75 % vom Klima und zu 25 % von der Art des Bodens bestimmt wird. Chablis-Wein wird in vier Qualitätsstufen eingeteilt: Grand Cru (7 Lagen), Premier Cru (29 Lagen), Chablis ohne weitere Angaben (ca. 1500 ha) und der sog. Petit Chablis, das sind die weiter vom Ort entfernten Weinlagen (etwa 180 ha).
Am westlichen Ortsrand von Chablis bezogen wir das moderne Garni-Hotel »Aux Lys de Chablis« (Tel. 03 86 42 49 20). Das Abendessen war im ans Hotel gebundenen »Le Vieux Moulin de Chablis« vorgesehen, einem Restaurant im historischen Ambiente einer alten Mühle (Tel. 03 86 42 47 30). Es gab heute »Salade des poissons fumes vinaigre balsamique«, »Jambon braisé ä la chablisienne et ses légumes« sowie »Pavé de mousse au chablis et son coulis de fruits rouges« - und natürlich Chablis-Wein dazu. Zurück im Aufenthaltsraum des Hotels stellte uns Yvonne Lösch in einem kurzen Vortrag den Chevalier d'Eon vor, den wohl bekanntesten Transvestiten des Abendlandes (vgl. den Begriff »Eonismus«), der 49 Jahre seines Lebens in der männlichen und 33 Jahre in der weiblichen Rolle verbracht hatte. Er wurde am 5. Oktober 1728 im Hôtel d'Uzes in Tonnerre geboren, dem Ziel unserer nächsten Etappe.

4. Von Etourvy nach Tonnerre (22,5 km)

Bei der Anfahrt zu unserem heutigen Startpunkt Etourvy machten wir einen kleinen Umweg über das Dörfchen Coussegrey, denn am Ortsende Richtung Nordosten stößt man auf die Abzweigung der alten Römerstraße von Troyes nach Tonnerre. Genau hier steht eine kleine Kapelle. Es handelt sich um eine Jakobskapelle, die im Auftrag von Gerard de Noiron und seiner Nachkommen errichtet worden ist. Vermutlich existierte schon vor dem Bau der Kapelle hier ein Steinkreuz mit davor errichtetem Altar. Dieser Altar besteht aus einem Flachrelief, das Christus im Grab mit den heiligen Frauen zeigt. Die Köpfe müssen wohl schon vor langer Zeit abgeschlagen worden sein, denn das heutige Dach der Kapelle reicht bis unter die ehemalige Kopfhöhe der Figuren. Das Besondere für den Jakobspilger an diesem Ort ist vor allem das Steinkreuz hinter dem Altar, das die Kapelle überragt. An diesem Kreuz sind einige Muscheln als Relief angebracht; man entdeckt ebenso am Kreuz einen kleinen Pilgerstab mit Kalebasse und ein Symbol des Santiago-Ritterordens. Am unteren Ende des Kreuzes steht eine kleine Steinfigur, die möglicherweise den Stifter darstellt. Daneben ist am Fuß des Kreuzes eine Steinplatte mit einem Text verankert, den wir aber nicht entziffern konnten. Nähere Informationen waren nicht zu erhalten. Unsere Gruppe freute sich dennoch sehr über diese unerwartete Jakobusspur am Wegesrand.
Kurz vor 10 Uhr starteten wir in Etouvry die heutige Wanderung auf der »Voie de Vézelay« - der »Route von Vézelay« - so stand es auf dem Schild am Fluss. Nach einem heftigen Anstieg aus dem Tal des Landion gingen wir im Zickzack durch die riesigen Felder. Dies ist eine Strecke, die man als Einzelpilger entweder sehr mag, weil sie Zeit zum Meditieren und herrliche Rundblicke bietet, oder die man überhaupt nicht mag, weil sich kilometerweit die Orte bereits absehen lassen, die man erst in einer Stunde oder mehr erreichen wird. Dass es zwar bewölkt, aber trocken war, gefiel uns sehr, denn bei dem heute herrschenden Wind hätte uns mögliches Regenwetter völlig durchnässt. Der Weg war auch hier nicht immer gut markiert, deshalb beschreiben wir ihn etwas ausführlicher: Nachdem wir die D 82 nach rechts verlassen hatten, wanderten wir zunächst durch ein Wäldchen bergab ins Tal, stiegen dann geradeaus aufwärts bis zu einer Art T-Kreuzung. Dort wendeten wir uns nach rechts und gingen in einem weiten Bogen etwa 500 Meter (zuerst nordwestlich, dann nördlich). An einer Feldgrenze (Departement-Grenze) musste man links an einem Feld entlang laufen, bis man auf einen Wirtschaftsweg traf, dem man nach links (Richtung Süden) bis Mélisey folgte. Wir gingen dann weiter auf der kleinen Landstraße nach Chamelard. Wo der Wanderweg sich teilte, entschieden wir uns für den rechten Abzweig (»Epineuil par Ferme Bellevue«). Nach etwa 500 Metern nahmen wir links den Weg in ein Tal, das mehr oder weniger sanft bis zur Ferme de Casse-Bouteille ansteigt. Dort lernten wir einen liebenswürdigen Hund kennen, der uns bis zur Grenze seines Territoriums begleitete und sich in dieser Einöde über jede Art von Abwechslung freute.
Gegen 12:15 Uhr erreichten wir die »Ferme le Petit-Virey«. Dort holten wir unser Picknick aus dem Bus, der es wieder einmal bis in diese Einsamkeit geschafft hatte. Es gab »Taboulet«, »Feuilleté garni« und »Gâteau au chocolat«. Die Besonderheit dieses Bauernhof ist, dass hier Emus und Strauße aufgezogen werden. Nachdem meine Frau auf einige Probleme der Haltung von solchen exotischen Tieren in unseren Breitengraden hingewiesen hatte, sahen wir von einer weiteren Besichtigung ab und machten uns wieder auf den Weg. Es war sehr windig und kalt. Als wir nach 4 km aus dem Wald hinaus traten, sahen wir unser Ziel Tonnerre unten im Tal des Armancon bereits liegen. An der Kreuzung nahmen wir rechts den betonierten Weg durch die Weinberge und machten so einen Bogen um Epineuil. Tiefer im Tal führte der GR 654 an der »Domaine de l'Abbaye du Petit Quincy« vorbei, und wir lernten im Vorbeigehen das Anwesen kennen, das im Jahre 1212 von Zisterziensermönchen der Abtei Quincy gegründet worden war. Heute produziert die Fam. Grubier hier Qualitätsweine. Nach dem Überqueren der stark befahrenen D905 gelangten wir an den »Canal de Bourgogne«. Wir überquerten ihn und benutzten den alten Treidelpfad in südlicher Richtung bis nach Tonnerre. Der Kanal wurde Ende des 18. Jh. erbaut und ermöglichte die Schiffsverbindung zwischen Seine und Saône. Früher wurden auf dem Kanal die für den Hausbau sehr begehrten Steine von Tonnerre nach Paris gebracht, mit denen auch das Pariser Rathaus und das Pantheon gebaut wurden. Auch der Unterbau des Eifelturms besteht aus diesem Stein. Heute dient der Kanal nur noch im Sommer dem Wassertourismus.
Unser Weg führte zunächst zum »Hôpital Notre-Dame des Fontenilles« mit seinem berühmten Krankensaal, einem der ältesten und größten Bauten des französischen Mittelalters (101 m lang, 18,50 m breit und 26,50 m hoch). Für Pilger war der Eintritt frei! Im Jahre 1293 hatte die Gräfin von Tonnerre, Margarete von Burgund, die sich - als Witwe des Königs Karl von Anjou - im Alter von 37 Jahren nach Tonnerre zurückgezogen hatte, das Hospital errichten lassen. Es war Vorbild für das noch berühmtere, 150 Jahre später entstandene Hôtel-Dieu von Beaune. Das Hospiz übernahm nicht nur die Pflege von Kranken und Armen, sondern bot auch Pilgern und Obdachlosen Unterkunft. Das Gebäude blieb bei den zahlreichen Zerstörungen Tonnerres während des Hundertjährigen Kriegs unversehrt und diente später lange Zeit als Pfarrkirche. Der Blick aus dem Krankensaal in das Dach des Hospitals lässt nicht nur das Herz eines Zimmermanns höher schlagen. Der Dachstuhl mit einer hölzernen Rundtonne, die aus kleinen Eichenbrettern zusammengesetzt den gesamten Saal überspannt, bleibt eine architektonische Glanzleistung. Von der Ausstattung ist vor allem die Grablegung Christi von 1454 zu erwähnen, die zu den Hauptwerken burgundischer Plastik gezählt wird.
Vorbei am Hôtel d'Uzes, einem Stadtschloss im Renaissance-Stil aus der zweiten Hälfte des 15. Jh., in dem der Chevalier d'Lon geboren wurde, gingen wir quer durch die Altstadt zur »Fosse Dionne«, einer Karstquelle. Das runde Becken dieses artesischen Brunnens diente früher als städtischer Waschplatz. Einige aus der Gruppe nutzten die Gelegenheit, ihre Füße zu waschen und zu kühlen. Der Quelltopf wird von einem unterirdischen Bach gespeist, der zuvor einen 45 Meter langen, steil abfallenden Felsgang durchflossen hat. Je nach Jahreszeit und Stärke der Regenfälle schwankt die Wasserführung (im Mittel 100 l/sek.). Eine Legende besagt, dass sich im Bassin eine Schlange mit tötendem Blick namens Basilisk aufgehalten hätte, die vom Bischof Johannes von Réôme vertrieben worden sei. Ganz in der Nähe des Quelltopfes gibt es einen hübschen Bauernhof »La Ferme de la Fosse Dionne«, der einige ruhig gelegene Zimmer vermietet (Tel. 03 86 54 82 62). Da der Busparkplatz durch eine Kirmes belegt war, hatte unser Busfahrer versucht, die enge Altstadt von Tonnerre zu durchqueren. Ein einheimischer Fahrlehrer hatte ihm dabei geholfen, die Außenspiegel parkender Autos einzuklappen. Nur so konnte das spektakuläre und nicht nachahmenswerte Manöver gelingen. Wir fuhren zurück zum Standort Chablis. Nach dem Abendessen in der »Vieux Moulin« gab es noch einen kurzen Vortrag zum Thema Weinbau in Chablis und anschließend einen Ausblick auf die morgige Fahrt nach Pontigny.

