Rom, und seine Bedeutung
Von 638 an, dem Jahr der Eroberung Jerusalems durch den arabischen Kalifen Omar, wurde die Pilgerreise nach Rom, dem zweiten Jerusalem, die wichtigste Alternative zur Reise ins Heilige Land.
In den Augen des mittelalterlichen Pilgers liegt der Zauber Roms nicht nur darin, das Zentrum der Christenheit zu sein und den Zutritt zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus zu gewähren, sondern auch darin, dass man dort seit der Zeit Konstantins inne wird, wie die christliche Frömmigkeit in prächtigen Basiliken und Kirchen Gestalt gewonnen hat. Die Basiliken von St. Peter, von St. Johannes im Lateran und von St. Paul sowie die Katakomben der ersten Christen längs der Via Appia erscheinen nicht nur regelmäßig in den
itineraria (Reisebeschreibungen) für Pilger, sondern auch in sehr einfachen schematisch‑topographischen Darstellungen der „Ewigen Stadt“. Deren bedeutendste ist „Die Einsiedeler Wegbeschreibung“ aus karolingischer Zeit, worin elf präzise Routen zu den wichtigsten römischen Monumenten enthalten sind. Nachdem vom 11. Jh. an die Frage nach der Lage von altrömischen Baudenkmälern geklärt war, wuchs im gleichen Maße mit der Wiederentdeckung vergangener römischer Pracht die Notwendigkeit, die Zeugnisse der Antike kennenzulernen. So entstand ein (anonymes) Werk von fundamentaler Bedeutung für jene Rompilger, die auch die Stadt der Cäsaren besuchen wollten: „Die Mirabilia Urbis Romae“ (die Wunderwerke der Stadt Rom) aus der zweiten Hälfte des 12. Jh., ein Buch, das in phantasievoller Ausschmückung die Ruinen des heidnischen Altertums abwechselnd mit christlichen Denkmälern, Reliquien und Märtyrergräbern darstellt.
Das Jubiläum 
Als vom Ende des 13. Jh. an der jahrhundertelange Traum, Jerusalem und das Heilige Land den Händen der Ungläubigen wieder entreißen zu können, endgültig verloren war, begann Rom seine Rolle als geistiges Zentrum der Menschheit verstärkt zu betonen, und die Einführung des „Jubiläums" war das deutlichste Zeichen dafür. Während einer Periode des Abklingens der Pilgerzüge nach Jerusalem vom 11. bis zum Ende des ‑ 13. Jh. ‑ über deren Gründe viel nachgeforscht wurde (Sarazeneneinfälle im 10. Jh., Konkurrenz durch Santiago, Kampf zwischen Kaiser und Papst) bot das Jubiläum Rom die Gelegenheit, Hauptziel der abendländischen Christen zu werden. Vom Papst Bonifatius VIII. im Jahre 1300 ausgerufen, knüpft das Jubiläum an den hebräischen Brauch an, Gott ein Jahr der Ruhe zu widmen. Während dieser alle 50 Jahre gefeierten Zeit durfte man weder säen noch ernten, und die Früchte der unbebauten Erde mussten allen zur Verfügung gestellt werden. Im Jubiläumsjahr erfolgte auch die Befreiung der hebräischen Sklaven sowie ein Schuldenerlaß gegenüber israelischen Glaubensbrüdern. Das christliche Jubiläum übernahm vom gleichnamigen hebräischen Brauch nur die spirituelle Bedeutung, wie z. B. die Vergebung der Sünden und die Befreiung von den angedrohten Strafen als Lohn für religiöse Übungen (wie etwa den täglichen Besuch der Peterskirche durch zwei Wochen) oder durch Almosen.
Um die Bedeutung des vollkommenen Ablasses, d. h. die Vergebung aller zeitlichen Strafen zu begreifen, muss man bedenken, dass dieser bis zum Ende des 13.Jh. nur den Kreuzfahrern vor ihrer Abreise ins Heilige Land gewährt wurde.
Das erste Jubiläum entfesselte einen unglaublichen Pilgeransturm auf Rom, nicht zuletzt deshalb, weil Papst Bonifaz VIII. nur eine Wiederholung pro Jahrhundert vorgesehen hatte. Aufgrund der großen Anteilnahme der Gläubigen am 1. Jubiläum wurde der in der päpstlichen Bulle von 1300 vorgesehene Zeitabstand durch Clemens VI. von 100 auf 50 Jahre verringert, um nicht allzu vielen Christen den Sündennachlaß zu verweigern; und schon 1390 wurde – um zehn weitere Jahre verkürzt – das 3. Jubiläum festgelegt.