5. Von Tonnerre nach Beine (27 km)

Strahlend blauer Himmel mit kleinen weißen Wölkchen hatten kurz nach dem Sonnenaufgang den Nebel der Nacht abgelöst. Wir fuhren mit dem Bus überpünktlich Richtung Tonnerre, denn heute stand mit 27 km die längste Etappe der Reise an. Tonnerre im Tal des Armancon lag noch unter einer dichten Nebeldecke, aus der nur die Kirche St.-Pierre hervorragte. Genau dort begann unsere heutige Wanderung. Nach einem Rundblick über die Stadt stiegen wir gegen 9 Uhr weiter hinauf bis auf die Hochfläche (genau auf Markierung achten!). Von dort führte der Weg durch Wald und Feld. Immer wieder boten sich bei klarer Luft und feinem Licht herrliche Ausblicke. An der Ferme Chavant flüchteten Wildschweine vor uns. Sie lebten in riesigen Gehegen und sahen vermutlich selten Pilger. Um 11:30 Uhr machte die Gruppe eine Trinkpause am Waschhaus des Dörfchens Collan. Das Waschhaus wird von der Quelle des hl. Robert (de Molesme) gespeist. Auch die Kirche ist dem hl. Robert und dem hl. Mauritius geweiht. Unser erster Vorsitzender machte sich während der Pause allein auf den Weg zur Kirche auf einem Hügel oberhalb des Dorfes und berichtete anschließend von dem sehenswerten Inneren und den dort ausgelegten Paramenten. Natürlich wollten nun auch andere unserer Gruppe zur Kirche gehen, um diese anzuschauen. Doch inzwischen war sie verschlossen worden - wofür einige von uns sofort eine Erklärung hatten: unser Vorsitzender sei von der Küsterin offenbar als nicht vertrauenswürdig eingestuft worden, was die sofortige Schließung der Kirche nach sich gezogen habe.
Wir folgten weiter dem GR654 und erreichten Chablis nach 18 km gegen 13.15 Uhr. Unser Ziel heute Mittag war zunächst die Kirche St.­Martin. Sie gehörte bis zum 18. Jh. der Abtei St.-Martin in Tours, deren Domherren mit den Reliquien ihres Patrons vor den Normannen hierher geflüchtet waren. An den Türflügeln des romanischen Südportals (Porte aux Fers) sind Beschläge aus dem frühen 13. Jh. erhalten. Die zahlreichen Hufeisen dazwischen - 96 sollen es sein - sind Votivgaben von Pilgern, die auf dem Weg nach Santiago de Compostela hier vorbei gekommen waren. Die berittenen Pilger erflehten auf diese Weise Heilung für ihre Pferde, d. h. die Hufeisen sollen kranken Tieren gehört haben. Der hl. Martin war zu dieser Zeit Schutzpatron der Reiter und Reisenden - was heutzutage der hl. Christopherus ist. Die Legende erzählt, dass Jeanne d'Arc hier 1429 ein Hufeisen angenagelt haben soll auf dem Weg von Vaucouleurs nach Chinon.
Wir nutzten die Passage von Chablis zur Mittagspause in unserem Hotel. Dort standen die kalten Platten und die kühlen Getränke schon für uns bereit - Luxuspilgern eben. Nach einer wohlverdienten Pause (manche hatten sich sogar ein Viertelstündchen im eigenen Zimmer aufs Bett gelegt) begaben wir uns von Chablis aus über Poinchy wieder auf den GR 654 und erreichten unser Tagesziel Beine gegen 16 Uhr. Kurz zuvor passierten wir einen künstlichen See mit einem Fassungsvermögen von 430000 m3, der dazu benutzt wird, die Weinberge rund um Beine zu besprühen, um sie durch einen Eispanzer nötigenfalls bei Frühjahrsfrösten zu schützen.
Anschließend fuhren wir noch nach Pontigny und besichtigten von 16:30 bis 18 Uhr die großartige Zisterzienserkirche. Es war ein kultureller Höhepunkt der Reise. Pontigny gehört zu den vier ältesten zisterziensischen Tochtergründungen (1114) von Citeaux aus. Von den Klosterbauten des Mittelalters hat sich außer der prächtigen unversehrten Kirche fast nichts erhalten. Die Reste des Kreuzgangs aus dem 17. Jh. und der Westflügel des gotischen Klosterneubaus geben noch eine gewisse Vorstellung von der einstigen Größe des Klosters. Der Ort Pontigny lag politisch günstig am Schnittpunkt von drei Bistümern (Auxerre, Sens und Langres) und unweit von drei Grafschaften (Auxerre, Tonnerre und Champagne). Der Graf der Champagne, Theobald der Große, bedachte die Abtei besonders großzügig mit finanziellen Mitteln, so dass es zwischen 1137 und 1155 möglich wurde, die bestehende, dem hl. Theobald geweihte Kapelle durch eine große Kirche im Übergangsstil von der Romanik zur Gotik zu ersetzen. Besonders eindrucksvoll sind die Länge der Kirche (117 Meter) und die Schlichtheit der zisterziensischen Architektur. Wir machten uns trotz unserer müden Füße auf und gingen um die Felder im Süden der Kir­che herum, um aus der Distanz die ganze Länge des Baukörpers erfassen zu können. Da das Querhaus niedriger als das Langhaus ist, ordnet es sich unter das gewaltige Dach des Mittelschiffs, das so ohne Unterbrechung von der Westfront bis zur Spitze der Chorapsis durchläuft. Der Anblick lässt an einen Ozeandampfer im Getreidefeld denken. Im Innern überrascht und fasziniert die frühe Kreuzrippenwölbung über Spitzbogen - ein einfaches und strenges Architekturprinzip, das aus dem Umbau des Chores in Clairvaux (1153) kurz nach dem Tod des hl. Bernhard hervorgegangen war und das sich als neuer Bautypus rasch in ganz Europa ausbreitete. In Pontigny hat sich dieses Bauprinzip in seiner ältesten Form erhalten. Obwohl der Lettner mit seinem Chorgestühl aus dem 17. Jh. den Blick durch das gesamte Mittelschiff verhindert, überwältigt der architektonische Gesamteindruck.
Für den Jakobspilger ist in der zweiten Chorkranzkapelle rechts ein Altar interessant, der eine Darstellung der sieben Werke der leiblichen Barmherzigkeit zeigt - darunter zum Thema »Fremde beherbergen« zwei Personen im Habitus von Jakobspilgern.
Während der Fahrt zurück zum Hotel verteilte meine Frau kleine »Gougeres«, ein typisches Windbeutelgebäck aus Tonnerre, zum Kennenlernen. Nach dem Abendessen gab es dann einen bebilderten Ausblick auf den Stadtbummel in Auxerre am folgenden Nachmittag.

6. Von Beine nach Auxerre (14 km)

Diese Etappe war mit nur 14 km wesentlich kürzer als üblich. Aber weil für den Nachmittag planmäßig ein mehrstündiger Stadtbummel in Auxerre vorgesehen war, sollte die heutige Wanderung mit dem Mittagessen in Auxerre enden. Wir fuhren morgens früh nach Beine und begaben uns gegen 9 Uhr auf den Weg. Der wolkenlose Himmel bescherte uns bei etwa 23 Grad Celsius einen herrlichen Wandertag. Das Blau des Himmels kontrastierte wunderschön mit dem Grün der Rebstöcke. Trotz zwei bis drei Trinkpausen weit auseinander gezogen, kam die Wandergruppe gegen 13 Uhr am Quai des Flusses Yonne an. Für die Stadtbesichtigung verlässt man den markierten Wanderweg am Bahnhof und geht entweder über die Gleise (das ist erlaubt) oder über die Fußgängerbrücke. Das Picknick am Fluss mit Blick auf eine der schönsten Stadtansichten Frankreichs mit der Kirche St.-Pierre, der Kathedrale St.-Etienne und der ehemaligen Abteikirche St.-Germain weckte bald unsere Lebensgeister wieder, und um 13:30 Uhr machten wir uns auf zum Stadtbummel.
Wir überquerten auf der Fußgängerbrücke die Yonne und betraten die Altstadt von Auxerre beim Marineviertel. Hier wurden jahrhundertelang die Marktschiffe be- und entladen. Mehrmals pro Woche verkehrten die Schiffe zwischen Auxerre und Paris und transportierten Waren und Passagiere. Bereits zu gallo-römischer Zeit war Auxerre (Autessiodurum) ein wichtiges Handelszentrum an der »Via Agrippa« zwischen Boulogne-sur-Mer und Lyon gewesen. Die verkehrsgünstige Lage hatte wohl auch zur frühen christlichen Missionierung beigetragen, so dass Auxerre bereits seit dem 4. Jh. Bischofssitz war. Dem Aufschwung folgten der Hundertjährige Krieg, Pest und Religionskriege. Die wirtschaftliche Entwicklung kam zum Erliegen. Doch heute ist Auxerre mit seinen etwa 42.000 Einwohnern wieder die florierende Hauptstadt des Departements Yonne. Wir gingen weiter zur ehemaligen Abtei St.-Germain, in der seit einiger Zeit das städtische Museum untergebracht ist. Die Öffnungszeiten sind 10-18:30 Uhr im Sommer (1.6.-30.9.) und 10-12 und 14-18 Uhr im Winter (außer Dienstags und an manchen Feiertagen). Kirche und Kreuzgang können besichtigt werden, ohne Eintritt für das Museum zu entrichten. Die Krypta ist nur im Rahmen einer Führung zu besuchen.
Germain wurde im Jahre 378 in Auxerre geboren und brachte es nach dem Studium in Rom dort zu hohen Funktionen in der kaiserlichen Verwaltung. Im Jahre 418 wählte der hl. Amator, damals Bischof von Auxerre, ihn zu seinem Nachfolger. Germain entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Bischöfe von Auxerre und wurde nach seinem Tod in einem kleinen Oratorium außerhalb der römischen Stadtmauer beigesetzt. Nachdem sich an seinem Grab einige Wunder ereignet hatten, entstand dort ein Ort der Reliquienverehrung. Nach einer wunderbaren Heilung stiftete Graf Konrad von Auxerre eine neue größere Kirche. Sie wurde zwischen 841 und 859 gebaut. Dazu gehörte auch ein zweigeschossiger Kryptenkomplex im Osten - heute eine der schönsten Beispiele der karolingischen Kunst in Europa. Die untere Krypta dient in erster Linie der Statik der Gesamtanlage. Die obere Krypta enthält im Zentrum die sog. Confessio, eine kleine dreischiffige Kapelle mit einem Tonnengewölbe. In deren östlicher Apsis stand ursprünglich der Sarkophag des hl. Germain. Vom Umgang um diese Confessio aus kann man zwei Nebenkapellen erreichen. In der nördlichen Kapelle des hl. Stephan sind im Jahre 1927 drei karolingische Fresken wieder entdeckt worden, die um das Jahr 850 entstanden sind. Sie gehören zu den ältesten Fresken in Frankreich und zeigen die Verurteilung des hl. Stephanus, seine Vision und seinen Tod durch Steinigung.
Als nächstes Besichtigungsziel stand die Kathedrale St.-Etienne auf dem Programm. Mit dem Bau der jetzigen gotischen Kathedrale wurde 1215 begonnen, nachdem der Vorgängerbau abgebrochen worden war. Der wunderschöne Chor konnte bis 1235 vollendet werden, dann gerieten die Bauarbeiten ins Stocken. Der Umgangschor wirkt durch die extreme Verringerung der Wandmassen leicht und Licht durchflutet. Das ist zurückzuführen auf die wertvollen Glasmalereien aus den Jahren 1220 bis 1234, die neben Chartres und Bourges den umfangreichsten Zyklus an Farbglasfenstern in Frankreich darstellen. Während der Religionskriege verwüsteten die Hugenotten die Kathedrale. Bischof Jacques Amyot kümmerte sich in seiner Amtszeit (1571 - 1593) um die Restaurierung. Er stiftete auch ein neues Glasfenster (1585) für den am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen südlichen Chorumgang und widmete es seinem Namenspatron: Jakobus d. Ä. sitzt im Pilgerhabitus unter einem großen Kruzifix. Rechts neben dem Amyot-Fenster befindet sich das im zweiten Viertel des 13. Jh. entstandene Fenster mit einem Bilderzyklus zur Jakobuslegende.
Auch die Kathedrale besitzt eine schöne romanische Krypta, die zwischen 1023 und 1030 entstanden ist. Sie blieb als Unterbau des gotischen Chores erhalten. In der Apsis der Krypta ist ein außergewöhnliches romanisches Fresko vom Ende des 11. Jh. das Ziel aller Besucher. Die Darstellung zeigt Christus auf einem Schimmel reitend und mit einer eisernen Rute in Form eines Kreuzes in der Hand. Chri­stus steht dabei im Zentrum eines riesigen mit gemalten Edelsteinen besetzten Kreuzes. Umgeben wird er von vier ebenfalls reitenden Engeln. Die Kathedrale ist im Sommer von 8-18 Uhr (im Winter bis 17 Uhr) geöffnet. Krypta und Schatzkammer (beides mit Eintrittsgeld) sind montags bis samstags von 9-18 Uhr (von Allerheiligen bis Ostern 10-17 Uhr) geöffnet. Sonntags beginnt die Besichtigungszeit erst ab 14 Uhr.
Nach diesen zwei kulturellen Höhepunkten hatte die Gruppe zunächst genug von Kunst und ein individueller Stadtbummel wurde angesagt. Die meisten Teilnehmer der Gruppe traf man auch bald in einem Straßencafe bei Erfrischungen wieder. Andere machten in der lebendigen Altstadt ihre Einkäufe. Gegen 18 Uhr fuhren wir zurück ins Hotel. Nach dem Abendessen sorgte das Quiz »Wer wird Religionär?« - angelehnt an das Fernsehquiz »Wer wird Millionär?« - für wetteifernde Unterhaltung: Jakobsbrüder gegen Jakobsschwestern lautete der Wettkampf. Nach intensivem Nachdenken und hektischem Beraten siegten die Jakobsbrüder knapp mit einer richtig beantworteten Frage mehr. Das war die Revanche für die - allerdings höher ausgefallene - Niederlage der Männer im vergangenen Jahr!

7. Von Auxerre nach Cravant (22 km)

Der Bus brachte uns nach dem Frühstück wieder nach Auxerre. Zum Start gegen 9 Uhr bewunderten wir noch einmal bei strahlendem Sonnenschein den Blick von der Brücke »Paul-Bert« auf die Kirchen der Stadt. Dann gingen wir der hier stark kanalisierten Yonne entlang in südliche Richtung, bis wir gegen 10:30 Uhr in Vaux wieder auf den GR654 trafen (der mit seiner offiziellen Streckenführung Auxerre nur kurz streift). Nach kurzer Trinkpause überquerten wir die Brücke von Vaux, winkten der Bootsbesatzung zu, die wir beim Passieren der letzten beiden Schleusen jeweils überholt hatten, und folgten am östlichen Ufer der Yonne einem schmalen Pfad Richtung Süden. In Champs-sur-Yonne machten wir gegen 11:15 Uhr nochmals eine kurze Trinkpause und trennten die Gruppe in »Sprinter« und »Bergsteiger«. Die »Sprinter« bevorzugten die Flachetappe über 3 km auf der D 362, während die »Bergsteiger« dem GR 654 über die Hügel durch die Weinberge folgten. Von dort oben konnte man bald einerseits im Rückblick die Kathedrale von Auxerre im Tal liegen sehen, andererseits reichte bei der klaren Wetterlage die Sicht schon soweit, dass einige von uns am Horizont bereits die Silhouette des Hügels von Vézelay mit den Umrissen der Basilika gesehen haben (wollen). Nein, es stimmt schon: Hier bei dem 238 Meter hohen Hügel »Le Gaudier« sollte ein erstes »Montjoie-Kreuz« für Vézelay aufgestellt werden! Ich komme später noch auf diesen Begriff zurück. Auf der »Passhöhe« der Teerstraße zwischen St.-Bris-le-Vineux und Bailly erwartete uns um 12:45 Uhr der Bus, um mit uns zur anderen Gruppe zu fahren, die am Wehr der Yonne in Bailly schon sehnsüchtig auf das mittägliche Picknick wartete.
Kurz vor 14 Uhr fuhren wir dann zur nahen »Cave de Bailly«, einer Winzergenossenschaft, die ihren Standort in den ehemaligen unterirdischen Kalksteinbrüchen dort hat. Wir konnten mit dem Bus in die »Höhle« hinein fahren - dies machte unserem Chauffeur Claus Kluge zunächst ein wenig Kopfzerbrechen. Nachdem er aber kontrolliert hatte, dass der Bus tatsächlich in die Einfahrt zur Höhle hinein passte, fuhr er ohne weiteres Zaudern tief in den Berg hinein - bis unmittelbar vor den Tresen für die Weinprobe. Aber vor der Verkostung der Weine war eine Führung durch die Lager im Berg angesetzt. Ein sympathischer deutschsprachiger Führer erklärte uns den Produktionsprozess des »Cremant de Bourgogne«, der seit dem 17. Oktober 1975 als »Appellation d'Origine Contrôlée (AOC)« zugelassen ist. Die Technik ähnelt sehr der Champagner-Methode. Die Unterschiede ergeben sich in erster Linie durch die Verschiedenartigkeit der Böden. Interessant waren auch die unterirdischen Skulpturen, die zeitgenössische Künstler in die Kalkwände eingemeißelt hatten. Am Ende standen dann die »Degustation« und die Kaufmöglichkeit der Weine und Cremants. Um 15:45 Uhr fuhr uns der Bus wieder auf die Passhöhe, und wir setzten gemeinsam und weinselig die Wanderung fort. Eine Trinkpause und ein kurzer Stadtbummel bei Irancy, einem aufstrebenden Weinort, unterbrachen gegen 16:30 Uhr unsere Wanderung. Seit 1998 besitzen auch die rund 30 Winzer von Irancy das Recht, unter dem eigenen Namen »Appellation Irancy« ihren Wein zu vermarkten.
Wir setzten unseren Weg über die Hügel oberhalb der Weinberge fort. Beim Abstieg nach Cravant stürzten Georg und Wolfgang an einem steilen Abhang und verletzten sich - geprellte Hüfte, aufgeschlagene Lippe, ruinierte Brille, halbierter Zahn. Die Organisatoren bekamen einen gehörigen Schrecken, aber, Jakobus sei Dank, alles ging noch einigermaßen glimpflich ab. Es hatte offenbar eine mittlere Eiche zum Festhalten gefehlt (dieser Bezug zur Wanderung im Jahre 2002 ist in der Kalebasse Nr. 33 nachzulesen). Jakobus sei Dank ergab sich aber nichts Ernsthaftes, und wir erreichten Cravant - leicht verspätet - kurz nach 18 Uhr. Dort erwartete uns der Bus und brachte uns zurück ins Hotel nach Chablis. Schon bald erschienen alle »frisch gewaschen und gut riechend« zum Abendessen. Anschließend gab es noch einen kurzen Vortrag als Einstimmung auf den nächsten Tag, an dem wir die Grotten von Arcy besichtigen wollten. Jürgen Küppers führte uns in die »Geheimnisse der mitteldevonischen Kalkmulden« ein und erläuterte uns die Entstehung der Tropfsteinhöhlen am Fluss Cure.

8. Von Cravant nach Lac Sauvin (20,5 km)

Der Bus brachte uns nach dem Frühstück bei wolkenlosem Himmel wieder nach Cravant. Um 9:20 Uhr brachen wir zur vorletzten Etappe auf. Da die ersten drei Kilometer bergan und bergab über den Weinberg führten, blieben die »Sprinter« bis Accolay im Bus. Die »Bergsteiger« kamen etwa gleichzeitig dort an, da die Bus-Gruppe vorher noch in der Bürgermeisterei von Cravant die Pilgerpässe gestempelt hatte. In Accolay überquerten wir gemeinsam die Cure, einen Nebenfluss der Yonne, und den parallel geführten »Canal d'Accolay«, der die Zubringerfunktion zum »Canal de Nivernais« bis Cravant leistet - heutzutage nicht mehr für Transportschiffe Richtung Paris, sondern nur noch für Hausboote während der Sommermonate. Ab Accolay wanderten wir nun mehr oder weniger in Sichtweite der Cure bis Bessy-sur-Cure. Dort steht eine alte Jakobskapelle. Bessy war seit dem Jahre 1149 eine abhängige Priorei der Abtei von Vézelay. Die Kapelle St.-Jacques aus dieser Zeit wurde über die Jahrhunderte nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als Schulhaus und heute als Bürgermeisterei genutzt. Man erahnte zwar noch die äußere Form der Kapelle, aber Jakobusspuren waren keine mehr zu finden.
Wir folgten der kleinen Teerstraße bis Arcy-sur-Cure (der GR 654 wäre hier offiziell noch einmal kurz über die Hügel gegangen) und passierten den Ort. Einer unser Mitpilger, den ich namentlich nicht nennen möchte, benutzte - wie schon so oft - seinen Pilgerstab, um an der kleinen Glocke eines Privathauses »Klingelmännchen zu spielen«. Der Eigentümer unterbrach darauf seinen Mittagsschlaf und kam schimpfend an seine Pforte - die nachfolgenden Pilger konnten ihn mühsam beschwichtigen. Der Täter aber war schon auf und davon. Am südlichen Ortsende steht das Schloss Le Chastenay; das Haus ist noch in Privatbesitz. Nach Auskunft des Eigentümers wurde das Schloss anstelle eines alten Templerhauses aus dem 11. Jh. errichtet und war eine Station auf dem Jakobsweg. Rund 2 km südlich von Arcy befinden sich die Höhlen »Grottes d'Arcy«, ein Netz von unterirdischen Sälen und Gängen, die sich der Fluss Cure in Jahrmillionen aus dem Kalk gegraben hat, indem er unterirdisch einen großen Meanderbogen abkürzte. Neben den Schönheiten der Tropfsteingebilde sind auch die zivilisatorischen Aspekte der Höhle von besonderem Interesse: Diese Gegend gehört zu den ältesten besiedelten Plätzen Burgunds. Mit Führung kann man die »Große Höhle« besichtigen (täglich von Ende März bis 11. November 9-12 und 14-18 Uhr). Sie bietet auf 900 Meter Länge mehrere Säle mit schönen Stalagtit- und Stalagmitgebilden sowie zwei unterirdischen Seen. Unter den phantasievollen Bezeichnungen findet sich auch ein Gebilde mit dem Namen »Jakobusmuschel«, eine Kalkformation, die entfernt an eine Muschelform erinnert. In dem hintersten Saal sind einige der zahlreichen prähistorischen Wandmalereien der Höhlen zu bewundern (die meisten Bilder sind während einer normalen Führung nicht zugänglich), wie z. B. ein Hirsch (oder Elch) und die Umrisse einer negativ ausgemalten Kinderhand. Es sollen mit etwa 28.000 Jahren die zweitältesten prähistorischen Bilder in Europa sein!
Nach ausgiebigem Mittags-Picknick auf den Wiesen beim (Bus-) Parkplatz zur Höhle (11 km ab Cravant), hatten wir um 13:30 Uhr eine Führung von etwa einer Stunde Dauer. Anschließend wanderten diejenigen, die noch Lust hatten, gemeinsam weiter. Wir folgten hinter der Höhle weiter dem Weg der Cure entlang, bis ein steil ansteigender Weg uns Richtung »Roche Taillée« den Berg hinauf leitete. Oben trafen wir wieder auf den GR 654, dem wir nach links folgten. An der Stelle, wo der Weg zum »Roche Taillée« nach links rückwärtig wieder den Berg hinunter führt, gingen wir rechtwinklig vom GR654 ab und stiegen weiter hinauf bis zur Römerstraße (»Via Agrippa« von Boulogne-sur-Mer nach Lyon), der wir auf dem Hochplateau nach links folgten. Wir hielten uns immer auf einer Höhe den Hang entlang, bis der Weg einen Knick nach rechts macht. Weiter ging es durch den Wald, bis nach etwa 400 Metern der Hauptweg links ab zur Teerstasse geführt war. Wir überquerten dort die Straße am Rand des Plateaus und folgten dem Hinweis »Camp de Cora«. Das Lager von Cora war in der jüngeren Steinzeit und in der keltischen Epoche bereits bewohnt gewesen. Die Römer befestigten diesen Posten an der »Via Agrippa« mit einer beeindruckenden Mauer und sechs oder sieben Flankentürmen. Ein breiter Graben davor versperrte den einzig möglichen Zugang zum Gipfel des Plateaus, das mit seinen Steilhängen eine natürliche Festung bildet. Die Römer sicherten von hier oben aus die Furt über die Cure bei St.-More. Am Lager vorbei folgten wir nun wieder dem GR 654 nach rechts und blieben bei dieser Markierung, bis wir unser Tagesziel Lac Sauvin gegen 17 Uhr erreichten. Dorthin kam dann auch bald der Bus und brachte uns zu unserm Hotel »Le Relais Fleuri« etwa 4 km östlich von Avallon, einem Logis de France mit dem Gütesiegel »drei Kamine« (Tel. 03 86 34 02 85). Hier wartete ein großes und gut gepflegtes Schwimmbecken (!) auf uns, das wir vor dem Abendessen ausgiebig nutzten.

9. Von Lac Sauvin nach Vezelay (11 km)

Heute war wieder ein heißer Spätsommertag. Wir fuhren nicht zuletzt deshalb bereits um 8 Uhr mit dem Bus nach Lac Sauvin und starteten unsere Wanderung um 8:45 Uhr. Noch war es angenehm kühl. Die Wassertropfen an den herbstlichen Spinnenfäden im Gras glänzten in der Morgensonne. Wir kamen schnell voran. Um 11 Uhr waren wir in der Jakobuskirche von Asquins angemeldet (Mme. Simone Dizien, Tel. 0386332379) und trafen auch pünktlich dort ein. Jakobspilger interessieren sich hier insbesondere für eine Reliquienbüste des Pilgerpatrons aus bemaltem Holz vom Ende des 16. Jh. im italienischen Stil. Der Heilige ist barhäuptig dargestellt, der breitkrempige Hut, der mit einer Muschel geschmückt ist, hängt auf seinem Rücken. Auf seiner Brust sind rechts eine Pilgertasche und links ein Pilgerstab verkleinert dargestellt. Dazwischen befindet sich die Vertiefung für die nicht mehr vorhandene Jakobus-Reliquie. Da auf dem Hügel von Vézelay wenig Platz war, sammelten sich wohl die Santiago-Fahrer schon im 12. Jh. hier in Asquins 2 km nördlich von Vezelay. Vor allem die Jakobspilger zu Pferde erhielten hier Unterstell- und Verpflegungsmöglichkeiten für ihre Pferde - an der Kirche gibt es heute noch eine Pilgerwiese namens »Pre des Pelerins« für die Reittiere der durchreisenden Pilger. Vielleicht liegt hierin auch der Grund dafür, dass sich in der Sakristei ein Fresko aus dem Jahre 1460 befindet, auf dem das Wunder des hl. Eligius, des Patrons der Schmiede, dargestellt ist.
Etwa in der Mitte zwischen Asquins und Vézelay liegt am Fuße des Hügels die Kapelle Hl. Kreuz »La Cordelle«. Der Name »La Cordelle« bezieht sich auf die Franziskaner, die sich lange Zeit »Cordeliers« nannten wegen der Kordel, die ihr Gewand zusammen hält. Sie lebten mehrere Jahrhunderte hier. Aber die Geschichte dieses Ortes begann nicht erst mit ihnen. Alles, was heute baulich noch erhalten ist, stammt aus der Gründungszeit im 12. Jh. Wer Vézelay gesehen hat, meint zu erkennen, dass diese Kapelle von den Benediktinern aus Vézelay errichtet worden ist, so schön und solide ist die Architektur der Kapelle.
In der Nähe der Kapelle steht ein großes Holzkreuz, das anstelle des nicht mehr vorhandenen ursprünglichen Steinkreuzes daran erinnern soll, dass hier der hl. Bernhard von Clairvaux im Jahre 1146 zum zweiten Kreuzzug aufgerufen hat. Die Abteikirche in Vézelay war zu klein gewesen, um alle Ritter und das Volk aufnehmen zu können, deshalb musste sich Bernhard in der freien Natur einrichten. Er wählte dieses kleine Plateau am Nordhang des Hügels auf halbem Weg nach Asquins. Der Aufruf Bernhards wurde ein großer Erfolg. Um 1150 errichtete man daher an dieser Stelle zur Erinnerung an den Kreuzzug die kleine Kapelle unter dem Namen des Hl. Kreuzes. 70 Jahre später kamen die Franziskaner und bauten neben der Kapelle einen Konvent für 25 Brüder. Im Verlaufe des Hundertjährigen Krieges und der Religionskriege wurde der Konvent in Schutt und Asche gelegt, nur die kleine Kapelle überdauerte die schlimmen Zeiten. Im Jahre 1949 kehrten die Franziskaner an den historischen Ort zurück, und es entstand wieder ein kleiner Konvent. Hier können heute Priester und Laien für einige Tage Unterkunft finden.
Nach der Besichtigung setzten wir unseren Anstieg zur »colline inspirée«, zum »inspirierten Hügel« - wie die Anhöhe von Vézelay genannt wird - fort und trafen gerade rechtzeitig zur Messe um 12:30 Uhr in der Madeleinenbasilika ein. In der Vorhalle sangen wir »Großer Gott, wir loben Dich«, als uns schon eine Schwester darauf aufmerksam machte, dass nun der Gottesdienst beginnen würde. Wir betraten das Kirchenschiff durch das kleine Südportal - das war falsch, wie wir später erfuhren, denn Pilger gehen üblicherweise durch das kleine Nordportal in die Kirche und verlassen sie später wieder durch das Südportal. Die im Jahre 1975 gegründete Monastische Gemeinschaft von Jerusalem »Les fraternites monastiques de Jerusalem« betreut seit dem 24. Oktober 1993 die Basilika und auch die Pilger (Einzelpilger und kleinere Gruppen haben die Möglichkeit, im »Maison Saint-Bernard« Unterkunft und spirituelles Leben zu finden). Die Messe wurde von den Schwestern und Brüdern gemeinsam gestaltet mit mehrstimmigen liturgischen Gesängen und Orgelmusik. Die harmonischen Liedsätze kamen uns wie Engelschöre vor und nahmen uns gefangen. Uns wurde bewusst: Wir waren am selbst gesetzten Ziel! Nach vier Jahren gemeinsamen Pilgerwanderns hatten wir Vézelay erreicht. Als der Gottesdienst zu Ende war, fielen wir uns in die Arme und spürten mit Tränen der Rührung in den Augen den Anstrengungen, Erlebnissen und Ereignissen der gemeinsamen Zeit noch einmal nach. Während der vier Jahre waren aus einem bunten Haufen von am Jakobsweg Interessierten Jakobsfreunde geworden. Man hatte sich mit allen Stärken und Schwächen kennen, akzeptieren und schätzen gelernt. Man hatte sich gegenseitig unterstützt und geholfen, wenn es auf dem Weg Schwierigkeiten gab. Wir waren tatsächlich zu einem Freundeskreis von Wanderern mit spirituellem und kulturellem Anliegen zusammen gewachsen. Keinen von uns ließ dieser Moment nach dem eindrucksvollen Gottesdienst unberührt. Unsere Gruppe war angekommen.
Wir gingen schließlich hinter die Kirche in den aussichtsreichen Park und machten unter schattigen Bäumen gegen 13:30 Uhr in froher Runde unsere Mittagsrast. Um 14:30 Uhr gab es für uns eine eigene Führung in deutscher Sprache durch die Kirche. Die Madeleinen­Basilika war bereits vom 11. bis zum 13. Jh. Zielort für viele Pilger gewesen und ist heute eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Burgunds und Frankreichs. Ursprünglich sollen die Reliquien der hl. Maria Magdalena von einem Mönch namens Badillon in Aix-en-Pro­vence gestohlen und hierher gebracht worden sein. Als die Reliquien dann durch den Papst für authentisch erklärt worden waren, nahm in der zweiten Hälfte des 11. Jh. der Zustrom an Pilgern sprunghaft zu. Mitte des 12. Jh. erlebte die Wallfahrt nach Vézelay ihren Höhepunkt. Dies ging einher mit einem wirtschaftlichen Aufschwung des Klosters, in dem bald mehr als 500 Mönche lebten, aber auch mit einer enormen Prosperität des Ortes, in dem schließlich mehr als 10000 Einwohner (heute: 500) wohnten. Da der Ort sich auf dem Hügel nicht weiter ausdehnen konnte, erhielten viele Häuser in dieser Zeit zwei oder drei übereinander liegende Kellergewölbe zur Unterbringung der vielen Pilger - drei dieser »Pilgerkeller« sind heute noch zu besichtigen beim Rathaus, in der Creperie und beim Weinhändler an der Hauptstraße. Abt Arnaud beschloss im Jahre 1096 den Bau einer größeren Kirche anstelle der alten karolingischen Basilika. Wegen der damit verbundenen finanziellen Belastung der Bevölkerung kam es zu einem Aufstand, bei dem Arnaud ermordet wurde. Doch König Ludwig VII. und Papst Eugen II. gelang es zu schlichten, und der Neubau konnte fortgesetzt werden. Das Langhaus war bis 1140 fertig. Im selben Jahr begann man mit der rasch ausgeführten Verlängerung der Kirche um die Vorhalle. Nach einem Brand in der Krypta beschloss man, den noch von Arnaud errichteten Chor abzureißen und zu erneuern. Ab 1185 wurde der Chor in gotischen Formen aufgebaut. Um 1215 konnte das romanische Langhaus mit dem frühgotischen Chor durch die Vierung verbunden werden. Die Westfassade der Vorhalle wurde Mitte des 13. Jh. durch Einbau eines großen Fensters und Ausbau des Südturmes in gotischen Formen fortgesetzt.
Der Hügel von Vézelay war seit dem 11. Jh. aber nicht nur Ziel, sondern auch Startort für Pilger: der dritte große Reiseweg der Jakobspilger in Frankreich, die »Via Lemovicensis«, begann in Vézelay. Von Belgien und den Ardennen, aus der Champagne und Lothringen, aus Basel, Metz und Trier kamen Jakobspilger hierher, um sich bei den Reliquien der hl. Maria Magdalena zu versammeln. So steht es schon im Pilgerführer des V. Buches des Codex Calixtinus aus dem Jahre 1140, der wohl von einem Mönch aus Vézelay namens Aymeri Picaud verfasst worden ist.
Doch der Wallfahrtsort verlor in kürzester Zeit seine Anziehungskraft, als 1279 bekannt wurde, dass sich die »echten« Reliquien der hl. Maria Magdalena nicht in Vézelay, sondern in der Abtei Saint­Maximin in der Provence befänden. Nach Öffnung des Sarkophags erklärte man die dortigen Gebeine für authentisch. Diese Nachricht bedeutete das »Aus« für Vézelay. Märkte und Messen in Vézelay verloren umgehend an Attraktivität, der Magdalenen-Kult in Burgund verblasste ebenso schnell, wie der entstanden war. Den völligen Niedergang erlebte das in ein Chorherrenstift umgewandelte Kloster aber während der Religionskriege. Im Jahre 1569 wurde es von den Hugenotten ausgeplündert und während der französischen Revolution bis auf die Abteikirche dem Erdboden gleich gemacht. Es ist dem Denkmalpfleger Prosper Mérimée zu verdanken, dass Mitte des 19. Jh. umfangreiche Wiederaufbaumaßnahmen die Basilika der Nachwelt erhielten. Der junge Architekt Eugene Viollet-le-Duc wurde beauftragt, die Instandsetzungsarbeiten von 1840 bis 1859 zu leiten. Die gesamte Fassade musste vollständig erneuert werden. Das heutige äußere Erscheinungsbild lässt deshalb kaum erahnen, welche romanischen Kostbarkeiten sich dahinter verbergen.
Harmonie, Licht und Rhythmus sind die drei Begriffe, mit denen man die Architektur des Kirchenschiffs beschreiben kann. Eigentlich sind es zwei Kirchen, die den Besucher beim Eintreten beeindrucken: einerseits das helle, über 60 m lange romanische Kirchenschiff (die gesamte Kirche ist 120 m lang) mit Gurtbögen aus abwechselnd weißen und braunen Steinquadern sowie andererseits der noch hellere gotische Chorraum mit Pilgerumgang und Kapellenkranz. Aus dem Halbdunkel des Kirchenschiffs kommt man in das helle Licht des Chorraumes, so wie die Pilger nach den Strapazen ihrer (Lebens-)Reise schließlich zum himmlischen Jerusalem gelangen wollen. Die Säulen des Kirchenschiffs und der Vorhalle wurden mit mehr als 140 figürlichen und dekorativen Kapitellen aus romanischer Zeit (1130-1140) geschmückt, die ikonographisch von großem Interesse sind. Es geht um die Darstellung des Guten und des Bösen im Alten und Neuen Testament, aber auch um Heiligenlegenden, moralisierende Themen und Szenen antiker Mythologie. Jedes Kapitell kann stets in mehreren Ebenen gedeutet werden: eine beschreibende, eine geistige und eine mystische. Für den modernen Betrachter erschließt sich die mittelalterliche Symbolik der figürlichen Kapitelle nicht immer von selbst. Man benötigt viel Zeit, einen Lageplan (besser noch: einen Führer) und ein Fernglas, um die Vielschichtigkeit der Themen zu verstehen. Das wohl schönste und bekannteste symbolische Kapitell der Kirche ist »die mystische Mühle«. Ein Mann in der kurzen Tunika eines Sklaven schüttet Korn in eine Mühle, während ein anderer Mann in der langen Toga eines freien Mannes das Mehl in einem Sack auffängt. Im übertragenen Sinn könnte hier Moses die Gesetze des Alten Testaments durch »die Mühle« Christus (das Rad der Mühle besitzt vier Speichen wie ein Kreuz) geben, damit der Apostel Paulus die Gesetze des Neuen Bundes als Mehl aufnehmen und verteilen kann: Moses Gesetze enthielten die Wahrheit in verborgener Weise, so wie das Korn das Mehl; durch das Opfer Christi am Kreuz wird das Korn zu Mehl und damit für die Menschen verwendbar - welch ein wun­derschönes Bild!
Der Höhepunkt einer Besichtigung der Magdalenenkirche ist das Tympanon des Hauptportals an der Innenfassade zwischen Vorhalle und Kirchenschiff, das zwischen 1125 und 1130 entstanden und durch seine Lage im Inneren der Kirche unversehrt erhalten ist. Für Autoren wie Klaus Bußmann, der den DuMont Kunst-Reiseführer Burgund geschrieben hat (Köln 1977), ist das Hauptportal von Vézelay eine der größten Leistungen der Romanik: »Nie wieder ist im Mittelalter ein in seiner theologischen Konzeption wie in seiner künstlerischen Ausführung so anspruchsvolles Bildprogramm realisiert worden« (vgl. S. 175). Thema des Tympanons ist die Aussendung der Apostel vor der Himmelfahrt und die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten. Der thronende Christus breitet seine Arme über die in Dreiergruppen um ihn versammelten Apostel aus, während von seinen Händen der Heilige Geist in Form von Strahlen zu den Häuptern der Apostel fließt. Einige haben sich bereits erhoben, um den Völkern der Welt das Evangelium zu bringen. Am Türsturz, in den Radialnischen und in einem breiten Band an den Archivolten erkennt man die Völker der Erde, die kommen, um die frohe Botschaft zu hören. Die Szenen geben der Interpretation zahlreiche Rätsel auf: Die Völker, die das Evangelium noch nicht kennen oder zurückweisen - wie Pygmäen, Riesen oder Menschen mit übergroßen Ohren -, werden durch ein wallendes Band von Christus und den Aposteln getrennt. Monatsbilder und Tierkreiszeichen im zweiten Bogenlauf bringen die zeitliche Dimension in den Missionsauftrag. Unterhalb von Christus steht am Mittelpfeiler die monumentale Gestalt Johannes des Täufers, der das (nicht mehr erhaltene) Osterlamm auf einer großen Muschel in seinen Händen hält. So wird gedanklich die Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament hergestellt. Klaus Bußmann formuliert es so (vgl. S. 174): »Das zentrale Thema der Aussendung der Apostel, das nicht einfach die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte wiedergibt, sondern eine geniale Synthese der verschiedenen Glaubenssätze zur Begründung der katholischen Kirche darstellt ... ist eingebettet in weitere christologische Bezüge an den seitlichen Portalen, auf der Südseite die Jugend Christi, auf der Nordseite die Taten Christi nach seiner Auferstehung« (Christus bei den Jüngern in Emmaus). Der Jakobspilger wird sich beim Anblick der Komposition des Hauptportals vielleicht an die »Porta de la Gloria« in Santiago de Compostela erinnern.
Nach der einstündigen Führung hatten wir längst noch nicht alle Kapitelle gesehen und - für uns überraschend - von der Führerin auch das große Hauptportal noch nicht erläutert bekommen. Aber im Anschluss an die Führung blieb für alle noch Zeit, sich individuell und in aller Ruhe in der Kirche umzusehen. Andere nutzten die Zeit für Einkäufe, Einkehr (im doppelten Sinn) und das Abholen des Pilgerstempels im Büro der Jakobusfreunde der »Association des Amis de Saint-Jacques et d'Etudes compostellanes de la Voie de Vézelay - Via lemovicensis« im Rathaus von Vézelay (Rue Saint-Pierre, F-89450 Vézelay, Tel. 03 86 32 38 11). Seit einigen Jahren betreiben die »Freun­de der Vézelay-Route« hier mit wechselndem Personal, das sich aus den Mitgliedern zusammensetzt, an den Sommerwochenenden ein kleines Büro, in dem Materialien für die Strecke, Unterkunftshinweise und Pilgerstempel ausgegeben werden. Wir hatten das Glück, an diesem Wochenende die Präsidentin Monique Chassain anzutreffen. Wir wurden herzlich begrüßt und erhielten den letzten Stempel der Teilstrecke von Toul bis Vezelay in unseren Pilgerpass.
Gegen 17:15 Uhr fuhren wir Richtung Hotel. Die Strecke führte an dem neu aufgebauten »Montjoie-Kreuz« vorbei, von dem aus die Pilger, die sich Vézelay von Osten näherten, erstmals die Türme der Madeleinenkirche sehen konnten. Man kennt diese Tradition vom Monte Gozo, der 4 km vor Santiago de Compostela liegt: Die Pilger hasteten den Hügel hinauf, und wer als erster von dort oben die Türme der Kathedrale von Compostela sah, durfte sich in seiner Gruppe als »Pilgerkönig« bezeichnen. Ein Kreuz auf dem »Berg der Freude« markiert diese Stelle, von der die Sicht auf die Türme der Kathedrale frei ist. Auch beim Wallfahrtsort Vézelay kannte man diese Tradition und hatte zwei solcher »Montjoie«-Kreuze errichtet - eines im Osten bei Fontette und eines im Norden bei Brosses an der Straße Richtung Auxerre, von dem aber nur noch der Steinsockel zeugt.
Vor dem Abendessen wurde angesichts des heißen Wetters der Swimming-Pool intensiv genutzt. Nach dem Essen sangen wir Pilgerlieder und hielten einen Rückblick auf die Pilgerwanderung nach Vézelay. Was macht den Zauber des Pilgerwanderns aus? Meines Erachtens ist es die Kombination zwischen »knochenhartem« Wandern und dem Nachspüren des kulturellen Raumes, durch den der jeweilige Weg führt. Beides tagtäglich nebeneinander zu erleben, verlangt große Anstrengungen von den Teilnehmern und der Organisation. Das Pilgerwandern schöpft so den Weg in vielerlei Hinsicht aus und bringt damit mehr als eine reine Kulturreise mit eingestreuten kleinen pro-forma-Spaziergängen und möglicherweise für manchen auch mehr als das reine Vorwärtsstreben auf dem Weg mit täglich mehr als 30 km. Die Mischung macht es möglich - und natürlich vor allem der Charme dieser Gruppe! Ich glaube nicht, dass man beliebig Leute zusammenbringen und auf den Weg schicken kann - es müssen schon Jakobsfreunde sein. Warum es mit denen so gut geht und mit anderen möglicherweise nicht, weiß ich nicht. Aber es ist so. Vielleicht verändern auch der Weg und das Unterwegssein die Menschen, so dass sie Jakobsfreunde werden.
Von den Mitpilgern bekamen meine Frau und ich einen großen Berg appetitlicher Geschenke, die Yvonne Lösch mit lieben Worten des Dankes für die Vorbereitungsarbeit überreichte. Der Dank gilt aber auch den vielen Helfern, die aus der Gruppe heraus zahlreiche Aufgaben übernommen haben, wie z. B. das Ein- und Ausräumen des Picknicks am Bus, die Vorbereitung des Morgenlobs, die Begleitung von langsameren Wanderern am Ende der Gruppe (hier müssen wir vor allem Edmund Dikow erwähnen) und die inhaltliche Gestaltung der Abende. Ohne diese aktive Unterstützung wären manche Dinge nicht so reibungslos und attraktiv verlaufen. Viele Teilnehmer sind traurig darüber, dass es im Jahre 2005 keine Fortsetzung der Pilgerwanderung mit der Gruppe geben wird. Aber man sieht auch, dass die letzten drei Jahre der Gruppe so viele schöne Eindrücke und Erlebnisse gebracht haben, dass eine Fortführung dieses Gruppenwanderns auch die Gefahr beinhalten könnte, die Pilgerwanderung zur Routineveranstaltung werden zu lassen. Der Reiz des Einmaligen könnte verblassen. Eine Fortsetzung des Weges allein oder in kleinen Gruppen zu zweit oder zu viert könnte dagegen im nächsten Jahr ein völlig neues Pilgererlebnis bringen. So haben sich heute auch schon einige im Pilgerbüro mit den nötigen Unterlagen für die Fortsetzung der Strecke eingedeckt. Im Übrigen bedeutet das Ende dieses Projektes ja nicht, dass meine Frau und ich nicht in ein paar Jahren wieder für ein neues Gruppenprojekt zur Verfügung stehen - Ideen dazu gibt es schon! Bis dahin allen ein herzliches Ultreya!

Der Heimreisetag 2004

Nach dem Kofferpacken und -verstauen im Bus (diese Arbeiten erledigte unser Busfahrer stets mit schneeweißen Handschuhen) stand noch ein letzter kultureller Höhepunkt auf dem Programm: der Besuch des Zisterzienserklosters von Fontenay. Es ist die zweite Gründung des hl. Bernhard. Als er noch Abt von Clairvaux war, brachte er von dort aus die Tochterklöster Trois-Fontaines bei Saint-Dizier (1115), Fontenay (1118) und Foigny (1121) auf den Weg. Im Gegensatz zum Mutterkloster Citeaux (1098 gegründet), das während der Revolution völlig zerstört wurde, und zum benachbarten Clairvaux, in dessen Mauern und Gebäuden ein unansehnliches Zuchthaus installiert wurde, hat Fontenay die wechselhaften Zeiten bis heute einigermaßen unversehrt überstanden - trotz der Plünderungen im Hundertjährigen Krieg und in den Religionskriegen. Während der französischen Revolution wurden die Gebäude verkauft und auf dem Gelände eine Papierfabrik eingerichtet. 1906 veranlassten die neuen Besitzer eine grundlegende Renovierung, die den ursprünglichen Zustand der Anlage so weit wie möglich wieder herstellte. Wer heute durch das große Waldgebiet zwischen Montbard und Châtillon-sur-Seine fährt und zum Kloster Fontenay gelangt, wird das Gefühl der klösterlichen Abgeschiedenheit und der Stille wieder spüren. Zahlreiche Fischteiche weisen den Ankommenden auf ein wichtiges Merkmal zisterziensischer Einstellung hin, die autonome Versorgung der Gemeinschaft, als Bestandteil des durch strenge Vorschriften geregelten Lebens im Kloster.
Fontenay ging aus einer Einsiedelei hervor. Diese zählte ursprünglich 12 Mönche unter der Leitung von Godefroid de la Roche-Vanneau - einem Vetter des hl. Bernhard. Der Ort fand jedoch so großen Zuspruch, dass die Mönche schon bald in das Tal umzogen, wo noch heute die Abtei steht. Bis zum 16. Jh. erlebte die zuletzt von über 300 Mönchen und Laienbrüdern bewohnte Abtei eine Zeit des Wohlstands. Auf einem großen Klostergut wurden Ackerbau und Viehzucht betrieben, so dass man wirtschaftlich unabhängig waren. Aber durch den Übergang der Leitung an weltliche Äbte, die durch königliche Gunst ernannt wurden und die in erster Linie an den Gewinnen der Einrichtung interessiert waren, kam es zum unaufhaltsamen Niedergang. Die Wirren der Religionskriege beschleunigten diesen Prozess noch. 1790 wurde die Abtei aufgelöst und als Nationalbesitz verkauft. 1820 hat sie hie de Montgolfier, ein Nachfahre des Erfinders des Heißluftballons, erworben und in eine Papierfabrik umgewandelt. Heute ist Fontenay noch immer in Familienbesitz und - nach enormen Renovierungsarbeiten - ein Freilichtmuseum zisterziensischer Architektur. 1981 wurde die Abtei von Fontenay von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Wenn man wie wir am frühen Morgen hier herkommt, bevor die Reisebusse in großer Zahl eintreffen, dann ist ein Rundgang durch das Klostergelände ein Fest für die Augen und die Seele. Vollkommene Harmonie von Architektur, Farben und Licht erwarten den Besucher.
Man betritt den Klosterbezirk durch die Tordurchfahrt des Pförtner- und Gästehauses. Auffällig ist der streng geschlossene Block von Kirche und Kloster in festem Mauergefüge und einfachsten Formen. Trotz einiger während des 18 Jh. hinzu gekommener Bauten erkennt man den Plan eines Zisterzienserklosters wieder, der vom Idealschema nur wenig abweicht. Nach diesem Plan wurden seit dem frühen 12. Jh. - von Burgund ausgehend - Hunderte von Klöstern in allen Ländern Europas errichtet.
Kirche und Klostergebäude sind ab 1139 entstanden und gehören damit zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen der Zisterzienser-Archi­tektur. Schon 1147 konnte Papst Eugen III., ein ehemaliger Mönch von Clairvaux, die Kirche weihen. Die Fassade der Kirche ist völlig schmucklos. Die Kirche spiegelt, besser als irgendein anderes erhaltenes Bauwerk, in ihrer Strenge und Geschlossenheit den Geist und den Anspruch des hl. Bernhard von Clairvaux wieder, auf dessen Anregung auch ihre Form zurückgeht. Das Konzept der Einfachheit von Zisterzienser-Anlagen war verbindlich vorgegeben. Der Orden wandte sich gegen alles, was die Aufmerksamkeit vom Gottesdienst ablenken konnte. Diese radikale Einstellung faszinierte die Jugend des 12. Jh. und schaffte das Bewusstsein, durch Verzicht auf alle weltlichen Güter die Welt erlösen zu können. Das Verlangen nach Armut und Flucht aus der Welt war Grundlage für eine enorme zivilisatorische Leistung des Ordens, aber gleichzeitig auch Basis für Reichtum und für wirtschaftliche Macht, die das Erneuerungskonzept schließlich ad absurdum führte. Für die Entwicklung der Wirtschaft im Mittelalter waren die Erfahrungen der Zisterzienser im handwerklichen Bereich von größter Bedeutung. Die Klöster mit ihren Mühlen, Schmieden, Öfen, Brauereien und vielseitigen Werkstätten stellten so etwas wie eine erste Industrialisierung dar. Die Disziplin, welche die strengen Regeln von Citeaux auferlegte, lassen letztendlich an die Arbeitsnormen denken, die Henry Ford den Arbeitern an den Fließbändern auferlegt hat (Jean Gimpel, La Revolution Industrielle du Moyen Age, Paris 1975, S. 10f.). Das Gebäude der Schmiede in Fontenay vermittelt eine Vorstellung von einer solchen mittelalterlichen Fabrik. Man sieht beim Rundgang noch die Eisenhämmer und Blasebälge, die mit dem umgeleiteten Wasser vom nahen Fluss betrieben wurden. Aber was stellen diese Nebengebäude dar im Vergleich zum Kreuzgang, dem wunderbaren Herz des Klosters. Seine Architektur weist dieselbe Schlichtheit auf wie diejenige der Kirche; die einfachen Kapitelle sind mit identischen Blattmotiven verziert. Das Viereck mit seinem Wandelgang lädt zum meditativen Pilgern »en miniature« ein.
Nach diesem Schlusspunkt der Pilgerreise brachte uns der Bus in rund zehn Stunden wieder zurück nach Köln. Die Zeit der Rückreise verging schnell im Vergleich zu den zu Fuß zurückgelegten Etappen der letzten vier Jahre - wie zauberhaft ist doch das Wandern in Gottes Natur verglichen mit der Fahrt auf einer Autobahn. Wir sangen im Bus noch einmal den neuen Pilgerkanon, der uns während der letzten zehn Tage auf dem Weg begleitet hatte: »Compostela ist unser Ziel. Lasst uns wandern! Es ist nicht mehr weit. Komm! Komm!« (vgl. die hintere Umschlagseite in dieser Kalebasse Nr. 37).

 

Dieser gesamte Text wurde uns mit freundlicher Genehmigung von der Sankt -Jakobusbruderschaft  Düsseldorf  e. V. zur Verfügung gestellt. Bei Rückfragen über diesen Pilgerweg von Köln über Trier, Toul, Clairvaux nach Vézelay, bitte Kontakt aufnehmen mit der  Sankt -Jakobusbruderschaft  Düsseldorf  e. V. Rathausstr. 29 - D-42659 Solingen.  Internet: http://www.jakobusbruderschaft.de/

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Updated: 4. November 2016  -  9:15 Uhr